Er wollte gerne ein Gangster sein

Ich nenne ihn in meiner Erzählung Michael . Aber natürlich hieß er in Wirklichkeit anders. Michael begegnete ich drei Mal und von diesen Begegnungen möchte Euch hier berichten. Es würde noch so viel mehr über ihn zu erzählen geben, aber ich will mich auf das beschränken was ich mit ihm persönlich erlebt habe. 

 

Er wollte gerne ein Gangster sein. Er war erst seit kurzem volljährig. Er hatte eine Vorliebe für Motorräder, Geld, Waffen und Drogen. Er wohnte in einem recht "einfachen" Stadtviertel und in seiner Familie gab es natürlich auch Probleme. In ihm schlummerte leider eine gewisse Gewaltbereitschaft und diese wurde uns fast zum Verhängnis. Aber warum erzähle ich Euch von "Michael" und nicht wie üblich nur vom "Kunden", "Dealer" oder "Schläger"? Das liegt daran, dass ich ihn im Auge behalten wollte und verfolgte was er tat. Das machte ich aber nicht um ihn auf den rechten Weg zu bringen, daran waren bereits viele Andere gescheitert. Nein, ich wollte die Bürger, meine Kollegen und mich vor ihm schützen, denn Michael war gefährlich und lief täglich durch unsere Stadt!

Der Spielplatz ist für Kinder da!

Mein Kollege war super. Er hatte, wie ich, Interesse daran etwas gegen die Straßenkriminalität zu unternehmen. Wir ließen uns also gemeinsam einteilen und suchten und kontrollierten unsere "Kundschaft" in Stadtparks und auf Spielplätzen. Der Kollege war für einige Monate zu uns versetzt und hatte ziemlich dicke Oberarme. Die paar Streifen die wir zusammen fahren konnten machten richtig Spaß und wir mussten auch leider mehr als ein Mal gemeinsam Raufen. Unser wichtigstes Ziel war ein Spielplatz. Dieser war recht groß und sehr toll gestaltet. Dort gab es eine öffentliche Feuerstelle und einen alten Bunker den Jugendliche sehr gerne nutzten um dort etwas rumzuhängen. Für mich hatte dieser Spielplatz eine persönliche Bedeutung, weil es der Lieblingsspielplatz meiner Kinder war. Und mein Kollege hatte sogar bei der Gestaltung des Platzes mitgearbeitet. Wir wollten also auch diesen Platz für unsere Bürger von den dunklen Gestalten frei halten. Ob uns das gelang? Vermutlich nicht, denn so viel Zeit hatten wir gar nicht den Platz zu bestreifen. Und ich kann dort mit meinen Kindern jetzt unmöglich wieder hin gehen.... Denn dort gibt es mittlerweile so viel "Kundschaft" die ziemlich schlecht auf mich zu Sprechen ist...

 

Wir fuhren nun zum besagten Spielplatz und konnten bereits aus 100 Meter Entfernung sehen, dass eine interessante Gruppe Jugendlicher aus dem Gelände raus gekommen ist und davor auf dem Gehweg stand. "Die machen wir" meinte einer von uns. Ich fuhr, wie immer, der Kollege sah bereits, als wir nur noch wenige Meter von ihnen entfernt waren, dass sich einer von ihnen umschaute. Er wollte offenbar bereits nach einem Fluchtweg suchen. Und bei Diesem handelte es sich um Michael, den wir damals noch nicht kannten. Mir fiel sein Blick nicht auf, ich sah einen anderen Jugendlichen aus der Gruppe von etwa 8 Leuten, der sich plötzlich umdrehte, was mir ein schlechte Gewissen zeigte. Uns war bereits, als wir den letzten Meter mit dem Streifenwagen rollten, klar dass wir gleich etwas finden würden. Aber was für umfangreiche Ermittlungen wir gleich los treten würden hätten wir niemals gedacht.

