Die Fußstreife

 

-- noch nicht überarbeitet und mit Tipppppffehllern----- ;-)

 

 

Die meisten Kollegen mochten sie nicht. Die Kollegen waren jung und in der Altstadt um etwas zu erleben und um zu Arbeiten. Wir brausten mit den Streifenwagen durch die Nacht und sorgten recht handfest für Ordnung. Wir hatten es teilweise mit massiven Verbrechen zu tun wie bewaffneten Überfallen auf unsere Juweliere, Spionage, politischen Gefahrenlagen und massenweise Gewalttaten. Und so war von den meisten Kollegen das Selbstbild geprägt. Da war die Fußstreife etwas Gegensätzliches.

Für mich begannen die Fußstreifen in einer Zeit in der ich mich etwas mit Polizeigeschichte befasste. Ich lernte z.B. in England die Bedeutung der Polizeipfeife und die Police Box kennen. Eine Art Miniatur Wache in Form einer Telefonzelle in der Früher (bevor der Sprechfunk eingeführt wurde) Beamte als Ansprechpartner in Bereitschaft waren.

Und so entwickelte sich für mich die Fußstreife zur ursprünglichsten Form von Polizeiarbeit in unserer heutigen Zeit. Dazu kommt, dass heute die Landespolizei vieles nicht mehr Leisten kann und Kommunale Ordnungsdienste in einer Stadt nach der Anderen gegründet werden. Und Diese füllen mit Fußstreifen eben genau diese polizeilichen  Lücken die in vielen Städten entstanden sind.

Ich war viel präsenter für die Bürger als im Streifenwagen. Sie konnten mich einfach ansprechen, mit mir über das Wetter reden oder mich nach dem Weg fragen. Mir gefiel das. Auf diese Art konnte ich mich um die kleinen Probleme kümmern. Aber vor allem konnte ich präventiv arbeiten. Ich konnte also etwas tun bevor es zu Straftaten kam. Wir hatten sehr viele „Stadtsatzungen“ die es uns auf Fußstreife ermöglicht haben Ordnungswidrigkeiten anzuzeigen. Das waren z.B. das Musizieren ohne Genehmigung in der Fußgängerzone, Das „Niederlassen zum Alkoholkonsum“ oder auch illegale Werbeaktionen. Wir hatten viele große Firmen in der Stadt und die beauftragten Werbeagenturen die natürlich immer sehr kreativ sein wollten…. Und das wollten sie meist in unserer Fußgängerzone sein. Aus diesem Grund wurden niemals Genehmigungen für Werbeaktionen erteilt. Die kleinsten derartigen Verstöße waren das Verteilen von Werbeflyern und die Größten waren Werbeaktionen mit mehreren beteiligten Firmen und Bußgeldern von über 1000 Euro. Die Bearbeitung dieser sehr großen Ordnungswidrigkeiten war etwas das mit immer viel Spaß machte. In unserer Stadt wurden diese "Kleinigkeiten" von der Stadtverwaltung und der Polizeiführung ernst genommen und wir hielten unsere Fußgängerzone "sauber". Wenn ich privat in anderen großen Städten war traf mich teilweise regelrecht der Schlag, was dort von den Behörden tolleriert wurde war wirklich furchtbar. Kein Bürger konnte dort mehr unbeschwert durch die Fußgängerzonen schlendern, überall wurde man dort belästigt. Und erfolgreich waren dort die, die sich nicht an Gesetze hielten. 

 

Wir ermahnten Fahrradfahrer in der Fußgängerzone, kontrollierte Junkies, führten „Klappenkontrollen“ (Sex Treffpunkte) durch usw. Wir hatten weitestgehend freie Hand und so konnten wir sehr viel machen. Ich suchte in der U-Bahn oft nach Rauschgift und ein Kollege hatte sich beispielsweise auf „politische Gefährder“ spezialisiert und suchte gezielt nach diesen. Das ging so weit und er war sogar so erfolgreich bei der Suche, dass eines Tages die Mitarbeiter von einem Nachrichtendienst bei uns auftauchten um den Kollegen über alle Einzelheiten eines kontrollierten "Gefährders" zu Befragen.

