Die Nacht im Haus der deutschen Bahn

Ich war in einer Gruppe einer Hundertschaft. Unsere Gruppe wurde meist auf zwei Ford Transit aufgeteilt. Wenn wir, wie an diesem Abend, einen bestimmten Stadtteil zum Bestreifen zugeteilt bekommen haben sind oft zwei von uns an einem U-Bahnhof abgesetzt worden um unser Klientel zu kontrollieren. Derweil sind die motorisierten Streifen für Einsätze bereit gestanden, die meist über den Notruf ausgelöst wurden.
Ein Kollege und ich wollten einen größeren Vorortbahnhof bestreifen und sind dort abgesetzt worden. Funkgeräte gab es nie genug und wir hatten keines. Wenn wir Unterstützung gebraucht haben haben wir diesen auch immer über den Notruf 110 geordert. Und wenn unser Zug geschlossen gebraucht wurde hat unser Gruppenführer uns auf unseren privaten Handys zusammen getrommelt.
Wir waren jung, gerade mal etwa 6 Monate mit der Ausbildung fertig, hatten keine große Erfahrung, aber motiviert. Wir wollten in aller Ruhe uns ein paar gute Kunden aus der Menge raus picken und nach Rauschgift suchen. In unseren Kreisen (und auch bei der Kundschaft) wird das alles einfach nur "Gift" genannt. Egal ob Heroin oder Gras. In meiner Stadt ist der polizeiliche Kontrolldruck auf die Junkies so groß, dass die ihr Heroin nie mit sich rum tragen. Wenn die es kaufen wird es sofort gespritzt. Das bedeutet, dass wir tatsächlich Spitzen usw. gefunden haben. Aber Heroin selber bekamen wir fast nie zu sehen. Anderes Gift haben wir eigentlich täglich gefunden. Das Amphetamin beim Partyvolk und Gras bei der Jugend. Bei den Junkies konnte man dafür alles Mögliche an Medikamenten finden die sie "missbräuchlich" verwendet haben. Also die Fentanyl-Pflaster die ausgekocht wurden und der Rest gespritzt wurde. Oder alle möglichen Tabletten die einfach zerstampft und dann gespritzt wurden. Teilweise war das alles nur noch haarsträubend und furchtbar. Wenn die Junkies drauf waren sind die bei der Kontrolle nur noch auf allen Vieren auf dem Boden rum gekrochen und haben 10 Min. gebraucht um ihren Ausweis aus der Tasche zu holen. Aber das war das Los eines Großstadtcops.

Als wir etwa 15 Min. lang in dem Bahnhof Streife gegangen sind stürmten von allen Seiten unsere Kollegen rein. Da wir keinen Funk hatten mussten sie uns erst erklären was passiert war. Eine Frau hat über Notruf mitgeteilt, dass sie verschleppt und vergewaltigt wurde. Ihr wäre jetzt die Flucht gelungen und sie würde sich an einem S-Bahnhof befinden. Nach einigen weiteren Min. konnten die Einsatzzentrale (EZ) herausfinden an welchem. Der Richtige befand sich zwei Haltestellen weiter stadtauswärts. Die Frau war völlig fertig. Nicht nur das was sie erlebt hatte machte ihr massiv zu schaffen, das viel größere Probleme waren ihre Entzugserscheinungen. Sie war nämlich ein Junkie.
Sie war zu Besuch in unserer Stadt mit ihrem Freund. Als sie ihren Suchtdruck bekam ging sie mit ihrem Freund zum Hbf und sie versuchten Heroin zu kaufen. Aber sie war bereits so fertig, dass sie ihren Freund aus den Augen verlor. Zitternd und total verwirrt fragte sie einen anderen Junkie nach dem Weg zum Hbf (sie befand sich am Hbf). Dieser Typ witterte sofort seine Chance seine kranken Phantasien auszuleben. Er bot ihr an sie zu sich mit "nach Hause" mitzunehmen, da er ihr dort Heroin geben kann.
Sie ist also ohne ihren Freund mit dem Typen stadtauswärts mit der S-Bahn gefahren. Er lebte in einem verlassenen Bürogebäude der Deutschen Bahn. Beschreiben werde ich dieses sehr eindrückliche Gebäude erst, wenn ich erzähle wie wir es erlebt haben.
