Der Polizist der schreiend auf der Straße liegt

Es war der schicksalhafteste Tag für mich den ich je auf Streife erlebt habe. Er sollte vieles ändern, privat und an meiner späten Arbeitsweise.
Der Kollege mit dem ich fuhr war jünger als ich. Er war erst einige Monate bei mir im Altstadtrevier. Er gehörte aber zu den Kollegen, vor denen ich großen Respekt hatte. Er packte alle Probleme sofort an und zögerte auch nicht komplizierte Sachverhalte aufzunehmen um diese später am Computer einwandfrei zu bearbeiten. Aber dieser Tag wird in unserer Beziehung einen Riss hinterlassen.
Die Arbeit war fast getan. Wir hatten an diesem Tag wenige Einsätze gehabt und Sachbearbeitung stand auch nicht mehr an. Es war 22:30 Uhr und wir hatten nur noch 30 Minuten bis zum Dienstschluss. Wir waren gerade auf dem Weg zur Dienststelle zurück. Da hörten wir von unserer Einsatzzentrale, dass es am anderen Ende des Nachbarreviers einen Streit gegeben hat. Eine Person soll ein Handy geklaut haben und dann vom Besitzer eins auf die Nase bekommen haben. Das Ganze war auf einer Brücke. Im Nachbarrevier schienen die anderen Streifen sehr beschäftigt zu sein. Da zunächst keine örtlichen Streifen sich anmeldeten boten wir unsere Unterstützung an. Mit uns fuhren noch zwei andere Streifen von meinem Revier.
Es war ein angenehmer Abend und unter der Brücke am Fluss befanden sich viele junge Leute die dort ihren Abend verbrachten und etwas feierten. Oben auf der Brücke trafen wir sofort unsere Kundschaft. Einer hatte eine blutige Nase und alle stritten untereinander. Es war eine Gruppe von "Giftlern" und alle kannten sich.
Wir versuchen in Erfahrung zu bringen was passiert war. Da alle nicht nur getrunken hatten sondern alles mögliche an Gift konsumiert hatten war das alles nicht so einfach.
Der mit der kaputten Nase stänkerte dauernd an uns vorbei und suchte erneut Streit, während wir mit den anderen Beteiligten sprachen. Wir waren in der Unterzahl und in keiner taktisch guten Position. Also fesselte ich ihm sofort die Hände auf den Rücken. Das wirkt meist und der Kunde merkt, dass er so nicht weiter kommt und beruhigt sich. Aber seiner Freundin gefiel das gar nicht. Sie zog ihn am Arm von uns weg und wollte mit ihm gehen. Ich sagte ihr, dass jetzt erst mal keiner geht und sie beide hier bleiben müssen. Das drang aber in ihren Kopf nicht vor. Der Kopf war sowieso mit allen möglichen Substanzen vernebelt. Mein gefesselter Kunde war aber voll zugänglich und inzwischen wieder friedlich, also bat ich ihn seine Freundin zur Vernunft zu bringen. Diese versuchte immer noch mit ihm zusammen abzuhauen.
Uns war bereits jetzt klar, dass wir die Situation nur schwer unter Kontrolle bringen konnten. Um uns rum versammelten sich etwa 50 Leute die uns zuschauten. Die Brücke war recht groß mit 5 Fahrspuren und auf beiden Seiten waren U-Bahnhöfe. Das war also ein recht stark frequentierter Platz. Ich hatte kein Funkgerät, aber neben mir hörte ich bereits einen Kollegen Unterstützung anfordern. Hätten sich die Feiernden mit unseren Kunden solidarisiert, bei den nun anstehenden Festnahmen, wäre uns nur noch der Rückzug geblieben. Das Dumme war nur, es konnte keine Unterstützung kommen. Alle Kräfte waren gebunden bei anderen Einsätzen.
Mein gefesselter Kunde redete nun auf seine Freundin ein, dass sie endlich mit dem Mist aufhört und ihn los lassen soll. Aber es half nicht. Während ein Kollege bei meinem Kunden blieb packte ich nun mit einem dritten Kollegen die 60 kg leichte Giftlerin, wir traten ihr die Füße weg, legten sie auf den Boden und fesselten auch sie. Bis dahin war das alles kein Problem.

Das Foto habe ich im Gerichtssaal gemacht. Links sitzt das "Opfer," das von der Presse kreiert wurde. Es ist unfassbar, was die versammelten "Leitmedien" vertuscht haben. Dort habe ich das Wort "Lückenpresse" schmerzlich kennen gelernt.
Das Foto habe ich im Gerichtssaal gemacht. Links sitzt das "Opfer," das von der Presse kreiert wurde. Es ist unfassbar, was die versammelten "Leitmedien" vertuscht haben. Dort habe ich das Wort "Lückenpresse" schmerzlich kennen gelernt.