 

Die Kehrseite der Fußstreife war, dass wir bei Wind und Wetter raus mussten. Wenn es zu schlimm war verkrochen wir uns in der U-Bahn. Aber auch wenn wir mal schlecht gelaunt waren, die Uniform dreckig war, wir das Rasieren vergessen hatten oder sonst was, wir mussten raus und waren sehr nahe am Bürger und tausende Touristen sahen uns an und machten Fotos. Das konnte auch wirklich anstrengend sein. Sobald wir Gewalt anwenden mussten wurden wir von mind. 20 Handys gefilmt. Es schauten IMMER bei uns in der Fußgängerzone, Staatssekrtäre, Minister, Diplomaten, Polizeipräsidenten..... zu. Die Schlimmste war ein Mal die Ehefrau eines SPD-Ministers, die einen Kollegen wegen einer handfesten Festnahme anzeigte. Dass der Festgenommene (Fußball Ultra) zuvor in einem Brauhaus mehrfach den Hitlergruß gezeigt und später mit Stühlen auf Beamte geworfen hat wusste sie natürlich zuerst nicht und später war es ihr egal. Der Festgenommene beschwerte sich aber nicht über die Festnahme und unterstützte die Anzeige auch nicht. Der Kollege wurde erst in zweiter Instanz frei gesprochen, nach dem der Richter ihre "Version" (man kann auch Lügengeschichte sagen) als unglaubwürdig eingestuft hatte.

Der "Messerdieb"

Die folgende Geschichte nenne ich der Messerdieb. Das kommt daher, dass ich jedem, wenn ich ihm die Geschichte berichte, vom "Messerdieb" erzähle. Mir ist es eigentlich ein Rätsel, warum ich diese Geschichte nicht schon früher aufgeschrieben habe? Sie war genau genommen nicht während der Fußstreife, aber unser Streifenwagen spielte keine Rolle hierbei und sie gehört daher durchaus hier her.

 

Ich war mit einem sehr erfahrenen Kollegen eingeteilt und wir wurden in das Messergeschäft zu einem Ladendiebstahl gerufen. Das Geschäft liegt in unserer sehr großen Fußgängerzone und an diesem Tag waren dort so viele Menschen, dass wir dort nicht mit dem Streifenwagen rein fahren konnten. Wir parkten also in einer Seitengasse und liefen zum Geschäft. Die Verkäuferin erzählte uns, dass sich bei ihnen ein junger Mann sehr lange im Geschäft aufgehalten hat und in die Vitrinen geschaut hat. Das Geschäft war sehr klein. Nach etwa einer halben Stunde kaufte dieser Mann dann zwei Messer für 150 Euro und verließ das Geschäft. Nun bemerkten sie das Fehlen von weiteren drei Messern. Es handelte sich um sehr hochwertige Taschenmesser aus Damaststahl und mit Keramikklingen. 

Bis hier her war für uns alles nur ein normaler Ladendiebstahl. Da sich an einer Vitrine aber Fingerspuren (landläufig Fingerabdrücke genannt) befanden riefen wir einen Kollegen der Spurensicherung zur Unterstützung. Wir ließen uns eine Personenbeschreibung des Diebes geben und mein Kollege gab diese über Funk der Einsatzzentrale durch. Nun sah ich wie bei meinem Kollegen mit dem Funkgerät die Augen größer wurden als er die Antwort der EZ hörte. Er rief mir zu, dass wir sofort weiter müssen, weil unser Dieb wenige Geschäfte weiter ist. Wir ließen unsere Klemmbretter mit den Vernehmungen zurück und liefen los...

 

Wir liefen über den größten Platz der Stadt am Rathaus. Der Kollege sagte mir, dass er in einem Uhrengeschäft ist und dort soeben ausgestellte Uhren von den Präsentationsständern abschneidet. Der Mitteiler war ein uns bekannter Ladendetektiv. Mitten auf dem Platz zogen wir unsere Pistolen aus den Holstern und liefen weiter....er konnte jetzt jeden Moment vor uns stehen und ein Messer in der Hand halten.... Die vielen Blicke der Passanten nahm ich nicht war. Ich scannte nur die Personen vor uns ab ob der Gesuchte auftauchte.

