Die Journalistin, der Junkie und der Imam

Der Tag sollte eigentlich ein gewöhnlicher werden im Altstadtrevier. Erst ein paar Stunden Fußstreife und dann geht es motorisiert weiter. Aber bereits unsere Fußstreife begann damit, dass wir einen Radfahrer ansprechen wollten weil er auf der falschen Straßenseite und auch noch sehr schnell fuhr. Dieser hatte aber kein Interesse an einem Gespräch mit uns. Er gab vollgas und raste knapp an meinem Kollegen vorbei. Hierbei streifte er ihn mit dem Lenker so an der Hand, dass mein Kollege Verletzungen davon trug. Dumm für unseren ersten Kunden des Tages war nur, dass ihm hierbei sein Smartphone aus der Tasche viel und er stoppte um es aufzuheben. Das war mitten auf einer 4 spurigen Straße. Wir schafften es zu ihn zu laufen, ihn vom Rad zu ziehen und zu fesseln. Nun war sogar ihm klar geworden, dass das alles eine ziemlich blöde Idee war. Er hatte nicht nur einen 20 Minuten alten Strafzettel in der Hosentasche (für Radfahren auf der falschen Straßenseite!) nein, er hatte auch noch THC im Blut. Die Liste seiner Straftaten wurde also immer länger. Ein alter Mann der alles beobachtet hatte fand unseren Aufgriff ziemlich gut und sagte uns dass er es begrüßt wenn die Polizei gleich richtig durchgreift.
Irgendwann waren wir sogar tatsächlich mit dem Schreibkram fertig. Vor allem weil die Verkehrspolizei nun die "Unfallaufnahme" übernahm. Der Kollege wurde auch noch im Krankenhaus verarztet, er konnte weiter arbeiten. Jetzt sagte einer von uns beiden auch irgend was von "Für heute haben jetzt genug gearbeitet". ... Vermutlich hätten wir das nicht sagen sollen!

Hier haben wir eine unsere üblichen Übungen abgehalte: Evakuierung deutscher Staatsbürger aus dem Ausland.
Hier haben wir eine unsere üblichen Übungen abgehalte: Evakuierung deutscher Staatsbürger aus dem Ausland.

Die Einsatzzentrale hatte aber Anderes im Sinn und schickte uns noch zu irgend einem Einsatz. Was das gewesen wäre weiß ich gar nicht mehr. Wir übernahmen also von unseren Vorgängern den Streifenwagen, stellten unsere Einsatztaschen hinten rein und fuhren gemütlich zum Einsatzort.
Abrupt wurde unsere gemütliche Fahrt aber von einem wild fuchtelnden Taxifahrer und einer Reporterin gestoppt. Die Reporterin arbeitete übrigens für eine große (in meinen Augen linksradikale) SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, deren Namen ich hier aber nicht nennen will. Aber so viel will ich verraten, 1945 wurden die Bleilettern von "Mein Kampf" eingeschmolzen um das erste Exemplar dieser Zeitung zu drucken. Jedenfalls sagten sie uns, dass in einem Hinterhof um die Ecke ein Mann liegt der bereits blau angelaufen wäre. Wir schossen mit dem Wagen um die Ecke und ich rannte in den Hinterhof. In einen Durchgang lang er. Ich erkannte ihn sofort als einen unserer Junkies. Ich hatte ihn bereits mehrfach in einem Stadtpark kontrolliert. Er war blau wie ein Schlumpf und rührte sich nicht. Um ihn herum lagen zwei Spritzen, Filter, Löffel usw. Halt alles was man als gut ausgerüsteter Junkie so braucht. Aber wirklich blöd war, dass ich keine Nadel finden konnte. Die musste also noch irgend wo an ihm sein.

Das bin ich, wie ich eine bewaffnete Person in der U-Bahn suche. 5 min später haben wir ihn gefunden, er hatte ein Spielzeuggewehr dabei. Aber das wissen wir natürlich zunächst nicht ...
Das bin ich, wie ich eine bewaffnete Person in der U-Bahn suche. 5 min später haben wir ihn gefunden, er hatte ein Spielzeuggewehr dabei. Aber das wissen wir natürlich zunächst nicht ...