Es kam, wie es für diese arme Frau kommen musste. Ihr Gift bekam sie nicht. Dafür fesselte er sie mit einem Seil auf eine Liege. Mit einem Messer unter der Nase wurde die Frau von ihm gefügig gemacht. Wirkliche Gegenwehr konnte sie eh nicht mehr leisten aufgrund ihres Zustandes. Er zog sie nackt aus. Er begrabschte sie überall. Interessant fand er vor allem ihre Stiefel. In diese ejakulierte er schließlich rein.
Als er fertig war schaffte es die Frau ihre Unterwäsche wieder anzuziehen und durch ein Fenster nach draußen zu fliehen. Es muss etwa gegen Mitternacht gewesen sein. Es war tiefster Winter und die Frau rannte nur mit Slip und BH bekleidet durch den Schnee. Doch der Mann war hinter ihr. Er Griff sie und zerrte sie zurück in das Haus. Hier ging das Martyrium der Frau entsprechend weiter.....
Als er endlich eingeschlafen war zog sie sich an und schaffte es abzuhauen. Sie ging etwa 300 Meter zum nächsten Bahnhof. Hier rief sie den Notruf und versuchte zu erklären was ihr passiert war. Das war den Umständen entsprechend nicht einfach.
Schliesslich fanden zwei unserer Gruppen die Frau und etwas später den Tatort.
Wir hatten einen Kollegen aus einem winzigen Dorf in Oberbayern. Er redete einen üblen Dialekt und sein Aussehen verhalf ihm auch nicht dazu von den anderen Kollegen ernst genommen zu werden. Er war ein richtig anständiger, aber eher ein unterdurchschnittlicher Polizist. Er sprach mit der Frau. Er hörte ihr zu und nahm sie in den Arm. Die meisten Kollegen schüttelten darüber den Kopf. Für uns sind Junkies etwas vom ekligsten bei unserer Arbeit. Etwas das man nur mit Handschuhen anfasst. Und sobald man um die Ecke ist wird das Desinfektionsmittel rum gereicht. Wir versuchen wirklich die Würde dieser Menschen zu achten. Aber wenn man sie tot auf dem Bahnhofsklo liegen sieht oder in ihrer Kotze und Pisse schlafend ist das schwerer als es sich Außenstehende vorstellen können. Es sind nicht wir Polizisten die ihnen die Würde nehmen, nein, sie nehmen sich die Würde selbst!
In der Handtasche der Frau haben wir ein Spritzbesteck, ein Messer und ein Pfefferspray gefunden.
Der Tatort war gefunden, unseren Vergewaltiger erwarteten wir mit einem Messer in der Hand schlafend in dem Gebäude. Wir waren mit zwei Gruppen und unserem Zugführer vor Ort. Er wies uns in die Lage ein. Beide Gruppenführer sollten mit jeweils einem ihrer Männer das Gebäude durchsuchen. Der Rest der Mannschaft das Gebäude umstellen und die Flucht des Täters verhindern. Mein Gruppenführer deutete mir, ihm zu folgen. Also war ich dabei.
Alle unsere Fahrzeuge hatten wir verdeckt und außer Sichtweite aufgestellt. Die ganze Mannschaft näherte sich nun dem Grundstück. Es war saumäßig kalt. Ich schätze zwischen 5 und 10 Grad Minus. Das Grundstück lag unmittelbar neben den Bahngleisen zum Hbf. Ein hoher Zaun umschloss den Komplex. Darin befanden sich etwa vier Bürogebäude der Deutschen Bahn. Mehrere Parkplätze, ein Zufahrtsschranke mit Wachhäuschen usw. Vermutlich war es etwa 1-2 Uhr nachts. Genau kann ich das nicht mehr sagen. Es war kein Mensch zu sehen. Nichts war zu Hören, außer dem Wind der den Kollegen die nächsten Stunden massiv zu schaffen gemacht hat und den vorbei fahrenden Zügen.
