Thema der Woche - Teil 4

 

 

 

 

 

 


Waffen in den Händen von inkompetenten Kopfgeldjägern

Kennst Du die Kopfgeldjäger von "Lipstick Bail Bonds" (https://lipstickbailbonds.net/)? Das ist ein Kautionsbüro in den USA, das von den Golt Zwillingen geleitet wird. 2013 hatten sie einen Skandal, von dem ich Euch erzählen will. Man kann aus den dort gemachten Fehlern nämlich etwas lernen. Es geht um dieses Video (Link). Und es geht auch um die Frage, ob taktische Fehler gemacht wurden, oder ob das eine unrechtmäßige und geplante Gewaltanwendung für Youtube Klicks war? Ich gehe davon aus, dass nur die wenigsten meiner Leser das Video und den Fall bereits kennen.

Bilder der kreischenden Inkompetenz

Die eine Golt hat eine Bodycam umgeschnallt, um spektakuläre Videos zu bekommen. Nicht mal auf ihrem Rücken steht "Bail Enforcement", "Agent", oder sonst was. Sie trägt kein Bage und sagt nicht mal, wer sie ist. Sollte einer der Restaurantbesucher von einem unrechtmäßigen Angriff ausgehen (der evtl. sogar vorlag) und Duvall mit Gewalt helfen, haben die Golt Kopfgeldjäger rechtlich und einsatztaktisch ganz schlechte Karten. 

Eine zerrt an Duvall rum, eine richtet eine Tippmann TIPX mit Gummigeschossen auf ihn und die Dritte (ganz rechts im Bild) richtet einen Taser X26 auf ihn.
Eine zerrt an Duvall rum, eine richtet eine Tippmann TIPX mit Gummigeschossen auf ihn und die Dritte (ganz rechts im Bild) richtet einen Taser X26 auf ihn.

Es dauert ab der Ansprache nur 10 Sekunden, bis Duvall aus dem Restaurant geflüchtet ist. Auf dem nächsten Bild unten seht Ihr, wie Duvall versucht zum Auto seines Freundes zu flüchten. Eine versucht ihn festzuhalten, wärend die Dunkelhaarige ihm mit Gummigeschossen in das Gesicht schießt. Die rechts im Bild hat ihren Taser bereits erfolglos an der Tür vom Restaurant eingesetzt. Da dieser verschossen ist hat sie zu einer anderen Waffe gewechselt. Duvall gab später an, dass Pfefferspray gegen ihn eingesetzt wurde. Aufgrund des Videos vermute ich, dass sie eine Piexon Guardian Angel in der Hand hält und damit auf ihn schießt. Zu allen diesen Waffen muss man Folgendes bedenken. Nur der Taser ist eine Waffe für Festnahmen, alle anderen sind zur Verteidigung. Was nützt es also, auf einen flüchtenden Straftäter mit Gummigeschossen zu schießen? Vielleicht wollte die Dunkelhaarige ihm beide Augen kaputt schießen, damit eine Flucht unmöglich wird (Ironie)? Nach deutschem Recht wäre diese Gewaltanwendung nicht geeignet um ihn festzunehmen und daher automatisch unrechtmäßig.

Wie sinnvoll ist es wohl, auf einen Flüchtenden mit Gummigeschossen zu schießen?
Wie sinnvoll ist es wohl, auf einen Flüchtenden mit Gummigeschossen zu schießen?

Wie wäre die Festnahme wohl abgelaufen, wenn zwei Kopfgeldjäger deutlich sichtbar die Ausgänge gesichert hätte und die Dritte ihm erklärt hätte, dass er festgenommen ist? Natürlich ohne, dass sie sofort anfängt an ihm rum zu zerren.

 

Eine weitere wichtige Frage ist natürlich, ob Duvall die Kopfgeldjäger wirklich nicht persönlich kannte, oder ob das nur eine Schutzbehauptung war? Das ist nicht nur strafrechtlich relevant, sondern auch einsatztaktisch. Wie hätte Duvall denn dann überhaupt erkennen können, was die durchgeknallten Golt Zwillinge von ihm wollen? Sie waren nicht als Kopfgeldjäger erkennbar, haben sich nicht vorgestellt und haben ihm nicht gesagt, was sie von ihm wollen. Die eine hat nur gesagt "steh auf", an ihm gezerrt und die Anderen haben zwei schwarze Kurzwaffen auf ihn gerichtet. Kaum ein normal denkender Mensch hätte die Situation so schnell verstanden. Dazu muss man zusätzlich noch bedenken, warum Duvall überhaupt auf Kaution war, wegen Drogendelikten. Kann man von einem Meth Süchtigen überhaupt erwarten, dass er sich unter diesen Bedingungen festnehmen lässt? Kann er die Situation überhaupt verstehen? Oder ist es schon absehbar, dass er Angst bekommt und versucht zu flüchten? Vielleicht ist Angst sogar eine falsche Bezeichnung und man muss davon sprechen, dass eine regelrechte Paniksituation herbeigeführt wurde.

Wurde mit der hier gezeigten "Einsatztaktik", von Anfang an und bewusst, eine Situation geschaffen, die Gewalt zum Ziel hat? Meine persönliche Vermutung ist, dass es eine Mischung aus beidem ist, völlige Inkompetenz und das bewusste Herbeiführen von Gewalt, um Aufmerksamkeit im Internet zu bekommen. Im deutschen Strafrecht gibt es die "Absichtsprovokation", die besagt, dass man keine Notwehr geltend machen kann, wenn man den Angriff absichtlich provoziert hat. Ob es etwas Vergleichbares in den USA gibt, für provozierte Gewalt bei Festnahmen, ist mir nicht bekannt. Ich kann daher auch nicht beurteilen, wie das alles in den USA rechtlich zu werten ist.