 

Seitlich vom Eingang erkannten wir gleich den Detektiv, der uns beiden von früheren Einsätzen bekannt war. Er meinte, dass der Gesuchte weit hinten im Geschäft ist und sich dort weiter umschaut. Wir betraten das Geschäft. Da ich keinerlei Zweifel an meinem sehr zuverlässigen Kollegen hatte und dessen Entschlossenheit hatte hielt ich es für sinnvoller meine Pistole wieder einzustecken und mein Pfefferspray in die Hand zu nehmen. Der Detektiv ging voran. Wir gingen zügig und zielstrebig das lange Geschäft bis nach hinten durch. Kurz vor einer Kasse erkannten wir ihn. Er stand mit dem Rücken zu uns und hatte seine Hände in seinem Rucksack vergraben. Er sah uns nicht kommen. Wir hatten also zwei Sekunden Zeit uns günstig zu positionieren. Leider mussten wir aber dennoch sehr dicht an ihn heran. Der Kollege stand links von mir, seine Pistole zeigte vor die Füße von unserem Dieb. Ich hielt das Pfefferspray in meiner linken Hand... Wir riefen "Polizei, nehmen sie die Hände aus dem Rucksack".....Er blickte zu uns....schaute uns an....sah die Pistole..... und reagierte nicht...."Nimm sofort die Hände aus dem Rucksack"....Ich sah die Mündung der Pistole weiter nach oben wandern..... er reagierte sehr langsam und richtete sich etwas auf. In dem Moment, wo ich seine leeren Hände sehen konnte schlug ich ihm mit der offenen Hand ins Genick "Nimm die Hände hinter den Kopf"! Er tat es. Ich packte seine Finger und fesselte ihn in Sekunden. Wir drückten ihn gegen eine Wand und durchsuchten ihn. Es kam ein Messer nach dem Anderen zum Vorschein. Oben auf lag in seinem Rucksack noch Eines. Er hatte also wirklich in diesem Moment ein Messer in der Hand, als wir ihn angesprochen hatten. Wir forderten eine weitere Streife an um ihn zur Dienststelle bringen zu lassen und erklärten ihm die vorläufige Festnahme. Sein gesamter Rucksack war prall gefüllt mit weiterem Diebesgut, das er vor dem Betreten des Messergeschäftes zusammengeklaut hatte. Er war ein Junkie und musste sich daher einige Dinge zusammen Klauen um seinen nächsten Schuss Heroin zu finanzieren. Warum er aber wenige Minuten zuvor 150 Euro für zwei Messer ausgegeben hatte begriff ich erst Monate später.

Nach dem wir unseren Dieb der zweiten Streife (zusammen mit den 6 aufgefundenen Messern) übergeben hatten und alle Diebstähle aufgenommen hatte kehrten wir zur Dienststelle zurück. Die Kollegen erzählten uns nun aber auch noch, dass sie im Hintern unseres Diebens ein weiteres Messer schweizer Taschenmesser gefunden haben! Das Delikt was er begangen hat nennt sich "Diebstahl mit Waffe". Er hatte Glück und wurde von uns nicht dem Haftrichter vorgeführt. Er hatte ein recht langes "Vorstrafenregister", aber er hatte noch nie in seinem ganzen Leben auch nur eine Fliege etwas zu Leide getan. Er wurde immer nur wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz angezeigt oder wegen anderen Delikten bei denen lediglich "die Rechtsordnung" geschädigt ist. Wir schrieben unsere Anzeige sehr zu seinen Gunsten.

 

Eine Woche später begann ich meinen Dienst und erkannte ihn wieder, wie er in einem unserer Büros saß. Ich fragte die Kollegen was er begangen hat und es war "Diebstahl mit Waffe". Er hatte schon wieder Suchtdruck und musste sich sein Heroin besorgen und hatte schon wieder ein Taschenmesser dabei. Und das obwohl ich ihm die Stafverschärfung durch ein mitgeführtes Taschenmesser sehr ausführlich erklärt hatte.... Am nächsten Tag bei der Arbeit machte ich das was ich immer mache wenn ich etwas Luft habe: Ich recherchiere die wichtigsten Kunden im Computer. Und da tauchte er schon wieder auf mit einem "Diebstahl mit Waffe". Ich dachte mir damals nur, dass dieser Typ so unfassbar dumm ist.

