Er wollte uns zeigen wie krass er ist

Oder auch: "Das Blut klebte überall"

 

 

Wie soll ich diese Geschichte nur beginnen? Es kommt mir falsch vor Euch lang und breit zu erzählen was zuvor an diesem Tag alles passiert ist. Ich hab ja wirklich schon viel kranke Scheiße auf Streife erlebt, aber heute...

 

 

 

 

Ein Kollege erkannte in seiner Freizeit einen Gesuchten, verlor ihn aber dann wieder aus den Augen. Er hatte einen „ordentlichen“ Haftbefehl und wir verteilten uns in der Stadt um ihn zu suchen. Ich fuhr an diesem Tag mit einem relativ ranghohen Kollegen Streife der normalerweise Polizeischüler in Rechtsfächern ausbildet. Außer uns war noch eine Streife und eine Zivilstreife draußen auf der Suche. Wir hielten uns etwas abseits auf und fuhren ein paar Runden um die Altstadt, weil wir ja leicht als Polizei zu erkennen waren. Wir wollten ihn nicht verjagen.

 

Auf dem Gehweg fiel uns ein junger Mann auf. Er trug einen tarnfarbenen Kampfanzug und Kampfstiefel. Seine Jacke war offen, was für einen Soldaten ungewöhnlich ist und er hatte keine "Kopfbedeckung" auf. Im Vorbeifahren kamen wir zu dem Schluss, dass er ziemlich sicher kein Soldat ist. Und dann sagte ich zum Kollegen: „Der wäre gut für ne Kontrolle, der hat bestimmt ein Messer dabei“. Und dann fuhren wir noch eine Runde um die Stadt und suchten weiter nach einem Mann mit schwarzer Jacke und blauer Jeans (das trägt logischerweise jeder dritte).

 

Als wir uns nun der größten Kreuzung der Stadt näherten sahen wir ihn wieder. Er stand auf einer Verkehrsinsel, mit etwa 6 anderen Passanten und wartete augenscheinlich auf grün. Aber ihn Wirklichkeit wartete er auf uns, bzw. einen anderen Streifenwagen der zufällig vorbei kam. Das konnten wir aber nicht ahnen. An der Kreuzung standen noch mehr Passanten und warteten, bzw. gingen vorbei. Es war etwa 15 Uhr und es waren viele Schüler auf der Straße unterwegs. Ich fuhr nun direkt an ihm vorbei und wollte an der Kreuzung links abbiegen. Weiter interessiert hat mich der „Spinner“ im Kampfanzug nicht, denn wir suchten jemand Anderen. Im Augenwinkel sah ich nun, dass er sich demonstrativ zu uns umdrehte, sein Hals war voller Blut.

 

Mein Kollege und ich dachten nun das Selbe, und ich glaube einer von uns hat es auch ausgesprochen. Wir fragten uns warum der Spinner am helllichten Tag mit seinem Halloween Outfit und Kunstblut durch die Stadt läuft. Ich wendete und meinte „Lass uns mal mit ihm Quatschen, was das soll“. Wir blieben vor ihm stehen und wollten aussteigen. Er schaute uns an, kniete sich auf die Straße und legte seine Hände hinter den Kopf. Auf der Straße lag ein Messer und an seinem Hals war ein riesen Schnitt aus dem das Blut lief. Er hatte sich wenige Sekunden zuvor den Hals vom Ohr bis zum Kehlkopf aufgeschnitten. Die Wunde klaffte etwa 5cm auseinander und das Blut lief an ihm runter.

 

Wir griffen nach unseren Pistolen und stiegen aus. Ich war als erster an ihm dran, der Kollege sicherte mich. Er legte sich ungefragt auf den Bauch und streckte die Hände zur Seite. Ich zog meine Handschellen aus dem Gürtelhalter, griff seine rechte Hand und drückte meine Clejuso über sein Handgelenk. Dann griff ich seine linke Hand und zog sie auf den Rücken und drückte auch diese in die Fessel. Dann drehte ich ihn auf den Rücken und sah die klaffende Wunde aus der Nähe, aus der das Blut auf das Straßenpflaster floss. Die großen Arterien waren offenbar nicht durchtrennt, es spritzte nicht, sondern das Blut floss herraus. „Abdrücken“ dachte ich, „Du musst sofort abdrücken“. Ich suchte in meiner Oberschenkeltasche nach Gummihandschuhen und zog einen über meine rechte Hand und versuchte die Blutung abzudrücken.