Jeder der sich über einen bekannten Fall (oben auf dem Bild ist die Gerichtsverhandlung) aus der Presse über die Polizei aufregt, weil ein Kollege sich mit einem Schlag gegen eine gefesselte Frau gewehrt hat sollte jetzt gut aufpassen. Denn diese Frau wird gleich vier Beamte verletzen, trotz Handschellen am Rücken!

Ich kniete nun mit einer Kollegin auf ihr drauf. Sie schrie und beschimpfte uns. Sie spuckte uns an, trat um sich und rief die umstehenden Passanten um Hilfe. Die Kollegin zog ihre Klettfessel vom Gürtel und versuchte ihre Beine zu fesseln. Aber das ist nicht wirklich leicht wenn der Kunde strampelt. Als ein dritter Kollege half sie festzuhalten schaffte sie es die Beine zu fesseln. Hierbei musste sie ordentlich was einstecken. Ihr Hemd war voller Schuhabdrücke. Hätte sie ihre Weste nicht angehabt hätte sie noch mehr abbekommen. Ihre Hände waren aufgeschürft und einer ihrer Knöchel angebrochen. Der andere Kollege, der mit dem ich zusammen gefahren bin, hatte an seinem Oberschenkel einen etwa 20cm großen Bluterguss, da auch er einen Tritt von ihn abbekommen hatte. Aber sie gab keine Ruhe, wie sie da unter uns auf der Straße lag. Jetzt versuchte sie mit ihren gefesselten Händen uns unsere Waffen aus den Holstern zu ziehen. Und es fehlte natürlich nicht, dass sie einem Kollegen ihre Fingernägel in die Unterarme rammte und seine Arme zerkratze. Ich fixierte jetzt auch noch ihre Handschellen an ihrem Gürtel. Ein Kollege zog ihr eine "Spuckschutzhaube" über den Kopf. Mehr verschnüren konnten wir sie nicht. Blöd war aber, dass die zuschauenden Passanten immer näher rückten. Und je härter wir unsere Kunden nun anpacken würden desto größer wäre die Gefahr einer Solidarisierung.
Während wir mit dem geisteskranken Weib am Kämpfen waren war ihre Freundin auf einmal der Meinung, dass das jetzt ein guter Zeitpunkt wäre um, das ohnehin nutzlose, Leben zu beenden. Also kletterte sie auf das Brückengeländer und versuchte hinab zu springen. Nach meiner Erfahrung hätte sie hierbei übrigens etwa eine 50/50 Chance gehabt dass sie den Sprung in unseren Fluss überlebt. Aber meine Kollegin mit dem angebrochenen Knöchel sah es und schaffte es gerade noch sie vom Geländer runter zu ziehen. Ihre Suizidpläne versprachen also keinen Erfolg, da die Kollegin ihr körperlich überlegen war. Was macht also die gemeine Giftlerin, wenn sie gerade nicht versucht sich umzubringen. Sie sucht einen Polizisten den sie schlagen kann. Und ihr Objekt des Hasses war nun ich. Da ich mit meiner Giftlerin am Kämpfen war sah ich sie nicht kommen, nur ihre Faust, etwa 0,3 Sekunden bevor sie in meiner Nase einschlug.
Noch bevor mir klar war was gerade passiert ist rissen andere Kollegen das Weib zu Boden und fesselten auch sie.
Wir waren zu sechst und drei von uns waren schon verletzt. Und wir hatten mittlerweile vier Kunden festgenommen. Zwei davon waren Weiber die schreiend am Boden lagen. Es ist mir bis heute ein Rätsel, warum die ganzen Passanten uns unsere Arbeit haben machen lassen. Vermutlich war es so offensichtlich, dass unsere Kundschaft total aggressiv und kaputt war. Und dazu kommt, dass bei uns im Süden die Uhren doch meist anders gehen und Recht und Ordnung herrscht. Da aber die Situation für uns immer bedrohlicher wurde sagte ich zu den Kollegen, dass wir die Weiber sofort weg bringen müssen.
Zu dritt packten wir die verschnürte Kratzbürste und wollten sie hinten quer in einen Streifenwagen legen. Sie schrie, strampelte und trat um sich. Sie rutschte uns weg und fiel auf mein Bein. Meine Bänder knallten, meine Kniescheibe sprang in meine Kniekehle und ich fiel schreiend auf die Straße.
Da lag ich nun. Die Schmerzen waren unvorstellbar. Ich versuchte mich mit den Fingern in den Asphalt zu krallen. Ich nahm wahr, dass eine Zivilstreife und noch eine Uniformierte mit Blaulicht angeschossen kamen. Einer der neu eingetroffenen Kollegen eilte zu mir und versuchte mit mir zu sprechen. Ich erkannte ihn von früher. Wir hatten uns vier Jahre lang nicht mehr gesehen. So traf man sich also wieder. Er rief ins Funkgerät, dass wir einen Retter brauchen und ein Kollege verletzt auf der Straße liegt. Zwei Passanten waren jetzt auch bei mir und wollten Helfen. Aber ohne Betäubungsmittel war das nicht wirklich Erfolg versprechend.
Es ist eine seltsame Perspektive den Rettungswagen mit Blaulicht auf einen zufahren zu sehen, wenn man selber auf der Straße liegt. Um mich rum war nur noch Geschrei und Gezeter. Wie meine Kratzbürste mit quitschenden Reifen Richtung Ausnüchterungszelle gefahren wurde hab ich gerade noch mit bekommen und registriert. Es liefen nun Retter um mich rum und fragten lauter Sachen, Allergien, Schmerzen.... Die Passanten und der Kollege den ich von früher kannte nahmen mir den Einsatzgürtel ab. Der Notarzt hantierte mit Spritze und Infusion und sagte dann "Ich schieß dich jetzt weg". In einem letzten Geistesblitz zog ich mein Handy aus der Tasche, drückte es dem Kollegen in die Hand und sagte "Du schreibst jetzt meiner Frau, dass ich mit einer Knieverletzung ins Krankenhaus komme". Denn diese erwartete mich gleich zum Essen und wäre dann nach einer Wartezeit und vergeblichen Versuchen mich zu erreichen von meinen Kollegen Zuhause aufgesucht worden....
Dann wurde alles schwarz vor meinen Augen.

