Eine Woche zwischen Leben und Tod

oder auch: „Es sollte eine schöne und ruhige Nachtschicht werden“

 

 

 

Die Zigeuner im Wald

Das beschädigte Fahrrad

Das Leben im Gleis

Der dritte Stock ist hoch

Die Frau ist doch nicht tod

Der Feueralarm

Die zerbrochenen Scheiben, das Gras und die Penispumpe

Der Dieb in der Nacht

 

 

Die Zigeuner im Wald und das beschädigte Fahrrad

Das Wetter war wunderbar, es war Sonntagabend, in der Stadt war wenig los und ich hatte bereits eine genaue Vorstellung davon wie meine Nachtschicht ablaufen sollte. Ich wollte abends „Umweltschutzstreife“ fahren und dann ganz in Ruhe einige Vorgänge schreiben. Spät in der Nacht, nach dem Verzehr unserer Schnitzel, wollte ich mit einem Kollegen und meinem Nachtsichtgerät eine Biberfamilie in der Gegend beobachten. Ich war gut gelaunt und freute mich, denn mein Plan für diese Nacht war quasi perfekt.

 

Ein Kollege der Vorgängerschicht fragte mich, ob ich mich nicht einem illegalen Zeltlager in einem Wald annehmen wollte. Sie wurden von Forstarbeiter darauf aufmerksam gemacht, konnten aber an dem Lager niemanden antreffen. Es war offensichtlich, dass es von „Reisenden“ errichtet worden war, die noch ihren „Geschäften“ nachgingen und erst später dort hin zurück kommen würden. Da ich mich gerne um Naturschutzdelikte kümmere war dies genau mein Auftrag. Aber wenige Sekunden bevor wir zu unserem Streifenwagen gehen wollten kam ein Anruf rein. Ein Anwohner hatte beobachtet wie Jugendliche ein Fahrrad demoliert hatten, das lag jetzt in einem angrenzenden Garten und er vermutete natürlich, dass sie das zuvor gestohlen hatten. Also fuhren wir halt erst dort hin. Eine Fahrerermittlung hatte ich auch noch dabei.

 

Das Leben im Gleis

Wenige hundert Meter vor dem Garten mit dem demolierten Fahrrad meldete sich die Einsatzzentrale mit „Die nächsten Streifen im Bereich... bitte zur …. Straße. Dort wurde eine Person auf den Gleisen sitzend gesehen“. Die Kollegin schaltete Blaulicht und Horn ein und ich drückte aufs Gas. Unser BMW tat das was er wirklich gut kann, er beschleunigte und haftete auf der Straße, wenn es um die Kurven ging. Wir überlegten wie wir am besten Anfahren sollten? Die genannte Straße befand sich zwar neben Gleisen, aber dort waren Wohnhäuser zwischen Straße und Gleisen, der Zugang wäre für uns schwer gewesen. Wir entschieden uns auf die andere Seite der Gleise zu fahren. Am Funk war einiges los, auch die Bundespolizei meldete sich und wollte anfahren. Aber bis die bei uns sein würden....

 

Wir zogen unsere Warnwesten über und kämpften uns durchs Gestrüpp. Neben den Gleisen konnten wir einigermaßen gehen. Ich bin in diesen Situationen immer sehr dankbar über einen Dienstunterricht den mal ein Bundespolizist bei uns gehalten hat. Damals dachte ich erst, dass so ein Unterricht nicht viel bringen würde, wir wussten schließlich alle, dass der Gleisbereich gefährtlich ist. Aber ich lernte viel und nahm dies für sehr viele Jahre in meine geistige Ausrüstung auf. Ich bewegte mich in den folgenden Jahren zwar hauptsächlich auf U-Bahngleisen, aber auch die dort herrschenden Gefahren lernte ich schnell kennen. Viele glauben, dass sie sicher im Bereich neben den Gleisen bewegen können. Aber wenn sich von einem Güterzug ein Spanngut löst und ihnen mit 100km/h von hinten an den Kopf schlägt werden sich schnell eines Besseren belehrt (oder eben auch nicht mehr...).