 

Ein ganzes Jahr später erkannte ich ihn in einem U-Bahnhof wieder und sprach ihn an. Er erzählte mir, dass er vor Gericht wegen den Diebstählen sehr viel Glück hatte. Ich fragte ihn ob er ein Messer dabei hat und er zeigte es mir. Es war rechtlich völlig problemlos. Und nun wünschte ich ihm alles gute und verabschiedete mich. Erst jetzt hatte ich verstanden wie wichtig Messer für ihn waren. Das hatte absolut nichts damit zu tun, dass Messer als Waffe verwendet werden können. Er war ein dermaßen friedlicher Mensch, dass er niemals jemanden damit angreifen würde. Aber durch seine Heroinsucht hatte er sich einfach nicht so weit unter Kontrolle, dass er seine Messer beim Klauen Zuhause lassen konnte. Daher bin ich heute sogar froh, dass seine drei Taten mehr wie einfache Ladendiebstähle verurteilt wurden. Denn die Stafverschärfung ist eingentlich nur für die vorgesehen die ihre gefährlichen Gegenstände auch als Waffe verwenden wollen. Mit dem "Sinn des Gesetzes" war er ganz sicher nicht gemeint. Und er hat sich die Messer nur geklaut weil seine 150 Euro lediglich für zwei gereicht haben.

Fußstreifeneinsatz zum Absperren bei einem Dachstuhlbrand.
Fußstreifeneinsatz zum Absperren bei einem Dachstuhlbrand.

Der versehentlich geklärte Raub

Ich hatte eine neue Kollegin als Streifenpartnerin und unser Weg führte uns, nach dem wir ereignislos eine Fußgängerzone bestreift hatten, in einen unserer Problem Stadtparks. Dort war eine Gruppe unserer Kundschaft versammelt. Sie bestand zum größten Teil aus alten Junkies die in Methadon Programmen waren und nebenher viel Alkohol tranken. Als wir uns der Gruppe näherten verließen zwei Personen den Park. Einer von Beiden hatte dabei sein Handy am Ohr und telefonierte. Für uns war natürlich klar, dass diese uns nicht begegnen wollten und wir genau sie kontrollieren müssen. Wir mussten uns ordentlich beeilen um sie noch vor der U-Bahn einzuholen, aber es gelang uns. Wir unterzogen sie einer Kontrolle. Der Eine war immer noch am Telefonieren und sagte ins Telefon „Ich werde grade von ihren Kollegen kontrolliert“. Er gab mir das Handy und meinte „da ist ein Kollegen von ihnen dran der mit ihnen sprechen will“. Ich hatte beim besten Willen keine Ahnung was das sollte aber ich nahm natürlich das Telefon, sagte meinen Namen und dass ich vom Altstadtrevier bin. Der Kollege am anderen Ende der Leitung war voll aufgeregt, er konnte sein Glück kaum fassen, dass wir in diesem Moment seinen Kunden kontrollierten. Er sagte mir, dass er von der Kripo ist und in einem Raub ermittelt. Von einem Zeugen wurde ihm die Handynummer des Räubers mitgeteilt, aber er wusste keinen Namen. Und genau in dem Moment als wir in den Park gekommen sind hat er die Nummer angerufen um raus zu finden wem das Handy gehört. Und nun konnte ich mir einfach den Ausweis vom Handybesitzer zeigen lassen. Wir machten noch Fotos von dem Verdächtigen damit der Sachbearbeiter sie mit der Täterbeschreibung vergleichen konnte. Wir schrieben einen Aktenvermerk und schickten alles zur Kripo. Ich telefonierte am nächsten Tag noch mal mit dem Kollegen der Kripo. Er war sehr dankbar für unsere Hilfe. Er gab mir noch mit auf den Weg die Junkies immer anständig zu behandeln. Nicht nur, dass sich das prinzipiell so gehört, sondern auch weil sich das für die Arbeit schnell lohnen kann. Einer Frau die am Vortag auch bei der Gruppe saß konnte er vor vielen Jahren mal helfen. Und seitdem ist er der einzige Polizist in der Stadt dem sie vertraut. Und seitdem arbeitet sie völlig freiwillig und unbezahlt für ihn als Informantin. Jede Information aus der Szene die sie für relevant hält gibt sie ihm weiter. Die meisten Informaten geben Informationen über Andere nur weiter um ihren Rivalen zu schaden. Sie tat es aber aus Dank. Und durch ihre Informationen konnte er bereits sehr große Mengen Rauschgift sicherstellen.

