Die U-Bahnstreife

U-Bahntunnel kurz vor einem Bahnhof.
U-Bahntunnel kurz vor einem Bahnhof.

1. "Nur für Personal"

2. "Die Toiletten"

3. "Der Personenunfall"

4. "Angelika"

5. "Die Kollegen"

6. "Die U-Bahnwache"

7. "Die Gewalt"

 

Die U-Bahn war eine Welt wie für mich gemacht, als ich in die Großstadt gezogen bin. Ich bin privat viel mit ihr gefahren und dienstlich war ich dort auch immer viel unterwegs. Als ich in den Streifendienst gekommen bin hatte ich die Möglichkeit viel im Untergrund Streife zu gehen. Bei den meisten Kollegen war dieser Dienst nicht sonderlich beliebt, vermutlich weil man sehr nah am Bürger war und zu Fuß gehen musste. Genau so verhielt es sich auch mit den Fußstreifen.

Was mich so sehr an der U-Bahn fasziniert hat kann ich nicht sagen. Vermutlich hängt es damit zusammen, dass die meisten Jungs die Eisenbahn mögen. Und ich persönlich fühle mich auch in Festungen, Bunkern und Bergwerken wohl.

 

Ich wollte hier schon lange etwas über meine Erlebnisse in der U-Bahn berichten. Das waren sehr viele die mich auch geprägt haben. Aber die Geschichten über die ich seitenlang schreiben kann habe ich im normalen Streifendienst erlebt. Ich habe daher beschlossen einfach das Erzählen anzufangen und zu schauen was dabei raus kommt.

Auf Suche nach einer bewaffneten Person in der U-Bahn.
Auf Suche nach einer bewaffneten Person in der U-Bahn.

"Nur für Personal":

Diese und ähnliche Aufschriften kennt jeder zur Genüge. Und vor allem in großen Betriebsanlagen fragen wir uns alle was sich hinter diesen Türen verbirgt. Ich war nun endlich in der lage dies zu ergründen. Ich lernte versteckte Zugriffstunnel für Geiselnahmen kennen, die in den 70er Jahren in der U-Bahn angelegt wurden, genau so wie ich mich vorbei an Stromschienen und fahrenden U-Bahnen mit 80km/h bewegt habe.

Wir waren oft mit Personal des Verkehrsbetriebes und der U-Bahnwache unterwegs. Ich hab daher jede Gelegenheit genutzt um mir alles zeigen zu lassen. Mir wurden die Streckentelefone erklärt (Am Anfang gab es noch kein Handynetz im Untergrund), die Verkehrsschilder, Abschaltmagnete im Gleis, Rettungsräume unter der Bahnsteigkante und wie man vermeintlich verschlossene Türen öffnete. Denn auch solche Verkehrsbetriebe haben ihre Geheimnisse die es zu bewahren gilt. Etwas vom Interessantesten für mich waren die intelligenten Kamerasysteme die Alarm gaben wenn eine Person sich in Treppenhäusern niederlässt und eine weitere Sicherheitseinrichtung. Diese technische Spielerei hat es ermöglicht, dass es in unserer Stadt so gut wie kein Graffiti in der U-Bahn gab. Und das gehört leider auch zu den Punkten die ich nicht weiter ausführen kann. Nur so viel, bei uns werden 95% der Sprayer im Gleisbereich der U-Bahn vor Ort festgenommen! Bei uns hat man sich um die Sicherheit mehr Gedanken gemacht als in anderen Städten und mehr Geld ausgegeben. Und das alles zahlte sich aus. Ich merkte regelmäßig, dass die Menschen in unserer U-Bahn keine Angst hatten. Eine Touristin aus Berlin ließ sich von mir mal einen Weg erklären und meinte dann "nein, die U-Bahn ist mir zu gefährlich, wie komme ich da mit der S-Bahn hin"! Mittlerweile hat sich leider auch in meiner U-Bahn die Sicherheitslage sehr zum Schlechten verändert. Und alle Politiker die etwas Anderes sagen verschließen die Augen vor der Wahrheit.