 

Wir mussten ein paar hundert Meter marschieren. Die Einsatzzentrale bemühte sich derweil darum, dass die Strecke gesperrt wird. Wir konnten nun eine Regionalbahn sehen, die mitten auf der Strecke stand. Auf den Gleisen standen zwei Männer.

 

Einsatzzentrale: „Das Sperrfax ist noch nicht da, bitte bestätigen Sie, dass sie die Gleise so lange nicht betreten“!

Ich: „Ja ja“.....

 

Wir kletterten den Schotter hoch auf die Gleise und unterhielten uns mit dem Schaffner und dem Lockführer. Der Lockführer sagte, dass er vom Fahrer des Gegenzuges über Funk gewarnt wurde, dass bei ihm jemand auf den Gleisen sitzt und er so rechtzeitig bremsen konnte. Der Mann hat sich dann in den angrenzenden Garten auf eine Bank gesetzt. Ich sah ihn, etwa 50m von uns entfernt. In den Gärten waren ein paar Anwohner und schauten was gerade passierte. Auch in den besagten Garten war die Familie draußen. Offenbar hatten sie ein paar Worte mit dem Mann bereits gewechselt. Sie hielten aber etwas Abstand von ihm, offenbar war er ihnen nicht ganz geheuer. Wir kletterten den Schotter wieder runter, durch ein paar Hecken und über einen Zaun. Der Garten war etwa 15 Meter lang und 8 Meter breit. Es gab einen Teich, einen Schuppen, eine Sitzbank usw.

 

Der Mann hatte zwei Rucksäcke dabei, war etwa 30 Jahre alt und sah ein bisschen gammlig aus. Er war alles Andere als klar im Kopf. Ich setzte mich neben ihn und fragte „Was ist denn eben passiert“. Er deutete auf seinen Rucksack und sagte „Ich hab übrigens das hier dabei“. Ich schaute was er meinte und sah den Griff eines großen Messers griffbereit aus seinem Rucksack raus schauen (im Folgenden von mir liebevoll „Hackebeil“ genannt). Ich stand auf, nahm den Rucksack, schaute mir das Hackebeil an und legte beide Rucksäcke einige Meter weiter weg. Mir wurde nun klar, dass ich eben einen riesigen Fehler begangen hatte.... Ich hatte schlichtweg nicht damit gerechnet, dass der „Suizident“ bewaffnet ist. Und für alle die sich jetzt fragen warum er das Hackebeil mit sich auf den Gleisen rum trägt: Natürlich um noch ein paar Menschen mit in den Tod zu nehmen. Oder alternativ auch: Damit ich ihn töte und er es nicht selber tun muss.....

 

Er war wirklich ziemlich verwirrt. Er gab mir ausweichende und unklare Antworten. Er jammerte, dass er keine Fragen mehr beantworten will. Aber ich fragte weiter, ob er mehr Messer bei sich hat. Er verneinte es. Die Kollegin sicherte mich und notierte die Personalien vom Bahnpersonal. Am Funk war wieder viel los. Die Bundespolizei wollte wissen wie sie anfahren soll, die Einsatzzentrale wollte die Personalien haben. Ich hatte ziemliche Probleme mich mit dem Suizidenten zu unterhalten. Er stand auf und ich bat ihn sich wieder hinzusetzen. Der erste Wagen der Regionalbahn stand direkt neben uns und die Fahrgäste schauten uns zu. Hinter mir stand die Familie in deren Garten wir waren. Ich entschuldigte mich zum zigten Mal bei unserem Suizidenten, dass ich am Funk wieder eine Frage beantworten musste.... Er stand auf und ging auf seinen Rucksack zu....wir schrien ihn an.... er bewegte sich weiter.... ich stieß ihn weg...schnappte mir den Rucksack und warf ihn hinter mich.... ich zog die Pistole raus und fauchte ihn an.... „Hände auf den Rücken, los leg sofort die Hände auf den Rücken“..... er drehte sich um und legte seine Hände hinter den Kopf. Ich schrie weiter: „Leg sofort die Hände hinter den Rücken“. Hätte er jetzt in die Hosentasche gegriffen hätte ich ihn niedergeschossen, noch bevor er seine Hände wieder raus geholt hätte.

