Der Ultra hinterm Brauhaus

Das bin ich, vor dem neuen Stolz der Feuerwehr
Das bin ich, vor dem neuen Stolz der Feuerwehr

Es war einer dieser typischen Fußballtage. Seit ich in der Innenstadt arbeitete hatte ich mit Fußballfans viel mehr Ärger wie noch bei der Bereitschaftspolizei und in den Stadien.
Wir erwarteten eine Gastmannschaft aus Norddeutschland, deren Ultras als sehr problematisch bekannt sind. Ich persönlich hatte auch schon mehrfach sehr unschöne Erfahrungen mit diesen Leuten. Dazu kommt, dass ich Fußball generell nicht mag. Ich hatte Spätschicht und es war der Vorabend vom Spiel. Wir erwarteten die Fans also bereits bei uns in den Brauhäusern. Meine Dienstgruppe war aber nicht alleine, wir hatten eine Hundertschaft und Diensthundeführer im Revier. Gegen 20 Uhr erreichte uns ein Notruf. Eine Gruppe deutscher Touristen wurde in einem U-Bahnhof von den besagten Ultras angegriffen. Den Grund für die Gewalt konnten wir auch später nicht ermitteln. Vermutlich hat es einer der Touristen gewagt einen Ultra anzusehen und musste dafür sein heiles Nasenbein einbüßen. Von den Touristen waren 2 oder 3 leicht verletzt. Aber während der Auseinandersetzung hielten es die Ultras zusätzlich noch für nötig mit einem Messer und einem Pfefferspray rum zu fuchteln.
Andere Streifen waren näher am Tatort und übernahmen dort die Ermittlungen. Wir hatten eine sehr grobe Beschreibung der Gruppe und eine Fluchtrichtung. Wir fahndeten also nun nach unserer Kundschaft, die wir in einem der nahen Fastfood Läden vermuteten.
Im Rückspiegel konnten wir sehen, wie ein Hundeführer über die Straße, auf eine Gruppe zu ging. Es war bereits dunkel und diese Straße war aber noch sehr gut besucht.
Der Schäferhund hoffte wohl darauf sein Abendessen selbst jagen zu dürfen, so wie er die Ultras in eine Ecke drängte. Er bellte und zerrte an der Leine. Die Gruppe von etwa 5 Ultras wagte es nicht eine falsche Bewegung zu machen. Wir stellten sie mit den Händen an die Wand und durchsuchten sie. Ob es unsere Gesuchten waren war völlig unklar, aber es waren Ultras der Gastmannschaft.
Eine Gruppe der Hundertschaft kam auch dazu. Sie sicherten uns ab und halfen uns beim Durchsuchen. Ich fand in einer Jackentasche einen illegalen Begalo. So konnte ich meinem Kunden bereits die Festnahme erklären und ihm die Handfesseln anlegen. Bei einem Anderen fand ein Kollege einen identischen Begalo. Mit zwei Festgenommenen fuhren wir die 200 Meter zu unserer Wache. Da bisher keinem eine Beteiligung an der Schlägerei nachgewiesen werden konnte wurden von allen Fotos gemacht, die Personalien festgestellt und sie wurden entlassen.

Beachtet bitte auch mein Jagdaufseher Tagebuch.
Beachtet bitte auch mein Jagdaufseher Tagebuch.


