Der Mann der Weihnachten nicht gefeiert hat

Wenn ich mir über meine Arbeit während dem Weihnachtsfest Gedanken mache muss ich immer an meinen ersten derartigen Dienst denken. Ich habe mittlerweile doch einige Jahre auf Streife hinter mir. Aber diesen Heiligen Abend als Praktikant auf dem Land in Franken werde ich nicht vergessen. Dieser Abend symbolisiert für mich seither das Leben von Depressiven und von unseren "Suizidenten".

Ich weiß gar nicht mehr genau wie lange mein Praktikum schon ging. Vermutlich drei oder sieben Wochen. Die Feiertage wollten wir ruhig verbringen. Wir wollten keine Strafzettel schreiben, der Chef (Dienststellenleiter) kam zu Besuch und der Sozialraum stand voller Leckereien.

Ein Notruf erreichte unsere Polizeiinspektion. Eltern machen sich Sorgen um ihren erwachsenen Sohn. Diesen können sie nicht erreichen. Das hörte sich erst mal nicht sonderlich spektakulär an. Ich fuhr also mit meinen Bärentreiber zu dem Wohnhaus. Die Eltern warteten davor. Ihr Sohn war so alt wie ich und bewohnte den Keller des Hauses und hatte einen eigenen Eingang an der Seite. Sie erzählten uns nun auch den Grund ihrer Sorgen. Ihr Sohn war depressiv und hat bereits vor Wochen seinen Suizid angekündigt. Aber das war keine gewöhnliche Suizidankündigung, denn er wollte sich zu Tode Hungern und hatte seit Wochen nichts mehr gegessen.

Alle Rolläden der Wohnung waren zu und die Türe verschlossen. Auf Klingeln reagierte niemand. Wir rechneten nicht damit, dass es hier um Minuten geht. Denn entweder lag er bereits tot in der Wohnung oder lebte noch. Wir forderten über unsere Einsatzzentrale die freiwillige Feuerwehr des Ortes an, damit sie uns beim Aufbrechen der Wohnung behilflich ist.

"Im Feldquartier, auf hartem Stein, streck ich die müden Glieder...."
"Im Feldquartier, auf hartem Stein, streck ich die müden Glieder...."



Die Viertelstunde bis zu deren Eintreffen erzählten uns die Eltern ihre Geschichte. Wie ihr Sohn, seit dem er aus die Bundeswehr verlassen hatte immer mehr den Boden unter den Füßen verloren hat. Er isolierte sich und verließ kaum noch das Haus. Es war eine Geschichte wie ich sie in den darauf folgenden Jahren noch oft zu Hören bekam. Das Problem bei diesen Geschichten ist aber, dass die Krankheit " Depression" (denn es ist eine Krankheit) in 100% der Fälle tödlich endend, wenn sie nicht behandelt wird. Mit so einer Letalität kann kaum eine andere Krankheit mithalten. Und wie ich auch erst im Laufe der Jahre feststellen musste gibt es kaum eine Krankheit die derart seltsame Todesfälle hinter sich lässt. Der menschliche Verstand kann er nicht erfassen was für unwirkliche und skurrile Leichen Polizisten in unserem Land täglich finden. In der Presse wird über Suizide aus Prinzip nicht berichtet. Bereits mehrfach musste nach derartigen Berichten der Wehrther-Effekt beobachtet werden. Suizide führen zu Nachahmungstaten. Deshalb berichtete die Hamburger Polizei die letzten Jahre auch nur öffentlich von einen Einzigen der von der Köhlbrandbrücke gesprungen ist, dieser hatte den Sprung nämlich aus irgend einen Grund schwer verletzt überlebt.

Wie sehen also diese seltsamen Leichen aus? Es sind Menschen gewesen die sich in ihren kranken Köpfen (ich spreche immer noch von einer echten Krankheit) mit einer Handsäge den Unterarm absägen, solange bis zu verblutet sind. Oder sie erhängen sich, aber nicht am Hals, sondern an den Hoden. Denn hierbei entstehen im Körper derartige innere Blutungen, dass sie innerhalb einiger Minuten tot sind. Glaubt nicht, dass ich so etwas verstehe. So etwas verstehen vermutlich nicht mal die Ärzte im Bezirkskrankenhaus (also der Irrenanstalt).