 

Interessant und vielsagend ist auch dieses Video, wo einer der durchgeknallten Golt Zwillinge, ohne Grund, in einem Motel mit der Repetierflinte in die Wand schießt (min 00:56).

Erfolgte die Festnahme ohne Grund, nur für Klicks?

Es gibt Vieles, was zusätzlich an diesem Fall dubios ist. Die Kopfgeldjäger haben z.B. das Video der späteren Festnahme nicht veröffentlicht, wobei sie ihren dilettantischer Versuch dazu, trotz Schadenersatzklage, seit Jahren online lassen. Viel wichtiger ist jedoch die Frage, die der Anwalt von Duvall aufwirft. Er will wissen, warum die Lipstick Bountyhunter ihn überhaupt festnehmen wollten? Um den Hintergrund dazu zu verstehen muss man wissen, wie das Kautionssystem in den USA funktioniert. Fast jeder Straftäter wird dort festgenommen und einem Richter vorgeführt. In vielen Fällen kann dieser, gegen eine Kaution, bis zur Verhandlung auf freien Fuß. Um die hohe Kaution aufzutreiben wenden sich viele an ein Kautionsbüro, wo sie das Geld geliehen bekommen. Sollte der Angeklagte dann aber nicht zu seinem Gerichtstermin erscheinen, haben die Kopfgeldjäger einige Wochen Zeit in festzunehmen, bevor das Gericht die Kaution einbehält. Das Kautionsbüro bekommt die Kaution nach der Festnahme zurück und die Kopfgeldjäger bekommen etwa 10% davon. Das ist der normale Gang der Dinge. Wichtig zu wissen ist dabei aber, dass die Kopfgeldjäger des Kautionsbüros den Tatverdächtigen jederzeit festnehmen dürfen. Der Anwalt von Duvall wirft ihnen vor, dass sie seinen Mandanten ohne jeden Grund festnehmen wollten, nur um ein Video für Youtube, Klicks und Aufmerksamkeit zu bekommen. Das wäre zwar erlaubt, moralisch aber eine riesen Sauerei. Für diesen Vorwurf spricht auch, dass die Zwillinge Kautionsbürge und Kopfgeldjäger in einer Person sind. Das ist recht unüblich, erlaubt ihnen aber eben völlig frei zu entscheiden, wen sie wann festnehmen.

 

Wie die Schadenersatzklage von Duvall ausgegangen ist, weiß ich leider nicht. Es ist aber so, dass das Kautions- und Kopfgeldjägergeschäft in den USA immer mehr verschwindet. Die Rechtsgrundlagen dafür werden in einem Bundesstaat nach dem anderen abgeschafft. Hier sind zwei weitere Videoberichte über den Vorfall (Link, Link).

Was kann man von der pinken Inkompetenz lernen?

-Sage dem Gegenüber wer Du bist und was du von ihm willst! Es passiert z.B. regelmäßig dass Drogendealer festgenommen werden sollen und diese sich anfangs nur wehren, weil sie glauben, dass ihnen andere Dealer ihr Gift rauben wollen. Ein weiterer einsatztaktischer Klassiker ist das Durchsuchen und Bestreifen von leer stehenden Gebäuden. Wenn man nicht laut durch die Gebäude ruft, bekommt ein dort nächtigender Obdachloser schnell Angst und versucht einen von hinten niederzuschlagen. 

-Zeige den Unbeteiligten wer Du bist! Nicht ohne Grund haben fast alle Behördenmitarbeiter auf ihrem Rücken groß und breit stehen wer sie sind. Es passiert sonst regelmäßig, dass Passanten eine Festnahme für einen Angriff halten und dem "Opfer" helfen wollen. Wie ich schon weiter oben geschrieben habe, ist das nicht nur gefährlich, sondern ändert die spätere Würdigung im Straf- und Zivilrecht (Schadenersatz) erheblich. Auf das Thema geht ich auch kurz bei "Taktische Ausrüstung für den Zivileinsatz Teil-1" ein.

-Erkläre deine Maßnahmen! Viele Gewaltanwendungen lassen sich durch das Erklären der Maßnahme verhindern. Es geht nicht darum, das eigene Ego durchzusetzen, es geht darum, dass alle gesund nach Hause kommen und der Auftrag erfüllt wird. Ein gutes Beispiel, wie man es richtig macht, könnt Ihr HIER bei min 07:35 sehen.

-Treibe das Gegenüber nicht unnötig in die Enge! Z.B. wird ein Einbrecher meist flüchten, wenn er die Möglichkeit dazu hat. Wenn nicht, greift er einen vielleicht an. Auch wenn man etwas von einem Mann will, ist es meist sinnvoll ihn vorher von seiner Ehefrau zu trennen. Sonst meinen viele, dass sie, vor Ihrer Frau, keine Schwäche zeigen dürfen. 

-Behandele dein Gegenüber mit Respekt! Auch wenn das schlichtweg zum normalen zwischenmenschlichen Umgang gehört, kann das sogar einsatztaktisch relevant werden. Z.B. wenn Du später Informationen von ihm bekommen willst. Vor allem auch langfristig betrachtet, wird man sich immer zwei Mal begegnen. Und auch dann will man nicht zu viele Menschen sammeln, die schlecht auf einen zu sprechen sind.