 

Wir stiegen aus und traten auf den Gehweg. Was ich zu den 8 Jugendlichen gesagt habe weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Ich kündigte ihnen jedenfalls eine Kontrolle an und behielt vor allem den im Auge der sich eben von uns weg gedreht hatte. Wir waren in einer schlechten taktischen Situation, in jede Richtung konnte nun einer von ihnen Flüchten und wir waren nur zu zweit. Im Augenwinkel sah ich Michael los rennen, der Kollege versuchte ihn zu greifen....Er verfehlte ihn ..... und rannt auch los, auf das Spielplatzgelände und dann in einen Wald. Ich packte sofort zu und griff meinen am Arm. Mit der anderen Hand griff ich zum Funkgerät "Eilige Unterstützung am Spielplatz ... Kollege verfolgt alleine einen Flüchtigen". Leider wird es nun einige Minuten dauern bis die erste Streife bei uns eintreffen wird...

 

Ich drückte meinem Jugendlichen sofort die Hände auf den Rücken und fesselte ihn. Den Nächstbesten der irgendwie nach schlechten Gewissen aussah griff ich nun am Arm und kündigten allen Anderen an, dass ich jeden der versucht wegzurennen sofort "mit unmittelbarem Verwaltungszwang durch einfache körperliche Gewalt" davon abhalten werde (In Wahrheit habe ich das anders formuliert....).

 

Jetzt begann das Warten und Bangen. Ich war nun in einem Gewissenskonflikt: Sollte ich dem Kollegen zu Hilfe eilen oder sollte ich die übrigen 7 bewachen? Dabei waren auch zwei Mädchen und alle waren etwa 14 bis 18 Jahre alt. Ich entschied mich dafür meine Jugendlichen zu bewachen bis die Unterstützung da ist. Ob das richtig war lasse ich jetzt mal dahin gestellt. Ja, ich habe den Kollegen alleine gelassen im Wald. Jeder Cop hat sich schon mal gefragt was er in so einer Situation macht. Und an diesem Tag blieb ich stehen. Vermutlich habe ich falsch gehandelt, aber das Glück sollte an diesem Tag auf unserer Seite sein.

 

Einer der Jugendlichen sagte zu mir "Ihr Kollege hat das Funkgerät verloren". Und tatsächlich, da lag es auf dem Weg, 10 Meter von uns entfernt. Ich sah das Display leuchten, als uns die Unterstützungsstreifen anfunkten. So ein Scheiß.... Ich griff erneut zu meinem Funkgerät an meiner Schulter: "Für die anfahrenden Streifen, der Kollege der in den Wald gerannt ist hat sein Funkgerät verloren".

 

Wenige Minuten später kam mein Streifenpartner zurück. Neben ihm war Michael in Handschellen. Der Kollege drückte seinen Kopf nach unten. Er war unverletzt, sah aber aus wie ein geprügelter Hund. Er hatte in seinem Kopf eine schwere Niederlage erlitten. Michael wurde vom Kollegen durchsucht und hinten in unsere Streife eingesperrt. Der Kollege berichtete mir, dass er auf seiner Flucht alle was er bei sich hatte weg geworfen hat. Auf seiner Flucht drehte er sich um und schleuderte eine Stahlrute auf meinen Kollegen. Er konnte ihn nach wenigen hundert Meter erreichen, niederringen und fesseln.

 

Wenige Minuten später hielt neben uns einer unserer VW Bullis. Endlich konnte ich den Jugendlichen los lassen. Ich bat die beiden anderen Kollegen meine beiden Verdächtigen zu durchsuchen. Und ich selber begann jetzt einen Jugendlichen nach dem Anderen zu durchsuchen. Ich wollte schnell ein paar entlassen und begann bei den am harmlosesten aussehenden. Dies erwies sich aber als Fehleinschätzung von mir, wie auch meine beiden Verdächtigen. Denn ich fand bei Einem nach dem Anderen kleine Mengen Gras in den Taschen. Und die Kollegen konnten bei meinen beiden "Verdächtigen" nichts finden. Am Funk hörten wir, dass bald eine weitere Streife bei uns wäre. Wir mussten den Überblick behalten und entließen so schnell wie möglich ein paar die kein Gift dabei hatten.

 

Ich machte, sobald ich Gras gefunden hatte, Fotos von den aufgefundenen Gegenständen, zusammen mit dem Ausweis und dem Beschuldigten selber. Sonst hätten wir alles später nicht mehr zweifelsfrei zuordnen können. Die Kollegen fuhren mit ihrem VW Bulli zwei Jugendliche zur Dienststelle, die wir nicht direkt am Spielplatz entlassen konnten. Eine davon war ein sehr harmlos aussehendes Mädchen. In ihr hatten wir uns massiv getäuscht, denn die weiteren Ermittlungen entlarvten auch sie als gerissene "Dealerin". 