Die Feuerwehr traf ein und öffnete uns in wenigen Minuten das Türschloss. Mein Bärentreiber und ich gingen rein. Die Eltern wollten draußen warten. Wir suchten die ganze Wohnung ab. Dabei bewegten wir uns sehr langsam. Denn die Anwesenheit von Leichen ist etwas seltsames. Ein schwer zu beschreibendes Gefühl. Es ist wie eine Mischung aus der Anwesenheit einer Person und einer Sache. Wenn man einige Stunden neben einer Leiche warten muss spürt man die Anwesenheit von jemandem. Und man will auch auf keinen Fall über eine Leiche stolpern, sondern man will sie langsam finden. Man will nicht von ihr überrascht werden, denn das macht uns Angst.

 

 
Die Pause haben wir genutzt ein paar Kindergartenkindern unsere "Funkstreife" zu zeigen
Die Pause haben wir genutzt ein paar Kindergartenkindern unsere "Funkstreife" zu zeigen

Wir konnten unseren Gesuchten nicht in der Wohnung finden. Darüber war ich auch irgendwie erleichtert. Denn so hing niemand vor meiner Nase an einem Strick von der Decke. Aber, das bedeutete auch, dass die Suche noch nicht vorbei war.

Die Wohnung wirkte seltsam auf mich. Wenn man so etwas zum ersten Mal sieht kann man es nicht begreifen was in so einer Wohnung vor sich geht. Es war fast alles da was man in einer normalen Wohnung auch finden würde. Möbel, Kleider, Geschirr usw. Aber es wirkte als wäre seit mindestens einen Jahr niemand mehr dort gewesen. Auf allem befand sich eine dünne Staubschicht. Es stand nur ganz wenig Geschirr in der Küche. Das war bereits gebraucht und die Essensreste waren eingetrocknet. Auf dem Bett war außer der blanken Matratze nichts. Ich konnte nirgends Bettzeug finden. Im Bad sah es ähnlich aus. Die Zahnbürste war seit Monaten nicht mehr gebraucht. Im Waschbecken war Staub.

Ich versuchte das alles richtig Einzuordnen und zu Deuten. Meinem Bärentreiber teilte ich nun meine Theorie mit. Ich sagte ihm, dass ich glaube dass er hier lange nicht mehr lebt und eine zweite Wohnung haben muss. Aber mein Kollege klärte mich über die Realität dieses Krankheitsbildes auf. Und darüber, dass diese Menschen eigentlich kaum was Anderes machen als 12 Stunden am Tag auf ihrem Bett zu liegen, an die Decke zu starren und nur daran denken, wie traurig doch ihr Leben ist.

Die "Techniker" von uns fuhren ab zu einer großen Demo.
Die "Techniker" von uns fuhren ab zu einer großen Demo.



Eine Einweisung in die Psychiatrie ist für mich eine alltägliche Sache geworden. Es vergeht kaum eine Woche in der ich nicht jemanden ins BKH fahre. Aber ich versuche mir immer Mühe zu geben diese Entscheidung nicht leichtfertig zu treffen. Vom tödlichen Schusswaffengebrauch abgesehen ist eine Einweisung die gravierendste Maßnahme die wir treffen dürfen. Es bringt immer auch eine Stigmatisierung des Betroffenen mit sich. Seine Nachbarn werden auch 10 Jahre später noch erzählen, dass er von der Polizei in die Irrenanstalt gebracht worden ist. Aber auf der anderen Seite ist diese polizeiliche Maßnahme für viele Kranke die einzige Möglichkeit in Behandlung zu kommen. Denn viele sehen ihre Krankheit nicht und lassen sich daher nicht behandeln.

