Die Putzfrau die die Treppe nehmen musste

Ich hasse es so spät zur Arbeit zu kommen, so dass ich hetzen muss. Also komme ich meist Rechtzeitig. Dann habe ich genug Zeit und kann noch diverse Kleinigkeiten erledigen bevor die anstehenden Aufträge dies verhindern. So war es auch an diesem Morgen. Auf dem Dienstplan stand „Einsatztraining“ in der Frühschicht. Das bedeutete, dass ich zusammen mit einer Kollegin mit einem Streifenwagen raus fahre Richtung Stadtrand wo unser Trainingszentrum war. Üblicherweise steht dort Hauen-Treten-Schießen auf dem Plan. Bevor wir ausrücken können müssen wir aber meist einen Streifenwagen aus einer öffentlichen Tiefgarage in der Nähe unserer Wache holen. Unser Dienstbeginn war um 06:00 Uhr morgens, ich war bereits um 05:30 Uhr da.

Meist schaue ich gleich, wenn ich die Wache betrete, nach ob wir ein Fahrzeug aus der Tiefgarage holen müssen. So kann ich in meiner Zivilkleidung zur Garage laufen. An diesem Morgen hab ich mich erst umgezogen. Dann hab ich auf den Dienstplan geschaut. Beim Namen der Kollegin mit der ich diesen Tag zum Training sollte musste ich bereits schlucken. Wer meint, dass Frauen zur Deeskalation im Streifendienst beitragen kann sich diese Art von Frauen schlecht vorstellen. Sie häufen Beschwerden der Bürger an und rammen mit ihren Ellenbogen jeden Kollegen zur Seite der ihnen bei ihrer Karriere im Weg steht. Diese spezielle Kollegin könnte man auch als Sozial-Legastenikerin bezeichnen. Sie lebte in ihrer Welt und war nicht in der Lage sich über die Gefühle anderer Menschen Gedanken zu machen. Aber den Tag mit ihr durchzuhalten sollte nur die kleinere Herausforderung dieses Tages sein.
Da sie noch nicht da war holte ich mir beim Dienstgruppenleiter unsere Schlüssel um unser Fahrzeug zu holen und ging Richtung Garage. Ich musste durch einen U-Bahnhof um auf dessen Rückseite mit einem Aufzug in die Garage runter zu kommen. An diesem Morgen war jedoch nicht nur einer, nein, es waren beide Aufzüge kaputt. Die Treppe zur Garage befand sich auf der anderen Seite vom Häuserblock und auch noch eine Etage höher an der Straße. Mir machte das Treppensteigen keine besondere Mühe. Aber warum erwähne ich das? Ganz einfach, weil nun vor mir am Boden eine Frau lag, der es anders ergangen ist.


Hinter der Eingangstür, eine Glastür, direkt an einer viel befahrenen Straße, Lag sie am Boden und bewegte sich nicht. Neben ihr stand eine andere Frau mit einem Handy am Ohr. Sie blickte mich Hilfe suchend an. Ich sah die Frau am Boden an. Sie war etwa 55 Jahre alt und sah bürgerlich aus. Ich fragte, was passiert ist. Die Frau mit dem Handy in der Hand sagte, dass sie selber die Frau auch gefunden hat und es nicht weiß. Sie wollte gerade den Rettungsdienst rufen und hatte den Notruf in der Leitung.
Ich fasste ihr an den Hals. Kein Puls war zu fühlen. Ich streckte ihren Kopf nach hinten und nichts tat sich. Ich kniete auf den Fliesen des Treppenhauses direkt neben dem Kassenautomaten der Tiefgarage. Ich zog ihre Bluse hoch, hob sie am Gürtel an und schaute ihren Rücken von unten an. Keine Leichenflecken waren zu sehen. Jetzt nahm ich der anderen Frau das Handy aus der Hand, sagte in welchem Parkhaus wir waren und dass ich das Reanimieren anfange.