Man muss zu diesem speziellen Fall aber auch die amerikanische Lebensweise und das dortige Strafrecht und Justizsystem bedenken. In den USA ist es so, dass die Bürger sehr viele Freiheiten haben, aber wenn man das Gesetz bricht, verliert man diese Freiheiten in einem Maße, wie es für uns kaum vorstellbar ist. Ich vermute daher, dass es viele US Bürger gar nicht stört, wenn mit der Würde von Straftätern derart umgegangen wird. Mir ist es dennoch ein Rätsel, wie solche "Lipstick Bounty Hunter" noch in den Spiegel schauen können?


(Familien-) Ausflugstipp für den Juni 2022

(Wie immer mit vielen Abschweifungen und einem bisschen Staatsschutz)

Ich halte es für geboten, regelmäßig zu erwähnen, wie viel wir unserem Staat zu verdanken haben. Da in unserem demokratischen Land sogar die Staatsfeinde offen ihre Meinung sagen dürfen, sollte man aber dennoch mit dem Finger auf sie zeigen. Das sind nicht nur politische Extremisten, sondern auch feindliche Agenten, von denen es leider sehr viele bei uns gibt. Und ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele Menschen sich für sehr schlau halten, meinen alles zu durchschauen, und dann aber blindlings der russischen Propaganda hinter her rennen. Sie faseln den Spruch "Im Krieg stirb die Wahrheit zu erst" nach und meinen, damit einen Beweis für Lügen der eigenen Regierung gefunden zu haben. Schon im schweizer Zivilverteidigungs Buch von 1969 wurde vor genau der Propaganda gewarnt, die man heute täglich und überall aufschnappt (das Buch kann im Internet runter geladen werden und die Bilder stammen daraus).

Wie der Rattenfänger von Hameln streuen die Agenten Halbwahrheiten, mit dem Ziel den Zusammenhalt in unserem Land zu schwächen. Und diejenigen, die aufrechte Staatsbürger als "Schlafschafe" bezeichnen, kann man auf dem Bild links sehen. Albert Bachmann war Geheimdienstoffizier und hat genau gewusst, wie der Russe im Krieg vorgehen wird. Er hat das Buch geschrieben. Man sollte es aufmerksam lesen und sich selber fragen, was man daraus lernen kann. Zweifellos muss man das Buch in einigen Punkten aber auch kritisch betrachten.

Was hat jetzt ein Familienausflug mit Staatsfeinden und feindlicher Propaganda zu tun? Eigentlich fast nichts. Ich will mir halt keine Gelegenheit für Seitenhiebe gegen Verschwörungstheoretiker und andere Vollidioten entgehen lassen. Aber z.B. Besuche bei Hilfsorganisationen und dem Militär, zeigen unseren Kindern sehr gut, wer wirklich etwas für unsere Gesellschaft tut.

Plane doch jetzt schon einen Ausflug für die Familie. Am 25. und 26. Juni ist das Panzerweekend im schweizer Militärmuseum Full, an der deutschen Grenze. In unmittelbarer Nähe kann auch das Festungsmuseum Reuenthal besucht werden, was eine beeindruckenden Waffensammlung hat (Video). Beide Museen sind wirklich toll und es gibt dort viel zu sehen.

Und auch das nahe gelegene Kernkraftwerk hat ein Besucherzentrum und bietet teilweise sogar Führungen an. Das Geschütz, das direkt auf das KKW gezeigt hat, musste übrigens vom Festungsverein entfernt werden. Es ist ein wirklich kurioser Anblick auf ein KKW, aus einer Stellung im Berg.

Das sollten ja schon genug Gründe sein, um mit der Familie das Panzerweekend zu besuchen. In der Region gibt es aber noch viel mehr zu entdecken. Mit dieser Seite kann man in der Gegend auf eigene Faust Grenzbunker erkunden. Und wem das immer noch nicht reicht, der kann einen Abstecher zum berühmt gewordenen SWIFT Rechenzentrum in Diessenhofen machen. Beeindruckendere Sicherheitsmaßnahmen bekommt man sonst kaum irgendwo zu sehen (Koordinaten: 47.68534038052513, 8.727840427009427). Rund um das Rechenzentrum ist ebenfalls alles voll mit ehemaligen Grenzbefestigungen.

 

Falls Ihr noch weitere Ausflugstipps in der Gegend wollt:

-Das Uranabbaugebiet Menzenschwand (Video). Zu so einer Uran Wanderung mit UV-Licht und Geigerzähler würde ich aber keine Kinder mitnehmen.

-Das Atomkeller Museum Haigerloch (Video).

-Der "Zentrale Bergungsort" des BBK, mit der deutschen Geschichte als Mikrofilm (kann man nur von außen anschauen).

-Im Sig Areal gibt es die SIG-Waffensammlung. Diese Sammlung ist offenbar (ich war leider noch nie dort) so beeindruckend, dass auch schon Ian Mccollum von Forgotten Weapons und Larry Vickers dort Informationen gesammelt haben. Soweit ich weiß, kann man sie nur nach Absprache besuchen.

-Und während Ihr das militärische Gerät und die Waffen im Zeughaus Schaffhausen besichtigt, könnt Ihr eure Ehefrauen zum Kaffeetrinken an den Rheinfall schicken.