 

Während mein Kollege bei der Einsatzzentrale einen Retter und einen Notarzt anforderte, rief ich ein paar Passanten zu mir. Ich wollte den Hals nun nicht mehr loslassen. Ich sagte ihnen, dass sie aus meiner Einsatztasche, auf der Rückbank, die Tasche mit dem roten Band raus holen sollen. Und wenige Sekunden später hatte sie jemand gefunden und reichte sie mir. Meine beiden Hände waren     mittlerweile voll mit Blut. Da stand ein etwa 18 jähriges Mädchen vor mir und schaute mich hilfsbereit an. Ich zog noch mehr Gummihandschuhe aus meiner Tasche und hielt sie ihr hin. Sie zog sie an, obwohl ich sie schon mit Blut vollgeschmiert hatte. Sie öffnete meine Erste-Hilfe Tasche und fragte was ich brauche. Sie öffnete ein Verbandpäckchen und reichte es mir. Jetzt nahm ich meine Hand von seinem Hals und drückte den Verband darauf. Ich versuchte die Wunde zusammen zu drücken. Ich schaute ihn an und fragte ihn was er für ein Mist gemacht hat. Er antwortete mir nicht. Er schaute mir einfach nur in die Augen. Seine Augen waren klar und wach. Ich fragte ihn, ob er uns was tun wird? Er schüttelte  den Kopf. Ich fragte, ob er weitere Messer einstecken hat und er nickte. Inzwischen hatte es angefangen zu regnen.

Den OLAES Verband habe ich erst mit meinem Oberland Arms "IFAK" kennen gelernt. Dass ich ihn so bald benötige hätte ich nicht gedacht.
Den OLAES Verband habe ich erst mit meinem Oberland Arms "IFAK" kennen gelernt. Dass ich ihn so bald benötige hätte ich nicht gedacht.

 

Ich saß fast auf ihm drauf und kniete auf der Straße. Er war durchtrainiert und hatte einen starken Hals. Er war keiner der typischen Depressiven, der Opfer oder Junkies. Er war jung und machte den Eindruck als wusste er genau was er tat. An meinen Armen war mittlerweile überall sein Blut. Er sah nicht so aus, als ob er Hepatitis oder sonst was hat. Ich wurde wirklich nicht schlau aus ihm. Um uns rum war das reinste Verkehrschaos (unser Streifenwagen stand mitten in der Kreuzung). An uns gingen Menschen vorbei und schauten. Ein Arzt kam zu uns und bat uns seine Hilfe an. Aber auch er konnte jetzt nichts weiter tun. Ein Mann kam zu uns. Er trug Gummihandschuhe und hielt ein Verbandpäckchen in der Hand was geschätzte 40 Jahre alt war. Er versuchte mich zur Seite zu drücken und meinte „Ich bin Sanitäter“. Ich schickte ihn weg. Doch er wollte weiter meinen Platz einnehmen und sagte wieder „ich bin aber Sanitäter“. Ich maulte ihn an „ich auch, hauen Sie ab“. Eine weitere Streife kam angeschossen und gab meinem Streifenpartner eine weitere Erste-Hilfe Tasche. Ich beugte mich über sein Gesicht, auf das der Regen fiel. Es lief weiter Blut über sein Genick auf die Straße, und sammelte sich in einer Lache neben seinem Genick.

 

Ich drückte auf seinen Hals. Ich konnte aber nicht sehen wie viel Blut er verlohr und ich befürchtete, dass es hinten in seiner Jacke versickert und er gleich bewusstlos wird. Er war noch völlig wach und geistesgegenwärtig. Er ließ alles über sich ergehen und tat einfach nichts. Er lag nur da und schaute in den Regen, der sein Gesicht runter lief.