Mit HIV kann man sich so gut wie gar nicht anstecken. Selbst wenn man in eine blutige Nadel fasst. Aber Hepatitis hat man sich gleich eingefangen!
Ich schrie meinen Kollegen an der mit dem Funkgerät die Einsatzzentrale rief, dass ich den Beatmungsbeutel aus dem Streifenwagen brauche. Ich drehte ihn auf den Rücken. Ich dachte an die Nadel die irgendwo sein musste. Ich zog sein Kinn nach hinten. Er atmete nicht. Mittlerweile wechselte seine Farbe von blau zu grau. In seinem Gesicht sah ich nur noch leere und den Tot. Die Augen waren offen und die Pupillen starrten gerade aus. Es war keine Regung zu sehen. Ein schwacher Puls war noch an seinen Hals. Ich schlug auf ihn ein. Ich schrie ihn an. Ich schlug weiter und ich schrie weiter. Unsere beiden Mitteiler standen in der Hofeinfahrt und sahen fassungslos zu. Der Kollege warf mir den Beatmungsbeutel zu. Ich drückte ihm die Maske ins Gesicht und drückte die Luft aus dem Beutel. Der Brustkorb hob sich und senkte sich. Nichts passierte. Ich beatmete noch mal. Plötzlich röchelte er los. Ich beatmete wieder und wieder. Ich wusste genau, dass sein Herzschlag jetzt auch jeden Moment aussetzen konnte. Seine Atmung setzte aber wieder ein und seine Hautfarbe normalisierte sich etwas. Also drehte ich ihn in die stabile Seitenlage. Er war wirklich schwer und groß. Am ganzen Körper tätowiert. Die Nadel hatten wir immer noch nicht gefunden.
Aber kaum lag er auf der Seite setzte die Atmung wieder aus und er lief wieder blau an.
Jetzt konnte mir mein Kollege helfen ihn zurück auf den Rücken zu drehen. Seine Adleraugen fanden nun die gesuchte Nadel. Sie steckte zwischen Ring- und Mittelfinger, wohin er sich sein Heroin gespritzt hatte. Der Kollege zog sie raus und legte sie in eine Ecke.
Ich fing von vorne an und beatmete ihn weiter. Nach dem ich etwa drei Mal die Luft aus dem Beutel in seine Lunge gedrückt hatte fing er erneut an zu Röcheln. Dieses Mal setzte aber nicht nur seine Atmung ein. Er fing an zu zittern und zu krampfen. Sein ganzer Körper zuckte ohne Pause. Aus seinem Mund lief jetzt Schaum. Wir alle vier standen nun fassungslos und hilflos daneben. Als dieses furchtbare Schauspiel vorbei war hörten wir die Sirenen vom Rettungsdienst. Der Taxifahrer rannte auf die Straße um den Rettern den Weg zu zeigen.
Noch bevor die Sanitäter bei uns eintrafen begann er schwach zu Atmen und seine Augen bewegten sich. Sein Blick fiel auf mich und er packte mich an der Jacke. Er starrte mich an und versuchte zu sprechen. Verstehen konnte ich kein Wort.
In diesem Moment kamen die Besatzungen vom Rettungswagen, Notarztwagen und des HLW der Feuerwehr bei uns an.
Er bekam eine Infusion, eine Spritze mit Naloxon (Gegenmittel zu Heroin)... Blutdruck, Blutzucker, Rettungsdecke... Er wurde in den Rettungswagen geschoben. Wir waren jetzt auch ziemlich fertig.
Ich verstaute gerade unseren mit Hepatitis kontaminierten Beatmungsbeutel in einer Tüte als ich von einem Anwohner angesprochen wurde. Es war ein sehr Bekannter Imam, der dort sein Büro hatte. Er war, wie immer, sehr gut frisiert und trug eine tadellosen Anzug. Er fragte mich was passiert ist. Während ich mit ihm sprach ereignete sich aber auf der anderen Straßenseite etwas viel interessanteres was mir erst später vom Kollegen berichtet wurde. Während er die Personalien unserer Mitteiler notierte fiel der Journalistin der Imam auf mit dem ich gerade sprach. Sie sah vermutlich nur seine dunkle Hautfarbe und übersah seinen Anzug und ihre eigene politische Einstellung (jedenfalls die, die ich ihr mal unterstellen würde). Sie zeigte auf den Imam und sagte "Der da drüben, der hat bestimmt damit was zu tun". Mein Kollege erkannte, wie ich, auch gleich den Bekannten Imam und sagte ihr, dass dieser Mann ganz sicher nichts mit unserem Junkie zu tun hat. Doch die Journalistin blieb bei ihrer Vermutung und bekräftigte es mit "Doch, ich bin mir sicher. Das ist bestimmt sein Dealer". Sie schien vergessen zu haben dass in ihrer Welt nur die Polizei "Racial Profiling" betreibt. Aber sei es drum, mein Kollege konnte sie nicht davon überzeugen dass dieser Mann nichts mit unserem Junkie zu tun hatte. Auch der Hinweis darauf, dass er ihn persönlich kenne half nicht. Er ersparte es sich ihr zu sagen wer der Mann im Anzug war.
Da diese Zeitung keine Gelegenheit auslässt Kollegen von mir wegen irgend welchen erfundenen Geschichten in die Pfanne zu hauen lies ich es mir nun nicht nehmen bei der nächsten Schicht drei Tage später die Journalistin anzurufen und ihr den Namen von ihrem Verdächtigen zu nennen. Ihr war es am Telefon richtig peinlich, denn eigentlich kannte sie den Imam. Jedenfalls seinen Namen.
Unsere Einsatzzentrale war über unseren Bericht sehr erfreut. Denn erfolgreiche Reanimationen kommen nicht oft vor. Aber unsere Einsatzzentrale hatte an diesem Tag noch mehr auf Lager für uns.
"Fahren sie bitte noch zum Geschäft XY, da sind drei minderjährige Ladendiebinnen".... So ein Scheiß. Unser Dienstschluss ist damit in weite Ferne gerückt. Und Schreibkram hatten wir auch noch zu erledigen. In der Drogerie stellte sich auch noch alles viel haarsträubender dar als wir gedacht hatten. Die drei Mädels hatten in 5 Geschäften nacheinander geklaut. Sie hatten Tütenweise Diebesgut dabei. Wir waren auch nicht die Einzigen die an diesem Tag von einem Einsatz zum nächsten geschickt wurden. Also musste eine Streife vom Nachbarrevier uns unterstützen und eines der Mädels auf unser Revier fahren. Die Dienstgruppenleiterin steckte den Kopf durch die Türe, sah uns, unsere Ladendiebinnen und den ganzen Schreibtisch der unter einem Berg von Diebesgut bedeckt war. Sie fragte ob wir Hilfe brauchen und sagte dann "Man, Ihr geht's Euch heute aber ganz schön heftig"!
Nach den wir alle Mädchen von den Eltern haben abholen lassen, alles asserviert hatten und unsere nötigsten Berichte fertig hatten konnten wir etwa drei Stunden später als geplant Dienstschluss machen.
 