Der Kunde nahm die Hände hinter den Rücken. Ich griff seine Finger und drückte zu, zweifellos tat dies richtig weh, aber nur so hatte ich sie sicher. In wenigen Sekunden saß die Clejuso an seinen Handgelenken. Er jammerte, ich fauchte ihn an und streifte seine Hose ab, ich hatte sofort zwei weitere Messer gefunden, die ich sofort in meine Hosentasche steckte.

 

Ich hatte die Lage völlig falsch eingeschätzt. Es ist gut gegangen, aber daran hatte der Zufall und das Glück mehr Anteil dran als ich. Es war ein Scheißeinsatz, der auch ganz anders hätte ausgehen können. Ich ärgerte mich ziemlich. Wir musste leider noch etwa 10 Minuten auf den Rettungswagen warten. Unser Kunde jammerte nun immer mehr, dass wir ihn von hier weg bringen sollen.

Und ich werde es weiterhin das "Hackebeil" nennen, auch wenn es eine "Hippe" für die Feldarbeit  ist. Beim Forst werden solche Messer auch zum Entasten verwendet.
Und ich werde es weiterhin das "Hackebeil" nennen, auch wenn es eine "Hippe" für die Feldarbeit ist. Beim Forst werden solche Messer auch zum Entasten verwendet.

Die Retter kamen, die Anwohner führten Sie durch ihren Garten zu uns. Die Sanitäterin sah richtig gut aus. Aber ich versuchte natürlich mich auf unseren Kunden zu konzentrieren. Das fiel mir jetzt zum Glück auch relativ leicht. Ich war wütend auf ihn und jetzt entging mir keine seiner Bewegungen mehr. Ihr Kollege war etwas dick und sah etwas doof aus. Er setzte sich zu mir hinter in den RTW, während seine Kollegin fuhr. Meine Kollegin fuhr uns mit unserem Streifenwagen hinter her. Ich meldete am Funk, dass wir nun Richtung Psychiatrie fahren. Unser Dienstgruppenleiter hatte uns dort bereits angemeldet und sagte uns die Station zu der wir mussten.

 

Unser Kunde jammerte, dass er sich mit den gefesselten Händen nicht richtig hinsetzen kann. Sie blieben wo sie waren und wir fuhren los. Natürlich bevor die Bundespolizei bei uns war. Aber es war eh klar, dass sie eine zu lange Anfahrt haben würden. Der Sani schielte nun die ganze Zeit auf meine Ausrüstung. Das macht ja eigentlich jeder, schauen was Polizisten am Gürtel und der Weste befestigt haben. Aber er machte keine Pause uns starrte mich an. Es war wirklich peinlich. Ich versuchte die Situation etwas durch Smalltalk zu retten. Aber er starrte weiter auf mein Funkgerät, die Lampen und meine Pistole.... Ich war gotffroh, als wir unseren Verrückten endlich los waren.

 

 

Der dritte Stock ist hoch

Wir steuerten das demolierte Fahrrad zu zweiten Mal an. Aber..... „Die nächsten Streifen im Bereich … Bitte zum …. dort ist soeben jemand aus dem dritten Stock gestürzt und liegt hinter dem Gebäude auf dem Rasen“.