Jetzt war es soweit. Das war sie also, meine erste Reanimation. Ich habe bereits unzählige Erste Hilfe Kurse absolviert. Und das Reanimieren habe ich hundert Male geübt. Mir schossen lauter Gedanken durch den Kopf, in Bruchteilen von Sekunden. Werden Rippen brechen? Hat sie Krankheiten? Soll ich sie Beatmen ohne Maske? Wann wird der Rettungsdienst kommen?
Ich kniete immer noch neben ihr. Ich zog ihre Bluse noch weiter hoch. Meine Handballen fanden sich ganz automatisch auf ihrem Brustbein wieder. Ich zählte: eins, zwei, drei, vier, fünf....
In meinem Kopf spiegelte sich die jahrelange Drillausbildung wieder. Nichts auf dieser Welt kann in solchen Situationen Drillausbildung ersetzen. Das war genau das Selbe wie mir als Soldat der Umgang mit der Gasmaske eingedrillt wurde. Ich kam immer näher zu dreißig. In meinem Kopf hämmerte es „dreißig mal Drücken, zwei mal Beatmen“. Soll ich beatmen? Hat sie Krankheiten? Siebenundzwanzig, achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig! Scheiß drauf! Ich drückte ihr Kinn nach oben. Meine Lippen umschlossen ihre Nase. Ich blies hinein. Ein mal, zwei mal. Ihre Brust bewegte sich. Ich begann ihr erneut aufs Brustbein zu drücken. Schnell, so schnell ich konnte. Ich zählte laut und drückte. Ich drückte und beatmete. Wie ich es gelernt hatte. Mir rann die erste Schweißperle in die Augen. Es war ein lauer Sommermorgen und ich trug meine schwarze Lederjacke. Meine Dienstmütze lag bereits lange in irgend einer Ecke des Treppenhauses.