Nach dem wir den Eltern mitgeteilt hatten, das er nicht in der Wohnung ist, die Feuerwehr abgerückt war und wir über die Einsatzzentrale nun eine Fahndung nach unserem Gesuchten in die Wege geleitet haben durchsuchten wir die Wohnung gründlich. Jetzt galt es Hinweise auf seinen Aufenthaltsort und seinen Krankheitsverlauf zu finden. Auf dem Esstisch lang ein handgeschriebener Brief. Es war eine Art Abschiedsbrief, aber so eindeutig war das nicht. Es war eine Mischung aus Brief und Gedicht. Im Inhalt so wirr, das man es nicht wieder geben kann und auch keine Schlüsse daraus ziehen konnte. Auf der anderen Seite des Raumes sah ich einen kleinen blauen Plastikkoffer, der meine Aufmerksamkeit erregte. Schnellen Schrittes ging ich durch den Raum und öffnete aufgeregt den Koffer. Ich hatte Recht mit meiner Vermutung. Es war die Verpackung einer Gaspistole und sie war leer. Er hatte also Vorbereitungen getroffen für den Fall, dass die Polizei ihn noch lebend findet. Dann sollten wir sein Leben beenden. Ich informierte sofort alle eingesetzten Kollegen über Funk, dass der Gesuchte eine Gaspistole bei sich trägt. Unsere Suche ging weiter. Nun fiel mir der Kühlschrank auf. Er war an der Türe mit gelbem Panzerband zugeklebt und ausgesteckt. Was ich darin finden würde sollte mir eigentlich klar gewesen sein. Aber in dem Moment dachte ich nicht so weit. Mit meinem Victorinox Rettungsmesser, das ich wenige Wochen vorher von meinem Schwiegervater geschenkt bekommen hatte, schnitt ich das Klebeband auf und öffnete den Kühlschrank. Das hätte ich nicht tun sollen. Der Inhalt war nicht mehr zu erkennen. Man sah nur noch Haufen von Schimmelpilzen, dessen Sporen umher gewirbelt wurden. An den Geruch erinnere ich mich nicht mehr, das hat mein Verstand vermutlich in meiner Erinnerung gelöscht um mich zu schützen.

Tja, und was kam jetzt? Ihr erwartet jetzt vermutlich, dass dass wir solange gesucht haben bis wir ihn gefunden haben. Tot oder lebendig. Aber unsere Einsätze sind oft nüchtern. Es war Schichtwechsel. Wir haben die Türe mit dem neuen Schließzylinder der Feuerwehr verschlossen und einen Zettel an der Tür angebracht, dass sich der Gesuchte seinen Schlüssel bei der Polizei abholen kann. Wir haben den Fall unserer Nachfolgeschicht übergeben, einen kurzen Bericht geschrieben und sind nach Hause gefahren zum Schlafen. Denn einige Stunden später beginnt für uns die nächste Schicht. Wir hatten mit diesem Fall nichts mehr zu tun.

Beim nächsten Schichtbeginn schauten wir kurz in den Computer ob die Kollegen erfolgreich gewesen sind bei der Suche. Es waren die Kollegen der Autobahnpolizei die unseren Gesuchten in einem Auto auf dem Rastplatz sitzend gefunden haben. Als er angesprochen wurde Griff er nicht zu seiner Pistole und folgte den Kollegen ohne Widerspruch. Im Bericht der Kollegen stand, dass er aussah wie ein Häftling eines Konzentrationslagers von 1945. Es bestand offenbar nur noch aus Haut und Knochen und war schon zu schwach um ohne Hilfe zu Laufen. Was weiter aus ihm geworden ist weiß ich nicht.

Das war mein erstes Weihnachten bei der Polizei.

Der Abschiedsbrief von einem anderen Fall. Ich musste ihn Öffnen und Lesen....
Der Abschiedsbrief von einem anderen Fall. Ich musste ihn Öffnen und Lesen....
Eine Police-Box in London. Bevor flächendeckend Funkgeräte eingeführt waren waren dies kleine Polizeiposten mit einem Telefon. Wenn sie nicht besetzt war gab es auf der Außenseite ein Notruftelefon für Bürger.
Eine Police-Box in London. Bevor flächendeckend Funkgeräte eingeführt waren waren dies kleine Polizeiposten mit einem Telefon. Wenn sie nicht besetzt war gab es auf der Außenseite ein Notruftelefon für Bürger.