 

Ich drückte das Gaspedal durch und jagte jeden anderen aus dem Weg. Horn, Hupe, Lichthupe..... Ich schimpfte (wie so oft) und steuerte zwischen allen Hindernissen durch. Ich blickte an den Kreuzungen nach links und die Kollegin sagte „recht steht“. Ich gab Gas und schoss weiter.... Wir würden vermutlich vor dem Rettungsdienst da sein. Polizisten hassen das meist. Ich murmelte ungefragt „Ich habe einen Beatmungsbeutel dabei“.... Die Kollegin zog ihre Gummihandschuhe an. Ich holte ein Paar aus meiner Hosentasche und legte sie in die Mittelkonsole.

 

Der Notarzt war schon da, der RTW noch nicht. Ich fuhr an ihnen vorbei, damit die folgenden Einsatzfahrzeuge Platz hatten. Wir sprangen raus, ich hatte mit einem Griff das rote Band, das aus meiner Einsatztasche raus guckt, in der Hand und Riss meine Erste-Hilfe Tasche raus. Wir rannten über den Rasen zum Notarzt. Der Doktor kniete neben dem Mann. Er lag auf dem Bauch, jammerte und heulte. Er bewegte sich nicht mehr viel. Eine Hand voll Angehöriger stand auch dort, hielt aber seltsamerweise Abstand. Ich schaute an dem Verletzten runter, er schien äußerlich unversehrt, aber er hatte garantiert schwerste Verletzungen. Hinter uns fuhren weitere Kollegen und der RTW an. Sie waren nur etwa 2 Minuten nach uns da. Ich musste dem Doktor also nicht groß helfen. Meine Erste-Hilfe Tasche warf ich an die Hauswand. Nun wurden die Angehörigen um uns rum immer mehr. Einige sprachen kein Deutsch und manche von ihnen waren massiv betrunken. Zum Glück waren sie nicht aggressiv. Denn es gibt nicht blöderes, als wenn man in so einer Situation mit den besoffenen Angehörigen verbal oder körperlich kämpfen muss.

 

Unser Dienstgruppenleiter übernahm die Einsatzleitung. Wir begannen nun zu ermitteln und ich holte die Kamera aus dem Streifenwagen. Ich machte Fotos, und zwar sehr viele. Vom Haus, vom Garten, von den Fenstern, der Wohnung, allen Türen, den persönlichen Sachen vom Verletzten..... Personalien, Alkoholtest, Befragungen. Wir waren eine Weile beschäftigt. Was wir raus bekommen haben mag ich hier nicht erzählen. Aber er hat es überlebt.

 

 