Die andere Frau stand immer noch neben mir. Sie sagte nichts. Sie sah völlig hilflos und überfordert aus. Sie schien mir nicht helfen zu können. Ich schickte sie auf die Straße um dem Rettungsdienst den Weg zu zeigen.
Ich drückte weiter: Fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn....
Ich weiß nicht wie lange ich reanimiert habe. Es war nicht so lange. In meinem Revier hatten wir immer den Vorteil, dass der Rettungsdienst genau so kurze Wege hatte wie wir. Vermutlich waren es nur 5 Minuten. Ich hörte die Martinshörner. Vor der Tür graute der Morgen. Das rosa Licht das auf die Straße fiel wurde mit blauen Blitzen durchzuckt. Mir rann der Schweiß übers Gesicht. Sanitäter und Feuerwehrmänner (in unserer Stadt fährt die Feuerwehr zu Reanimationen mit) rannten nun über die Straße zu mir. Ich verspürte eine große Erleichterung. Ich drückte weiter auf ihren Brustkorb. Neben mir wurden Rettungsrucksäcke usw. auf den Boden gestellt. Einer zog gleich einen Beatmungsbeutel raus, kniete sich über ihren Kopf und hielt den Beutel bereit. Ich zählte weiter. Siebenundzwanzig, achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig. Ich machte Pause und der Sanitäter beatmete sie zwei Mal. Ich drückte weiter. Ein Feuerwehrmann zerschnitt ihre Bluse, drückte mich zur Seite und übernahm meinen Platz.
Ich verweilte ein paar Sekunden und schaute was passierte. Ihr wurde eine Infusion in den Handrücken gelegt, ein Defibrillator wurde angeschlossen usw. Draußen auf der Straße fuhr der Notarzt vor.
Ich war ganz benebelt. Als hätte ich einen Alkoholrausch gehabt. Meine Knie waren weich. Ich wischte mir den Schweiß aus dem Gesicht und machte meine schwere Lederjacke auf. Ich ging auf die Straße und ließ die Retter ihre Arbeit machen. Im Treppenhaus konnte ich jetzt nichts mehr tun, außer im Weg zu stehen.
Die andere Frau stand mit hängenden Schultern auf dem Gehweg. Wir schauten uns an. Zu sagen hatten wir uns beide jetzt nichts. Vermutlich war in unseren beiden Gesichtern Verzweiflung zu erkennen.
Ich nahm mein Handy und rief den Polizeinotruf und forderte eine Streife an. Die nächste Dienstgruppe müsste gerade eben die Frühschicht übernommen haben.
Ich schaute noch mal die Frau an und versuchte eine Gespräch zu beginnen. Wir hatten irgendwie eine seltsame Bindung entwickelt. Wir hatten nicht mehr als drei Sätze miteinander geredet und kannten uns nicht. Aber das Erlebte spannte ein Band zwischen uns. Das Sprechen fiel uns beiden aber schwer. Und es fühlte sich so an, als gäbe es eh nichts zu sagen.
"Scheißmorgen" sagte ich zu ihr. Sie nickte. Ich fragte sie nach ihrem Ausweis. Denn wenn Polizisten nicht weiter wissen machen sie halt das was im Zweifelsfall immer funktioniert. Ich notierte ihre Daten. Das war eigentlich nicht nötig, denn ich würde den Fall nicht aufnehmen. Nun erzählte sie mir, dass sie die Frau 15 Minuten vor mir auf dem Boden liegend gefunden hat. Sie wusste nicht was sie tun soll. Also versuchte sie vor der Tür Autos anzuhalten und um Hilfe zu bitten. Das hat sie 10 Minuten lang versucht. Aber keiner hielt an. Auch ein Fußgänger auf der anderen Straßenseite ging schnell weiter. Sie hat versucht der Frau zu helfen so gut sie konnte. Sie wollte nicht einfach weiter gehen, denn das wäre falsch gewesen. Was sie aber nicht konnte war die Frau anzufassen und das zu tun was man in jedem Erste Hilfe Kurs lernt. Nach 15 Minuten überwand sie ihre Angst und wählte die 112. Das war der Moment wo ich durch die Türe kam.
Die Kollegen kamen mit Blaulicht um die Ecke geschossen. Hinter mir hörte ich den Defibrillator "wird geladen" "bitte zurücktreten, jetzt darf niemand den Patienten berühren". Mir lief ein Schauer über den Rücken. Mir war eigentlich jetzt schon klar, dass ihr nicht mehr zu helfen war. Reanimationen sind selten von Erfolg gekrönt.
Ich wies die Kollegen in die Situation ein und übergab ihnen den Ausweis unserer Zeugin. Ich verabschiedete mich von ihr. Das sind immer diese Momente wo wir aufpassen müssen was wir sagen. Vermutlich habe ich zu ihr "machen Sie es gut" oder "ich wünsche Ihnen alles Gute" gesagt. Jungen Kollegen rutsch hierbei leider viel zu oft so ein Mist raus wie "ich wünsche Ihnen trotzdem noch einen schönen Tag"...
Ich holte unseren Streifenwagen und fuhr zur Dienststelle.
Jetzt ließ langsam das Adrenalin nach und ich bemerkte, dass ich den bekannten Leichengeruch im Mund hatte. Jetzt schmeckte ich es langsam. Es kam von der Luft die beim Beatmen zurück gekommen ist. Mir wurde übel und ich wurde blass. Mein Magen stieß immer wieder leicht auf. Die Katastrophe von einer Kollegin kam nun auch in unseren Sozialraum wo ich saß. Ich fragte mich ob ich es im Fall der Fälle noch rechtzeitig zum Klo schaffen würde. Ich sagte hallo, hatte aber kein großes Interesse jetzt mehr mit ihr zu sprechen. Irgend ein anderer Kollege erzählte ihr sowieso was gerade passiert war. Auch mein Gruppenleiter kam nun zur Arbeit und redete kurz mit mir. Er wollte sich vergewissern dass ich damit klar komme. Ja, keine Frage. Ich kam damit klar. Nur der Geschmack im Mund. Mir war so elendiglich schlecht.
Wir fuhren zum Einsatztraining. Ich fuhr, wie immer. Die Kollegin fuhr nie, egal mit wem sie unterwegs war. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass sie sich größere Karriere Chancen versprach wenn man sie am Funk hört (der Beifahrer funkt immer). Als wir uns im Unterrichtsraum mit den Kollegen der anderen Dienststellen versammelt hatten rief ein Trainer meinen Namen. Ich meldete mich und er sagte, dass ich Bescheid sagen soll wenn es nicht mehr geht. Mein Gruppenleiter hatte also bereits angerufen und sorgte sich um mich.
Den ganzen Tag über bekam ich den Leichengeschmack nicht aus dem Mund. Ich suchte immer gleich nach dem kürzesten Weg zum nächsten Klo. Aber ich schaffte es ohne mich übergeben zu müssen. Vermutlich hätte ich mir einfach die Finger in den Hals stecken sollen. Das hätte es bestimmt etwas angenehmer gemacht.
Als ich nun zum 10. Mal an diesem Tag sagte "mir ist so schlecht", kam vom meiner Kollegin der Satz den ich nie vergessen werde: "Du bist Polizist, sowas musst Du schon aushalten"!!! Dazu fiel mir wirklich nichts mehr ein.
 

