Samstagabend, Zeit zum Aufstehen

 

Es ist Samstagabend als der Wecker klingelt. Die tief stehende Juni-Sonne scheint unter der halb runter gezogenen Schalosie durch und blendet mich. Es ist schwül, ich schwitze und bin etwas gerädert. Die Frühschicht war eigentlich ganz in Ordnung gewesen, aber jetzt steht mir die Schicht bevor die uns immer am meisten Arbeit bereitet. Und einige Kollegen haben heute Nacht frei. Ich frage mich immer mal wieder ob ich vor diesen Schichten Angst habe? Nein, es ist keine Angst. Es ist auch nicht „Respekt“, wie es immer alle Kollegen in Fernsehberichten sagen! Angst empfinde ich erst dann, wenn es ernst wird. Es ist einfach meine Arbeit, die ich seit vielen Jahren mache. Mich erwarten heute Nacht Blaulichtfahrten, Diskussionen mit besoffenen Vollidioten, viele Aggressionen und wenn Zeit bleibt, Schreibdienst spät in der Nacht.

 

Nein, ich habe keine Angst vor dieser Nachtschicht, aber ich stelle mich auf den Kampf ein. Ich meine dieses Wort nicht im Zusammenhang mit „Krieg“. Es ist kein Krieg auf unseren Straßen. Im Krieg waren wir nur einige Monate, als ganz Europa mit Terroranschlägen überzogen wurde, und ich mit einer MP an einer Synagoge Wache stand. Der Kampf um den es heute Nacht geht ist ein Kampf für unsere Bürger, dafür gesund zurück nach Hause zu kommen und für die Sicherheit der Kollegen.

 

Ich will duschen, aber meine Uhr sagt mir, dass dafür keine Zeit mehr bleibt. Ich habe keine Lust viele Worte zu wechseln. Meine Frau weiß das, sie sagt nur fragend „Kaffee“ und ich nicke.

 

Aber um mich zu rasieren muss die Zeit reichen. Ich ziehe nicht gammlig in den Kampf. Das habe ich noch nie getan. Schon als Soldat nicht. Später, als Polizist, bei den großen Demonstrationen und Fußballspielen, ebenfalls nie. Es ist für mich zu einem Ritual geworden, dass ich mich vor großen Einsätzen rasiere. Warum weiß ich selber nicht, es hat sich einfach so ergeben. Aber ich finde es ist ein gutes Ritual und ich wüsste nicht warum ich damit aufhören sollte.

 

 

Unsere Stadt ist nicht groß und viele kennen einander. Und erst gestern haben sich neue Ermittlungen gegen einen bewaffneten und gewaltbereiten Dealer ergeben, mit dem ich in der Vergangenheit viel zu tun hatten. Und auch noch zwei andere unserer Kunden haben in den letzten Tagen wieder zum Messer gegriffen. Ich mache mir daher durchaus Sorgen. Vermutlich mache ich mir etwas mehr Sorgen als viele meiner Kollegen. Aber mir wurde bereits von der Kundschaft nach der Arbeit aufgelauert und ich werde auf der Hut sein.

 

 

Aus dem Tresor hole ich meine Walther, nach dem ich sie durchgeladen habe lade ich noch eine extra Patrone in das Magazin nach und stecke mir ein Ersatzmagazin ein. Dann führt mich mein Weg in die Küche wo ich den frischen Kaffee in meinen Thermosbecher fülle. Dann verabschiede ich mich von meiner Frau und den Kindern. Viele Worte mache ich dabei nicht. Ich bin noch Müde und ich mag Ruhe haben bis ich wach bin.

 

Die Privatwaffe kommt in den Schrank, die dienstliche ins Holster. Dann bin ich einsatzbereit.
Die Privatwaffe kommt in den Schrank, die dienstliche ins Holster. Dann bin ich einsatzbereit.
3 Uhr Nachts, endlich Zeit Anzeigen zu schreiben.
3 Uhr Nachts, endlich Zeit Anzeigen zu schreiben.
Sonntagfrüh, es geht Heim zum Schlafen. Das Chaos in meiner Einsatztasche werde ich heute nicht mehr aufräumen.
Sonntagfrüh, es geht Heim zum Schlafen. Das Chaos in meiner Einsatztasche werde ich heute nicht mehr aufräumen.