-Das "Museum im Schwedenbau" hört sich vielleicht etwas langweilig an, ist aber sozusagen das Mauser und Heckler & Koch Museum. Dort bekommt Ihr seltene Waffen zu sehen, von der Mauser MP57, bis hin zum H&K G11 Sturmgewehr.

-Zum Schluchsee haben wir auch mal einen Männerausflug zum Angeln gemacht.

 

Wenn Ihr keinen Familienausflug machen wollt, bietet diese Region auch viel, für einen "Tactical-Ausflug" mit Freunden und Bier. Ein paar schöne Tage kann man dort zweifellos verbringen. Ich habe neulich mit einem Freund über das Thema exteritorrialer Gebiete diskutiert. Viele wissen nicht, dass z.B. eine Botschaft oder eine US-Kaserne eben nicht "exterritorial" ist. In diesem Zusammenhang will ich aber erwähnen, dass es in der Region noch mehr Interessantes zu sehen gibt, wie den badischen Bahnhof in Basel, oder die Exklave Büsingen. Der Grenzverlauf ist hier derart verworren, dass abgeschossene alliierte Piloten dort regelmäßig versuchten, aus Deutschland zu flüchten. Ein tolles Video über die dortigen Grenzbefestigungen findet Ihr HIER. Auch der Hitler Attentäter Georg Elser versuchte am Bodensee in die Schweiz zu flüchten. Am selben Grenzübergang eröffnete 1998 ein Waffenschmuggler, mit einer Glock 18 und einer schallgedämpften MP5, das Feuer auf Zollbeamte. Und 1977 wollten RAF Mitglieder über die grüne Grenze, im Hegau, Deutschland verlassen. Dieser Versuch endete mit einem umfangreichen Schusswechsel in Singen (auf den Hegau Vulkanen bei Singen kann man vermutlich auch gut seine CB-Funkanlage aufbauen). Die beiden Schusswechsel im Jahr 1998 sind mit ein Grund dafür, dass der Zoll bis heute eine erheblich umfangreichere Schießausbildung betreibt, als die Polizeien der Länder und des Bundes (und natürlich auch die Polizei des Bundestages, die gerne vergessen wird).

 

Eine kleine Geschichte zu dem Grenzverlauf: Eines Tages stand in einem schweizer Dorf, an der grünen Grenze, plötzlich ein Bundeswehr Fuchs Panzer. Darin saßen ein paar hilflos guckende Soldaten, denen bewusst geworden ist, dass sie unbeabsichtigt ins Nachbarland einmarschiert sind. Ihnen wurde dann schnell und unbürokratisch der Heimweg gezeigt. Wer in der Gegend Selfies mit kuriosen Ortsschildern machen möchte, findet das Dorf mit dem Namen Dorf, oder auch ein Moskau.

 


Das HK416 ist eine schlechtes Sturmgewehr...

... als STANDART-Sturmgewehr einer Armee.

 

Ich bin eigentlich schon in meinem (inzwischen gelöschten) Jahresrückblick darauf eingegangen, dass ich die Beschaffung des HK416 für irre, dumm und absurd halte. Ich will es aber dennoch hier etwas genauer ausführen. Offenbar haben die Behauptungen über angebliche Präzisionsprobleme des G36 dazu geführt, dass bei der Beschaffung des neuen Bundeswehr Sturmgewehrs die Präzision zum wichtigsten Kriterium wurde. Um das zum x-ten Mal auf meinem Blog zu erwähnen: Ich verbürge mich für die Präzision des G36 in heiß geschossenem Zustand! Selbst nach drei schnell verschossenen Magazinen war es nie ein Problem, Klappfallscheiben auf 400m zuverlässig zu treffen. Der aufgebauschte "Skandal" hatte vermutlich zur Folge, dass bei dem jetzigen Beschaffungsverfahren die Präzision der Waffe einen viel zu hohen Stellenwert erhalten hat. Ich habe keinen Einblick in das Beschaffungsverfahren und mich auch nie sonderlich dafür interessiert, aber ich hatte den Eindruck, dass dort tatsächlich nicht mal eine Truppenerprobung durchgeführt wurde. Sollten wirklich nur Laborexperimente durchgeführt worden sein, wäre das weit mehr als nur verantwortungslos. Als ich gehört hatte, dass das HK416 das neue Sturmgewehr werden soll und nicht das neu entwickelte HK433, konnte ich das kaum glauben. Das Haenel Gewehr MK556 und das aktuelle Gerichtsverfahren soll hier nicht das Thema sein, es entspricht technisch ja fast dem HK416.

 

Das HK416 ist sehr hochwertig und präzise. Vermutlich hat auch das KSK es daher beschafft, um die Möglichkeit zu haben, mit einem Sturmgewehr präzise Treffer auf große Entfernungen anzubringen. Aber die Anforderungen an ein Sturmgewehr für normale Soldaten sind ganz andere. Soldaten tragen ihre Waffe 99% der Zeit durch die Gegend, oder haben sie im Fahrzeug verstaut. Es ist von erheblicher Bedeutung, dass die Waffe dabei "bequem" ist. Sollte ein Gewehr zu sehr stören, werden die Soldaten anfangen es nicht immer am Mann zu haben. Oder es wird auf den Rucksack geschnallt, statt zugriffsbereit vor die Brust. Einige Soldaten, die die Wahl haben, werden lieber eine MP oder eine Pistole in den Einsatz mitnehmen. Die Beispiele ließen sich hier unendlich weiterführen. Und das alles führt dazu, dass die Waffen im Notfall nicht schnell eingesetzt werden können. Und das zeigt, dass die Präzision nicht das einzig wichtige Kriterium ist. Es geht dabei immer um einen Kompromiss.