Fühlte ich mich jetzt als Held? Nein, ganz gewiss nicht! Ich hatte nichts besonderes getan. Es war zwar nicht alltäglich, aber es war meine Arbeit. Die Frau (eine Putzfrau auf dem Weg zur Arbeit, wie ich später von der Kripo erfuhr) war tot. Daran hätte ich sowieso nichts ändern können. Sie lag dort etwa 1 Stunde, bis wir sie fanden. Am nächsten Tag war ich wieder Fit und die Geschichte belastete mich nicht. Aber natürlich machte ich mir Gedanken um diesen Fall. Zum Glück tat ich das.
Mich durchzog es einige Tage später wie ein Blitz! Unsere Zeugin sitzt jetzt Zuhause und glaubt, dass sie für den Tot dieser Frau verantwortlich ist. Sie glaubt, dass sie nur tot ist, weil sie nicht in der Lage war ihr zu helfen! Ich ging schnellen Schrittes zum Computer und suchte den Fall raus. Die Kollegen hatten ihre Telefonnummer protokolliert. Ich wählte ihre Nummer und fragte sie, ob die Kripo noch mal mit ihr gesprochen hat. Nein, das hatten sie nicht. Ich sagte ihr nun, dass sie niemals denken soll, dass sie für ihren Tot verantwortlich ist. Ich sagte ihr, dass diese Frau bereits 1 Stunde tot war und keiner von uns daran etwas hätte ändern können. Ich hörte, wie schwer es ihr fiel weiter mit mir zu reden. Sie sagte, dass sie aber genau das denkt. Ich erklärte ihr, dass wir die Videoaufzeichnungen der Tiefgarage ausgewertet hatten und wir beide keinen Einfluss auf alles hatten. Sie bedankte sich bei mir für diese Information und wir verabschiedeten uns. Mir war klar, dass ich gerade eben etwas wichtiges getan habe. Es ist das Beste gewesen, was ich je bei meiner Arbeit gemacht habe. Ich habe diese Frau von ihrer Last und ihren falschen Selbstvorwürfen befreit. Unsere Todesermittler haben nicht mehr daran gedacht, dass diese Frau sich evtl. Vorwürfe macht.
Am nächsten Tag, ich war nicht bei der Arbeit, kamen die Kinder und der Ehemann dieser Frau zu unserer Wache. Sie wollten mich sprechen. Da ich nicht da war erzählten sie meinem Chef, dass sich ihre Mutter mit Selbstvorwürfen fertig gemacht hat. Sie waren wirklich dankbar, dass ich an sie gedacht habe.
Ja, das war für mich persönlich eine Heldentat. Doch sie wird sich in keiner Beurteilung und in keinem Protokoll wieder finden. Ich werde dafür keine Beförderung und keine Prämie bekommen. Aber es ist etwas auf das ich wirklich stolz bin. Vermutlich hätte ich ihr diese Informationen, die Teil einer Todesermittlung waren, nicht mal weiter geben dürfen. Aber das war mir egal.
Ich habe ein paar Monate später durch Zufall von ihrem Ehemann erfahren, dass sie es nicht mehr schafft in Tiefgaragen zu fahren. Das war das letzte was ich von ihr gehört habe.
In der nächsten Zeit hab ich mir immer wieder darüber Gedanken gemacht warum es manche Menschen nicht schaffen zu helfen. Ich hab Videoaufnahmen gesehen, von Passanten die minutenlang mit dem Handy in der Hand neben einem Bewusstlosen stehen. Sie wissen, dass sie helfen müssen. Sie wollen helfen. Aber sie haben massive Hemmungen davor den Notruf zu wählen. Wirklich schlau geworden bin ich jedenfalls nicht aus diesen Fällen. Denn falsch machen kann man mit einem Anruf nie etwas.

Das Wissen darum wie man Schlösser öffnet ist mir oft von Nutze bei der Arbeit.
Das Wissen darum wie man Schlösser öffnet ist mir oft von Nutze bei der Arbeit.
Kampf gegen die Langeweile im Ford Transit.
Kampf gegen die Langeweile im Ford Transit.
Wir waren ein verschworener Haufen und gute Kameraden. Unser CH53 Hubschrauber bracht uns meist zu unserem Einsatzort.
Wir waren ein verschworener Haufen und gute Kameraden. Unser CH53 Hubschrauber bracht uns meist zu unserem Einsatzort.