-Einer meiner Lieblingsplätze war eine riesige unterirdische Halle. Diese lang ungenutzt zwischen dem Bahnsteig und dem Sperrengeschoss (für Landbewohner: 1. Untergeschoss). Bedingt durch die örtlichen Gegebenheiten musste man den Bahnsteig viel tiefer anlegen als üblich. Dadurch hatte es an dem Bahnhof unglaublich lange Rolltreppen und diese 2 Stockwerke hohe, 100m lange und etwa 40m Breite Halle. Es gab in der Vergangenheit oft Pläne dort ein Parkhaus einzubauen, das wurde jedoch nie verwirklicht. Und so konnte ich regelmäßig diesen faszinierenden Ort besuchen.

-Ebenfalls beeindruckend war eine Betriebsanlage die den meisten Bewohnern der Stadt unbekannt war. Für die U-Bahn war sie eine Verbindung zwischen zwei Linien zum Überführen von Zügen und ein Abstellgleis. Dort konnten drei komplette Züge hintereinander und drei nebeneinander abgestellt werden (also 9 Stück). Am liebsten hätte ich dort 300m geschossen, was natürlich nicht möglich war... (für die unter euch die keine Sportschützen sind: 300m Bahnen sind immer schwer zu finden).

 

Eine riesige und ungenutzte Halle in einem U-Bahnhof. Den meisten Menschen ist so etwas leider nicht zügänglich.
Eine riesige und ungenutzte Halle in einem U-Bahnhof. Den meisten Menschen ist so etwas leider nicht zügänglich.
Bestreifung einer, bei der Bevölkerung, fast unbekannten U-Bahn Betriebsanlage
Bestreifung einer, bei der Bevölkerung, fast unbekannten U-Bahn Betriebsanlage

- Es gab einen sehr großen Betriebsraum. Der Befand sich direkt über den Bahnsteigen. Am Boden befand sich die übliche Deckenverkleidung aus Lamellen und an der Decke ein Kran. Die Deckenverkleidung konnte weg geklappt werden und mit dem Kran konnten Güterwagen beladen werden. Dort lagerten z.B. einbaufertige Rolltreppen die mit Güterwagen zu den Bahnhöfen gebracht werden konnten. Dort waren außerdem riesige Lager für Baumaterial. An einer Stelle war in der Decke ein riesiges Loch durch das früher die Tunnelbohrmaschinen runter gelassen worden waren.

- Am Hauptbahnhof gab es eine Tiefgarage. Diese war im kalten Krieg als "Mehrzweckanlage" für den Zivilschutz eingerichtet worden. Und sie konnte zu einem Bunker umfunktioniert werden. Derartige Anlagen gab es mehrere in den Tiefgaragen die an das U-Bahnnetz grenzten, aber nur hier hatten wir die Möglichkeit auch Nebenräume zu betreten. Leider hatten nicht nur wir Zugang. Es gab auch genug Kundschaft die den Ort kannte und wusste wie an dort hinein kommt. Neben einer Öffentlichen Toilette in einem Zwischengeschoss war eine Tür und diese dürfte nicht versperrt werden, warum weiß ich nicht. Wenn wir diese Tür betraten um die engen Versorgungsgänge des Bunkers zu bestreifen hatten wir meist schon die Hand an der Waffe. Man wusste nie wer einem dort begegnen konnte. Wir fanden jedes Mal die Hinterlassenschaften unserer Kundschaft: Gebraucht Kondome, Scheißhaufen und Heroinspritzen. Bei mir in der U-Bahn war die Arbeit immer noch ein bisschen ekliger als an der Oberfläche. Wenn wir in diesen Ecken jemanden erwischten kontrollierten wir ihn. Meist waren es Junkies. Oft hatten sie bereits ein Hausverbot verhängt bekommen und so schrieben wir Anzeigen gegen sie. Das große Atombombensichere Tor an der Einfahrt zur Tiefgarage wurde zwischenzeitlich ausgebaut. Wie man auf die Idee kommt so etwas abzumontieren und was das soll weiß ich beim besten Willen nicht. Die Toilette neben dem Buker war polizeilich gesehen auch nicht ohne. Faszinierender Weise war diese Toilette etwas vom ersten was ich 15 Jahre zuvor von dieser Stadt gesehen hatte. Nun erinnerte ich mich wieder daran, dass ich vor langr Zeit bereits einmal dort gewesen bin. Ich habe damals aber wirklich nicht gedacht das ich später dort sehr unangenehme Erlebnisse haben würde. Diese Toilette war nämlich eine Zeit lang der "Arbeitsplatz" eines 15 Jährigen Jungen. Und dieser prostituerte sich dort für wenig Geld und sprach einfach alle Männer an. Für ein bisschen Gras machte er fast alles.  So hatten wir regelmäßig mit ihm zu tun. Er lungerte auch sonst immer nur in der U-Bahn rum, daher war es für uns auch relevant, dass er nie eine Fahrkarte bei sich hatte. So hatten wir rechtlich mehr Möglichkeiten. Wie ein 15 Jähriger überhaupt auf die Idee kommt sich auf einem öffentlichen Klo fremden Männern anzubieten muss man wirklich nicht verstehen? Seine Mutter wollte jedenfalls nichts mit ihm zu tun haben und weigerte sich auch regelmäßig ihn von der Dienststelle abzuholen. In seinem Leben änderte sich erst etwas als er auf die heldenhafte Idee gekommen ist Fahrgästen aus der U-Bahn raus zu folgen und sie an der Oberfläche mit etwas wie "Ich habe ein Messer, gib mir dein Geld" zu erpressen. Er war natürlich nicht sehr schlau und dachte nicht so weit, dass die Kameras in der U-Bahn ihn aufzeichneten. Als ich eines Tages zur Arbeit gekommen bin und im Computer die Fahndungsbilder anschaute erkannte ich ihn sofort. Und es kam wie es kommen musste, andere Kollegen hatten bereits vor mir der Kripo gesagt wer er war (er war eben wirklich bekannt bei uns). Innerhalb von zwei Tagen hatte er drei derartige räuberische Erpressungen begangen und wanderte eine Weile ins Gefängnis.