Sonntagabend - Wieder mal Zeit zum Aufstehen

 

Es regnet in Strömen. Ich mache mir meinen Kaffee und fahre durch den Regen zur Arbeit. Es ist Sonntag, es wird eine ruhige Nachtschicht. Wir haben nur wenige Einsätze, bis wir uns beim Burger King mit Essen versorgen und es uns in der Dienststelle gemütlich machen. Im Anschluss schaffe ich es endlich in Ruhe einige Unfallanzeigen fertig zu machen: Lichtbildtafeln, Skizzen, Statistiken ausfüllen und Berichte dazu schreiben, Anhörbögen verschicken, Akteneinsichtsgesuche von Anwälten und Versicherungen bearbeiten...

 

 

 

Mittlerweile ist es 3 Uhr nachts. Ich mag nicht raus fahren, ich musste die letzten Tage viel arbeiten und will einfach nicht. Ich verspüre auch keinen Druck „Aufgriffe“ zu liefern, denn ich habe die letzten Monate genug „eigene Feststellungen“ gehabt, wie es im internen Sprachgebrauch so schön heißt. Vorher haben wir noch ein Fahrzeug von einem Lieferdienst an uns vorbei fahren sehen. Von denen wissen wir, dass sie dem Rauschgift nicht ganz abgeneigt sind. Aber die letzten Tage waren anstrengend, meine Vorgangsübersicht am Computer ist eh schon relativ voll und wir hatten unser Fast Food bereits an Bord und dazu noch ziemlichen Hunger. Also haben wir ihn fahren lassen und überhaupt nicht kontrolliert.

 

Ich hab versucht am Schreibtisch die Augen etwas zu zumachen. Aber ich kann nicht schlafen. Daher habe ich einige Lageberichte durchgelesen und mich über aktuell vorkommende „Modus Operandi“ der Kundschaft informiert. Was für seltsame Begriffe wir hier verwenden?  Ich habe von aufgesprengten Geldautomaten und Brandsätzen von politischen Extremisten gelesen. Informationen die für mich eigentlich alltäglich sind. Aber wenn ich jetzt hier darüber nachdenke erscheinen sie mir seltsam. Unpassend für die Öffentlichkeit. Dinge über die ich nicht sprechen darf, es nicht soll und auch nie tun würde. Informationen die eine Art Mauer bilden, zwischen der Arbeit und dem Privatleben. Aber auch zwischen den Beamten und den Bürgern. Auch das ist ein seltsamer Sprachgebrauch. Ob wir es wollen oder nicht, für uns ist jeder ein „Bürger“, wenn er kein Kollege ist.

 

Danach habe ich einige Mitarbeiterzeitschriften der Polizei durchgeblättert. Dort waren lächelnde und gut gelaunte Polizisten und Bürger zu sehen. Schöne Fotos und Berichte über gelungene Projekte. Die Zeitschriften erschienen mir fremd. Sie sind auch ein Teil von mir und ein Teil meiner Arbeit, aber nur ein sehr kleiner davon. Ich kann mich nicht damit identifizieren. Sie gehören mehr zum 1. und 2. Stock der Polizeidienststellen, also den Kollegen vom „Tagdienst“. Den Jugendbeamten, Ermittlern, Verkehrssachbearbeitern usw. Das sind auch die Kollegen die bei Sportveranstaltungen stehen und sich mit dem Bürgermeister beraten. Uns hier im Erdgeschoss bleibt es aber überlassen uns die Nächte um die Ohren zu schlagen und auf der Straße zu streiten. Als Soldaten redeten wir immer von der „Schlammzone“. Geistig sehe ich mich dort immer noch. Ich stand vorher im strömenden Regen um die Personalien von Unfallbeteiligten aufzunehmen. Ich war in der Wohnung einer alten Messi-Frau die sich mit ihrem Sohn gestritten hatte. Ich konnte den Gestank in der Wohnung kaum aushalten. Weil ich mich für eine Vernehmung auf ihr Sofa setzen musste werde ich meine Uniform sofort morgen früh wieder in die Waschmaschine stecken. Es hat mich richtig geekelt. Die Nachtschichten sind drist. Sie sind nicht schön und man findet keine Fotos dieser Nachtschichten in den Mitarbeiter- oder Werbezeitschriften der Polizei.