 

Es hat gute Gründe, warum fast alle Streitkräfte entweder Bullpub Sturmgewehre, oder welche mit Klappschaft, beschaffen. Vom ukrainischen Malyuk, bis zum Tavor aus Israel. Selbst die russische Armee hat an fast allen AKs Klappschäfte. In den USA werden auch immer mehr AR-15 mit Klappschaft entwickelt (die können meist nur ausgeklappt geschossen werden, weil die Verschlussfeder in der Schulterstütze sitzt). Und die Bundeswehr soll nun ein Gewehr bekommen, das nicht verkürzt und nicht mal im Anschlag fertig geladen kann. Der Ladehebel aller AR-15 Varianten befindet sich schließlich an einer sehr ungünstigen Stelle. Auch das zeigt, dass AR-15 Gewehre technisch nicht auf dem aktuellen Stand der Technik sind.

In mehreren Jahren, die ich als Soldat meinen Dienst geleistet habe, trat mit scharfer Munition niemals eine Störung an meinem G36 auf! Diese Zuverlässigkeit konnte das Gewehr nur leisten, weil an kaum einer Stelle Schmutz in die Waffe eindringen kann. Das HK416 kennzeichnen viele offen liegende und filigrane Hebel (jeweils auf beiden Seiten vom Gehäuse).

Wenn ich nur daran denke, wie oft wir unsere G36 an Fahrzeugen, Panzerluken und Bäumen angeschlagen haben. Wie wir sie durch den Dreck gezogen haben und sie Eis, Schnee und Regen ausgesetzt waren... So hochwertig das HK416 ist, diese kleinen Hebel werden nach 2-3 Jahren in einer  Grundausbildungskompanie kaputt sein. Abgesehen davon ist die Bedienung zu kompliziert.

Worauf ich raus will ist, dass die Länge der Waffe ein ganz entscheidender Faktor ist. Er wird sogar wichtiger sein als die Präzision. Ein Sturmgewehr ist schließlich eine Standard Waffe, mit der alle Soldaten ausgerüstet werden, vom Sanitäter (ja auch Sanitäter gehen teilweise mit Gewehren in den Einsatz), über den Koch, den Kraftfahrer, bis hin zum Artilleriesoldaten. Ohne das Sturmgewehr wären viele dieser Soldaten mit Pistolen oder MPs ausgerüstet. Und genau da liegt der Knackpunkt, es muss für Alle und Alles irgendwie tauglich sein. Für präzises Einzelfeuer auf 300m, bis hin zu Feuerstößen im Häuserkampf. Dass sich in den letzten Jahren die DMR Präzisionsgewehre durchgesetzt haben, ist auch ein Grund, dass die Präzision des Einzelschützen etwas weniger gewichtig ist. Wenn in einer Gruppe eine präzise Waffe vorhanden ist, können bei den restlichen Sturmgewehren dabei Abstriche gemacht werden. Präzision ist immer wichtig, das steht außer Frage, aber es hat ja auch gute Gründe, dass nicht jeder Soldat mit einem G22 Scharfschützengewehr ins Gefecht zieht.

Die Frage was besser ist, Bullpub, oder Klappschaft, will ich hier nicht ausführen. Beide Systeme haben Vor- und Nachteile. Damit Ihr wisst, dass ich hier nicht nur vom Schreibtisch aus irgend welche Theorien im Internet verbreite: Ich habe das G36 mehrere Jahre dienstlich geführt und ich habe auch ein Bullpub Sturmgewehr mehrere Jahre dienstlich geführt. Welches Bullpub Gewehr das war, will ich aus Datenschutzgründen nicht erzählen. Wichtig ist dabei aber, dass wir dieses Bullpub Gewehr wegen seiner geringen Größe geschätzt haben. Das hat einige Mängel an der Waffe tatsächlich ausgeglichen. Ein HK416 hatte ich nie im Einsatz, ich habe aber das MR223 mehrfach geschossen, von 5m bis auf 300m. Weil ich einen praktischen Vergleich mit diesen Waffen habe, außerhalb von zivilen Schießanlagen, komme ich zu der Aussage: Ich würde niemals ein G36 gegen ein HK416 tauschen wollen! Es ist nicht nur so, dass ich die Beschaffung des HK416 kritisch sehe, ich halte sie für völlig absurd (ich weiß, dass ich mich damit wiederhole)! Das HK416 grenzt für mich schon an die völlige Untauglichkeit, um damit jeden Militärkoch, Fernmelder, Kraftfahrer und ABC-Abwehr Soldaten auszurüsten. 

(Das auf dem Foto links bin Ich am Fallschirm)

Was machen jetzt wohl die Fallschirmjäger, ohne einen Klappschaft? Ich stelle mir gerade vor, wie das HK416 im Sprunggepäckbehälter (eine Tasche, die an einer Leine unter dem Fallschirmjäger hängt) auf dem Boden aufschlägt. Dem G36 hat das nie etwas gemacht, weil es klein war (es wirkt weniger Hebelkraft auf die Teile), weil es leicht war und die Teile, durch den Kunststoff, in sich flexibel sind. Es ist schon absehbar, wie viele Verletzungen eine so große Waffe im Sprungdienst verursachen wird. Ich gehe davon aus, dass die Fallschirmjäger einfach das G36 behalten werden. Die auf dem G36 verwendete Optik halte ich übrigens tatsächlich für veraltet, diese zu ersetzen wäre aber auch kein großer Aufwand.

