Ich hab die Geschichte eben erst aufgeschrieben (Samstag). Da am Wochende wieder viele Besucher auf meinem Blog sein werden stelle ich jetzt auch diese Geschichte ein, obwohl ich sie noch nicht überarbeitet habe. Es werden also noch recht viele Schreibfehler drin sein. Aber ich weiß auch, dass einige bereits auf neue Geschichten warten. Ich werde den Text in den nächsten Wochen Stück für Stück überabeiten.Auch Fotos werde ich noch einfügen.

 

 

Gras in der Unterhose

Ich war noch recht neu auf dem Revier und war zur U-Bahnstreife eingeteilt. Mit dem Kollegen verstand ich mich recht gut und auch der U-Bahnwächter zeigte sich an diesem Tag als ein verlässlicher Steifenpartner. Diese Streife war erst meine 2. oder 3. dieser Art und ich freute mich darauf. Als wir uns mit den Kollegen von anderen Dienststellen und den Mitarbeitern der U-Bahnwache trafen um die Streifen zu planen meldete ich gleich meinen Wunsch an, das Betriebswerk zu "Bestreifen", denn dort muss ja nach Grafittisprayern ausschau gehalten werden.... Das stand jedenfalls später in meinem Bericht, aber in Wahrheit wollte ich natürlich nur das Betriebswerk besichtigen. Aber mein Drang "Gift" zu suchen war mal wieder zu groß und ich bekam das Betriebswerk erst Monate später gezeigt. Aber bei diesem zweiten Versuch dort hin zu kommen wurde ich "entschädigt", denn ich dürfte dann sogar selber mit einer U-Bahn fahren.

 

Zu aller erst fuhren wir aber, als wir uns gegenseitig vorgestellt hatten, eine Pizza essen beim besten Italiener den wir kannten. Dieser hat sein Restaurant sehr nahe an einem großen U-Bahnhof in dem es einen Pausenraum für die U-Bahnmitarbeiter gibt. Beim Italiener grüßten wir noch die "Kollegen der anderen Feldpostnummer", also die örtlichen Banditos die ebenfalls dort die Pizza zu schätzen wussten und gingen zurück zum U-Bahnhof. Die Pizza war super und ich war gut gelaunt, denn endlich sollte ich mir den großen Betriebshof ansehen können. Dieser liegt weit außerhalb der Stadt und wir fuhren also nach Norden mit einer Bahn. Bedenken solltet Ihr hierbei, dass wir bei diesen U-Bahnstreifen raus aus unseren Dienstbereichen gekommen sind und in der ganzen Stadt unterwegs waren. Wir fuhren also nicht nur in das Nachbarrevier, sondern auch aus unserem "Abschnitt" raus. Diese Abschnitte sind im Funkverkehr getrennt, so dass wir dort mit dem Funkgerät nicht mehr so einfach die Einsazzentrale erreichen konnten. Theoretisch (und auch praktisch) kann man die Funkgeräte umschalten, aber da man das als Streifenpolizist quasi nie macht wussten wir auch den Kanal der örtlichen "EZ" nicht. Das war aber normalerweise kein Problem, denn die EZ konnten wir auch einfach mit dem Handy erreichen.

Wenn wir morgens unsere Arbeit beenden und bei unserer "Kundschaft" Waffen aus dem Verkehr ziehen konnten war die Nachtschicht erfolgreich.

Wir fuhren Richtung Stadtrand und die Bahn wurde immer leerer. Weit im Norden fährt diese oberirdisch. Wir standen weit vorne im Zug, nahe dem U-Bahnfahrer als wir auf den Bahnsteig einfuhren. Und so bekam ich nun Blickkontakt mit zwei jungen Männern, die auf dem Bahnsteig standen. Diese sahen unsere Uniformen und schauten uns an, mehr konnte ich im Vorbeifahren nicht erkennen. Als der Zug zum Stehen kam und wir ausstiegen schaute ich den langen Bahnsteig runter und sah sie wieder. Und beide waren gerade dabei den Bahnsteig über eine Treppe nach oben zu verlassen. Dort führte eine Brücke zu den anderen Bahnsteigen und nach Draußen. Jetzt klingelten meine Alarmglocken, denn warum sollten beide gehen, wenn gerade ihre Bahn einfährt??? Ich sagte beiden Anderen, dass wir die auf alle Fälle anschauen müssen. Wir eilten den Bahnsteig entlang, ich vorraus. Auf dem anderen Bahnsteig sah ich einen Zug abfahrbereit sehen... ich rannte los. Wir rannten über die Brücke und die andere Treppe wieder runter. Der Zug stand mit offenen Türen dort. Außer Atem sprach ich Beide an und forderte sie auf den Zug wieder zu verlassen, während einer von uns sicherstellte, dass die Türen nicht schlossen.

