Geheimer Stasi Tränengas Schlagstock

Der Stasi Tränengas-Schlagstock aus der DDR ist fast vollständig aus Stahl gefertigt und mit 1,57kg sehr schwer.
Der Stasi Tränengas-Schlagstock aus der DDR ist fast vollständig aus Stahl gefertigt und mit 1,57kg sehr schwer.

Chemischer Scheibenzertrümmerer der 9. Volkspolizei Kompanie

Mein Dank gilt einem Mann, den ich hier aus nachvollziehbaren Gründen nicht namentlich nenne. Ich habe von ihm ein sehr seltenes Stück deutscher Geschichte bekommen. Der Schlagstock, den ich euch hier vorstelle, stammt von der 9. VoPo Kompanie. Das war sozusagen das SEK der DDR (Video). Wie es sich ergeben hat, dass ich den Schlagstock bekommen habe, kann ich leider nicht erzählen. Sagen kann ich euch nur, dass er direkt von einem ehemaligen Mitglied der 9. VoPo Kompanie stammt. Ich selber konnte trotz einigen Recherchen nichts über diese Waffe in der Fachliteratur, oder im Internet, finden. Und daher bin ich froh, euch den Schlagstock hier exklusiv vorzustellen. In den Spezialeinheiten der DDR wurde das Gerät "chemischer Scheibenzertrümmerer" genannt.

 

Der Schlagstock ist 36cm lang und wiegt 1,57kg. Damit ist er wirklich schwer. Aber genau hierbei zeigt sich einige praktische Erfahrung der Entwickler. Grade z.B. zum Einschlagen von Seitenscheiben von Fahrzeugen benötigt man einige Kraft. Die Form und das Gewicht des Schlagstocks werden es recht einfach machen, Scheiben aus dem Weg zu räumen. Sehr eindeutig ist auch, dass das Gerät weder zum Schlagen von Menschen vorgesehen ist, noch dass es in einem Holster auf Streife getragen wird. Er ist nur für den Einsatz von Spezialkräften gedacht, um Scheiben einzuschlagen und im Anschluss eine gewaltige Ladung Tränengas ins Innere zu schießen. Auch wenn sie recht selten waren, gab es auch in der DDR Geiselnahmen. Aber Fahnenfluchten von bewaffneten russischen Soldaten kamen regelmäßig vor. Und genau dann musste diese Spezialeinheit ausrücken.

 

Als ich den Schlagstock bekommen habe dachte ich erst, dass mit dem Abzugsmechanismus eine sehr große Tränengasladung, mit einer Verbrennung, vergast wird. Dem ist aber nicht so, denn in den Kartuschen befinden sich Dosen, die einen Reizstoff und ein Treibgas beinhalten. Sie sehen aus, wie handelsübliche Sprühdosen. Durch das Abschlagen des Zündhütchens wird die Dose mit ihrem Boden gegen einen Dorn gedrückt und punktiert. Durch eine etwa 5mm dicke Öffnung kann der gesamte Inhalt schlagartig nach vorne entweichen. Diese Bauweise ist sehr unüblich, aber viel sicherer als eine Verbrennung, wie bei Schreckschusswaffen. Ich muss auch sagen, dass mir kein einziges Waffensystem bekannt ist, dass diese Funktionsweise verwendet. Handelsübliche Sprühdosen sind meist so aufgebaut, dass die Flüssigkeit unten auf dem Boden ist und sich darüber das Treibgas befindet. Wie bei diesem Schlagstock dafür gesorgt wird, dass nicht das Gas, sondern der flüssige Reizstoff raus gepresst wird, weiß ich noch nicht. Die Kartuschen sind viel zu selten und unersetzlich, als dass ich sie zum Nachsehen öffnen will.

Alle vergleichbaren Waffen aus der westlichen Welt verfügen über Sprühdosen, die über das Ventil entleert werden, was einige Sekunden dauert. Ich habe sowohl in russischen Quellen, wie auch amerikanischen, recherchiert und konnte nichts Vergleichbares finden.