Es ist in keiner Weise mein Absicht die zivilen MR223 Besitzer zu ärgern oder zu kränken. Ich erwarte ja von niemandem, dass er meine Meinung teilt. Nehmt mir meine Kritik am HK416 bitte nicht übel, liebe MR223 Besitzer. Ihr wolltet das beste Gewehr am Markt haben und habt zweifellos eine tolle Waffe gekauft. Es ist eine perfekte Waffe für Sportschützen, aber meiner Meinung nach, ganz sicher nicht für die breite Masse der Bundeswehrsoldaten. Ich besitze selber ja auch einer Oberland-Arms AR-15 und bin damit sehr zufrieden.

Das G36 von Heckler & Koch ist nicht nur eine gute Waffe, es ist eine hervorragende Waffe.
Das G36 von Heckler & Koch ist nicht nur eine gute Waffe, es ist eine hervorragende Waffe.

Das HK433 zeigt den aktuellen Stand der Technik. Mir ist kein Grund bekannt, warum man nicht das viel sinnvollere HK433 beschaffen sollte. Ich halte auch das belgische FN SCAR, das tschechische CZ BREN 2, das israelische IWI Tavor, oder das kroatische HS-VHS für viel sinnvollere Standard Sturmgewehre.

 

 

 

 


Eine Entschuldigung an meine Leser

Den meisten von Euch wird bekannt sein, dass ich diesen Blog lediglich als Hobby betreibe. Ich habe eine Familie und eine richtige Arbeit. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bloggern, verdiene ich absolut keinen Cent, weil ich Werbung aus Prinzip ablehne. Genau genommen ist es sogar so, dass ich Geld in den Tactical-Dad Blog stecke. Das mache ich gerne und die Leserzahlen und die vielen Zuschriften, zeigen mir immer wieder, dass ich damit offenbar etwas richtig mache.

 

Ich habe viele Zuschriften in den letzten Wochen bekommen, viele von ganz neuen Lesern und auch einige von Lesern, die meinen Blog schon seit Jahren verfolgen und zu denen ich bereits Kontakt hatte. Es wurden, wegen dem Ukraine Krieg jedoch so viele, dass ich teilweise nur sehr oberflächlich antworten konnte. Ich befürchte sogar, dass ich es in ein paar Fällen ganz vergessen habe zu antworten. Da waren z.B. auch Leser darunter, die wirklich interessante Berufe haben und an einem allgemeinen Austausch interessiert waren. Aber auch Leser die eine grundsätzliche Beratung zur Krisenvorsorge wollten. Mit meinem Hobby Blog bin ich diesbezüglich an die Grenze dessen gestoßen, was ich leisten kann. Durch den Krieg und die Spannungen mit Russland, sah ich mich veranlasst, auch mehr als sonst zu schreiben. Zusätzlich hatte ich ein paar Dinge an meiner eigenen Krisenvorsorge zu verbessern, was auch Zeit in Anspruch genommen hat.

 

Ich befürchte sogar, dass einige meine Antworten als arrogant angesehen haben. Auf mehrseitige Mails habe ich teilweise mit nur wenigen Sätzen geantwortet und bin auf Vieles gar nicht eingegangen. Das habe ich bei manchen Mails sogar, mehr oder weniger, absichtlich gemacht. Aus dem Grund, weil ein weitergehender Austausch nicht möglich gewesen ist. Ich betreibe den Blog gerne. Und damit das auch so bleibt, will ich selber entscheiden, wann und wie viel Zeit ich dafür investiere. Sollte ich mich gezwungen sehen, Lesermails krampfhaft und lange beantworten zu müssen, würde ich vermutlich den Spaß an dem Blog verlieren. Tactical-Dad existiert nur, weil mir das Bloggen Spaß macht und das soll auch so bleiben.

 

Auf die Mails von "Lesern", die mich Dinge gefragt haben, die auf dem Blog stehen und wo sie ganz offensichtlich nur zu faul waren, die Berichte überhaupt ganz zu lesen, will ich hier gar nicht eingehen (oder nicht mal die FAQs vorher gelesen haben). Aber bedenkt bitte, dass mich in den letzten Wochen auch derartige Mails einiges meiner verfügbaren Zeit gekostet haben.

 

Und genau dafür bitte ich hier um Entschuldigung. Es tut mir wirklich leid, dass ich einige interessierte Leser regelrecht abgewimmelt habe. Bitte versteht das nicht falsch, es war mir in den letzten Wochen schlichtweg nicht möglich, mir mehr Zeit für die Mails zu nehmen. Und da erschien mir das Abwimmeln besser, als die Mails gar nicht zu beantworten.

Ich wünsche Euch weiterhin viel Spaß auf dem Blog und hoffe, dass mein Blog einen kleinen Teil zu eurer Sicherheit beitragen kann.

 


Eine Walther oder eine H&K Pistole kaufen?

Ein Leser fragte mich die Tage nach meiner Meinung, ob ich ihm zu einer Walther oder einer H&K Pistole raten würde und was meine Erfahrungen beim Service sind? Ich dachte mir, dass das vermutlich noch mehr Leser interessieren könnte und will es daher hier öffentlich beantworten.

