Norinco 77B Einhandpistole 9mm Parabellum

Die Norinco 77b Einhandpistole in 9mm Parabellum.
Die Norinco 77b Einhandpistole in 9mm Parabellum.

Frankonia hat um die Jahrtausendwende die Norinco 77b für 198 Mark verkauft.

Kaum jemand in Deutschland interessiert sich für den Waffenhersteller Norinco. Der Grund dafür ist vor allem, dass das deutsche Waffenrecht in vielen Fällen die Zahl der kaufbaren Waffen beschränkt. Der Sportschütze und Jäger, der oft nur 2 Kurzwaffen erwerben darf, will hochwertige und zuverlässige Waffen haben. Dazu kommt aber auch noch, dass Deutschland ein ganz zentrales Land in der Entwicklung von Handfeuerwaffen ist. Und daher ist es nur logisch, dass sich hier die Schützen lieber Waffen von Walther oder Heckler & Koch kaufen, statt Norinco, Star, Taurus oder Rossi.

 

Eine große Verbreitung finden Norinco Pistolen überall dort, wo Kurzwaffen sehr einfach erworben werden können. Dort gibt es dann auch einen Markt für einfache und günstige Pistolen. Aber man muss auch sagen, dass sie durch ihren geringen Preis auf dem Weltmarkt und die recht "einfach" gehandhabten Verkaufsbestimmungen der Chinesen, überall dort verbreitet sind, wo es viel Kriminalität gibt und Waffen illegal und gezielt eingeschmuggelt werden. Z.B. in Süd Afrika ist die Norinco 213 Tokarev Kopie in 9mm Parabellum die meist verwendete Mordwaffe.

 

Ich habe in meinen jungen Jahren eine Weile im Ausland gelebt. Nach dem mir mein Vater dort zum Schulabschluss ein Ordonnanzgewehr geschenkt hatte, wurde es nun Zeit für meine zweite Waffe. Ich hatte nicht viel Geld und das Schießen machte mir Spaß. Also habe ich mir natürlich ein Kleinkalibergewehr gekauft. Ein Norinco JW21, mit dem ich damals sehr viel geschossen habe. Das Gewehr war einwandfrei und ich kann mich an keine Störung erinnern. Das war für viele Jahre meine einzige Norinco Waffe. 

 

Aber nun hat mich für längere Zeit die Norinco 77B interessiert und ich konnte sie für etwa 100 Euro in nagelneuem Zustand kaufen. Außer den beiden Beschusspatronen hat meine Pistole mit Sicherheit keinen einzigen weiteren Schuss erlebt. Selbst im Inneren waren keinerlei Spuren zu erkennen. Vermutlich lagerte sie die letzten Jahre in einer Sammlung oder bei einem Händler.

 

Es existiert auch noch ein kleineres Modell (77-1) im Kaliber 7,65mm Browning, das früher auch von Frankonia verkauft wurde und recht selten ist. Ob die Norinco 77er Pistolen nur für den Export gebaut, oder auch bei der chinesischen PLA (Armee) oder PAP (Polizei) eingeführt waren, weiß ich leider nicht. Die Quellen hierzu sind widersprüchlich.

 

Zur einhändigen Bedienung hat die Norinco 77B eine Durchladehilfe am Abzugsbügel. Diese Idee hatte zu erst ein Herr Chylewski und es wurden vor etwa 100 Jahren mehrere 6,35er Pistolen, von unterschiedlichen Herstellern, nach seinem System gebaut.

Sie ist komplett aus Stahl gefertigt, was sehr selten bei modernen Pistolen ist.

Sie besitzt einen gasgebremsten Masseverschluss (wie die Vektor CP1, Walther CCP, H&K P7 und die Steyr GB).

Die Pistole hat ein Single Action Only Schlagbolzenschloss.

Das Magazin erinnert unweigerlich an das der H&K P7, die ich Euch HIER vorstelle.

Fast jedes Einzelteil der Waffe ist mit der Endung der Waffennummer versehen. Sogar die Magazine sind nummerngleich.