 

Gute Kameraden im Kampf um Sicherheit, die U-Bahnwache.
Gute Kameraden im Kampf um Sicherheit, die U-Bahnwache.

Unsere Reanimation brachte uns viel Lob unserer Führung ein. Wir schafften es an einen Tag zwei Mal in die Zeitung. Ich hatte noch kurz überlegt die Geschichte unserer drei Ladendiebinnen auch an die Pressestelle zu schicken, aber das hätte uns noch mal 10 Minuten gekostet. Und wir wollten endlich nach Hause.
Wir haben an diesem Tag vermutlich dem armen Kerl das Leben gerettet. Das machte uns ziemlich stolz. Wir machten uns aber beide keine Illusionen über dessen Zukunft. Und wir sollten Recht behalten. Er ist nur 5 Monate später gestorben mit Mitte dreißig. Und so setzte sich die Serie der Drogentoten in dem besagten Jahr fort. Die Zahl derer lag plötzlich und unerklärbar etwa 70% über den Zahlen des Vorjahres. Vermutlich wechselten die Großdealer gerade ihre Lieferanten.
Ich persönlich habe keine Schlussfolgerungen aus dem Erlebten gezogen. Es war nicht meine erste Reanimation. Aber meine erste Erfolgreiche. Und ich stand das erste Mal so nahe am Scheideweg zwischen Leben und Tot und ich habe dem Tot noch nie so direkt ins Gesicht gesehen. Ich war in diesem Moment für sein Leben verantwortlich. Die Mitteiler erwarteten auch von mir, dass ich ihm helfen kann. Sie erwarten, dass die Polizei die Probleme lösen kann. Aber unterm Strich lag sein Schicksal nicht in meiner Hand, nur sein Leben an diesem einen Tag.

Meine Erste Hilfe Ausrüstung auf Streife hab ich in dieser Mil-Tec Tasche.
Meine Erste Hilfe Ausrüstung auf Streife hab ich in dieser Mil-Tec Tasche.
Diesen Beatmungsbeutel für 20 Euro habe ich seit dem immer dabei auf Streife.
Diesen Beatmungsbeutel für 20 Euro habe ich seit dem immer dabei auf Streife.