 

Mir fällt gerade ein, dass wir bei dem Verdächtigen auch das fanden, weswegen sie vor uns weg Laufen wollten. Er hatte "verschreibunngsfähige BTM" dabei. Also ein Betäubungsmittel für dessen Erhalt er einen Arzt angelogen hat. Kokain z.B. ist "verkehrsfähig", weil es Augenärzte benötigen, Ritalin wäre noch dazu auch "verschreibungsfähig". Und Crystal Meth ist keines von Beidem. Es waren Tabletten die sie zerstoßen, mit Wasser vermischt und die weiße Pampe in einer Spritze aufgezogen hatten um sie i.v. zu injizieren. Ich machte auch noch Fotos von diesen Sachen. Später prüfte ich die rechtlichen Vorraussetzungen für eine "Datenweitergabe" und rief seinen Arzt an um ihm mitzuteilen, dass sein Patient die Tabletten i.v. injiziert. Er war sehr dankbar für diese Information. Denn er arbeitet sehr viel mit Süchtigen und muss seine Entscheidungen, wie wir, sehr gut abwägen.

 

In der Kirche floss das Blut

Wir suchten einen Suizidenten. Also prinzipiell etwas Alltägliches für uns. Wir wussten, dass er sich irgendwo im Bereich unserer Fußgängerzone aufhalten muss. Irgendwann kam über Funk die Information, dass er in einer sehr großen Kirche sein soll. Ich war mit meinem Kollegen als Erste dort. Aus der Kirche kamen die Besucher bereits raus geströmt und teilweise sogar gerannt. Sie waren nicht in Panik, aber es schien etwas gewaltig nicht zu stimmen und sie sagten im Vorbeilaufen etwas von „Blut“.

 

Wir betraten die Kirche. Sie war riesig. Darin waren kaum noch Leute. Und mitten in den Sitzreihen stand unser Gesuchter. Er stand still da, hatte seine Arme zu den Seiten ausgebreitet und blickte Richtung Himmel. Sein Oberkörper war unbekleidet und auf seiner ganzen Brust war ein Portrait von Jesus tätowiert. Und seine Arme und die Brust waren übersäht mit Schnitten und das Blut lief an ihm runter und tropfte auf den Boden…. Wir blieben erschaudert stehen….

 

Als wir uns ihm genähert hatten griff ich zu meiner Pistole und sprach ihn an… ich rechnete mit dem Schlimmsten…  Er reagierte aber völlig geistesgegenwärtig und friedlich. Er war Italiener und sprach kein Wort Deutsch. Ich zeigte auf mein Taschenmesser und fragte ihn wo sein Messer ist. Er griff in seinen Mund und holte eine Rasierklinge hervor und gab sie mir. Wir gingen mit ihm zu einer nahe gelegenen Dienststelle und warteten dort im Vorraum auf den Rettungsdienst. Als die Retter bei uns waren musste ich den dortigen Kollegen noch erzählen, dass ihr Warteraum voller Blut ist und wir ihnen nicht beim Putzen helfen konnten, denn wir mussten weiter mit ihm ins Krankenhaus. 

Wir bewachten ihn, als er in der Notaufnahme verbunden und genäht wurde. Er hatte so unglaublich viele Schnitte am Körper, dass davon nur etwa 10% genäht werden konnten. Auf den Rest kamen Steristrips, Pflaster und Verbände. Anschließend begleiteten wir ihn in die Psychiatrie.

Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Wenn ich mich richtig erinnere ist dieser Fall nie in der Presse gewesen. Einige Jahre später stand diese Kirche jedoch bundesweit in der Presse, weil drei Afghanen mit Bombenatrappen in den Gottesdienst platzten und die Reaktion der Gläubigen filmten. Auf schlau nennt man so etwas "Prank-Video"... oder man fragt sich ob durch derartige Aktionen Reaktionen getestet werden sollen...   

Der Erzengel Michael ist der Schutzpatron der Fallschirmjäger. Der von den Polizisten ist der heilige Sebastian.
Der Erzengel Michael ist der Schutzpatron der Fallschirmjäger. Der von den Polizisten ist der heilige Sebastian.