 

Man muss Norinco wirklich lassen, dass sie sich bei der 77B einige Gedanken gemacht, und etwas komplett eigenes, entwickelt haben. Wenn man den Abzug betätigt, geht eine Wippe im Abzugsbügel nach oben und blockiert im Schuss den Durchlademechanismus. Das ist eigentlich nicht nötig, schafft aber Sicherheit, für den Fall, dass sich etwas verklemmt.

Der Lauf hat scharfe Züge und ist innen hartverchromt.

Das Zerlegen der Norinco 77B Pistole (disassembly)

Durch das seitliche Austreiben dieses Stifts kann man die Ladeeinheit, bzw. den Vorderteil des Griffstücks abnehmen.
Durch das seitliche Austreiben dieses Stifts kann man die Ladeeinheit, bzw. den Vorderteil des Griffstücks abnehmen.

Auf dem oberen Foto könnt Ihr auch die Magazinsicherung sehen. Diese verhindert, dass bei entnommenem Magazin ein Schuss gelöst werden kann. Wenn man sich über die Bestimmung dieser Waffe etwas Gedanken macht fällt einem auf, dass diese Sicherung hier vermutlich durchaus Sinn macht. Denn die Norinco Waffen werden hauptsächlich von "Anfängern" gekauft und Menschen die wenig Erfahrung bzw. Ausbildung an Schusswaffen durchlaufen haben. Und gerade bei diesen Gruppen ist die Gefahr groß, dass eine Patrone im Lager vergessen wird und sich "ein Schuss löst".

 

Aber auch wenn ich bedenke wie viele Sportschützen (mit Waffensachkunde und jahrelanger "Erfahrung" neben mir in den Boden oder die Wand vom Schießstand geschossen haben....Zu einem speziell für Jäger veranstalteten Schießen mit Kurzwaffen bin ich sogar ein Mal wegen Sicherheitsbedenken nicht hin gegangen (die haben idR. sehr wenig Praxis mit Kurzwaffen).

Die dünne Feder, um den Gaszylinder der Norinco 77B, bringt den Lademechanismus wieder nach vorne, wenn der Verschluss hinten gehalten wird.
Die dünne Feder, um den Gaszylinder der Norinco 77B, bringt den Lademechanismus wieder nach vorne, wenn der Verschluss hinten gehalten wird.

Die Ladeeinheit wird so zerlegt. Hier wird auch ersichtlich, dass die Pistole wesentlich komplexer aufgebaut ist als andere Waffen. In diesem Zusammenhang fällt mir, als kleine Anekdote, grade auch die Tatsache ein, dass alleine das extrem hochwertige Visier des schweizer Sturmgewehr 57 so viele Einzelteile hat wie eine ganze Makarov Pistole.

Hier seht Ihr die Norinco Pistole sehr weit zerlegt. Die Verarbeitung ist einwandfrei und es gibt daran nichts auszusetzen.
Hier seht Ihr die Norinco Pistole sehr weit zerlegt. Die Verarbeitung ist einwandfrei und es gibt daran nichts auszusetzen.

Das Schießen mit der Norinco 77B Pistole

Durch die Formgebung der Norinco 77B Pistole ist es leider sehr schwer den Zeigefinger richtig auf dem Abzug zu positionieren. Er liegt fast immer unten auf, was beim Schuss Schmerzen im Finger verursacht.
Durch die Formgebung der Norinco 77B Pistole ist es leider sehr schwer den Zeigefinger richtig auf dem Abzug zu positionieren. Er liegt fast immer unten auf, was beim Schuss Schmerzen im Finger verursacht.

Erst im scharfen Schuss fiel mir auf, wie unangenehm die Pistole in der Hand liegt. Die Griffschalen drücken deutlich in die Mittel- und Ringfinger der rechten Hand. Und beim beidhändigen Anschlag drückte der Sicherungshebel von oben in den rechten Daumen. Vermutlich daher wurde später das Design der Griffschalen geändert.