Die Frau ist doch nicht tod

Wir mussten natürlich weiter als wir fertig waren. War ja klar. Eine Frau hat ihrere alte Nachbarin seit zwei Tagen nicht mehr gesehen. Die alte Frau war bei uns bekannt. Sie war etwas dement und trank auch mal einen über den Durst. Wir hielten vor dem Haus und ich sagte zu meiner Kollegin „Ich hab heute wirklich keine Lust auf eine Leiche“. Wir unterhielten uns mit der Nachbarin. Sie meinte, dass sie sie eigentlich jeden Tag sieht, aber heute nicht. Sie hat einen Schlüssel für ihre Wohnung, wollte aber selber nicht nachsehen. Wir sollten es machen.... Ich hasse es Wohnungen nach Leichen abzusuchen! Ich fasste mich. Wir schlossen die Türe auf und wir suchten die Wohnung ab. Es stank und es war dort schon länger nicht geputzt worden. Im Bad war sie nicht und auch nicht im Bett, hinter dem Bett, auf dem Balkon, im Schrank, in der Besenkammer, hinter dem Sofa.... Ich war erleichtert. Es sollte eine Kontaktperson geben und wir suchten nach einen Notiz- bzw. Telefonbuch. Wir sagten der Mitteilerin Bescheid, dass sie nicht in der Wohnung ist. Ich fragte sie ob die Frau noch einen Dachboden oder ein Kellerabteil hat. Wir verabschiedeten uns damit, dass wir noch in den Keller und zu einer bestimmten Kneipe schauen. Aber auch im Keller war sie nicht. Als wir feststellten, dass die Kneipe an diesem Tag geschlossen war meldete sich die Einsatzzentrale: „Fahren Sie bitte zurück, die Mitteilerin hat die alte Frau eben tod auf dem Dachboden gefunden“. Wir schauten uns an... was für ein Scheiß. Wir hatten den Grundsatz aller Vermisstenfälle missachtet. Wir haben nicht selber das ganze Haus abgesucht. Zum Glück hat die Mitteilerin die richtigen Schlüsse aus unserem Gespräch gezogen, dass nun niemand hoch schaut. Daher hat sie es selber gemacht. Wir hatten keine Eile, sie war ja schließlich schon Tod. Vor dem Haus kramte ich in meiner Einsatztasche. „Erstzugriffsbericht – Leichensache“ steht auf den Formblättern. Und ich hatte bereits seit Monaten die dabei auf denen unten der Name eines anderen Kollegen steht. Ich muss mir endlich eigene ausdrucken. Ein Anwohner streckte den Kopf zum Fenster raus und rief so laut, dass es die ganze Straße hören konnte „Ihr könnt gleich den Leichenwagen rufen“. Was ein Depp! Wir stiefelten die Treppe hoch und trafen unsere Mitteilerin die im Arm einer Nachbarin lag. Sie heulte und war fertig mit der Welt. Auch sie hatte, wie wir, keine Lust gehabt eine Leiche zu finden. Aber wir waren es wenigstens gewohnt und bekamen Geld dafür. Ich beruhigte sie etwas, während die Kollegin hoch auf den Dachboden ging. Nach einer Minute hörte ich sie am Funk „Die Frau ist nicht Tod, schicken sie mir bitte einen Rettungswagen“... Ich eilte die Treppe hoch.

 

Die alte Frau lag im letzten Eck der Dachschräge. Sie konnte sich kaum bewegen. Sie war dreckig, und zwar so richtig. Sie stank furchtbar. Die Kollegin war mit dem Funken beschäftigt. Ich krabbelte nun hinter in die Ecke und reichte der Frau die Hand. Ich war gottfroh, dass ich Handschuhe anhatte. Der Gestank der Frau war kaum auszuhalten. Es war heiß gewesen an diesem Tag und sie war völlig dehydriert. Sie konnte sich kaum bewegen. Ein Nachbar brachte eine Wasserflasche. Ich schaute meine Kollegin an... Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Da kniete ich im Dreck, versuchte Wasser in die Frau rein zu bekommen. Ich versuchte mir ihr zu sprechen. Sie gab mir nie eine Antwort auf meine Fragen, sondern redete nur was ihr einfiel. „Ich arme Frau muss in der Scheune schlafen und kann mir keine Wohnung leisten...“. „Ich mag nicht mehr leben.... irgendwann bringe ich mich um.....“ mir fiel beim besten Willen nicht ein was ich zu meiner Kollegin sagen sollte. Irgendwie war der Moment einfach nur zum heulen.

 

Sie trank und trank, ich musste sie bremsen. Sie sagte, dass sie keinen Durst hat und trank weiter. Sie versuchte aufzustehen und versuchte alles, damit sie sich ihren Kopf nicht anstieß. Sie schaffte es ziemlich lange nicht ihre Beine zu bewegen. Ich zog sie raus aus der Ecke. Ich schaffte es irgendwann sie auf die Beine zu stellen und brachte sie zur Treppe. Die Sanis setzten sie auf einen Stuhl, schnallten sie fest und trugen sie runter. Ich dankte unserer Mitteilerin und meinte auch, dass sie alles richtig gemacht hat. Sie hatte das gemacht, was wir vergessen hatten und hat ihrer Nachbarin vermutlich das Leben gerettet. War ich froh, dass wir die Frau nicht Waschen mussten, was jetzt nämlich der Nachtschicht in der Notaufnahme bevorstand.