Glatteis

Diese Geschichte ist sehr schnell erzählt. Ich erzähle sie, weil sie vor der selben Kirche passierte wie der skurille Fall mit dem Blutenden.

Es war Winter und unfassbar Glatt. Wie genau die Wetterbedingungen gewesen sind, dass es zu so einem Glatteis gekommen ist weiß ich gar nicht mehr. Wir waren als Fußstreife eingeteilt und hatten gerade erst den Dienst übernommen. Am Funk hörten wir eine Meldung der Einsatzzentrale mit halben Ohr mit. Eine Person wir reanimiert, nur etwa 300 Meter von unserer Dienststelle entfernt. Ich sagte meinem Kollegen, dass wir sofort los müssen, denn wir könnten vor den motorisierten Streifen und dem Rettungsdienst dort sein. Er hatte Zweifel, aber ich hatte mir schon einen Beatmungsbeutel beim Dienstgruppenleiter geschnappt und rannte zur Tür. Draußen wollten wir weiter Rennen, doch das war kaum möglich. Es war Glatt auf der Straße und zwar so richtig schlimm. Wir schlitterten so gut es ging über das Glatteis hinweg. Wir kamen gleichzeitig mit einer Fußstreife der Bereitschaftspolizei (die waren oft da während dem Christkindlmarkt) an.

Ein Mann lag bewusstlos am Boden. Zwei Andere waren bei ihm, einer war offenbar ein Freund von ihm. Der Mann war auf dem Glatteis, mitten in der Fußgängerzone, einfach ausgerutscht und mit dem Hinterkopf aufgeschlagen, bewusstlos geworden und nicht mehr aufgewacht. Als sein Herz das Schlagen aufgehört hat musste er kurzzeitig von den beiden Männern reanimiert werden, dann setzte seine Herztätigkeit wieder ein. 

Nach wenigen Minuten bahnte sich ein Rettungswagen den Weg mitten durch die Menge. Sie wussten offenbar nicht den genauen Unfallort, denn nur so hätten sie von einer der Seitengassen anfahren können um sich den Weg durch die Menge zu ersparen. Ein paar weitere Streifen trafen ein und schafften den Rettern etwas Platz zum Arbeiten.

Als der Mann ins Krankenhaus gebracht worden war blieben wir noch eine Weile vor Ort um den Kollegen der Verkehrspolizei, die den "Verkehrsunfall" bearbeiten mussten, einzuweisen.

Ich habe leider nie mehr etwas von dem Mann gehört und weiß nicht ob er wieder aufgewacht ist.

Mit dem "Ableben" ist zu Rechnen...

Der Christkindl Markt bei uns war groß und weit übers Land hin bekannt. Genau genommen waren es sehr viele Märkte über die Altstadt verteilt. Die Märkte beanspruchten sehr viel unserer Kapazitäten. Wir hatten sogar oft extra einen ganzen Zug der Bereitschaftspolizei zur Unterstützung da.