 

 

Was ich leider nie zu Gesicht bekommen habe war die alte Post U-Bahn von der noch der Tunnel existierte. Aber dieser war nicht mit der normalen U-Bahn verbunden. Und sie war auch in der Spurbreite viel kleiner.

 

Toiletten und Betriebsanlagen in einem sehr verwinkelten Zwischengeschoss
Toiletten und Betriebsanlagen in einem sehr verwinkelten Zwischengeschoss
An den entsprechenden Stellen war der Sog einer 80km/h fahrenden U-Bahn gewaltig.
An den entsprechenden Stellen war der Sog einer 80km/h fahrenden U-Bahn gewaltig.
Bestreifung einer Abstellanlage der U-Bahn
Bestreifung einer Abstellanlage der U-Bahn

Die Toiletten:

 

Ja, diese Toiletten waren so eine Sache... Sogar die Kommunalpolitik stritt deswegen regelmäßig und suchte Verantwortliche. Die Vekehrsbetriebe, die Stadt und die Bahn schoben sich im Wechsel den schwarzen Peter zu... Wir wussten aber sehr gut wer genau für welche Toilette verantwortlich war.

Viele Kollegen betraten sie wirklich nur wenn es nötig war. Ich sah es als Teil meiner Arbeit an und kämpfte mich täglich in sie hinein.

Den Zustand in dem wir die Schüsseln oft vorfanden will ich eigentlich gar nicht näher beschreiben, nur so viel: Ich hätte nie gedacht, dass man Scheiße so hoch stapeln kann...

Hier trafen sich regelmäßig die Junkies um ihren Stoff zu spritzen, wobei das in anderen Städten ein größeres Problem ist. Bei uns ist der "Kontrolldruck" so hoch gewesen, dass die Junkies ihren Stoff fast nie durch die Stadt trugen und statt dessen beim Dealer oder Zuhause spritzten. Daher gab es Drogentote in der U-Bahn eher selten.

 

Ich erinnere mich an einen Fall wo einer von zwei Junkies nach dem Schuss leblos zusammenbrach. Das war in einer sehr schwer zu findenen Ecke einer Tiefgarage. Der zweite hat ihn erfolgreich Beatmet. Dann hat er den Rettungsdienst gerufen und ist abgehauen. Als ihm klar war, dass wir seinen Freund niemals finden würden ist er zurück gekommen und hat uns den Weg gezeigt. In der Zwischenzeit mussten wie als Fußstreife eine Straßenbahn kapern und so zum Einsatzort fahren, was im Nachhinein wirklich witzig war. Aber für den Junkie ging es um Leben und Tot. Wir haben seinen Freund später intensiv gelobt für sein ehrliches Handeln.