 

Der Feueralarm

Ich weiß nicht mehr, ob mir jetzt schlecht war. Jedenfalls hatte ich nur noch eines im Kopf als wir in den Hof unserer Wache fuhren, ich wollte ganz schnell eine Cola. Im Hof heulte es, der Feueralarm lief. Die Kollegen sahen wir hinter den Fenstern rennen. Wir wussten sofort, dass unser Dienstgruppenleiter mit unseren Schnitzeln, die er braten wollte, den Rauchmelder ausgelöst hat. Ich wollte mich nicht darum kümmern, ich hatte etwas die Schnauze voll und wollte nur noch meine Cola aus dem Automaten befreien. Als ich die Flasche halb leer getrunken hatte heulte der Alarm immer noch. Jetzt fragte ich die Kollegen was denn los ist. Sie fanden den Schlüssel für die Brandmeldeanlage nicht (den braucht normalerweise nur die Feuerwehr, aber die wurden natürlich sofort abbestellt). Ich schnappte mir meine Lockpicks und machte das Schloss auf. Unser Dienstgruppenleiter konnte den Alarm jetzt abschalten. Es folgte ein wunderbares Abendessen im Kreis der Kollegen und anschließend ein paar Stunden Schreibdienst. Unser Mitteiler mit dem demolierten Fahrrad würde an diesem Tag keine Polizei mehr treffen, es war zuvor keine Zeit und jetzt lag er bereits im Bett und schlief. Zu dem illegalen Zeltlager im Wald wollten wir auch nicht mehr im Dunkeln. Dort konnten bis zu 10 Personen sein, von denen wir nichts wussten. Es wäre nun einfach zu gefährlich gewesen und es musste die Frühschicht übernehmen.

 

Die zerbrochenen Scheiben, das Gras und die Penispumpe

In den folgenden Stunden hörte ich, über den Gang, meinen Dienstgruppenleiter am Telefon sagen “Ich schicke gleich jemanden raus zu Ihnen“. Ich stand vom Computer auf, zog meine Schutzweste und meine Lederjacke über und nahm das Funkgerät vom Tisch. Ein Kollege rief über den Gang „Einsatz“. Es war etwa 3 Uhr nachts. In einer Wohngemeinschaft in einem renovierten Bauernhof ist ein Bewohner im Marihuanarausch durchgedreht.  Er hat seine Mitbewohner angriffen und einiges von der Einrichtung zerstört. Wir fuhren mit zwei Streifen durch die dunkle Nacht. Wir fuhren über Feldwege, wo wir noch nie zuvor gewesen sind. Das Navi führte uns zu dem Haus. Es sag gemütlich und gepflegt aus. Einige Fenster waren zerbrochen und die Scherben lagen auf dem Hof. Ich zog meine Handschuhe an und öffnete mein Holster. Ich deutete einem Kollegen, dass er nach oben schauen soll, falls etwas von oben auf uns geworfen wird. Im Hausflur brannte Licht und es war kein Geräusch zu hören. Ein Kollege klingelte und rief hoch, dass die Polizei da ist. Es passierte nichts. Der Kollege rief mehrmals und schlug gegen die Haustür. Als ich um eine Ecke schaute sah ich, dass die Gartentüre aufgebrochen war. Mit einem Kollegen ging ich rein. Ich zog meinen Schlagstock aus und wir gingen über Scherben durch das Wohnzimmer. Wir sahen eine Treppe im Flur vor uns und riefen „Die Polizei ist da, ist jemand hier“? Dann hörten wir die Kollegen draußen mit jemandem sprechen und gingen zurück. Die Bewohner sind zurück gekommen, sie hatten sich ins Freie geflüchtet. Sie erzählten uns was passiert war und zeigten uns das Zimmer in dem er wohnte. Auf dem Tisch lag Gras und auf dem Boden eine Feinwaage und eine ganze Packung Druckverschlusstüten. Unser Dienstgruppenleiter beriet mit den Beiden was nun das sinnvollste Vorgehen ist. Zu zweit durchsuchten wir das Zimmer und machten gleich Fotos. Wir fanden noch mehr Gras. Und ich fand eine Schublade voller Kondome und einer Penispumpe. Die Anderen hielten es für sinnvoller den Kiffer nicht in Gewahrsam zu nehmen. Wir wollten keine Verletzten in dieser Nacht. Es war bei einem Freund untergekommen und sollte unserer Meinung nach da auch bleiben. Für den Fall, dass er doch zurück kommen würde wollten die beiden Mitteiler aber in dieser Nacht wo anders schlafen. Ich war mit der Entscheidung zufrieden, denn ich hatte wirklich keine Lust darauf einem dummen Kiffer weh zu tun, weil dieser uns in seinem Drogenrausch angreift.

