Suizidal, Zucker- Herz- und Lugenkrank

 

Es war eine ruhige Frühschicht. Ich war zusammen mit einem Kollegen einer Fachdienststelle eingeteilt der lediglich seine Erfahrungen im Streifendienst auffrischen sollte und recht einsatzerfahren war. Am Computer unseres DGL (Dienstgruppenleiters) bimmelte es, was bedeutet, dass ein neuer Einsatz anstand.

 

Ein Arzt des Krankenhauses hatte telefonisch beim Notruf gemeldet, dass ein schwer kranker Patient ihm gegenüber Suizidgedanken geäußert hat und im Anschluss aus dem Behandlungszimmer geflüchtet ist. Für uns war das ein Einsatz wie viele Andere. Die Psychiatrie im Ort brauchte uns sehr viele labile Menschen aus der ganzen Gegend die sich im Laufe der Jahre dann auch bei uns niederließen.

Meist findet man sie einfach auf dem Weg zu ihrer Wohnanschrift, in ihrer Wohnung oder bei den nächsten Angehörigen. Es war meist wirklich nur eine Sache von 1-2 Stunden bis wir sie hatten und in 90% der Fälle erzählten sie uns ebenfalls ihre Suizidgedanken, wir brachten sie auf freiwilliger Basis oder auch unfreiwillig in die Psychiatrie und schrieben eine Einweisung. Das war für uns alle nichts Anderes wie das Aufnehmen von einem simplen Verkehrsunfall. Nur mit dem Unterschied, dass dieser massive Rechtseingriff für uns noch wesentlich einfacher zu bearbeiten war als ein Verkehrsunfall. Das war auch gut so, denn sonst wären wie mit unserer bürokratischen Arbeit nie fertig geworden. Unsere Streifenzeiten waren sowieso schon unterirdisch gering. Wenn wir nicht gerade am Schreibtisch saßen mussten wir die restliche Zeit meist Einsätze abfahren. Um präventiv tätig zu werden, bevor Straftaten passierten, blieb meist keine Zeit. Ich war eigentlich immer froh wenn Bürger in unserer Wache um Rat fragten und wir ihnen helfen konnten. Oder wenn ich einige Jugendliche kontrollieren konnte um ihnen Grenzen aufzuzeigen. Auf diesem Weg konnte ich wirklich Polizist sein und nicht nur ein Verwalter für Versicherungen.

 

 

Eine andere Streife fuhr den Weg vom Krankenhaus zu seiner Wohnung ab. Wir fuhren direkt zu seiner Wohnung. Wir standen vor einem mittelgroßen Wohnhaus und klingelten bei seinen Nachbarn. Das ist hierbei immer sinnvoller um unbemerkt an seiner Wohnungstüre horchen zu können. Wir mussten recht lange klingel, ohne dass uns jemand im Haus öffnete. Nach einigen Minuten kam ein Mann zu uns der wie ein Hausmeister aussah. Er fragte ob wir jemanden suchen würden? Ja, das taten wir schließlich wirklich. Er meinte, dass sich jemand hinter einer Hecke verstecken würde... Wir gingen um das Haus und hinter der Hecke Saß ein etwa 60 Jahre alter Mann auf einer Bank. Er sah dermaßen krank aus. Seine Haut war aufgequollen, schuppig und weiß. Und er hatte starkes Übergewicht. Vor seinen Füßen stand eine große Sporttasche. Als wir ihn fragten wie er heißt gab er einen anderen Namen an. Der Kollege sagte gleich zu ihm, dass er den Unsinn sein lassen soll und nannte ihn bei seinem richtigen Nachnamen.

 

Jetzt wurde er aggressiv und sprang auf. Jetzt ging alles ganz schnell. Ich versuchte noch ihm zu erklären, dass wir erst mal nur mit ihm reden wollen und fragte ihn was denn überhaupt passiert ist. Er reagierte gar nicht darauf. Er versuchte bereits weg zu laufen. Ich stellte mich vor ihn und sagte ihm, dass er mit dem Mist aufhören soll. Er packte meine Hände und versuchte mich aus dem Weg zu stoßen. Das Gerangel mit ihm war etwas schwerer als ich gedacht hatte. Dazu war er wirklich widerlich und ich hatte keine Zeit gehabt meine Handschuhe anzuziehen. Vermutlich hätte ich ihm einfach in die Füße treten sollen, aber wenn seine 140kg Lebendgewicht auf dem Boden aufgeschlagen wären hätte das mit Sicherheit Verletzungen verursacht. Der Kollege ergriff eine Hand und dreht sie auf seinen Rücken. Ich Griff mit dem ganzen Arm um seinen Kopf und drückte ihn mit meinem Körpergewicht zu Boden. Nun begann das was viele Widerstandshandlungen ausmacht: Er versucht seine Hände unter den Bauch zu bekommen und wir versuchen sie auf dem Rücken zu fesseln. Er hatte uns nicht viel entgegen zu setzen. Also tat er das, was leider vielen in dieser Situation einfällt. Er versuchte meinen kleinen Finger zu greifen und mir diesen zu brechen. Ich konnte meine Hand noch rechtzeitig weg reißen und scheuerte ihm eine (auf Beamtendeutsch heißt das „Sofortvollzug von unmittelbarem Zwang durch einfache körperliche Gewalt in unaufschiebbaren Fällen“).

