Der Mythos des "Rückdruckladers"

Seit etwa einem Jahren geistert im Internet der Begriff des "Rückdruckladers" rum. Kaum jemand hat je zuvor davon gehört, oder weiß, was das sein soll. Ist das ein Mythos, oder gibt es wirklich "Rückdrucklader" und man war über Jahre tatsächlich unwissend?

Ein "Rückdrucklader" soll eine Art der Selbstladewaffen sein, mit fest stehendem Lauf und dem System, das wir alle als Rückstoßlader kennen. Also Waffen wie die Walther PPK, die UZI, das G3 usw. Das soll den Hintergrund haben, dass diese Waffen auch mit aufgesetztem Manöverpatronengerät funktionieren. Manöverpatronengeräte sind übrigens "Verengungen" an der Mündung, die einen Staudruck erzeugen und den Selbstlademechanismus mit Knallkartuschen ermöglichen.

Bei einer verriegelten Waffe kann man dagegen mit einer verengten Mündung und Knallkartuschen keine Selbstladebewegung des Verschlusses erreichen (Walther P38, FN High Power, TT-33 Tokarev, Ultrastar usw.). Und nur diese Waffen sollen Rückstoßlader sein.

Also muss man erst mal feststellen, dass es eindeutig einen technischen Unterschied zwischen einer Walther PPK und einer Walther P38 gibt. Aber das hat jeder Schütze bisher auch schon gewusst. Er nannte es nur anders. Die PPK ist ein Rückstoßlader mit Feder-Masse-Verschluss und die P38 ist ein Rückstoßlader mit verriegeltem Kipp-Block-Verschluss. Und tatsächlich gibt es das Wort "Rückdrucklader" nicht erst seit einem Jahr im Internet, man findet es in manchen Büchern. Ich habe Entsprechendes aber nur in älteren militärischen und polizeilichen Büchern gefunden.

Das Wort "Rückdrucklader" gibt es wirklich:

Aber es spielt bei der waffentechnischen Begrifflichkeit keine Rolle, ob eine Waffe mit aufgesetztem Manöverpatronengerät funktioniert, oder nicht. Diese Waffen funktionieren alle nach dem physikalischen Prinzip des Rückstoß. Die Tatsache, dass eine Waffe mit Geschosspatronen und Kartuschenmunition funktioniert, rechtfertigt noch lange nicht zu behaupten, dass bei diesen Waffen das Rückstoßprinzip nicht gelten würde.

 

Der Staudruck einer Kartusche simuliert nur den Rückstoß.

 

Das Rückstoßprinzip ist ein physikalisches Gesetz. Und ob man es "Stoß" oder "Druck" nennt spielt keine Rolle, es ist schlichtweg das Selbe.

Ich besitze mehrere Pistolen mit "Gas-gebremstem Masseverschluss". Links seht Ihr das Patronenlager eine H&K P7M13, mit dem Loch für den Gaskanal. Dort wird Gasdruck abgezweigt und mit dem Druck wird der Verschluss zugehalten. Das passiert über den Gaskolben und wirkt so lange, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat. Erst wenn der Druck abgebaut ist, läuft der Verschluss, durch den Rückstoßimpuls, zurück. Das hat den Hintergrund, dass sich der Verschluss nicht zu schnell öffnen darf, sonst würde ein Feuerball aus dem Auswurffenster kommen. Wenn es tatsächlich einen Unterschied, zwischen "Druck" und "Stoß" geben würde, könnten diese Waffen überhaupt nicht funktionieren. Die Vektor CP1, die Norinco 77b, die H&K P7 usw. beweisen, dass die Unterscheidung in Rückstoßlader und "Rückdrucklader" ein Mythos ist.

Auch bei denr Walther CCP und der Norinco 77b werden die Verschlüsse durch den Gasdruck gebremst, bis der Druck im Lauf abgebaut ist.
Auch bei denr Walther CCP und der Norinco 77b werden die Verschlüsse durch den Gasdruck gebremst, bis der Druck im Lauf abgebaut ist.