 

Michael saß schmollend in unserer Streife und weigerte sich auch nur irgend etwas zu sagen. Er war schließlich ein Gangster! Er sagte nicht mal seinen Namen und wir kannten ihn eben noch nicht. Wir versuchten jede Verhörtaktik und hatten kein Glück. Ich belehrte ihn über die Konsequenzen seiner verweigerten Personalienangabe und ließ ihn weiter im Fahrzeug sitzen. Wir hatten in diesem Moment schlichtweg keine Möglichkeit ihn zur Dienststelle zu bringen. Die weitere Streife traf ein und wir begannen nun den großen Spielplatz und den Wald nach allem abzusuchen was Michael von sich geworfen hat. Vieles fanden wir sehr schnell: Die Stahlrute der der Kollege glücklicherweise ausweichen konnte, eine Feinwaage, sein Handy usw... Aber eine Tasche suchten wir sehr lange. Mit 5 Kollegen suchten wir sicher eine halbe Stunde danach. Sogar ein Rauschgifthund hatten wir bereits angefordert und er war auf dem Weg zu uns. 

 

Ein Kollege fand sie schließlich. Sie war randvoll mit Gras... sehr viel Gras!

 

 

Wir hatten nun für das Erste alles was wir brauchten. Wir hatten einen bewaffneten Dealer, die 10 Euro Scheine seiner Kunden, wir hatten mehrere seiner Kunden mit Gift erwischt.... Es war ein großer Fang für uns. Was wir bisher nicht hatten war sein Name. Wir fuhren zur Dienststelle und setzten ihn in die Wache. In den Büros waren die Kollegen und die Eltern von den jugendlichen Kiffern mit Vernehmungen beschäftigt. Michael war voll aggressiv und warf uns alles mögliche an Fehlverhalten vor. Vermutlich glaubte er wirklich das was er uns vorwarf. Wir machten ihm die Fesseln ab, ich hoffte das ihn das etwas freundlicher stimmte. Aber es half nichts und später würde ich ihn wieder fesseln müssen...

 

Wir kamen nicht weiter. Ich kündigte ihm die Abnahme seiner Fingerabdrücke an um diese mit den gespeicherten zu vergleichen. Er wollte nicht mit machen und ich kündigte ihm am, dass wir es dann mit Gewalt machen werden. Ich ging zum Dienstgruppenleiter und kündigte auch ihm an, dass es gleich eine Rauferei in der Wache gibt. Wir positionierten und zu viert vor ihm und packten ihn. Er zog seine Arme von uns weg und es war klar, dass es gleich eine richtige Keilerei geben wird. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass wir es besser nicht auf diesem Weg machen sollten. Wir brachen die Abnahme der Fingerabdrücke ab.

 

Nach etwa einer weiteren Stunde hin und her konnten wir im Computer einen Datensatz finden der vermutlich von ihm stammte. Von den beiden anderen Jugendlichen hatten wir seinen Vornamen bekommen. Die Staatsanwaltschaft ordnete die Durchsuchung von seinem Zimmer an.

 

Wir fuhren los. Diesmal fuhr der Kollege und ich saß hinten neben Michael. In solchen Situationen schnallen wir uns nicht im Streifenwagen an, um uns im Notfall besser wehren zu können und auch um aus dem Fahrzeug in Sekunden raus zu können. Während der Fahrt drehte er voll auf, ihm war klar, dass wir gleich sein Zimmer durchsuchen würden. Er schrie mich an, schlug mit seinen Fäusten auf seine Beine. Ich zog meinen Schlagstock und drückte ihn damit gegen die Seitenscheibe. Es gelang mir ihn erneut zu fesseln. Als wir an seinem Mehrfamilienhaus ankamen drückte er alle Klingelknöpfe die er erreichen konnte, bevor wir ihn davon wegreißen konnten. Als die ersten Nachbarn ihre Köpfe raus streckten um zu sehen was vor sich ging begann er um Hilfe zu schreien. Er benahm sich wie ein dummes Kind. Den Wohnungsschlüssel hatten wir. Wir packten ihn und zerrten ihn in seine Wohnung. Ich sprach dann noch kurz mit einer Nachbarin, sie sagte uns zu sofort seine Mutter anzurufen die auch sehr schnell bei uns war. 