An diesem Tag waren nicht viele Streifen da. In der ganzen Stadt war es ziemlich ruhig und es war relativ wenig los. Auf dem Platz vor dem Rathaus war etwas Programm geboten. Als mich der Funkspruch unseres Einsatzleiters erreichte war ich gerade in der Dienststelle um mich zusammen mit dem Kollegen etwas aufzuwärmen. Alle Fußstreifen sollten sofort zum Rathaus kommen aufgrund einer "Schlägerei"...? Damit hatten wir nicht gerechnet! Wir zogen unsere Jacken an und eilten einige hundert Meter zum Rathaus. Ich meldete unsere Anmarschroute über Funk, damit wir ggf. gleich in eine Fahndung eingebunden werden konnten. Aber es gab offenbar keine bekannte Fluchtrichtung von einem Täter. Vor Ort trafen wir auf unseren Einsatzleiter, der vor der Bühne bei einem Rettungswagen stand. Er wies uns sehr schnell in die Lage ein. Zwischen einem etwa 40 und einem etwa 70 Jahre alten Mann kam es zu einer Auseinandersetzung. Nach dem sie sich gegenseitig angerempelt hatten und der Ältere geschubbst wurde stürzte er auf den Kopf. Er schlug auf, wurde bewusstlos und wachte nicht mehr auf. Ein Zeuge war eilte herbei und teilte uns mit, dass er den Täter verfolgt und in den Katakomben des Rathauses verlohren hat. Wir baten ihn uns die Stelle zu zeigen wo er den Täter aus den Augen verlohren hat. Er eilte voran, hinab in ein Restaurant, das sich im Untergeschoss des Rathauses befindet. Er zeigte uns den Gang der dortigen Toilette und beschrieb uns grob den Täter. Wir durchsuchten die Toiletten, die für Männer, die für Frauen und für Behinderte. In allen war er nicht und außer staunenden Blicken der Wirtshausbesucher fanden wir doch nichts Relevantes. Wir gingen alle Wirtstuben dort ab. Es war ein großes Restaurant. Auf der anderen Seite kam eine weitere Streife die Treppe runter. Wir gingen zu ihnen, gaben ihnen die Personenbeschreibung und suchten weiter. Mittlerweile hatten wir diese Beschreibung auch unserem Einsatzleiter per Funk mitgeteilt und dieser gab sie an die Einsatzzentrale weiter. Wir suchten in dem ganzen Komplex auch Überwachungskameras, denn uns war klar, dass wir es mit einem schwerwiegenden Fal zu tun hatten. Nach etwa 20 Minuten waren alle unsere Möglichkeiten erschöpft, der Täter hatte das Rathaus offenbar zwischenzeitlich durch einen Hinterausgang verlassen. Wir meldeten die erfolglose Suche und gingen zurück zum Tatort. Dort waren etwa drei Zeugen versammelt, mehr hatten die Tat nicht beobachtet. Unser Einsatzleiter gab uns den Zwischenstand des Notarztes bekannt: Mit dem Ableben des Opfers ist zu rechnen. Da der KDD mal wieder mit Leichenfunden ausgebucht und schwer beschäftigt war sollten wir die Zeugen vernehmen. Um so schnell wie möglich an weitere Details zu kommen nutzten wir ein Zimmer im Rathaus und befragten unsere Zeugen dort mit leerem Druckerpapier und Kugelschreiber. Die Zeugin die ich vernahm erkärte mir in drei Sätzen was passiert war. Ich machte aus diesen drei Sätzen drei DIN A4 Seiten um so viele Einzelheiten wie möglich zu erhalten. Im Anschluss meldete ich erneut alle neuen Informationen weiter. Ich lief zur Dienststelle und tippte die Vernehmung ab. Wärend dessen erhielt ich zwei "Nachfragen" wann ich endlich fertig bin um alles der Kripo weiter zu Leiten....

Die nächsten Tage und Wochen schaute ich regelmäßig in den Computer was aus dem Fall geworden ist. Das Opfer lag im Koma und es gab keine weiteren Hinweise auf den Täter. Daran änderte sich im Laufe der Zeit nichts. Mitten auf einem zentralen Platz wurde ein Mann dermaßen schwer verletzt, dass er nicht in sein "Leben" zurück kehren konnte. Und der Täter wurde nicht festgehalten, es gab keine Videoaufzeichnung und die Täterbeschreibungen unserer wenigen Zeugen war leider sehr mager...

 

Die Haftentlassung

Es war ein sonniger und schöner Tag. Also genau richtig um in einem unserer Problemstadtparks ein Schwätzchen mit ein paar Junkies zu halten...

Als wir uns näherten sahen wir zwei Männer die eindeutig zu unserer Kundschaft gehörten völlig betrunken auf einer Bank sitzen. Also fragten wir sie nach ihren Ausweisen. Sie gaben uns Entlassungsscheine aus dem Gefängnis. Darauf stand das Datum und die Uhrzeit der Entlassung und sie waren gerade mal zwei Stunden alt.

Nun ließ ich es mir nicht nehmen und fragte sie wie sie es in zwei Stunden geschafft hatten sich dermaßen zu betrinken? Die Antwort war ganz einfach, einer von Beiden hatte bei seiner Festnahme zwei Flaschen Schnaps bei sich gehabt und diese sind ihm bei der Entlassung wieder ausgehändigt worden.

Obwohl sie völlig betrunken waren verhielten sie sich relativ anständig und friedlich. Wir rieten ihnen dennoch bald nach Hause zu gehen.