 

Meiner Helferin bat ich nun den Beamtmungsbeutel zusammen zu bauen.

 

Die Zeit verging, aber jedes Martinshorn das ich hörte waren nur weitere Funkstreifen. Das warten auf den Rettungsdienst schien kein Ende zu nehmen. Ich nahm mein Funkgerät mit der linken Hand und erinnerte die Einsatzzentrale daran, dass wir den Notarzt hier so schnell wie möglich brauchen. Eigentlich war das sinnlos, denn sie wussten das sowieso bereits. Und noch dazu war jetzt auch mein Funkgerät mit Blut verschmiert. Mein linkes Knie schmerzte, von den Kieselsteinen auf denen ich drauf kniete.

 

Zeitsprung: Ich liege im Bett. Es ist dunkel und draußen ist es bereits Nacht. Dass ich auf der Straße gekniet bin ist mittlerweile 9 Stunden her. Ich schaue auf den hellen Bildschirm meines Laptop und frag mich ob ich diese Geschichte heute weiter aufschreiben will? Draußen höre ich den Regen, der gegen das Fenster prasselt. Ich mag nicht mehr. Ich will endlich schlafen, und hoffe, dass ich es kann....

 

 

 

Notarzt und Retter kamen gleichzeitig, nach etwa 15 Minuten. Die halbe Kreuzung war mit Einsatzfahrzeugen zugeparkt. Einer der Sanis hantierte fast panisch mit einem Verband. Der Notarzt beruhigte ihn. Einer von ihnen übernahm jetzt meinen Platz und sie Verbanden ihn.

 

 

Als er im RTW war sammelte ein Kollege das ganze Verpackungsmaterial ein. Ich stand da und versuchte das Blut von meinen Armen zu putzen. Mehr als mit Sterilium getränkte Tücher aus dem RTW hatte ich nicht und es funktionierte überhaupt nicht. Die Kollegen machten unserem Suizidenten die Fesseln nun vor den Bauch. Ein Einsatzleiter kam auch zu uns. Da die Einsatzzentrale aufgrund unserer Meldung ein Tötungsdelik nicht ausschließen konnte wurde zunächst alles aufgefahren was verfügbar war. Nun wurden die weiteren Kräfte entlassen und wir begleiteten die Retter zur Notaufnahme. Der RTW fuhr mit Martinshorn zum Krankenhaus. Mein Kollege saß beim Suizidenten und ich fuhr hinter her.

 

In der Notaufnahme wartete bereits eine Heerschar an Ärzten und Krankenschwestern auf uns. Es war ein seltsamer Anblick, wie der Mann auf der Liege lag. Er ließ alles über sich ergehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sein Hals klaffte weit auf, während eine junge Ärztin sich über ihn beugte und alles zusammen nähte. Es wirkte alles so skuril und unwirklich.

 

Ich warf meine versaute Lederjacke in eine Ecke des Schockraumes. Ich musste mich drei Mal waschen und dann war immer noch nicht alles Blut von meinen Armen ab. Meine Hose war voll, die Jacke, Mein Notizbuch.... Es war ekelhaft. Ich hatte genug und setzte mich auf eine Bank in der Notaufnahme.

 

Der Kollege nahm den Asservatenbeutel von einer Ablage um die Personalien in seinem Ausweis nachzusehen. Darin lag nicht viel, Ein Haustürschlüssel, ein Ausweis und zwei Taschenmesser. Wir unterhielten uns noch eine Weile mit den Sanis, Ärzten und Schwestern. Einige Nähte später konnten wir ihn in die Psychiatrie einweisen.