Schreckschusswaffen entwickeln z.B. keinen Rückstoß. Sie verwenden den sogenannten "Staudruck", der den Verschluss, für die Repetierbewegung, zurück bewegt. Der Staudruck hängt von mehreren Faktoren ab, z.B. auch der Gasdurchlassöffnung an der Mündung. Wenn man unbedingt will, könnte man diese Waffen "Staudrucklader" nennen. Aber eben nur diese Waffen, die ausschließlich für Kartuschenmunition gebaut wurden.

 

Hat irgend wer von Euch jemals von einem "Rückdruckprinzip" gehört? Das ist einfach Unsinn. Wenn ein Geschosse mit der Masse x und der Geschwindigkeit y einen Lauf verlässt, entwickelt das einen gewissen Rückstoßimpuls. Wenn es einen "Rückdruck" und zusätzlich einen "Rückstoß" geben würde, würde bei einer Walther PPK eine doppelte Kraft auf den Verschluss einwirken. Wenn das so wäre, würde sich der einfache Verschluss viel zu schnell öffnen, bevor das Geschoss den Lauf verlassen hat, der Gasdruck noch viel zu hoch ist und somit würde ein Feuerball aus dem Auswurffenster kommen.

Und da ich Euch weiter oben, gemeiner Weise, mit der PPK aus dem BGS-Waffen-Schmidt verunsichert habe, kommt hier jetzt aus dem selben Buch, der Gegenbeweis. Ihr seit alle bisher nicht unwissend und doof gewesen. Im Waffen-Schmidt wird nämlich auch die Walther P38 als "Rückdrucklader" bezeichnet. Das beweist, dass 1976 die Wörter "Rückdrucklader" und Rückstoßlader das genau Gleiche bedeutet haben. Es gab damals keine Differenzierung.

Heckler & Koch hat die P7 als Rückstoßlader hergestellt. Weder die HK Ingenieure, noch der Autor des Buches ist zu doof, um die Waffentechnik zu verstehen!

 

Und natürlich wurde auch die HK4 als Rückstoßlader entwickelt. Ich könnte hier unzählige Quellen aus der Fachliteratur angeben, die keinen "Rückdrucklader" kennen und diese Waffen alle als Rückstoßlader bezeichnen.

Quelle: Das Buch "HK Heckler & Koch"

 

Fazit:

Entweder fühlt sich jemand derzeit ziemlich wichtig, weil er meint etwas zu wissen, was sonst niemand weiß und versteht. Oder einige Schützen in Deutschland sind einem aufwendigen Hoax aufgesessen und dieser "Jemand" hat viel Freunde daran, wie in den Internetforen die Leute über seine erfundene Theorie rätseln.

 

Den Begriff des "Rückdruckladers" gibt es wirklich. Aber die Unterscheidung zwischen "Rückdrucklader" und Rückstoßlader ist ein Mythos. Diese gibt es schlichtweg nicht. Die Verwendung des Wortes "Rückdrucklader" ist verwirrend und wird aus gutem Grund in der Fachwelt und Fachliteratur nicht mehr verwendet.

 

 

 

Nachtrag: Wegen einer Nachfrage will ich noch mal klarstellen, dass es sehr wohl einen Unterschied zwischen den Systemen der PPK und der P38 gibt. Das eine ist ein Feder-Masse-System (PPK) und das andere ist ein verriegeltes System (P38). Genau so steht es in jedem Fachbuch. Aber ein Feder-Masse-Verschluss ist exakt das Selbe, wie ein "Rückdrucklader"! Und weil die Meisten, die über das Thema sprechen noch nie eine scharfe Waffe in der Hand hatten, zeige ich Euch noch einen kurzen Videoclip. Alleine der Druck auf den Stoßboden einer verriegelten Pistole reicht aus, um den Verschluss zu öffnen. Das funktioniert bei einem Feder-Masse-Verschluss genau gleich, weil es mit  dem selben physikalischen Prinzip des "Rückstoß" funktioniert. Die erste Pistole ist eine Norinco NP22 und die zweite eine H&K SFP9-SK. Beide sind verriegelt:

(Den bescheuerten Namen habe ich dem Video übrigens nur gegeben, damit Dailymotion das Video nicht sperrt)