 

Eine der Toiletten in meinem Revier war eine "Klappe". Und was eine Klappe ist weiß eigentlich kein Mensch der nicht in der Schwulenszene unterwegs ist. Genau so wie auch keiner die Droge "Poppers" kennt. Eine Klappe ist jedenfalls ein Treffpunkt für schnellen anonymen Sex und Poppers ist eine Flüssigkeit die Inhaliert wird beim Geschlechtsverkehr. Ich musste auch ein Mal eine sehr unschöne Erfahrung mit Poppers machen als ein Festgenommener das Zeug im Pumpenraum der U-Bahn absichtlich ausgeschüttet hat um es als Beweismittel zu vernichten. Das Vernichten funktioniert so, dass es sofort verdampft und in meinem Gehirn ankommt. Ich musste einige Stunden später ins Krankenhaus. Die Folgen waren jedoch nicht sonderlich schwerwiegend. Aber ich muss ehrlich sagen, dass es mich einige Tage belastet hat "vergiftet" worden zu sein. Mir war es immer egal was für eine sexuelle Orientierung jemand hat, aber die Schweinerein in der U-Bahn wollte ich nie tolleriern. Denn auch ich musste gelegentlich mit meinen Kindern in diese Toiletten. Und was ich dort teilweise sah wollte ich ihnen und unseren Bürgern auf alle Fälle ersparen. Ich ärgere mich auch bis heute über die Kommunalpolitik, dass sie nie Handlungsbedarf sah den "Klappensex" zu unterbinden. Mir waren auch ensprechende Anweisungen für die Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe bekannt, die ein Einschreiten unterbinden sollten...  

Unzählige Mal wenn ich die ziemlich große und verwinkelte Toilette an einem weltbekannten Platz betrat stellten sich die anwesenden Männer schnell an die Pissoars und taten so als ob sie Pinkeln würden. Uns fiel aber natürlich auf, dass kein Plätschern zu hören war. Wir kontrollierte meist die auffälligsten Personen um wenigstens einen Verdrängungseffekt zu erzielen. Oft bekamen sie auch eine Standpauke. Aber das hatte alles kaum Wirkung. Als ich an einem Abend als Fahrer von meinem Chef eingeteilt war und mit diesem oben auf dem Platz mit unserem Streifenwagen stand, bei einer kleineren Demonstation, führte ein Kollege in Zivil eine "Klappenkontrolle" durch. Als er rein kam hielt ihm einer gleich ungefragt seinen Penis vor die Nase. Durch den darauf folgenden Anschiss war er etwas beleidigt und wollte sich gleich bei seinem Chef beschweren. Und der war ja nur ein Stockwerk höher. Als ich gemerkt habe, dass mein Chef dieses Gespräch nicht geklärt bekommt spang ich ihm zu Hilfe und sagte unserem zeigfreudigen Mitbürger vom Fahrersitz aus, dass er auch gerne heute mit einer Strafanzeige nach Hause gehen kann. Das hatte gesessen, er trollte sich nun sehr schnell und sehr kleinlaut.

 

 

Ein Erlebnis war wirklich nicht alltäglich. Wir sind in eine Toilette rein und haben in einer Kabine jemanden Reden gehört. Ich habe immer lautlos unter den Trennwänden durch geschaut wie viele Beine ich sehe. Dort waren nur zwei Beine. Vielleicht stand einer auf der Schüssel und sie betätigten sich sexuell??? Wir warteten, denn wir erwarteten jemanden mit Gift zu erwischen oder mal das seltene "Prostitution im Sperrbezirk" anzuzeigen. Und wir mussten mindestens 15 Minuten warten. Dann kam er raus. Es war ein Amtsbekannter Stadtstreicher der Selbstgespräche geführt hatte.  Aus Prinzip kontrollierte ich ihn dennoch. Und jetzt kam, was ich nicht erwartet hätte, er war zur Fandung ausgeschrieben, weil er Geld von der Polizei bekommt! Kollegen hatten bei ihm etwa 500 Euro gefunden zu dessen Herkunft er keine Angaben machte. Und für den Fall, dass es aus einer Straftat stammt die noch nicht bekannt war wurde das Geld sichergestellt. Es wurde keine derartige Staftat angezeigt, also musste man ihm das Geld wieder geben. Und das schafft man nur durch eine Fahndungsausschreibung.