Ich war nun in einer Traumwelt von der ich nur Weniges mitbekommen habe. Ich sah ab und zu Lichter über mir vorbei huschen. Ich sah Ärzte die sich über mein Gesicht beugten. Ich konnte aber nicht mit ihnen reden. Ich konnte nicht reagieren oder mich bewegen. Es wurde wieder schwarz vor meinen Augen. Ich hörte wieder Leute neben mir reden und war wieder weg. Gefühlte drei Tage später (vermutlich waren es nur zwei Stunden) wachte ich langsam auf. Ich lag irgendwo in der Notaufnahme auf einer Liege. Neben mir konnte ich meine Frau und meinen Chef sehen. Sie unterhielten sich mit den Ärzten über irgend welche Abrechnungsmodalitäten der Krankenversicherung. Als sie bemerkten dass ich wach wurde wechselten wir ein paar Worte. Die Stimmung war gut. Mein Verstand war immer noch voll berauscht und ich versuchte ein paar Witze zu machen. Mein Chef meinte, dass ich in ein paar Tagen wieder fit bin, womit er leider nicht Recht behalten sollte. Irgend jemand reichte mir Formulare zum Unterschreiben. Die Krankenschwestern zogen mir jetzt noch meine Stiefel und meine Schutzweste aus und brachten mich zum Röntgen. Ich war zwar müde und konnte kaum sprechen, aber dafür war ich super gelaunt. Ich redeten den größten Mist den man sich vorstellen kann. Es ist mir heute noch unglaublich peinlich was ich denen für ein Zeug erzählt hab. Aber die sind das vermutlich gewöhnt.


Zwei Tage später war klar, dass die Ausrenkung der Kniescheibe und der Bänderriss wesentlich schwerwiegendere Folgen hatte als zunächst angenommen. Ich musste nun operiert werden und wurde erneut mit Gift voll gepumpt. Da meine Knie durch das Marschieren und Fallschirmspringen früherer Tage derart stabil und fest waren zeigte sich die Verletzung um so schwerer und einige Wochen später stand die zweite Operation an. Nun zehrte nicht nur mein Knie an mir, ich merkte auch deutlich, dass mein Körper Probleme hatte das ganze Gift zu verarbeiten was ich von den Ärzten bekam. Die Tage vergingen und ich lag im Krankenhaus. Ich lag da alleine in meinem Zimmer. Ich konnte die ersten Tage nicht mal aufstehen, geschweige denn laufen. Ich musste in eine Flasche pinkeln und für fast alles eine Schwester rufen. Die Kollegen besuchten mich, mein Gruppenleiter, mein Chef, meine Familie...