 

Erst jetzt, wo seine Eltern dabei waren, beruhigte er sich. Und auch erst jetzt konnten wir ihm die Fesseln wieder abmachen. Ich entschuldigte mich bei den Eltern dafür, und erklärte ihnen aber auch, dass wir keine andere Wahl gehabt hatten. Wir fanden bei der Durchsuchung noch eine weitere verbotene Waffe. Ich unterhielt mich noch eine Weile mit den Eltern und dann fuhren wir zur Dienststelle.

 

Wir setzten uns in Auto, schauten uns an und schlugen ein. Es war ein großer Fang den wir heute gemacht hatten. Wir waren erfolgreich und wir waren beide heil aus der Sache raus gekommen. Aber jetzt begann die Arbeit am Computer. Wir hatten eine ganze Kiste voller Asservate. Mir mussten diese Verpacken, alles registrieren und beschriften. Wir musste unsere Berichte sofort schreiben, damit alles so schnell wie möglich der Kripo übergeben werden konnte. Wir waren sehr lange damit beschäftigt. Es mussten sogar Streifen von anderen Dienststellen bei uns Einsätze abfahren, da wir studenlang nicht einsatzklar waren.

 

Wochen später erfuhr ich von der Kripo, dass unser Aufgriff zu sehr umfangreichen weiteren Ermittlungen geführt hatte. Ich recherchierte nun auch mehr über Michael und wusste nun wie gefährlich er war. Mir war nun eines Klar, wenn ich Michael noch mal kontrollieren würde konnte ich das nur mit der Pistole in der Hand. Alles Andere wäre leichtsinnig und lebensgefährlich. Und dann kam der große Tag. Zeitgleich wurden sehr viele Wohnungen durchsucht. Aus der ganzen Region wurden Beamte zusammengezogen um diese Durchsuchungen durchführen zu können. Es wurde bei Kunden von Michael und bei Lieferanten durchsucht. Wie diese Durchsuchungen zu standen gekommen sind und wie ermittelt wurde möchte ich hier nicht näher erzählen. Ich wartete nun auf den Tag an dem ich ihm wieder begegnen würde. Denn auch so ein Dealer kommt bei unserem Strafrechtssystem nicht so einfach ins Gefängnis, obwohl er mehrere Verbrechen begangen hat. Für alle denen das nicht bewusst ist: Für ein "Verbrechen" ist eigentlich eine Haftstrafe von mindestens einem Jahr Haft vorgesehen. Die Praxis sieht aber anders aus.

Die Nacht im Bunker

Ein anderer erfahrener Kollege war für eine Weile zu uns versetzt. Und da ich mal wieder keine Lust hatte Strafzettel zu schreiben fragte ich ihn ob auch er Lust hätte etwas Gras von der Straße zu holen. Ich erklärte und zeigte ihm die liebsten Treffpunkte unserer Kundschaft. Ich fragte ob er den besagten Spielplatz kennt. Leider kannte er ihn nicht. Es war bereits völlig dunkel und der Spielplatz war mit seinen Bunkern aus dem 2. Weltkrieg sehr verwinkelt und hatte mehrere Zugänge. Aber es war ein Werktag und ich erwartete nicht wirklich dort jemanden in der kalten Winternacht anzutreffen. Als wir uns näherten hörten wir Musik aus einem Bunker. Und als wir vor den Eingang traten rannten gleich mehrere davon los. Ich schickte den Kollegen hinein und ging selber zum einzigen anderen Ausgang den es dort gab und wo ich sehr leicht den Weg abschneiden konnte. Die 900 Lumen meiner Taschenlampe ließen die Flüchtigen die auf mich zu kamen augenblicklich zum Stehen kommen. Ich brachte sie zurück und sie kooperierten weitestgehend. Sie waren zu sechst und ich begann sie zu durchsuchen. In meinem Augenwinkel registrierte ich noch, dass neben mir einer der Jugendlichen die Hände in den Taschen hatte. Ich reagierte darauf aber nicht und durchsuchte weiter. Wer jetzt über mein Verhalten urteilt sollte bedenken, dass es 1. sehr kalt war und die Hände in den Taschen normal waren und 2. kann man nicht jedem mit 10 Meter Abstand kontrollieren und immer vom Schlimmsten ausgehen.