 

Ich bin der Meinung, dass die Wahl zwischen Walther und H&K Selbstverteidigungspistolen relativ nebensächlich ist. Beide Firmen stellen sehr gute Waffen her und mit keiner davon wird man etwas falsch machen. Viel wichtiger ist der individuelle Eindruck, den man von der Handlage und dem Abzugsverhalten hat. Aber es gibt etwas, was ich schon mehrfach thematisiert habe und was vor allem bei Waffenscheininhabern und teilweise auch bei Jägern wichtig ist. Ich will daher auf meine entsprechenden Berichte über den Waffenschein und die Glock verweisen. Die Größe der Pistole, das Abzugs- und Sicherungssystem sind viel wichtiger, als der Herstellername. Das Holster und die Zuverlässigkeit mit der Einsatzmunition natürlich auch. Ich habe das schon so oft mitbekommen, dass Waffenscheininhaber ihre Einscheidung bereut haben. Sie haben erst nach einigen Wochen bemerkt, dass die Pistole zu groß ist und ein Sicherungshebel eben doch sinnvoll gewesen wäre. Erfahrungen von Behörden sind nicht 1:1 auf den privaten Waffenbesitz übertragbar. Die deutschen Waffenbesitzer werden diesbezüglich vom Marktangebot getäuscht. Werft ein Blick in die USA, dort werden viel mehr Waffen mit Sicherungshebeln verkauft. Das hat nichts mit der berüchtigten Produkthaftung in den USA zu tun, sondern mit den praktischen Erfahrungen der vielen Waffenscheininhaber.

Um auf die Grundfrage zurück zu kommen: Walther hat einen sehr guten Service und egal was man von ihnen will, meist wird einem schnell und gründlich geholfen. Mit etwas Glück kann man dort sogar das neue Werksmuseum besichtigen (Video) Bei H&K ist das anders, die Firma meidet jeden Kontakt zum Endkunden und will nur mit Behörden und Großhändlern zu tun haben. Meist wird man von H&K nicht mal eine Antwort auf seine Anfrage bekommen. Beim Service ist Walther haushoch überlegen. Ein weiteres Problem von H&K ist, dass es bei vielen Modellen regelmäßig Lieferschwierigkeiten gibt. Es gibt aber doch einen Grund, warum meine letzte Verteidigungspistole die H&K SFP-9SK geworden ist. Ich bin vom Entwurf der SFP-9 überzeugt und die Pistole liegt mir sehr gut. Und dann kommt noch etwas Anderes dazu, H&K Waffen haben mich nie enttäuscht. Ich bin schon sehr lange Waffenträger und habe umfangreiche Erfahrungen mit diversen H&K Waffen. Und noch kein einziges Mal habe ich selber eine Störung bei einer H&K Waffen gehabt (ausgenommen mit Manövermunition, also Platzpatronen). Da Ihr meinen Lebenslauf nicht kennt, könnt Ihr diese Aussage vermutlich nur schwer einordnen. Für mich selber ist diese Erfahrung aber so relevant, dass ich immer erst eine H&K Waffe kaufen würde. Erst wenn die Firma nichts Passendes hat, oder viel zu teuer ist, würde ich eine Waffe von einem anderen Hersteller kaufen. Vom H&K MR223 habe ich aber eine sehr schlechte Meinung. Das hat nichts mit Qualität, Präzision oder Zuverlässigkeit zu tun, sondern mit dem schweren, komplizierten und veralteten System. Auch wenn ich mit dieser Meinung auf viel Kritik stoße, ich würde niemals freiwillig ein G36 gegen ein HK416 eintauschen (oder ein HK243 gegen ein H&K MR223). Das MR223 ist sicher eine super Sportwaffe, aber als Militär- oder Polizeiwaffe finde ich das G36 erheblich besser. Ich halte die Entscheidung von der französischen Armee und der Bundeswehr, das HK416 zu beschaffen, für dumm, irre und absurd.

 

Das sind jedenfalls meine ganz persönlichen Erfahrungen und vielleicht helfen sie bei eurer Entscheidungsfindung. Mir ist sehr wohl bewusst, dass nicht alle meine Meinung teilen und einige vermutlich auch Anderes erlebt haben. Aber meine Aussagen erheben auch keinen Anspruch auf eine Allgemeingültigkeit, es sind nur meine eigenen Erlebnisse. Weil ich schlecht von der Glock denke und auch öffentlich darüber spreche, wurde mir mal, in den Tiefen des Internet unterstellt, dass ich ein "H&K Fanboy" wäre. So sehe ich mich sicher nicht. Aber im Gegensatz zu 99% aller anderen Blogger ist Tactical-Dad werbefrei und unabhängig und ich kann daher meine Meinung sagen. Jeder darf mit seiner Glock glücklich sein, mich greift das nicht an und stört mich auch nicht. Im Umkehrschluss schaffen es die "Glock Fanboys" aber nicht, in der selben Weise meine Kritik an dieser gefährlichen Pistole zu tolerieren.

 


Vor dem Fallout einer Atombombe flüchten?

Oder auch: "Vorsicht vor dem Halbwissen von Influencern"

 

Durch den Ukraine Krieg meinen diverse Blogger, dass sie etwas über den ABC-Schutz veröffentlichen müssen. Schließlich verdienen sie mit "Klicks" ihr Geld. Blöd ist nur, wenn sie dabei gefährliches Halbwissen verbreiten, dass so unfassbar falsch ist, dass ich dazu etwas sagen sollte. Normalerweise mag ich es gar nicht, schlecht über Andere zu reden. Aber da dieser Blogger noch dazu meine kostenlosen und werbefreien Inhalte kopiert hat und jetzt versucht selber damit Geld zu verdienen, habe ich auch keine Gewissensbisse darauf hinzuweisen. Den Namen des besagten Influencers werde ich aber nicht nennen.

