Überfälle auf Geldtransporter - ein Indikator für die Intensität der Kriminalität?

Das Geldtransport Gewerbe ist in Deutschland recht verschwiegen. Und ich selber habe dort leider nie direkt gearbeitet. Eine meiner früheren Sicherheitsfirmen hatte vor vielen Jahren lediglich Geldtransportfirmen lageangepasst unterstützt. Ich will damit also erst mal vorwegnehmen, dass ich absolut kein Fachmann für dieses Thema bin. Aber beim Blick ins Ausland fällt mir diese Sicherheitssparte immer wieder mal auf. Mir erscheint es so, als wären die Überfälle auf Geldtransporter ein Indikator für die Schwere der örtlichen Kriminalität. Also nicht unbedingt für die gesamte Kriminalität, sondern genauer gesagt dafür, wie viele gewaltbereite Kriminelle es gibt, wie diese ausgerüstet und bewaffnet sind und in wie weit sie in der Lage sind sich zu organisieren. Ein Junkie "braucht" seine Drogen und ist sehr schnell bereit, dafür einen Überfall auf eine Einzelperson mit einer "Alltagswaffe", wie einem Küchenmesser oder eine Airsoftpistole, zu begehen. Von derartigen Überfällen kann es sehr viele, überall in der Welt, geben. Aber wenn eine Gruppe von 12 bewaffneten Räubern das Feuer auf einen Geldtransporter eröffnen, wie neulich im südafrikanischen Florida, dann will ich mir so etwas genauer anschauen. Ich denke hierbei auch immer, dass sich der Blick ins Ausland lohnt, denn davon kann man fast immer etwas lernen.

 

Ich habe vor vielen Jahren, irgendwo, ein paar Zahlen zu Geldtransporter Überfällen gelesen. Gemerkt hatte ich mir nur, dass es in England mehr derartige Überfälle gibt, als im ganzen Rest von Europa zusammen. Ob das so richtig ist, weiß ich nicht. Aber bei einer kurzen Recherche dazu erscheint diese Behauptung nicht aus der Luft gegriffen zu sein.

 

In Deutschland sind solche Überfälle ziemlich selten und die Täter werden meist von der Polizei ermittelt. Die Geschäfte und Banken haben ausgeklügelte Systeme entwickelt, über die in kriminellen Kreisen wenig bekannt ist. Viel mehr, als dass die Fahrzeuge gepanzert und mit GPS-Trackern ausgestattet sind, wissen diese Leute meist nicht. Schon bei den elektronischen Sicherheitseinrichtungen an den Geldkoffern weiß kaum einer, wozu diese genau sind. Wenn man sich ein paar Daten anschaut, sieht man, dass es in Deutschland etwa nur 2-10 Überfälle jedes Jahr gibt. Bei etwa 80.000.000 Einwohnern ist diese Zahl extrem niedrig. Das hat natürlich auch mit den entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen zu tun und der Bewaffnung der Transporte. Der Hauptgrund wird aber eine "gesunde" und funktionierende Gesellschaft sein. Also ein Staat in dem selbst dem dümmsten und ungebildetsten Kleinkriminellen eine Chance geboten wird. Der Einzelhandel schickt kaum noch Mitarbeiter abends mit den Einnahmen zum Nachttresor und daher sieht man im Alltag immer sehr viele Geldtransporte. Es macht dein Eindruck, als ob dieses Geschäft in Deutschland recht ruhig und stabil ist. Laut diesem Bericht liegt Deutschland sogar ganz unten in der Statistik dieser Überfälle.

 

Bei der Bewaffnung von Geldtransporten haben sich in Deutschland Revolver durchgesetzt. Das hatte vor allem den Grund, dass diese oft wesentlich günstiger waren, bevor es Pistolen mit Kunststoffgriffstück gegeben hat. Aber eigentlich noch wichtiger ist, dass Revolver, bei schlecht ausgebildetem Personal, zu erheblich weniger Schussunfällen führen, als es Selbstladepistolen tun. Weit verbreitet waren auch die Arminius Revolver aus Gussstahl, die man sogar heute noch für einen Neupreis von 350 Euro bekommt. Es gab aber auch vereinzelte Firmen, die Repetierflinten genehmigt bekommen und verwendet haben. Einen sehr guten Bericht, über Sondergenehmigungen für MPs, die zu RAF Zeiten privaten Sicherheitsdiensten verwendet haben, findet Ihr HIER. Dazu muss man aber auch wissen, dass die RAF sich vor allem durch Überfälle finanziell versorgt hat.