 

Schwulendroge Poppers. Um das Arzneimittelgesetz zu umgehen wird es gelegentlich als Lederpflegemittel verkauft.
Schwulendroge Poppers. Um das Arzneimittelgesetz zu umgehen wird es gelegentlich als Lederpflegemittel verkauft.

Der Personenunfall:

 

In der Fachsprache der U-Bahnmitarbeiter heißt der Personenunfall PU. Für uns war es dann noch wichtig zu unterscheiden ob er gestürzt oder gesprungen ist, oder ob er gestoßen wurde. An Letzteres kann ich mich nicht erinnern, dass es bei uns vorgekommen ist. Die Lebensmüden und die Unfälle hielten sich etwa die Waage. Und ich schätze jetzt mal grob, dass von den Lebensmüden etwa 70% ihren Suizid erfolgreich vollzogen.

 

Diese Personenunfälle waren für uns meist unspektakulärer als man denken würde. Entweder es gab nur leicht Verletzte, dann gab es zwar ein großes Spektakel um die Fahrgäste in die richtigen Bahnen zu lenken. Denn jede Sperrung der Strecke hatte massive Folgen. Und wenn es tödlich geendet ist haben wir abgesperrt bis die Verkehrspolizei alles aufgenommen, die Feuerwehr das Gleis gereinigt und der Verkehr frei gegeben worden war. Wirklich unschön wurde es nur für die Kollegen die zuerst am Unfallort waren und die Person schwer verletzt war. Mir blieb so etwas Gott sei Dank erspart. Aber mache Kollegen aus meiner Dienstgruppe sind wirklich unter die Züge gekrochen und haben abgetrennte Beine abgebunden und Ähnliches. Und wer ein mal gesehen hat wie ein U-Bahnzug von unten aussieht versteht was für eine Umgebung das ist. Da ist nicht nur der tonnenschwere Zug mit sehr wenig Zwischenraum zum Schotter der prinzipell beweglich ist, da ist auch noch eine Stromschiene mit 800 Volt, die jedes Leben in Sekunden beendet wenig Zentimeter neben einem. Der Strom wird zwar schnell abgeschaltet, aber der Ablick der Stromabnehmer aus nächster Nähe ist unfassbar beängstigend. Auch ich bin diesen Gelegentlich viel näher gekommen als mir lieb war.

 

 

Als ein junger Mann in meinem Revier betrunken ins Gleis stürzte lag er tagelang mit Lebensgefahr im Krankenhaus. Aus irgend einem Grund berichtet die Presse dass er gestoben ist. Und das, obwohl seine Familie noch zwei weiter Tage im Krankenhaus um sein Leben bangten, bis er schließlich doch gestorben ist. Ich will gar nicht wissen wie es der Familie mit diesen Pressemeldungen ergangen ist.

 

Wir hatten eine Meldung über Graffitisprayer in einer Abstellanlage. Auch wir machten uns auf den Weg, obwohl wie relativ weit weg waren. Ich wollte aber die U-Bahnwache auf alle Fälle unterstützen. Wir hörten am Funk, wie die Verdächtigen unauffällig von beiden Seiten in die Zange genommen wurden. Als unsere U-Bahn nur noch eine min. bis zum Eintreffen am besagten Bahnhof hatte erfolgte der Zugriff. Es waren am Funk Rufe zu hören, man hörte Leute Rennen und Dann ein kreischender Schrei und der Funk war still. Wir drei schauten uns entsetzt an. Jeder hatte vermutlich in dieser Sekunde seine eigene Theorie was gerade passiert war. Für mich gab es nur ein Erklärung, einer ist gegen die Stromschiene gekommen.... Wir eilten den Bahnsteig entlag, öffneten die Tür in den Tunnel, streiften unsere Warnwesten über und eilten weiter über die Gleise. Der Zugverkehr war bereits angehalten. Da sahen wir sie. Die beiden Verdächtigen sahen furchbar aus, sie waren fast überall schwarz und die Hände auf den Rücken gefesselt. Sie waren so dumm und hatten angefangen mit den U-Bahnwächtern zu raufen. Bei der Rauferei ist einem das Funkgerät aus der Hand gefallen. Das war zum Glück alles. Ich bestellte eine Unterstützungsstreife und wir brachten die Beiden in einen Pumpenraum. Nach einigem hin und her war klar, dass es nur zwei Jugendliche waren die Fotos von den Tunneln machen wollte. Es ist so unfassbar wie leichtsinnig sie waren. Ich erinnere mich noch an einen Fall wo ein Mitarbeiter der U-Bahn in einem Tunnel einer Bahn ausgewichen ist und durch den Lärm den Gegenzug auf dem anderen Gleis überhört hat. Das musste er mit dem Leben bezahlen. 