 

Der Dieb in der Nacht

Wir schafften es wieder eine Weile an die Computer und machten das, was wir meist nur tief in der Nacht schaffen. Berichte und Anzeigen zu schreiben. Aber auch nun wurden wir wieder unterbrochen. Ein Anwohner hatte gesehen wie ein Mann auf der Straße alle Türgriffe der geparkten Autos zog. Und als er ein offenes Auto gefunden hat stahl er etwas daraus. Er versuchte noch ihn zu verfolgen, verlor ihn aber schnell aus den Augen. Wir kreisten im Wohnviertel, bevor wir zum Tatort fuhren. Nach erfolgloser Suche ließen wir uns genau erzählen was der Mitteiler gesehen hatte und das Auto zeigen. Der Mitteiler war faszinierend. Sobald er uns alles erzählt und seine Personalien gegeben hatte sagte er, dass er jetzt wieder schlafen geht. Er war ein anständiger Bürger, der am nächsten Morgen zur Arbeit musste.

 

Ich entschied mich dafür den Besitzer des Autos raus zu klingeln, wir mussten schließlich wissen was fehlt. An der Türe war sogar ein Fingerabdruck. Unsere Ermittler würden die Spuren am nächsten Morgen sichern. Ich schaffte es gerade noch den Vorgang bis zum Morgen fertig zu schreiben, so dass ich ihn übergeben konnte.

 

Warum erzähle ich Euch hier nur von einer Nachtschicht und nenne die Geschichte aber „Woche“? Weil sich in dieser Woche etwas abgespielt hat das nur als Phänomen zu bezeichnen ist. In unserer wirklich nicht großen Stadt sind in dieser einen Woche vier Menschen aus dem Fenster gesprungen. Zwei weitere haben sich auf die Gleise gelegt, einer hat sich ein Küchenmesser in die Brust gerammt und es gab noch ein paar kleinere Suizidversuche. Die Meisten haben überlebt, aber nicht alle. Die Polizisten, Sanitäter und Ärzte in der Stadt rätselten darüber was in dieser Woche vor sich ging. Die Öffentlichkeit hat davon aber nie erfahren. Über derartige Dinge lest Ihr nichts in der Presse. Das hat nichts mit albernen Verschwörungstheorien zu tun. Sondern es ist ein anerkannter und bewährter Grundsatz von Presse und Polizei, dass über Suizide und deren Versuche idR. nicht berichtet wird. Denn es gibt den sogenannten Werther-Effekt. Suizide führen nämlich zu Nachahmungstaten. Und evtl. erinnert Ihr Euch noch an die furchtbare Serie von Geisterfahrer-Suiziden im Jahr 2012.

 

Fazit:

Habe ich Schlüsse aus dieser Nacht gezogen? Ja, ich werde Suizidenten nun wieder vorsichtiger gegenüber treten! Und ich werde hoffentlich nie wieder das Haus eines Vermissten verlassen, ohne es selber vom Dach zum Keller abgesucht zu haben.