In Russland gab es immer wieder Versuche und Entwicklungen mit Messern, in die Mechanismen eingebaut wurden, um Patronenmunition oder die Klinge zu verschießen. Und in den USA gab es einige Schlagstöcke die zum Abschießen von Geschossen vorgesehen waren. Aber eine Verwandtschaft zu diesem DDR System war nirgends zu erkennen. Sehr verwundert hat mich die Waffennummer im hohen dreistelligen Bereich. Ich bezweifele sehr, dass in der DDR mehrere hundert dieser Schlagstöcke gefertigt wurden. So wie ich die Waffenindustrie der DDR kenne, vermute ich eher, dass weit weniger als 50 dieser Schlagstöcke gefertigt wurden. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die Schlagstöcke in einem anderen Land der Sowjetunion gefertigt wurden. Das würde die hohe Waffennummer erklären. Aber wenn das der Fall gewesen wären, würde man ziemlich sicher Informationen über den Schlagstock im Internet finden. Ich vermute, dass der Schlagstock in einer Kleinserie in der DDR produziert wurde.

In gesichertem Zustand ist die rote Markierung verdeckt und der Abzug liegt am Schlagstock an. Man kann das als Transportzustand bezeichnen. Da das Gerät über einen DAO-Abzug verfügt, kann sich der Schuss, auch beim Zuschlagen, nicht lösen. 

Wenn man entsichert schnappt der Abzug automatisch nach oben. Wenn man ihn runter drückt, spannt sich erst das Schlagstück und löst dann aus. Es ist ein DAO-Abzug. Nach dem Abziehen springt der Abzug von alleine wieder heraus. Nur wenn man sichert und den Abzug drückt, bleibt dieser im Transportzustand und schnappt nicht wieder hoch.

Hier ist der Vorderteil mit dem Kartuschenlager abgeschraubt. Auf dieser Seite ist die hohe dreistellige Waffennummer eingeschlagen. Der Schlagstock ist fast komplett aus Stahl gefertigt und es sind einige Bearbeitungsspuren zu sehen. Das Griffstück ist brüniert und der Vorderteil mit dem Kartuschenlager ist schwarz lackiert. Die Fertigungsqualität ist sehr gut. Es ist ein Einsatzmittel, das nicht nur sehr hochwertig, sondern auch sehr durchdacht, einfach und vermutlich auch zuverlässig ist.

Der Stasi Schlagstock hat einen Schlagbolzen und die Kartuschen haben Zündhütchen. Diese drücken eine Sprühdose gegen einen Dorn und es strömt kalter Reizstoff aus, was sehr sicher für alle Beteiligten ist.
Der Stasi Schlagstock hat einen Schlagbolzen und die Kartuschen haben Zündhütchen. Diese drücken eine Sprühdose gegen einen Dorn und es strömt kalter Reizstoff aus, was sehr sicher für alle Beteiligten ist.

Hier seht Ihr die Öffnung, aus der das Reizgas austritt. Zum Laden wird die runde Platte aufgeschraubt und die Kartusche eingelegt. Auf der Rückseite der Frontplatte ist ein Dorn.

Durch den Druck des Zündhütchens wird die Kaltgas Dose gegen den Dorn gedrückt. Der Reizstoff strömt daher blitzartig nach vorne raus.
Durch den Druck des Zündhütchens wird die Kaltgas Dose gegen den Dorn gedrückt. Der Reizstoff strömt daher blitzartig nach vorne raus.
Bis auf das Produktionsjahr sind die Reizstoffdosen von dem Stasi Schlagstock völlig unbeschriftet. An der Stirnseite der Kartusche ist ein Zündhütchen.
Bis auf das Produktionsjahr sind die Reizstoffdosen von dem Stasi Schlagstock völlig unbeschriftet. An der Stirnseite der Kartusche ist ein Zündhütchen.