 

Als wir alle fünf auf dem Bahnsteig standen machte ich keine langen Worte, ich kündigte ihnen sofort die Durchsuchung an und wir beganngen sie abzutasten. Unser Streifenpartner von der U-Bahnwache sicherte uns ab, was nun sehr wichtig war. Wären wir nur zu zweit gewesen hätten Beide evtl. ihre Chance zur Gegenwehr oder Flucht gewittert. Nach wenigen Sekunden bemerkte mein Kollege, dass sein Gegenüber sich seltsam bewegte. Mit einem gezielten Griff langte er ihm vorne in den Hosenbund und zog ein großes Paket mit Gras herraus. Ich fesselte den, den ich vor mit hatte, sofort und forderte die beiden Anderen auf auch den mit dem Gras Fesseln anzulegen.

 

Da standen wir nun, gestrandet im Nirgendwo mit zwei Festnahmen. Es war kalt und bereits dunkel. Wir bemerkten, dass wir mit unserem Funkgerät niemanden erreichen konnten und ich rief nun mit dem Handy die EZ an. Aber auch dies war nicht so einfach, denn meine eingespeicherte Nummer war nur für unseren eigenen "Abschnitt" vorgesehen. Falls Ihr euch nun fragt wie ich dermaßen schlecht vorbereitet Streife fahre kann, bedenkt bitte, dass dies eben eine der ersten derartigen Streifen für mich war. Und die anderen Kollegen sind fast nie aus ihrem eigenen Abschnitt heraus gefahren. Und bei späteren derartigen Streifen sollte mir so etwas nie wieder passieren.

 

 

Dieser Verlust hat einem anderen Dealer richtig weg getan :-)

Wir belehrten unsere beiden Festgenommenen über ihre Rechte und unterhielten uns  mit ihnen. Wir mussten eine ganze Weile warten und legten Beiden die Fesseln nun vorne an, damit sie rauchen konnten (Tabak natürlich ;-). Ganz abnehmen wollte ich sie nicht, denn sie waren zu zweit und hatten keine Ausweise dabei. Ich nahm den mit dem Gras ein Stück zur Seite um unter vier Augen mit ihm zu sprechten. Ich fragte ihn, was für Anzeigen er bereits in der Vergangenheit bekommen hat. Und er erklärte mir, dass er auf Bewährung ist. Ich sagte ihm, dass diese Festnahme mit dem Gras für seine Bewährung natürlich nicht so gut ist und fragt ihn, ob er sich eine Aussage gegen seinen Lieferanten vorstellen kann. Ich meinte, dass ich ihn später noch mal fragen soll und er sich eine Aussage vorstellen kann. 

 

Nach fast einer Stunde kam ein VW-Bulli der örtlichen Dienststelle zu uns um uns alle fünf zum Revier zu fahren. Wir erklärtem dem dortigen Dienstgruppenleiter was für einen Fall wir hatten und er stellte uns ein Büro zur Verfügung. Das größte Problem für uns war nun, dass wir Beide nicht viel Erfahrung mit so einem Fall hatten (Ich war ja eben erst aus der Bereitschaftspolizei zuversetzt) und viele andere Kollegen suchen kein Gift. Auch mein Streifenpartner hatte noch nie einen aussagebereiten Dealer festgenommen. Der Dienstgruppenleiter konnte uns bei unseren Fragen auch nicht sonderlich weiter helfen und alle seine Streifen waren bei Einsätzen gebunden. Wir waren also erneut etwas "gestrandet". Aber der große Vorteil an einer Großstadtpolizei ist, dass man in Sekunden für alles einen Fachmann ans Telefon bekommt. Der KDD verband mich mit dem Bereitschaftsdienst der Rauschgiftsachbearbeiter. Der dortige Kollege erwies sich im Nachhinein als Depp, denn er hätte die ganzen Ermittlungen fast versaut. Aber er konnte uns erst mal helfen. Er sagte mir, dass wir beide Festgenommenen laufen lassen müssen. Gegen den Einen hatten wir nichts in der Hand und bei dem Zweiten reichte die Menge an Gras nicht für eine Untersuchungshaft aus. Ich war enttäuscht, denn wenn ich dem Dealer keine Haft androhen konnte würde er mir sicher nichts über seinen Lieferanten erzählen. Der Kollege der Kripo meinte noch, dass er nicht zu uns zur Vernehmung kommen wird (er lag vermutlich gerade Zuhause auf dem Sofa mit dem Handy). Auch als ich ihm sagte, dass der Dealer vermutlich seinen Lieferanten benennen wird wollte er nicht "Ausrücken"....so ein Depp! Er meinte, dass wir keine Vernehmung durchführen sollen und er den Dealer am nächsten Morgen vorladen und vernehmen wird. 