Nur einer besuchte mich nicht: Mein Streifenpartner. Von diesem hörte ich nie wieder etwas. Ich bin ihm zwar Wochen später noch ein mal begegnet, aber groß geredet haben wir nicht. In meiner ersten Woche im Krankenhaus schrieb er einen Versetzungsantrag. Ich glaube es war für ihn zu viel mich bewusstlos auf der Straße liegen zu sehen. An Schläuche und Maschinen angeschlossen. Vermutlich wollte er sich davor schützen, dass es ihm zu nahe ging. Ich nehme es ihm auch bis heute nicht übel. Jeder von uns muss auf seine Art mit dem Erlebten klar kommen. Und man kann vorher nie sagen was für ein Einsatz einen belastet. Ich wurde nach zwei Wochen aus dem Krankenhaus entlassen und konnte erst 12 Wochen später wieder mit der Arbeit anfangen. Wobei ich auch dann noch nicht wirklich einsatzfähig war. Die Kollegin war bereits nach zwei Wochen wieder bei der Arbeit. Mit ihr zusammen war das der letzte Einsatz für uns beide, denn bereits zuvor ging jedes Mal die Welt fast unter wenn wir zusammen Streife gefahren sind. Auch wenn wir uns wirklich mochten hielten wir zwei es nun für besser, dass wir keine „Apokalypse-Streife“ mehr zusammen fahren.

Noch mit Krücken und unter starken Schmerzmitteln humpelte ich zur Gerichtsverhandlung eines Kollegen. Er war angeklagt, weil er den Kopfstoß einer gefesselten Frau mit einem Schlag in ihr Gesicht abgewehrt hatte. Ich wollte Flagge zeigen und ihn moralisch unterstützen, auch wenn ich ihn gar nicht persönlich kannte. Der Verhandlungssaal war voll mit der bundesweiten Presse. Da die Presse ihn schon zum „Prügelpolizisten“ ernannt hatte waren sie gezwungen viele Fakten die vor Gericht auf den Tisch kamen zu vertuschen. Denn wenn man mit der eigenen Zeitung ein „Opfer“ kreiert hat kann man schließlich nicht auf einmal sagen, dass man falsch berichtet hat. Jedenfalls wurde der Kollege für seinen Abwehrschlag zu 10 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Also fast die selbe Strafe die meine bereits vorbestrafte Kundin bekommen sollte die vier Polizeibeamte vorsätzlich verletzt hatte. Wir waren von diesem Urteil gegen den Kollegen alle schwer getroffen. Unsere Meinung zur Presse hatten wir alle sowieso schon und diese wurde nur erneut bestärkt.


Unsere beiden Kundinnen standen etwa 6 Monate später vor Gericht. Ich reichte über meinen Anwalt Nebenklage ein. So dürfte mein Anwalt auch ein Plädoyer halten. Der Saal war voll. Es waren von allen Beteiligten die Angehörigen dabei. Auch wenn die Presse über meinen Fall damals berichtet hatte zeigten sie an der Verhandlung kein Interesse. Wir machten alle der Reihe nach unsere Aussagen. Mein Anwalt plädierte für eine Haftstrafe, sagte mir aber, dass dies keinen Erfolg haben wird. Die mir ins Gesicht geschlagen hat wurde zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt und die Kratzbürste zu 12 Monaten auf Bewährung. Meine Krankenhausrechungen beliefen sich inzwischen auf weit über 10.000,- Euro. Und über meinen Anwalt erwirkte ich Vollstreckungstitel von über 5.000,- Euro gegen die beiden Weiber. Aber wo nichts zu holen ist, ist nichts zu holen. Mehr als Klopapier sind diese Vollstreckungstitel also nicht wert. Wenigstens konnte ich einige Monate später mit Genugtuung feststellen, dass die Bewährung von Beiden widerrufen wurde und sie ihre Haft absitzen musste.

Erwähnenswert ist noch, dass sich auch ein Bürger darüber beschwert hat wie hart wir die Kratzbürste angefasst haben. Auch der Hinweis darauf, dass gerade zwei Beamte im Krankenhaus liegen, wegen ihr, interessierte diesen Bürger nicht. Übrigens trug sie keinen einzigen Kratzer von unserer Festnahme. Ob das wohl ein Indikator für gute Polizeiarbeit ist???

Die Schmerzen im Knie belasten mich noch heute.Aber ich will nicht jammern. Meine Arbeitsweise habe ich entsprechend meiner Erfahrungen angepasst.

Die Fotos zeigen die Stelle an der ich gelegen bin, sie sind entstanden nach dem ich ins Krankenhaus transportiert worden bin und sich die Situation beruhigt hatte. Der RTW auf dem Foto war ein Zweiter für einen unserer "Kunden".

 

 Nachtrag:

Ich habe mittlerweile erfahren, dass die Frau mit Mitte zwanzig gestorben ist, die mein Knie kaputt gemacht hat. Wieso weiß ich aber nicht. Vermutlich waren es die Drogen. Ich weiß absolut nicht was ich dazu empfinden soll? Mein Schmerzensgeld hätte ich eh nie von ihr bekommen. Als sie ins Gefängnis musste hat mich das wirklich gefreut, aber ihr Tot fühlt sich seltsam an.