 

Heute ist es ruhig und wir können endlich wieder mal etwas durchschnaufen.

 

Nach drei Jahren ist in einem Zivilprozess ein Urteil gesprochen worden. Mir wurde vor wenigen Tagen Schmerzensgeld zugesprochen. Bei einer Festnahme schüttete der Verdächtige ein flüssiges und sehr flüchtiges Rauschgift aus. Ich erlitt eine Vergiftung und musste ins Krankenhaus. Es fühlte sich die folgenden Wochen seltsam an „vergiftet“ worden zu sein. Ich denke nicht gerne an diesen Tag zurück. Der Täter sitzt seit dem im Gefängnis. Ob ich mein Geld jemals bekommen werde weiß ich noch nicht. Von anderen Fällen in denen ich verletzt wurde hatte ich Vollstreckungstitel über einige tausend Euro Schmerzensgeld, bekommen habe ich keinen einzigen Cent.

 

 

 

Und trotz allem muss ich damit schließen, dass ich meine Arbeit mag. Ich stehe gerne auf und gehe gerne zur Arbeit. Ich bin stolz auf meine Arbeit. Ich habe Kollegen die zusammen halten. Wir sind eine sehr kleine Gemeinschaft die eng zusammengewachsen ist. Und ich weiß, dass in der Stadt grade sehr viele Bürger schlafen die dankbar für unsere Arbeit sind. Ich arbeite gerne für sie und es ist mir eine Ehre. 

 

 

 

Mehr zur Überziehweste findet Ihr HIER.
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Eine andere Nachtschicht: 22 Uhr abends, Pkw Brand auf einem Parkplatz.
Eine andere Nachtschicht: 22 Uhr abends, Pkw Brand auf einem Parkplatz.
Eine andere Nachtschicht: Ein Wohnhausbrand um 4 Uhr morgens im Winter. Die halb nakten und frierenden Bewohner sitzen in unserer Funkstreife. Die Heizung läuft.
Eine andere Nachtschicht: Ein Wohnhausbrand um 4 Uhr morgens im Winter. Die halb nakten und frierenden Bewohner sitzen in unserer Funkstreife. Die Heizung läuft.

Eine andere Nachtschicht....

Freitagfrüh, der Morgen bricht an

Die Nachtschicht ist fast vorbei. Das Licht scheint langsam durch die geschlossenen Schalosien meines Büros. Auf dem Schreibtisch liegen einige Vorgänge und Formulare die ich zusammen sammle. Und zwei leere Flaschen Spezi und mein Kaffeebecher. Wir hatten kaum eine freie Minute, lediglich zum Abendessen hatten wir kurz Ruhe. Eine Praktikantin von uns hatte ihren Ausstand und hat für uns Sauerbraten gemacht. Das war ein Lichtblick in dieser Schicht. Wir mussten uns fast die ganze Nacht auf der Straße um die Ohren schlagen. Das gute ist, dass ich nur wenige neue Vorgänge dazu bekommen habe. Dafür konnte ich absolut nichts raus schreiben. Wir haben zum Schreiben meist sowieso nur die Nacht, weil uns tagsüber Einsätze und Anliegen an der Wache beschäftigen. Wir rannten Einbrechern hinter her, suchten einen Wald ab und wir musste auch noch einen Supermarkt nach Einbrechern absuchen. Unfälle, Ruhestörungen, Kindesmissbrauch, betrunkene Autofahrer, Wildunfälle... Zum Schluss hatten wir alle keine Lust mehr und die Stimmung sackte ab.

Es vergeht kaum eine Nacht in der wir nicht Waffen oder Drogen von der Straße holen. Meist sind es Messer die wir finden. Und das sind nicht die Taschenmesser von normalen und anständigen „Bürgern“, es sind immer die Messer der vorbestraften Gewalttätern. Die Presse schreibt in letzter Zeit immer, dass die Vorfälle mit Messern zunehmen. Ob das stimmt weiß ich nicht. Vermutlich ist es so. Und jetzt diskutiert die Politik ob man das Führen von Messern verbieten soll? So ein Schwachsinn! Soll man etwas verbieten, das schon verboten ist? Kriminelle halten sich ja eh nicht an die Gesetze und weitere Einschränkungen würde nur die normalen Bürger treffen, die sich jetzt schon nicht mit dem Waffenrecht auskennen. Nicht mal die Polizisten wissen meist noch ob ein Messer erlaubt ist oder nicht. Und auch in dieser Nacht stellte ich wieder eines sicher.