 

Ich war immer noch enttäuscht. Unser Dealer hatte so Angst vor dem Gefängnis und hatte bereits angedeutet, dass er evtl. bereit sei seinen Lieferanten zu bennenen. Ich wusste nicht was ich ihm jetzt sagen sollte.... ich musste ihm sagen, dass er gleich nach Hause gehen darf.... Ich betrat das Büro in dem er  wartete. Ich setzte mich ihm gegenüber. Er wusste, dass ich nun etwas "wichtiges" zu sagen hatte, nachdem ich lange telefoniert hatte. Ich hatte absolut keinen Plan was ich ihm sagen sollte.

 

 

Wir fuhren immer gerne vorne beim Fahrer mit. So konnten wir uns mit ihm unterhalten und hatten einen guten Blick auf die Strecke und die Bahnsteige.

Ich: "Und, wie sieht es aus, erzählst Du uns was"?

Dealer: "Wenn Ihr mich heute gehen lasst erzähle ich euch alles was ihr wissen wollt"!

Dealer redet einfach weiter und hört nicht mehr auf: "Ich will heute unbedingt nach Hause, ich erzähl euch alles. Wenn ihr wollt ruf ich meinen Lieferanten an und frag ob ich noch mehr  Gift von ihm bekommen kann damit ihr ihn festnehmen könnt"!

 

Was sollte ich ihm jetzt Anderes antworten als: "Ok, wir lassen Dich heute laufen" :-)

 

Ich rief den Kollegen der Kripo erneut an und erzählte ihm alles. Er wollte immer noch nicht zu uns kommen um uns zu helfen. Sein Sofa war wohl sehr gemütlich.... Und er würde ihn schließlich morgen selber vernehmen...

 

Ich machte dennoch eine "Befragung" unseres Dealers. Er erzählte mir einfach alles! Er erzählte mir wie sein Lieferant hieß, wo er wonte, wo er sein Gift lagerte, wie viel noch in der Wohnung war usw. Er legte eine halbe Lebensbeichte ab. Natürlich hatte ich ein etwas schlechtes Gewissen, weil er fälschlicherweise annahm, dass er diese Aussage machen muss um frei zu kommen. Aber das hatte ich so nie gesagt. Er hatte meine Worte schlicht falsch verstanden. Und hätte ich etwas Anderes als "Ok" gesagt wäre dies ein großer Fehler gewesen. Das Recht war auf meiner Seite. Ob es moralisch richtig war frage ich mih bis heute. Zum Glück notierte ich jedes Wort. Wir stellten das Gift sicher und erfassten den Vorgang am Computer. Wir entließen beide und baten die örtlichen Kollegen uns zurück zur U-Bahn zu fahren. Wir schafften es sogar relativ rechtzeitig zum Dienstschluss zurück zu sein. Ich legte den großen Beutel mit dem Gras auf den Tisch unsers Dienstgruppenleiters, er las zwei Sätze in unserem Bericht und meinte "Die Kontrolle war ja gar nicht rechtmäßig"..... So ein Depp! Er war geil auf seine Karriere und war vermutlich nur neidisch bzgl. dem Aufgriff und zweifellos war unsere Kontrolle rechtmäßig! Wir ließen uns durch den Depp nicht ärgern und machten gut gelaunt Dienstschluss. Wir waren Streifenbeamte und keine Fahnder, für uns war so ein Aufgriff nichts alltägliches und wir waren stolz darauf. Noch dazu lieferte der Dealer seinen Lieferanten aus.

 

Einige Tage später klingelte das Telefon. Ein Sachbearbeiter der Kripo hatte meinen Fall auf den Schreibtisch bekommen. Er lobte mich für die Festnahme und fragte dann aber, warum ich den Beschuldigten nicht vernommen hatte, obwohl dieser zur Aussage bereit gewesen war. Ich stuzte und erklärte ihm, dass sein Kollege mir dies so aufgetragen hatte und die Vernehmung durchführen wollte. Aber er hatte den Daler nicht vorgeladen und auch nicht vernommen. Es wäre fast der Super-GAU geworden bei den Ermittlungen. Aber zum Glück konnte ich einen ausführlichen Bericht über jedes gesagte Wort vorlegen der die Ermittlungen rettete. Der Sachbearbeiter erwirkte einen Durchsuchungsbeschluss und einige Wochen später wurde beim Lieferanten die Türe eingetreten. Es wurde so viel Gift gefunden, dass es für die "nicht geringe Menge" reichte, also das Vergehen zum Verbrechen wurde. Und einige Monate später musste ich vor Gericht aussagen. Es waren drei Verhandlungstage angesetzt, war für so einen Fall sehr viel ist.

 

 

Diesen Brief musste ich bei der Arbeit öffnen und lesen... Gelegentlich ist die Arbeit wirklich nicht leicht!