 

Der neben mir begann nun zu motzen und ich schaute ihn an. Ich schaute hoch, in sein Gesicht. Ich erkannte Michael wieder.... ich zog meine Pistole aus dem Holster...."Nimm sofort die Hände aus den Taschen".... Er tat es nicht. Ich forderte ihn erneut auf seine Hände raus zu nehmen und alles vor sich abzulegen. Es gab ein hin und her. Ich beobachtete jede Bewegung seiner Hände und hielt meine Pistole fest umschlossen. Er folgte meinen Anweisungen und legte mit einem Handgriff ein Messer vor sich ab. Er hatte es zweifellos die ganze Zeit in der Hand gehalten. Vermutlich hatte er nur auf eine Chance gewartet es in meinen Hals zu stechen.... 

 

Natürlich hat Michael für das Messer eine Anzeige bekommen. Mal wieder.... Mich persönlich beschäftigte es tagelang, dass ich mich bei der Kontrolle derart angreifbar gemacht hatte. Mein Streifenpartner bekräftigte mir jedoch, dass man nicht immer 100%ig auf der Hut sein kann und wir schließlich sofort reagiert hatten als ich ihn erkannte. Vermutlich hatten wir keinen Fehler gemacht.

 

Die Nacht auf dem Fußballplatz

Nur wenig später wollte ich mit dem selben Kollegen erneut etwas gegen die Straßenkriminalität unternehmen. Mir wurden Informationen über einen weiteren Treffpunkt unserer Kundschaft zugetragen. Aber um dort effektiv abends kontollieren zu können mussten wir die Stelle zuerst mal erkunden. Eine Nachtschicht bot sich dafür an, als wir gegen 2 Uhr endlich Zeit dazu hatten.

Es war ein öffentlicher Fußballplatz. Er lag mitten in unserem Problemviertel. Das Schwierige war, dass er außen rum sehr weitläufig von einsehbaren Raseflächen umgeben war. Meist würde unsere Kundschaft uns also schon von weitem sehen. Seitlich von dem Platz waren Unterstände aus Plexiglas damit sich die Trainer und Spieler dort bei Regen unterstellen konnten. Und genau diese waren unser Ziel. Aber wir erwarteten an diesem Werktag mitten in der Nacht niemanden an dem Platz. Wir sollten uns gewaltig irren..

 

Wir parkten weit abgelegt unseren Streifenwagen und schlichen uns über eine Wiese von hinten an den Fußballplatz an. Es war eine sehr dunkle Nacht und als wir an einen Erdwall, hinter den Zuschauerreihen, kamen konnte ich nur sehr wenig erkennen. Ich erkannte nicht mal ob vor uns ein Zaun war. Wir ließen natürlich unsere Taschenlampen aus und schlichen weiter, den Erdwall hoch. Als wir oben waren lauschten wir in die Nacht. Wir hörten nichts und berieten flüsternd wo wir am besten entlang gehen sollten. Vor uns waren Sitzreihen aus Steinen die runter zu einem Geländer führten. Dann kam die Aschebahn und dann der Fußballrasen. Links sahen wir zwei der Unterstände aus Plexiglas. Mein Kollege packte mich am Arm und zeigte dort rüber. Er meinte, dass er den Lichtschein eines Handys gehen hat. Ich sah nichts. Aber ich hatte keinen Zweifel an seiner Aussage. Wir schlichen oben weiter nach links, so dass wir hinter den Unterständen waren. Ich ging nun eine Treppe nach unten, während mein Kollegen weiter nach links, zu der anderen Seite der Unterstände ging. Wir nahmen sie nun in die Zange. Dass dies uns gleich in eine ziemlich blöde Situation bringen würde ahnte ich noch nicht.