 

Vor einigen Tagen hat er behauptet, dass man sofort aus seinem Wohnhaus flüchten soll, wenn eine Kernwaffe eingesetzt wird und man sich im Falloutbereich befindet. Die Strahlung des Fallout baut sich so rapide ab, dass nach 7h nur noch 10% davon vorhanden sind. Nach 7x7h ist es nur noch 1%. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass man sich sofort in einen provisorischen Schutzraum begeben muss, um die aufgenommene Dosis, so weit wie möglich, zu minimieren. In den ersten Tagen nach einer Kernwaffenexplosion darf man sich also auf keinen Fall im Freien befinden. Dort würde man in kurzer Zeit eine lebensgefährliche Dosis aufnehmen. Das kann man z.B. auch in der Broschüre "Jeder hat eine Chance" von 1961 auf der letzten Seite nachlesen (sie wurde damals an alle Haushalte verteilt). Abgesehen davon, hat diese Flucht-These unzählige weitere Fehler. Jeder will in dem Moment flüchten, die Straßen sind verstopft und die Notunterkünfte voll. Wenn man den Film "Die Wolke" angeschaut hat, sollte man darauf eigentlich auch selber kommen. Bei einer Flucht muss man seine Vorräte zurück lassen und setzt sich eine Vielzahl an Gefahren aus (Raub, Vergewaltigung, Kälte usw.). Ich hatte beim Hurrikan Katrina in New Orleans den Eindruck, dass die meisten Menschen, die in der Notunterkunft im Superdome waren, nicht über den dort erlebten Horror sprechen wollten. Entsprechende Berichte gibt es aber doch genug (Link, Link). Im schlimmsten Fall dreht der Wind und der Fallout erwischt einen ungeschützt. Es kann genau so gut sein, dass man in das Abwurfgebiet der nächsten Kernwaffe rein marschiert, was 1945 sogar vielen Bewohnern aus Hiroshima passiert ist, die nach Nagasaki geflüchtet sind (Bericht auf Seite 18).

Eine fiktive Prognose für die Fallout Ausbreitung eines KKW Unfalls in Grafenrheinfeld vom Bfs. Der Wind hat gedreht und jeder der nach Süden flüchtet, wird voll erwischt... (Quelle: Klick aufs Bild)
Eine fiktive Prognose für die Fallout Ausbreitung eines KKW Unfalls in Grafenrheinfeld vom Bfs. Der Wind hat gedreht und jeder der nach Süden flüchtet, wird voll erwischt... (Quelle: Klick aufs Bild)

Quelle: Strahlenschutz Infos vom Zivilschutz.at

 

Eine Flucht aus dem Falloutgebiet macht erst Sinn, wenn die Strahlung weit genug abgeklungen ist, dass man das verstrahlte Gebiet einigermaßen gefahrlos durchqueren kann. Zum Vergleich: Militärstrategen planen, die Soldaten frühstens nach zwei Tagen Aufenthalt im Schutzraum, in den Kampf zu schicken. Und hierbei ist bereits eine erhebliche Lebensgefahr, zur Rettung der eigenen Nation, eingeplant.

 

 

 

Bitte achtet darauf, auf wessen Tipps Ihr euch verlassen wollt. Influencer mit Werbe-Interessen gehören da sicher nicht dazu. Ein Indiz für eine gute Informationsquelle ist, ob dort bereits früher das Thema ABC-Schutz behandelt wurde. Positiv ist mir diesbezüglich der Youtube Kanal BugOutSurvival NRS aufgefallen. Er zeigt in seinem aktuellen Video etwas über Behelfsschutzräume.

 

Ein wenig bla-bla:

Einige meiner Leser fragen sich vielleicht, warum ich so viele alte Quellen und Bilder für meine ABC-Schutz Themen nutze? Das hat den einfachen Hintergrund, dass es kaum aktuelle Quellen dazu gibt. Das Meiste ist in den 60er und 70er Jahren veröffentlicht worden. Daher hat es mich auch gefreut, als ich vor einigen Tagen das schweizer Reglement 52.163d "AC Schutzdienst" bekommen habe, was von 1995 stammt. Eine kostenlose und sehr umfangreiche Quelle an entsprechendem Wissen findet Ihr, sehr versteckt, auf der Seite des BBK. Alle Jahrgänge des Bevölkerungsschutz-Magazin kann man dort runter laden. Dazu muss man wissen, dass die Inhalte ganz und gar nicht veraltet sind. Es ist sogar umgekehrt, man sollte diese alten Quellen sehr aufmerksam lesen, denn sie enthalten vieles, was heute fast in Vergessenheit geraten ist, uns aber bald wieder beschäftigen wird. Dort findet man Berichte über Belegungsversuche von Zivilschutzanlagen. Man findet Ideen, wie Bauern Ihr Vieh vor dem Fallout schützen können, wie der Staat Schutzräume finanzieren kann und wie Zivilschutzgesetze entworfen werden können. Alle Staaten haben für den aktuellen Ukraine Krieg eine Richtschnur in der Geschichte des Kalten Krieges. Die Politik kann aus der Geschichte lernen, wie man eine Eskalation des Krieges verhindert. Und genau so, kann man in diesen Zeitschriften nachlesen, wie man den deutschen Zivilschutz wieder aufbauen kann.