Die Visierung der 77B Pistole ist recht fein und sowohl zum Verteidigungs- wie auch dem Sportschießen eher unüblich. Erfassen ließ sich das Visierbild aber dennoch recht gut zum Präzisionsschießen auf 25m.

Da die Pistole über ein verstellbares Visier und einen fest mit dem Griffstück verbundenen Lauf verfügt sollte die 77B eigentlich ein recht großes Potential zum Präzisionsschießen haben. Auch im Internet fand ich Berichte von Besitzern der Pistole die sie für ihre Präzision schätzen.

Die ersten Schüssen knallen aus meiner Pistole: Der Rückstoß ist sehr stark, vermutlich ist er der stärkste Rückstoß den ich jemals bei einer 9mm Para Pistole erlebt habe. So ganz erklären kann ich mir das nicht. Denn eigentlich sollte die Gasbremse auch etwas gegen den Rückstoß wirken. Die Gasbohrung ist etwas größer als bei meiner Walther CCP, aber das sollte ja eigentlich auch gegen den Rückstoß wirken.

 

Den Streukreis habe ich freihändig auf 25m geschossen. Wirklich begeistert hat mich dieses Ergebnis nicht. 

 

Ich habe auf das Gewicht der Norinco 77B auf der Küchenwaage mit 1035 g gewogen (leer inkl. Magazin). Die P7 wiegt dagegen etwa 780g und hat einen deutlich geringeren und angenehmeren Rückstoß.

Aufgelegt auf 25m habe ich dann diesen Streukreis hier geschossen. Auch der war nicht das, was ich von einer so großen Pistole erwarte. Mit einer Glock 17 oder einer SFP9 schaffe ich das auch freihändig.

Die Hülsen wurden beim Schuss wenig belastet und die Norinco Pistole hinterließ nur geringe Spuren. Der Schlagbolzen verursachte aber einen sehr deutlichen Eindruck. Fehlzündungen sollten dabei nicht auftreten.

Die Walther CCP und die Norinco 77B im Vergleich. Beide Pistolen haben einen gasgebremsten Massenverschluss.
Die Walther CCP und die Norinco 77B im Vergleich. Beide Pistolen haben einen gasgebremsten Massenverschluss.

Die Walther CCP wiegt mit etwa 630g fast nur die Hälfte der 77b, hat jedoch einen geringeren Rückschlag. So ziemlich der wichtigste Sicherheitsmechanismus an modernen Pistolen ist eine automatische Schlagbolzensicherung, die Ihr hier, an der CCP, sehen könnt. Erst beim Betätigen des Abzugs wird der Schlagbolzen freigegeben.

 

Mein Fazit zur Norinco 77B Pistole

 

Ich finde sie technisch toll und vom Preis-Leistungsverhältnis her hervorragend. Ich freue mich über die Bereicherung meiner Sammlung durch diese interessante Pistole.  Aber das Schießen macht damit ehrlich gesagt, durch die unangenehme Handlage und den harten Rückschlag, nicht so viel Spaß. Ich werde aber auf jeden Fall weiter versuchen, damit bessere Ergebnisse zu erzielen. Ich muss davon ausgehen, dass die schlechten Ergebnisse ein Schützenfehler sind. Seitens der Konstruktion bringt die Pistole nämlich ein sehr gutes Präzisionspotential mit sich. Ich hoffe auch, dass irgendwann eine Norinco NP-42 den Weg in meine Sammlung finden wird. Das ist die Zivilversion der aktuellen chinesischen Dienstpistole, die ebenfalls einige interessante technische Details zu bieten hat. Ich hoffe auch sehr, dass endlich ein deutscher Waffenhändler den Norinco T97 Bullpup Halbautomaten dem BKA zur Prüfung vorlegt und importiert. Ich wäre auch sehr an einem Vergleich der Zuverlässigkeit interessiert, zwischen dem etwa 1000 Euro Norinco T97 und dem 3500 Euro teuren Desert Tech MDR Halbautomaten. Ich würde eine Kiste Bier darauf verwette, dass der T97 Halbautomat genau so zuverlässig ist, wie das von Desert Tech.