 

Der Fall Heros:

https://www.youtube.com/watch?v=atKo4bDZ7j4

Die Ikea Räuber:

https://www.youtube.com/watch?v=TNZkrEVugdQ

Auch in Deutschland werden ab und zu AK47 verwendet und damit auf die Polizei geschossen, wie hier in Berlin:

https://www.youtube.com/watch?v=2a4ef9Pkq5M

 

England, ein Land voller Räuber...

Ich habe früher öfter Urlaub in London gemacht. Als jemand der sich für Sicherheitsstrukturen interessiert, sind mir dort sofort die Unterschiede bei den Geldtransporten aufgefallen. Das Sicherheitspersonal trägt dort Schutzwesten und Schutzhelme. Aber keine ballistischen Helme, sondern welche, die zum Schutz vor Hieb- und Stoßwaffen vorgesehen sind. Für mich war das ein seltsamer Anblick. Ich muss vermutlich auch nicht extra erwähnen, dass Geldtransporter in England unbewaffnet sind. In England sind z.B. Kurzwaffen komplett verboten. Ein Blick auf ein paar entsprechende Daten zeigt, dass es dort zwischen 2009 und 2013 etwa 300 bis 1000 Überfälle jährlich gegeben hat. Eine Zahl, die man sich im Vergleich zu Deutschland kaum noch vorstellen kann. England hat etwas, das es bei uns zum Glück noch nicht gibt, die Gangkriminalität. Diese Ansammlungen von perspektivlosen Jugendlichen leben eine Kultur der Kriminalität und stehen unter einem sehr hohen Gruppendruck. Und genau das begünstigt Gewalttaten von einer erschreckenden Intensität. In Deutschland gibt es vermutlich nur einen Faktor, der damit vergleichbar ist, die Clankriminialität. Aber Gangs und Clans unterscheiden sich in vielen Bereichen. Bei den vielen Überfällen in England fällt aber auch auf, dass dort scharfe Schusswaffen nur sehr beschränkt eingesetzt werden. Das extrem strenge dortige Waffenrecht und vor allem die "Insellage" in Westeuropa, machen den Schmuggel von Schwarzmarktwaffen sehr schwer. Aber, wie man sehen kann, verhindert das strenge Waffenrecht keine Gewalttaten. Und mit Sicherheit werden die Geltransporte auch als "leichte Beute" angesehen, da kein Räuber bewaffneten Widerstand befürchten muss.

Quelle: https://careers.g4s.com/en/cash-solutions/sector

 

G4S ist ein großer Sicherheitskonzern, mit 500.000 Mitarbeitern. Wer sich für Sicherheitsstrukturen interessiert, sollte mal den Wikipedia Bericht dazu lesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/G4S

Auch Securitas ist mit seinen 300.000 Mitarbeitern ein interessanter Konzern (in der Schweiz heißt die Firma Protectas). Man sollte zu ihm wissen, dass der Name lateinisch ist und nicht englisch. Es wird daher sekuritas ausgesprochen und eben nicht sequritas.

 

In England kann man auch etwas Weiteres sehen, was ich schon öfter mal erwähnt habe. Das Moped wird als Tat- und Fluchtmittel verwendet, was für Kriminelle viele Vorteile hat. Man kann sich unauffällig sehr nahe an Opfer begeben, man kann damit im Stadtverkehr schnell und einfach flüchten, man ist bei der Tatausführung bereits maskiert usw... Die Verwendung der Mopets hat so ein Ausmaß erreicht, dass die Metropolitan Police inzwischen konsequent die Täter mit den Streifenwagen rammt und auch öffentlich erklärt, dass selbst Täter ohne aufgesetzten Helm gerammt werden. Das wiederum kommt daher, dass sich in kriminellen Kreisen verbreitet hat, dass Polizisten flüchtige Täter nur rammen dürfen, wenn diese einen Helm aufhaben, was wiederum zu einem entsprechenden Tat- und Fluchtverhalten führte.