 

Wir schalteten die Lampen an. Vor mir im Lichtkegel erkannte ich das panische Gesicht von Michael. Er saß mit einem Freund auf der Bank. In seiner rechten Hand hielt er ein Messer! Ich riß meine Pistole aus dem Holster und schrie in an "Leg das Messer weg". Er schob es unter seinen Oberschenkel und hielt die Hand starr daneben. Ich schrie in weiter an. Meine Pistole wanderte immer weiter nach oben. Hinter Michael war mein Kollege und der zweite Verdächtige genau in meiner Schusslinie. Michael blickte sich panisch um und suchte einen Fluchtweg.... "Nimm die Hände weg von dem Messer".... Ich schrie weiter...."Leg die Hände sofort auf das Geländer"... Mein Kollege versuchte so schnell wie möglich aus meiner Schusslinie raus zu kommen und packte den Zweiten. Er zerrte ihn weg und fand bei ihm in wenigen Sekunden einen Schlagring mit integriertem Messer, was er mir sofort zurief. Und endlich sah Michael ein, dass er nicht mehr aus der Situation raus kommen würde. Er nahm seine Hand vom Messer weg und ich konnte auch ihm die Fesseln anlegen.

 

Er war wieder voll der Gangster und machte einen auf "dicke Hose". Es war sehr anstrengend mit ihm zu reden. Ich hatte die Schnauze ziemlich voll. Ich hatte schließlich keine Lust ihn zu erschießen! Auf dem Boden lag ein Joint, den sie vermutlich zuvor noch schnell weg geworfen hatten. Der Einsatz war schnell beendet, wir kehrten zu den Kollegen in der Dienststelle zurück. Und als die anderen etwas Ruhe in dieser Nacht hatten mussten wir schreiben. Erst als der Morgen vor den Fenstern graute und die Kollegen der Frühschicht rein kamen waren wir mit den Vorgängen soweit fertig.

 

Ich hatte von Michael fürs Erste genug. Ich nahm mir vor ihn nicht mehr zu kontrollieren. Ich hatte so viele gefährliche Begegnungen mit ihm gehabt und ihn so oft angezeigt. Aber er lief immer noch durch unsere Stadt. Und vermutlich verkaufte er immer noch fleißig sein Gift. Ins Gefängnis kam er aber natürlich immer noch nicht. Ich fragte mich warum ich weiter meine Gesundheit und sein Leben aufs Spiel setzen sollte für weitere Anzeigen?

Fazit:

Was aus Michael geworden ist möchte ich hier nicht näher ausführen. Ich will Euch aber so viel erzählen, dass er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, obwohl das alles wirklich nicht seine ersten Straftaten gewesen sind. Auch seine Geschichte zeigt, wie problematisch unser Strafrechtssystem ist. Der Schutz der Bevölkerung spielt beim Strafverfahren keinerlei Rolle. Bis zu jeder Verhandlung vergehen Monate und kaum ein Täter hat eine Haft zu erwarten... Weitere Straftaten die jemand in der Zwischenzeit begeht werden meist nicht zur Strafe dazu gerechnet, sondern sie werden ihm einfach als "Mengenrabatt" erlassen! ("Weil in einem anderen Strafverfahren eine Strafe zu erwarten ist").

 

Habe ich Schlüsse aus meinen Begegnungen mit Michael gezogen? Ganz klar, nein. Ich fahre schon lange genug Streife, dass mir derartiges nicht neu ist. Lediglich Kleinigkeiten bei der Beweisführung werde ich wieder mehr beachten, die hier aber nicht sonderlich interessant sind. Leider hatte ich sehr viele Begegnungen mit Messern die unsere Kundschaft bei sich hatte. Uns blieb nie eine andere Möglichkeit als die Schusswaffe als Mittel der Wahl einzusetzen. Alles Andere wäre lebensgefährlich gegen ein Messer. Und ich möchte keinen Menschen erschießen. Ich bin nicht Polizist geworden um einem Kriminellen oder Verrückten das Leben zu nehmen! Seit sehr vielen Jahren gibt es ein völlig gefahrloses Einsatzmittel mit dem man Angreifer zu Boden bringt, aber unsere Politik kann sich nicht durchringen die Beamten, die täglich für die Sicherheit durch die Nacht fahren, damit auszurüsten: Den Taser.

 

 

 

 

Eine Arbeit mit Siegen, Niederlagen, falschen und richtigen Entscheidungen. Persönlichen Schwächen und Stärken. Und immer wieder Situationen in denen es keine richtigen Entscheidungen gibt.