 

Als wir ihn gefesselt hatten waren an meinen Händen einige Schürf- / Schnittwunden von den Handschellen. Er lag schwer am Boden und konnte sich kaum noch bewegen. Die Rauferei hatte ihm alle Energiereserven geraubt. War schafften es ihn auf die Beine zu stellen und hinten in unseren Streifenwagen rein zu setzten. Davor mussten wir aber unsere Einsatztaschen, Lederjacken, Fototasche und Klemmbretter auf dem Beifahrersitz verstauen. Denn in unserem Kofferraum war natürlich kein Platz mehr für die Sachen.

 

Unsere zweite Streife war schnell bei uns. Mit unserem Kunden war kein normales Gespräch zu führen. Er erzählte nur, dass er uns alle umbringt, wenn er es schafft an unsere Waffen zu kommen, dass er bei nächster Gelegenheit von einem Hausdach springt und wir Polizisten eh mit jeder Frau ins Bett springen??? Meine Hände bluteten etwas und ich suchte den Verbandkasten... Ich gebe mir immer Mühe die „Bürger“ bei Verkehrskontrollen nicht zu schimpfen, wenn sie den nicht gleich finden, sondern sage ihnen nur wie wichtig es ist den Platz zu wissen. Denn in unseren Streifenwagen liegt der auch immer wo anders. Während ich meine Hände verpflasterte und Desinfektionsmittel drauf sprühte rief der Kollege einen Rettungswagen, denn nur dieser darf den Transport in die Psychiatrie, unter Polizeibegleitung, vornehmen.

 

Wir versuchten erneut mit ihm zu reden, aber was Anderes als Müll kam nicht aus seinem Mund. Er war nicht nur sichtbar schwer krank, sondern hatte auch andere massive Probleme. Wir wussten mittlerweile, dass er schwer Lungen- Herz- und Zuckerkrank war. Und jetzt fing er an immer flacher zu atmen und wurde zunehmend schläfrig. Ich fragte ihn wie er seinen Blutzuckerwert einschätzte und er meinte, dass dieser vermutlich bald sein Leben beenden wird....

In meiner Einsatztasche befindet sich diese Erste-Hilfe Tasche.
In meiner Einsatztasche befindet sich diese Erste-Hilfe Tasche.

 

Ich drückte auf meinem Funkgerät die Taste für den Sprechwunsch und als die EZ (Einsatzzentrale) mich aufrief bat ich darum, dass der Rettungswagen beschleunigt anfährt. Nach einigen Minuten war er kaum noch ansprechbar. Der Kollege machte die Handfesseln ab und legte ihn hinten quer in unserem Streifenwagen. Wenn er uns noch antwortete tat er dies nur noch durch Handzeichen. Ich fürchtete schon das Schlimmste und baute meinen Beatmungsbeutel zusammen und legte diesen auf das Fahrzeugdach. Da die EZ mit einer anderen Streife am Funk sprach drückte ich den Prioritätensprechwunsch, den man sonst niemals braucht, und forderte zusätzlich einen Notarzt an. Ich überlegte bereits ob wir ihn aus dem Auto raus holen und auf die Straße legen sollen, aber dann hörte wir das erste Martinshorn. Es war ein KTW (Krankenwagen der nicht auf Notfälle disponiert wird), der Zufällig in der Gegend war und den Funkspruch gehört hatte. Die Sanis fingen an Blutzucker, Blutdruck usw. zu messen. Der RTW kam nun und wenig später auch der Notarzt.

 

 

Unter großen Kraftanstrengungen schafften es die Sanis ihn in auf die Trage und in den RTW zu bekommen. Die Untersuchungen und das Stabilisieren dauerte relativ lange und wir blockierten mit den Einsatzfahrzeugen die gesamte Straße in dem Wohngebiet. Es ging nun zunächst in die Notaufnahme. Dort musste er mehrere Stunden am EKG über- und bewacht werden.

 

 

Das ist der Inhalt meiner Ersten-Hilfe Tasche. Die Zusammenstellung finden mache von euch evtl. etwas seltsam. Aber so hat sich das für mich bewährt und weitere Ausrüstung haben wir dienstlich geliefert.
Das ist der Inhalt meiner Ersten-Hilfe Tasche. Die Zusammenstellung finden mache von euch evtl. etwas seltsam. Aber so hat sich das für mich bewährt und weitere Ausrüstung haben wir dienstlich geliefert.

Wir konnten nun doch noch etwas mit ihm sprechen. Und nun wurde klar, dass alles für ihn hauptsächlich ein Abenteuer und Spiel war. Das das für uns alle sehr gefährlich gewesen ist war ihm egal, er hatte schließlich eh nichts mehr zu verlieren gehabt. Sobald eine Krankenschwester ins Behandlungszimmer kam machte er Anspielungen, dass wir mit allen denen ins Bett gehen. Von den Handschellen und den daher resultierenden Striemen an seinem Handgelenk war er seltsam fasziniert. Er betastete sie, als wären sie etwas erotisches. Und zu guter Letzt kam das, was seltsamerweise in den letzten Jahren sehr oft passiert. Er meinte, dass er alle Folgen einer gescripteten Polizeiserie anschaut und genau weiß wie Polizeiarbeit funktioniert. Auch als der Kollege ihm erklärte, dass das alles nicht echt ist, die Geschichten erfunden sind und dort nur Schauspieler zu sehen sind wollte er dies nicht wahrhaben!

 

Mein Fazit zu diesem kuriosen Einsatz: Ich ziehe meine Handschuhe in Zukuft viel früher und öfter an. Ich hasse es solche widerlichen Menschen mit meinen bloßen Händen anfassen zu müssen.