05:00 Uhr. Eine offen stehende Tür an einem Supermarkt und es kann kein Diensthund kommen. Wir umstellen und gehen rein.
05:00 Uhr. Eine offen stehende Tür an einem Supermarkt und es kann kein Diensthund kommen. Wir umstellen und gehen rein.

 

Abends hatte ich eine lange Vernehmung mit einem Stalkingopfer. Die Abartigkeiten die sie mir über den Beschuldigten erzählte waren so widerlich, dass ich sie hier unmöglich erzählen kann. Sonst würde mich Jimdo wieder mit dem Jugendschutz nerven… Es ist so erschreckend was für Menschen sich in unserer Gesellschaft frei bewegen dürfen. Ab und zu habe ich, als kleines Licht in unserem Strafrechtssystem, einen Einfluss darauf ob jemand weg gesperrt wird oder nicht. Aber nach unzähligen Niederlagen und Enttäuschungen fehlt meist die Motivation mich ausgiebig mit den Anzeigen zu beschäftigen. Ich bin einfach nur froh um jeden Vorgang den ich in den Auslauf legen kann. Ich habe mich schon oft in Fälle rein gekniet. Zusätzliche Zeugen vernommen und mir viele Gedanken darüber gemacht was einen Richter zu einer Verurteilung bringen kann. Aber fast immer wurde ich enttäuscht. Eigentlich sogar immer. Denn wenn wirklich harte Urteile gesprochen wurden waren es Fälle in denen ich nicht damit gerechnet hatte oder in denen ich sogar auf ein mildes Urteil gehofft hatte. Die Entscheidungen von Richtern und meine persönliche Realität auf der Straße waren schon immer zwei Welten die nicht viel miteinander zu tun haben.

 

Und da saß mir, vor einigen Stunden, diese Heroinsüchtige gegenüber und erzählte mir, dass sie sich jahrelang nicht zur Polizei getraut hat. Denn der Stalker hat einiges gegen sie in der Hand und erpresst sie. Sie machte auf mich nicht den Eindruck ein schlechter Mensch zu sein. Sie sprach sehr offen über intimste und über schlimmste Dinge. Sie war froh, dass ich ihr zuhörte und nicht über sie urteilte. Ihre Zähne waren fast alle weg gefault. Sie hielt sich immer eine Hand vor den Mund wenn sie lächelte. Ihre Haut zeugte vom jahrelangen und massiven Konsum von Gift. Sie gehört zweifellos zu den schutzbedürftigsten Menschen in unserer Stadt. Ein Mensch bei dem man sich schon ekelt wenn man ihr die Hand gibt. Ich habe ihr dennoch zur Begrüßung die Hand gegeben. Ich vermutete, dass ihr das etwas bedeuten würde. Aber auch ich habe meine Hände sofort gewaschen als sie unsere Wache wieder verlassen hat. Und nun hat diese Frau meine Hilfe nötig und hofft darauf dass „die Polizei“ ihr helfen kann. Aber ob ich das schaffe weiß ich nicht. Ich werde es versuchen und mich erneut bemühen, und meine knappe Arbeitszeit dafür einsetzen einen Menschen ins Gefängnis zu bringen der nichts in unserer Mitte zu suchen hat.

 

Die Nacht ist vorbei. Der Morgen ist da und ich liege in meinem Bett. Ich hab mir zwei Wiener in die Mikrowelle gelegt und einen Fertigsalat aufgemacht. Dazu mache ich mir ein Bier auf. Es ist ein seltsames Frühstück. Aber das Bier schmeckt heute nicht. Auch das Essen schmeckt nicht. Ich lass es auf dem Nachttisch stehen und schlafe sehr schnell ein.

 

 

(Ein angespanntes und gestresstes Gesicht)