Die in den 37mm Kartuschen enthaltenen Kaltgas Dosen sind im Lauf der Jahre ausgegast und leer. Am Kopf sind einige stark riechende Rückstände. Obwohl ich mit diversen Reizstoffen Erfahrung habe, kann ich nicht sicher bestimmen, welcher hierbei verwendet wurde. Ich VERMUTE, dass es CS ist und dass die rote Markierung eine entsprechende Bedeutung hat.

Wenn man die Schraube am Stoßboden raus schraubt, kann man zusätzlich auch noch den Schlagbolzen entnehmen. Fast alles an dem Schlagstock ist aus Stahl. Nur der Griffüberzug und die Endkappe nicht. Es sind überall Bearbeitungsspuren zu sehen. Die Fertigungsqualität ist aber sehr hoch und er wirkt erstaunlich durchdacht, für eine so seltene Waffe.

Die rechtliche Einstufung des Stasi Schlagstocks

Da die Kaltgas-Dosen leer sind, stellt die Munition vermutlich "nur" erlaubnispflichtige Kartuschenmunition dar. Der Anzündsatz wird mit ziemlicher Sicherheit ja noch funktionieren. Wenn die Dosen noch voll wären, wären sie verbotene Munition, als  Reizstoffmunition ohne Zulassungszeichen.

 

Wegen dem sehr unkonventionellen Aufbau des Schlagstocks habe ich zwei rechtliche Theorien über seine Einstufung:

1: Der Schlagstock ist ein "Reizstoffsprühgerät", weil er Kaltgas Dosen beinhaltet. Der Reizstoff wird ja in kalter Form vorne ausgeblasen, wie bei einer Sprühdose. Da die Dosen inzwischen leer sind, wäre die gesamte Waffe damit frei verkäuflich. Wenn man noch dazu argumentiert, dass die Schlagwaffen-Eigenschaft zum Einschlagen von Scheiben bestimmt ist und nicht gegen Menschen, kann man sogar argumentieren, dass er dem Waffenrecht überhaupt nicht unterliegt.

2: Der Schlagstock ist ein den Schusswaffen gleichgestellter Gegenstand zum Verschießen von Kartuschenmunition. Damit wäre er genau so eingestuft, wie eine Schreckschusswaffe ohne PTB-Zulassungszeichen und erlaubnispflichtig.

 

Ich meine, dass der Schlagstock ein erlaubnispflichtiger, den Schusswaffen gleichgestellter, Gegenstand ist und halte ihn für erlaubnispflichtig.

 

 

Sollte ein Leser über weitere Informationen über den Schlagstock verfügen, würde ich mich über eine Kontaktaufnahme freuen. Diskretion wird dabei natürlich garantiert.

 

 

 

 

Nachtrag: Ich danke dem ersten Leser für einen tollen Hinweis. Wenn man in die google Bildersuche "MZ Griff" eingibt, findet man genau den Griff des Schlagstocks. Es wurde in der DDR also offenbar genau dieser Griff auch für Motorräder verwendet. Das ist ein klares Zeichen dafür, dass der Schlagstock in der DDR hergestellt wurde.

 

Nachtrag: Ein weiterer Leser hat mich auf eine sehr umfangreiche Forschungsarbeit des MfS zur Grenzsicherung aufmerksam gemacht. Ab Seite 417 geht es um Reizstoffe. Die PKE (Passkontrolleinheit) verwendete zuerst bei Ausländern sichergestellte Tränengas Sprays und bestellte später in der CSSR das KASR-1 CN Tränengas.

 

3. Nachtrag: Bei einer Recherche in meinen Fachbüchern in anderer Sache (Bestimmung eines Hersellercodes auf einer Kaliber 4 Signalpatrone) habe ich in "German Flare Pistols and Ammunition" von Dr. Scheit doch ein Foto des "Stasi Tear Gas Club" gefunden. Ich war also leider nicht der Erste, der ihn öffentlich erwähnt hat.