 

Wir wollten noch die Angehörigen von ihm informieren und fuhren nach der Psychiatrie zu ihrem Haus. Ich war dort tatsächlich sogar schon mal darin gewesen vor einigen Jahren. Aber wegen etwas ganz Anderem. Als wir vor der Haustür standen und geklingelt hatten bemerkte ich das Blut auf meiner Hose. So ein Scheiß.... hoffentlich war niemand Zuhause.....  Und zum Glück öffnete uns wirklich niemand.  Diesen Anblick hätte ich den Angehörigen wirklich ersparen wollen.

 

 

Was passierte am nächsten Tag:

Wie es der Zufall wollte fuhr ich gerade in dem Moment an unserer Psychiatrie vorbei, als er am nächsten Morgen sofort wieder entlassen wurde und dort raus spazierte und Richtung Stadt ging. Er trug einen dicken Verband am Hals. Damit hatte ich schon gerechnet, ich fahre ja nicht erst seit gestern Streife. Aber wie soll man das den Bürgern erklären, für deren Sicherheit wir arbeiten? Wie sollen wir für Sicherheit sorgen wenn andere Institutionen nicht ihren Teil dazu beitragen?

Die nächsten Monate habe ich ihn immer wieder mal gesehen. Er joggte meist im Kampfanzug und mit Stiefeln durch die Stadt. Vermutlich um fit zu sein, für seinen Kampf gegen die Menschheit oder so....

Ich kann bis heute nicht sagen was in seinem Kopf vor sich gegangen ist? Er hat in keine gedankliche Schublade rein gepasst. Er wollte es vermutlich drauf anlegen, ob wir es schaffen würden ihm das Leben zu retten. Und vermutlich war seine Hauptmotivation, dass er "uns allen" (also vermutlich der gesamten Menschheit) zeigen wollte was er für ein krasser Typ ist.

 

 

Ein anderer dazu passender Fall:

Ich werde auch den Mann nie vergessen, dem ich aus einem Meter Entfernung meine Dienstpistole vor die Nase gehalten habe, weil er 2 Minuten zuvor mit einem Messer in der U-Bahn rum gefurchtelt hat. Als er es drei Tage später schon wieder gemacht hat wurde er in die Psychiatrie eingewiesen. Am nächsten Tag ließen die Ärzte ihn sofort wieder raus. Seine Freiheit nutzte er um noch am gleichen Tag um einer Kollegin von mir das Knie kaputt zu treten! Und auch nach der Anzeigenaufnahme mit der verletzten Kollegin, die mehrere Monate nicht dienstfähig war, wurde er erneut auf freien Fuß gesetzt, weil kein "Haftgrund" vorlag.

(Eine moralische oder rechtliche Wertung dieser beiden (absolut typischen) "Entlassungen" aus der Psychiatrie werde ich nicht abgeben. Statt dessen werde ich weiter meine Arbeit machen)

 

 

Fazit:

Gibt es ein Fazit für mich? Eigentlich nicht. Das im Bereich der Suizide unfassbare Dinge geschehen wusste ich. Auf so etwas kann einen aber niemand vorbereiten. Man wird in die Situation rein geworfen. Man muss eine aggressive Einstellung haben und sich im Geist auf vieles einstellen, nur so kommt man unbeschadet aus solchen Situationen raus. Es ist ein seltsamer Beruf den ich habe...

 

Ich habe tatsächlich Fotos davon bekommen wie ich auf ihm drauf knie. Ich habe mich aber dafür entschieden sie Euch nicht zu zeigen.
Ich habe tatsächlich Fotos davon bekommen wie ich auf ihm drauf knie. Ich habe mich aber dafür entschieden sie Euch nicht zu zeigen.

Mein "IFAK" und weitere Erste Hilfe Ausrüstung stelle ich Euch HIER vor.

Die nächsten Tage bin ich nicht mehr ohne IFAK (Erste Hilfe Set) und mein LL80 Rettungsmesser von Eickhorn aus dem Haus.
Die nächsten Tage bin ich nicht mehr ohne IFAK (Erste Hilfe Set) und mein LL80 Rettungsmesser von Eickhorn aus dem Haus.
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BKA Feststellungbescheid für Rettungsmesser mit Hakenklinge
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