Wir kletterten alle der Reihe nach über den Zaun und die Kollegen umstellten zügig das gezeigte Gebäude. Wir vier gingen zu einem der drei Eingänge. Das Haus machte einen seltsamen Eindruck. Die Türen, Fenster, Treppen usw. erschienen fast neu. Aber alles was nicht schneebedeckt war lag unter einer dicken Schicht Laub und Unrat. Alle Fenster waren beschäftigt und alle Türen aufgebrochen. Auf der Treppe zur Eingangstür sah ich bereits die erste FX-Patronenhülse (Farbmunition zum trainieren) liegen. Einige waren in 9mm, Andere in 5,56mm. Das SEK hat den Komplex also bereits für Übungen genutzt. Aber die waren heute nicht da. Wir mussten selber nach dem gestörten Junkie mit dem Messer suchen.

Wir hatten alle die Pistole in der einen und die Taschenlampe in der anderen Hand. Wir sicherten mit dem Rücken zur Wand. Dann hörten wir den Zugführer am Funk "Umstellung steht"..."Wir gehen rein". Im Eingangsbereich traf uns fast der Schlag. Es stank fürchterlich. Der ganze Boden war voll mit Unrat: Müll, verschimmeltes Essen, Scheißhaufen, Spritzen mit offenen Nadeln lagen herum, zerbrochene Flaschen... Im Boden waren teilweise 30cm große Löcher in denen man sich wunderbar den Fuß brechen konnte. Aus dem Boden ragten die Eisenbewehrungen des Stahlbeton weit heraus. Es war also nichts leichter als sich in diesem Haus ganz übele Dinge anzutun. Wir gingen den Flur entlang und suchten auf dem Weg jedes Zimmer ab. In ausnahmslos jeder Ecke des Gebäudes befand sich ein einzelner Scheißhaufen. Überall standen Schränke, Tische und Stühle herum. Und alles war voll Müll. Jede Tür die sich nicht bewegte traten wir ein und suchten alles mit den Lampen ab. Die Pistolen ohne Pause im Anschlag. Ich erwartete hinter jeder Tür und in jedem Schrank den Junkie, der mir mit dem Messer mein Leben nehmen wollte, um sich das Gefängnis zu ersparen. Mein Puls schlug wie wild. Meinem Gruppenführer, zu dem ich kein besonders gutes Verhältnis hatte, musste ich nun voll vertrauen. Alle unsere Differenzen dürften jetzt keine Rolle spielen. Ich frag mich bis heute warum er wollte, dass ich ihn begleite? Entweder wollte er mich testen, oder ich war der einzige dem er zutraute ohne zu zögern seine Waffe zu gebrauchen wenn es sein musste...
Aber die Kälte und die Angst war nicht mein einziges Problem. Ich musste Pinkeln, und zwar so richtig. Aber in diesem Scheißhaus in irgend eine Ecke zu pinkeln wäre keine gute Idee gewesen. Denn mir war bereits klar, dass später die Spurensicherung und der KDD dort aufschlagen würden. Und die sollten schließlich keine frische Urinspur finden. Also ging es weiter, bis wir das Zimmer unseres Täters fanden.
Links stand eine Liege mit Schlafsack und mehreren Seilen. Die Stiefel der Frau lagen noch neben der Liege. Sie wollte diese offenbar trotz des Winters nicht mehr anziehen, aufgrund ihres Inhaltes... Hinter dem Bett befand sich ein riesiger Berg von Müll. Die Fenster waren eingeschlagen. Auch in diesem Zimmer pfiff der eisige Wind. Rechts befand sich, die ganze Wand entlang, ein riesiger Aktenschrank. Darin stand alles mögliche, vom Wecker über Essen bis hin zu einem Tütchen mit Amphetamin. Um die Liege lagen überall auf dem Boden verschimmelte Essensreste. Gründlich umsehen konnten wir uns nicht, das Zimmer war der Tatort und er war voller Spuren. Fingerspuren, Schuhspuren, DNA Spuren, ...
Wir gingen weiter durch die Stockwerke und Büros. Andere Kollegen von unseren Gruppen sicherten derweil die beiden Treppenhäuser.
Jedes Tier würde immer die selbe Ecke scheißen, aber hier....