 

Es gab eine Einsatzlage in einem sehr großen U-Bahnhof, die hätte ich niemals für möglich gehalten. Es sind diese Momente in denen man denkt "das glaubt mir keiner, wenn ich es erzähle". Der Einsatzgrund war eine Schlägerei mit einer schwer verletzten Person an der Oberfläche (bei einem Mc Donalds). Ich war, wie oft zu Fuß in der U-Bahn und meldete mich für den Einsatz telefonisch bei der Zentrale. Der Kollege in der Zentrale bat mich den Untergrund abzusuchen, da ein Täter runter geflüchtet war. Als wir den Bahnhof erreichten wurden wir von Fahrgästen angesprochen und zu einem Bahnsteig geschickt. Dort angekommen wurde gerade ein verletzter Mann mit Hund aus dem Gleis gezogen. Er schrie furchtbar um Hilfe und jammerte. Er war dreckig und blutig. Es war stark betrunken. Da er zuvor aus irgend einem Grund sauer auf den Fahrer der Bahn war hatte er versucht diesen zu schlagen. Als er sich in den Führerstand zurück zog und die Tür schloss fiel der Trunkenbold beim Versuch die Seitenscheibe von Führerstand einzuschlagen ins Gleis. Wir mussten uns also um unseren betrunkenen und verletzten Schläger und seinen Hund kümmern. Was auch wirklich nicht leicht war. Zum Glück halfen uns zwei tolle Fahrgäste. Die eine Kümmerte sich um den Hund und der Anderen gab ich ein paar Gummihanschuhe und sie half uns beim Verbinden. Ich versuchte nun der Zentrale über Funk zu erklären, dass es hier einen zweiten Einsatz mit Personenunfall gab und wir Unterstützung benötigten. Und in diesem Moment kamen Kollegen der Hundertschaft über unseren Bahnsteig gerannt. Sie wollten aber nicht zu uns, sondern weiter zur zweiten U-Bahnlinie in diesem Bahnhof. Denn dort wollten sie einen flüchtigen Ladendieb stellen, der soeben versuchte durch die Tunnel vor einem Kaufhausdetektiv zu flüchten. Es waren also nun alle Linien gesperrt und massive Kräfte waren gebunden um diese drei Einsäte gleichzeitig abzuarbeiten. Ich will gar nicht erst wissen wie kompiziert das für die Kollegen der Einsatzzentrale gewesen ist.

 

Die Stromschiene ist nur auf einer Seite, aber die Stromabnehmer sind auf beiden Seiten der Bahn. Und diese liegen auf der anderen Seite frei und stehen unter Strom.
Die Stromschiene ist nur auf einer Seite, aber die Stromabnehmer sind auf beiden Seiten der Bahn. Und diese liegen auf der anderen Seite frei und stehen unter Strom.

 

Angelika:

 

Da war diese Frau, ich bin ihr täglich begegnet. Sie sah unfassbar ungepflegt aus. Unter uns existierte das Gerücht, dass sie früher Lehrerin gewesen ist. Vermutlich stimmte es nicht. Eine Gruppe junger Mädchen sagte mir mal, dass sie bei ihnen nur "Kackefrau" genannt wird.

Sie hielt sich eigentlich wirklich nur an zwei U-Bahnhöfen auf. Im Sommer saß sie bei einem an der Oberfläche, auf dem Trambahnsteig und laß immer dort Zeitung, den ganzen Tag. Sie schlief immer auf der selben Stelle auf einer Treppe im Untergrund. Dazu zog sie ein Tuch über sich und beute sich sitzender Weise nach vorne. An der Stelle wo sie immer saß hatte sich bereits ein dunkler Fleck auf der Treppe gebildet der nicht mehr weg geputzt werden konnte. Sie machte es sich zu Nutze, dass diese Treppe genau an der Zuständigkeitsgrenze zwischen U- und S-Bahn lag. Das ersparte ihr vermutlich einige Anzeigen. Sie trug immer haufenweise Plastiktüten mit sich und hatte furchbar verformte Füße. Oft waren ihre Schuhe bereits so abgetreten, dass sie auf den nakten Füßen lief. Oder auf dem, was von den Füßen noch übrig war. Ich bin mir auch relativ sicher, dass sie ihre Schuhe niemals ausgezogen hat.