Südafrika - Cash in transit heist and bombing

In Südafrika haben dieser Überfälle zwar etwas abgenommen, aber die Ausführung und die Tatmittel ändern sich. In den Jahren 2009 bis 2019 gab es im ganzen Land etwa 200 bis 300 Überfälle auf Geldtransporte pro Jahr. Man muss hierbei aber bedenken, dass diese eben auf eine andere Weise ausgeführt wurden, als in England. Die Sicherheitsmitarbeiter sind sogar recht gut bewaffnet. Sie benutzen meist Vektor LM5 Halbautomaten oder Muskrave Repetierflinten "Musler". Bei den Kurzwaffen ist erstaunlicherweise die billige Tokarev Kopie "Norinco 213" sehr verbreitet, bei den dortigen Sicherheitsdiensten. Um diese Bewaffnung zu "überbieten" und die Sicherheitsmaßnahmen zu "brechen" wird in Südafrika skrupellos bestochen, erpresst, gesprengt, gemordet...

 

In Südafrika werden teilweise sogar für alltägliche "Carjackings" AK-47 benutzt. Hierbei werden Pkws, meist an roten Ampeln, unter Vorhalt von Schusswaffen geraubt. Die spitze dieser Taten bildet wohl der Distrikt Gauteng, mit fast 8000 Hijackings im Jahr 2018. Das bedeutet, dass es alleine in diesem Distrikt jeden Tag 20 Fahrzeuge geraubt wurden. Der Distrikt lässt sich hinsichtlich seine Größe übrigens einigermaßen mit einem deutschen Bundesland vergleichen. Die hohe Zahl dieser Delikte ist auch der Grund, warum die privaten Sicherheitsfirmen diesbezüglich sehr gut ausgerüstet und aufgestellt sind. Die großen Firmen verfügen sogar über eigene armed Responder, die die gestohlenen Fahrzeuge sofort orten und mit Waffengewalt zurück holen. Die örtliche Polizei ("SAPS") spielt dabei nur noch eine Untergeordnete Rolle.

 

Was kann man aus Südafrika lernen? Es ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die die Kriminalität außer Kontrolle geraten lässt. Der Einzelne hat oft wenig Bildung und schlechte Chancen am Arbeitsmarkt. Der Staat ist allgemein eher schwach und der Polizei wird wenig Vertrauen entgegen gebracht. Korruption ist natürlich auch ein großes Thema. Durch die Lage von Südafrika können dort sehr leicht illegale Waffen eingeschmuggelt werden. Das Hauptherkunftsland dieser illegalen Waffen ist das angrenzende Mosambik (HIER in einer tollen Doku bei min. 29:00 zu sehen).

 

Fazit zu den Sprengungen der Geldtransporte:

Wenn Du zufällig Räuber von einem Geldtransporter weg laufen siehst, nähere dich nicht blindings, sie gehen vielleicht nur vor der, gleich folgenden, Expolosion in Deckung.

 

 

 

Ein Konvoi aus 2 Fahrzeugen und mit 10 bewaffneten Sicherheitsmitarbeitern wurde überfallen. Ein Mitarbeiter verbrannte im Fahrzeug:

https://www.iol.co.za/travel/south-africa/guard-burns-to-death-in-cash-in-transit-heist-226225

Ein Überfall schluf fehl, die Räuber machten keine Beute, aber 4 Sicherheitsmitarbeiter verbrannten in ihrem gepanzerten Fahrzeug:

https://www.news24.com/news24/this-was-very-bad-20061002

 

Hier ist ein europäischer Geldkoffer:

 

 

Das Geld liegt auf der Straße...

Quelle: https://www.timeslive.co.za/news/south-africa/2017-08-01-robbers-blow-up-cash-van-in-limpopo/

Quelle: https://issafrica.org/iss-today/corruption-is-fuelling-cash-in-transit-heists

 

Um derartige Bilder in Zukunft zu vermeiden, werden immer neue Techniken entwickelt. Wie hier, mit Systemen die das Fahrzeug notfalls mit Schaum füllen:


Fazit

Wenn ich das alles hier anschaue und mir Gedanken dazu mache, muss ich das Fazit ziehen, dass es uns in Deutschland sehr gut geht. Und dass wir dankbar für Vieles sein sollten!