Als wir oben im Dachgeschoss angekommen sind fanden wir einen weiteren bewohnten Raum. Dieser war mit Spanplatten verkleidet. Und hatte nur einen Zugang durch eine Holztüre. Er befand sich an der Dachschräge. Dort war es windstill. Am Boden lagen in einer Reihe etwa 8 Schlafsäcke auf Isomatten. An den Kopfenden lagen Rucksäcke. In einem Regal standen Konservendosen und auf dem Boden Campingkocher. Es war klar, dass die Bewohner ganz andere waren als unser Vergewaltiger aus dem Erdgeschoss. Wir durchsuchten die Rucksäcke, während ein Kollege mit der Pistole In der Hand an der Tür stehen blieb und uns sicherte. Ich fand einen osteuropäischen Reisepass. Entweder waren die Bewohner Mitglieder einer Bettelbande oder es waren welche vom nahe gelegenen Arbeiterstrich. Nun wurde bald klar, dass unser Vergewaltiger vor unserem Eintreffen geflüchtet war.
Wir meldeten das Ende der Absuche über Funk und gingen wieder nach unten. Ich rannte gleich raus und pinkelte an den nächsten Baum. Die Kollegen die das Treppenhaus gesichert hatten zeigten uns jetzt den Zugang zum Keller den sie noch gefunden und bereits durchsucht hatten. Die Umstellung wurde aufgehoben und wir versammelten uns vor dem Haus.
Nicht nur unsere restlichen zwei Gruppen waren in dieser Nacht bei Einsätzen gebunden, sondern auch der KDD und die SpuSi (Spurensicherung) konnten nicht kommen. Die EZ beauftragte uns den Tatort für die nächsten Stunden zu sichern. Unsere Fahrzeuge konnten wir nicht zu dem Gebäude bringen. Wir waren alle völlig durchgefroren. Wir gingen wieder zurück in das Gebäude um wenigstens etwas dem Wind zu entgehen. Viele Kollegen konnten es in dem Haus aber nicht aushalten. Ein oder zwei sind sofort wieder würgend raus gerannt.
Ich bin in den Keller runter. Ich wollte doch noch sehen was dieses Geisterhaus noch zu bieten hatte. Ich ging langsam die steile Treppe runter. Vor mir erkannte ich sofort, dass es der Eingang zu einem Bunker war mit einer Druckfesten Stahltür mit massiven Riegeln. Sie führte in lediglich zwei Räume. Darin befanden sich ein Schreibtisch, ein Stuhl und lauter Schaltschränke die tief in den Boden nach unten reichten. Um die Schränke waren etwa 1m tiefe Aushebungen um die hohen Schaltschränke unterzubringen. Ich war bereits in vielen Bunkern. Aber dieser ist mir bis heute ein Rätsel. Er war nicht für eine Verweildauer von, wie üblich, zwei Wochen ausgelegt. Dort hätte man es höchstens zwei Tage ausgehalten. Vermutlich waren dort die Schaltungen für Weichen und Signale oder für das bahneigene Telefonnetz untergebracht.
Wir verbrachten auf dem Gelände die ganze Nacht. Ohne unsere Fahrzeuge oder einen warmen Kaffee. Als der Horizont langsam hell wurde erreichten die Kollegen der Kripo den Tatort und wir konnten diesen übergeben und heim fahren.

Warum erzähle ich euch diese Geschichte als erstes? Vermutlich weil sie sich fest in mir eingebrannt hat. Der Gedanke an diese süchtige Frau, wie sie fast nackt versucht sich durch den Schnee in die Nacht zu retten lässt mich nicht mehr los. Und daran, dass diese Menschen die Hilflosesten und Schutzbedürftigsten überhaupt sind. Wir ekeln uns vor ihnen und wollen mit ihnen nichts zu tun haben. Evtl. sehen wir sogar zu ihnen herab, aber wir müssen sie dennoch achten. Denn bei meiner Arbeit ist mir immer wieder aufgefallen wie wirklich jeder von uns in der Sucht hätte landen können.

Klassischer Fußstreifeneinsatz: Absperren bei Großlagen, hier ein Dachstuhlbrand in der Fußgängerzone.
Klassischer Fußstreifeneinsatz: Absperren bei Großlagen, hier ein Dachstuhlbrand in der Fußgängerzone.