 Unsere beiden Kunden waren lammfromm. In der Wache nahmen wir ihnen die Fesseln ab. Entweder hat sie der Gedanke vom Polizeihund gefressen zu werden dermaßen demoralisiert oder ihnen war klar dass es sinnvoller ist sich zu benehmen. Unser Computer fand nicht viel über sie. Also rief ich bei der Polizei in ihrer Heimat an und erkundigte mich dort über sie. Für solche Fälle haben wir ein Kennwort, dass alle paar Wochen gewechselt wird. So kann man sich unbürokratisch als Berechtigter zu erkennen geben. Sie waren beide schon bei Fußballspielen aufgefallen. Aber es waren alles keine weltbewegenden Delikte die sie begangen hatten. Wir bearbeiteten die vorangegangene Schlägerei nicht. Das machte eine andere Streife aus unserer Dienstgruppe. In den anderen Schreibräumen und vor unserer Tür, auf der Straße, befanden sich Angehörige der Geschädigten. Die Verletzten waren bereits zur ambulanten Behandlung im Krankenhaus. Auch mit den Zeugenaussagen, die gerade gefertigt wurden, konnten wir ihnen keine Beteiligung nachweisen. Ich bin aber ziemlich sicher, dass die Schläger aus ihrer Gruppe waren und sie auch vor Ort gewesen sind. Wir bearbeiteten also nur unsere Anzeige bezüglich der Pyrotechnik. Was also anstand waren die Vernehmungen, Alkotests, Fotos, Sicherstellungen... Ich unterließ es natürlich nicht ihnen zu erklären, dass bei uns im Süden die Uhren anders gehen, sie mit harten Konsequenzen rechnen müssen, ich Stadionverbote für sie beantragen werde und wir so ein Verhalten von Auswärtigen unterbinden werden. Diese Standpauke bekommt bei uns jeder. Und es scheint sich rum zu sprechen, dass bei uns durchgegriffen wird.
Während wir voll am Arbeiten waren klingelte einer der Angehörigen von den Geschädigten. Er sagte, dass vor unserer Wache gerade drei Männer stehen würden die bei der Schlägerei dabei waren. Mein Kunde schaute gleich sorgenvoll und sah vor seinem geistigen Auge bereits seine anderen Freunde auf der Wache sitzen mit einigen Problemen.
Mit dem Kollegen eilte ich nach draußen. Ich zog meine Lederhandschuhe an und öffnete mein Holster. Ich vergewisserte mich mit einem Handgriff, dass meine Pistole am richtigen Platz war. Der Zeuge zeigte auf Drei die gemütlich weg gingen. Als sich einer von ihnen umdrehte sagte ich (zwischen uns waren etwa 30 Meter Entfernung) "kommen sie bitte mal her". Aber sie hatten kein Interesse mit uns zu sprechen. Sie rannten los. Wir hinter her. Sie rannten um die Ecke unserer Wache in den Hinterhof eines großen Brauhauses. Die Angehörigen, die uns informiert hatten sahen uns hinter her rennen. Ich rief laut "Polizei, stehen bleiben". Sie rannten gegen das Tor zum Hinterhof. Blöd für sie war, dass es nach außen auf ging. Also rannten sie dagegen und das Tor machte "Bumm". Sie rissen es auf und rannten hindurch. Bis auf den Letzten, der stolperte und wir holten ihn ein...
Derweil begab sich unser Mitteiler erneut zur Klingel unserer Wache. Denn er und seine Freunde Interpretierten das Knallen vom Tor als Schuss. Er sagte zu den Kollegen in der Wache "ich glaube ihre Kollegen brauchen Unterstützung, die haben gerade einen Warnschuss abgegeben"! Jetzt bekam unser Fall eine ganz andere Bedeutung. Der Dienstgruppenleiter Griff zum Telefon und meldete einen Schusswaffengebrauch nach oben weiter. Die Kollegen der Wache zogen ihre Pistolen und rannten zu uns. Davon hatten wir natürlich noch keine Ahnung.
Ich sah den Letzten vor mir auf den Boden fallen. Er schaffte es nicht mehr durch das Tor. Er schaute hoch und sah mich auf ihn zu rennen. Ich blickte ihm in die Augen, sah wie er seine Hände auf das dreckige Pflaster neben den Müllcontainern stemmte und seine Muskeln anspannte. Jetzt ging es um jeden Augenblick. Ich zog mein Pfefferspray vom Gürtel ab. Das scharfe Zeug landete in seinen Augen. Wir rissen seine Arme zur Seite und knieten auf ihn. Wir zerrten an seinen Armen, aber er versuchte aufzustehen und sich los zu reißen. Mit meinem Schlagstock bearbeitete ich so lange seine Arme, bis wir es schafften seine Hände auf dem Rücken zu Fesseln. In dem Moment als wir die Rauferei für uns entscheiden konnten hörte ich Rufe und Getrampel auf der Straße. Taschenlampen und Pistolenläufe registrierten wir, bevor wir unsere Kollegen erkannten die um die Ecke kamen. Sie riefen sofort "Was ist passiert" "wo sind die Schweine"...
Ich sagte, dass zwei Verdächtige durch den Hof geflüchtet sind. Uniformierte und zivile Streifen schossen mit Blaulicht und ohne Martinshorn um die Ecken und versuchten die anderen Beiden zu Greifen.
"Wer hat geschossen"?
Geschossen??? Wieso? " Keiner hat geschossen" sagte ich. Alle schauten wir uns fragend an. Wann wir den Zusammenhang mit dem knallenden Tor verstanden haben weiß ich aber, um ehrlich zu sein, gar nicht mehr.
In der Wache war jetzt die Hölle los. Die halbe Führung war da um zu erfahren was es mit dem Schusswaffengebrauch auf sich hatte. Unsere beiden Kunden mit der illegalen Pyrotechnik konnte man die Angst um ihre Freunde deutlich ansehen. Denn sie glaubten immer noch daran, dass in unserer Stadt auf jeden Schläger gleich geschossen wird, wenn er abhaut. Und jetzt schleppten wir einen der ihren gefesselt, geprügelt und gepfeffert in die Wache. Er sah erbärmlich aus. Seine Augen waren rot, der Rotz lief ihm aus dem Gesicht, seine Knie und Hände waren zerkratzt. Und dieser schwarze gummiartige Belag, der sich rund um die Müllcontainer von Restaurants am Boden ansammelt hatte sich überall an ihm verewigt. Er stank furchtbar.
Als ein Kollege mit ihm zur Toilette ging um ihm das Pfefferspray aus den Augen zu spülen schaute mich einer der Ultras an und sagte "Das muss doch nicht sein, dass das jetzt hier alles so eskaliert".... In meinen Kopf machte sich sofort ein Konflikt bemerkbar, sollte ich ihm sagen, dass niemand geschossen hat oder sollte ich den furchteinflößenden Ruf unserer Stadt bei der Unterwelt erhalten?
"Wir sind hier in ... Hier gehen die Uhren anders"!
Das hatte gesessen! Er sagte kein Wort mehr. Vermutlich wird er niemals wieder einen Fuß in unsere Stadt setzen.
 

HIER findet ihr etwas über Messerkampf.
HIER findet ihr etwas über Messerkampf.

Bei keinem der Ultras konnten wir ein Messer finden. Unsere Zeugen erkannten keinen Einzigen wieder. Auch die spätere Auswertung der Videoaufnahmen erbrachte nichts, da die Schlägerei in einem unbewachten Bereich statt fand. Zweifelsohne waren unsere Ultras aber vor Ort gewesen. Der von uns Geprügelte zeigte interessanterweise kein Interesse daran mich anzuzeigen oder sich zu beschweren. Er hatte vermutlich genug Dreck am Stecken und wusste das wir richtig gehandelt hatten. Er sah das Ganze sehr "sportlich".

Wann der Polizeihund etwas endlich etwas zu Fressen bekommen hat entzieht sich leider meiner Kenntnis.