Ich wusste vor der Verhandlung bereits auf welche Frage ich mich einstellen musste. Ich würde mich rechtfertigen müssen, dass ich eine Aussage "erpresst" hätte. Ich ging, wie immer, in zivil zur Verhandlung. Am Eingang des Gerichtsgebäudes wachten die Justizwachtmeister, das sind Beamte im recht selten gewordenen "einfachen Dienst". Ich schaute immer etwas neidisch auf ihre Ausrüstung, denn sie hatten Pistolen und Schlagstöcke die um längen besser waren als Unsere. Ich sagte "Servus" und zeigte meinen Dienstausweis vor bevor der Metalldetektor das viele Eisen unter meiner Jeansjacke lautstark verkündete. Als ich per lautsprecher in den Saal gerufen wurde ging ich hinein und setzte mich auf den Zeugenplatz. Ausnamsweise führte diese Verhandlung ein Richter, mittlerweile sind die meisten Richter Frauen. Ich gab meine persönlichen Daten dem Gerichtsschreiber zu Protokoll und dann kam die Frage gleich, wie ich sie erwartet hatte:

 

Richter: "Herr Tactical-Dad gestern hat der Herr ... uns gegenüber ausgesagt, dass Sie ihn solange festgehalten hätten bis er eine Aussage macht. Ist das so gewesen?"

 

Ich: "Wissen Sie, ich habe mit der Kriminalpolizei Rücksprache gehalten und die meinten, dass ich ihn auf alle Fälle laufen lassen muss. Und als ich ihm danach gefragt hab ob er uns was erzählt meinte er sofort von sich aus "wenn Sie mich heute laufen lassen erzähle ich Ihnen alles was Sie wissen wollen", da blieb mir ja nichts anders übrig als "Ok" zu sagen. Mit jeder anderen Antwort wäre ich meiner Strafverfolgungspflicht nicht nachgekommen."

 

Richter: Muss grinsen.

 

Anwalt vom Lieferanten: Ist stink sauer.

 

Richter: "Ja, das verstehe ich".

 

Ich machte meine Aussage und hörte beim dritten Verhandlungstag ebenfalls zu. Da die Besitzverhältnisse innerhalb der Lieferantenwohnung nicht klar waren und die Kollegen der Kripo (ich will ihnen hierfür auf keinen Fall einen Vorwurf machen) nicht haar genau protokolliert hatten in welchem Schrank und welchem Fach genau was gefunden wurde hatte unser Lieferant sehr viel Glück und wir ziemlich Pech. Er wurde lediglich für den Besitz einer kleineren Menge Gift verurteilt die eindeutig ihm zugeordnet werden konnte. An das Strafmaß erinnere ich mich leider nicht mehr.

 

 

Mein Fazit:

Die U-Bahn entwickelte sich zu meinem liebsten Arbeitsplatz und ich lernte die Mitarbeiter der U-Bahnwache als verlässliche Kollegen kennen. Die Ermittlungen in diesem Fall waren von Höhen und Tiefen geprägt. Der Fall zeigte mir wie man Glück und Pech haben kann. Es ist aber eine Geschichte die ich immer noch gerne erzähle. Wenige Tage nach der Festnahme konnten der selbe Kollege und ich gleich wieder eine etwas größere Menge Gras aus einer Tasche ziehen und wir zogen dann gemeinsam los auf Gift-Streife. Dann endeten unsere Aufgriffe leider sehr schnell. Ich bin froh, dass wir damals keine Gewalt anwenden mussten, denn dies war leider nicht selbstverständlich.

 

Wenige Sekunden vorher griff der Besoffene, der einem Raub verdächtig war, den Kollegen an. Ich ergriff ihn von hinten und riß ihn auf den Boden.
Wenige Sekunden vorher griff der Besoffene, der einem Raub verdächtig war, den Kollegen an. Ich ergriff ihn von hinten und riß ihn auf den Boden.

Der Mann links im Bild rief den Notruf weil ihm ein Verdächtiger aufgefallen war. Er passte auf die Beschreibung eines in diesem Moment gesuchten Räubers. Ich dankte ihm und sagte, dass er jetzt nach Hause gehen kann. Aber er meinte, dass er lieber noch da bleibt, da wir schließlich nur zu zweit waren. Wenig später griff der Besoffene den Kollegen an und wir mussten ihn zu Boden bringen. Unser Mitteiler passte die ganze Zeit auf uns auf um sicher zu gehen, dass wir alles im Griff hatten und uns niemand in den Rücken fällt. Genau 70 Sekunden später sind die ersten Unterstützungsstreifen angerannt gekommen. Das ist der große Vorteil eines Großstadtcops, die Unterstützung ist meist nur Sekunden entfernt.