Wir wurden unzählige Male von Passanten angesprochen worden, dass diese Frau bestimmt Hilfe braucht.... Aber diesen Leuten ist nicht klar, dass solche Schicksale fast immer selbst gewählt sind. Man kann diesen Menschen nicht helfen. Ich weiß von zwei Fällen in denen Kollegen zu einer "toten Person die schon stinkt" gerufen worden waren... Es war sie, sie hat geschlafen.

Im Winter haben wir fast nie Obdachlose aus der U-Bahn geschickt. Aber wenn es die Tempraturen zugelassen haben mussten wir diese Frau fort schicken. Sie hat nicht nur unvorstellbar gestunken, auf eine Entfernung die man sich nicht vorstellen kann, sie hat auch einfach auf ihre Treppe uriniert. Vermutlich hat sie dabei nicht mal die Hose ausgezogen....Das mag sich für euch vieleicht zynisch anhören. Aber ich meine das alles bitter ernst. Und jeder der über mich jetzt urteilt soll erst mal selber mit solchen Menschen näheren Kontakt haben!

Einer unserer Kollegen musste sie ein mal mit dem Rettungswagen in die Psychiatrie begleiten. Die Stadt hat sie einweisen lassen, was auf rechtlich sehr wackeligen Beinen stand. Aber die Stadt musste handeln. Der Kollege hatte während der ganzen Fahrt nicht nur das Fenster auf, sondern sogar den Kopf aus dem Fenster raus, weil der bestialische Gestank nicht anders zu ertragen war. Oder da war eine Kollegin, die einen Haftbefehl gegen sie vollziehen musste. Sie meinte, dass eine Durchsuchung kaum möglich war, da die Kleidung bereits mit der Haut verwachsen war. 

 

Jedesmal wenn wir einen Haftbefehl von ihr im Computer gefunden haben hat ihn keiner von uns vollzogen. Ich hatte es mir ein mal überlegt es zu machen, als große Herausforderung. Aber ich hatte Zweifel, dass ich es schaffen würde. Wir spekulierten jedes Mal erfolgreich darauf, dass Kollegen der Hundertschaft sie kontrollieren würden. Dann mussten die nämlich den Haftbefehl vollstrecken.

Diese Grafittisprayer haben wir durch einen sehr langen Sprint zum Tatort vor Ort festgenommen. Es waren Kinder mit etwa 13 Jahren.
Diese Grafittisprayer haben wir durch einen sehr langen Sprint zum Tatort vor Ort festgenommen. Es waren Kinder mit etwa 13 Jahren.

Die Kollegen:

 

Wie ich oben schon geschrieben habe war die U-Bahnstreife nicht sonderlich beliebt. Die Kollegen wurden in den Hundertschaften meist "gezwungen" die Bahnhöfe zu kontrollieren und hatten im Einzeldienst dann keine Lust mehr dazu. Und wie man im Untergrund an die Arbeit ran geht war den Meisten vermutlich auch fremd. 

Aber da waren dann doch ein paar Kollegen die merkten, dass ich sehr viel Freude am U-Bahndienst hatte und auch entsprechende Fälle an Land zog. Und da ich die entsprechende Dienstvorschrift, als einer von sehr wenigen kannte, konnte ich sie auch entsprechend auslegen. Wenn ich also eine Person mit Haftbefehl kontrolliert rief ich eine Unterstützungsstreife, übergab den Festgenommenen und wir gingen weiter. Gegenüber meinem Chef verbuchte ich die Festnahme natürlich für mich, die Sachbearbeitung mussten so aber andere machen. Wenn ich Gift bei einer Kontrolle fand habe ich sie selber bearbeitet.

Ein junger Kollege fragte mich, ob er sich mit mir zu einer Streife eintragen lassen kann. Er wollte auch mal etwas "Action" im Untergrund erleben. Und auch wenn viele Streifen ruhig verliefen musste ich ihn nicht enttäuschen. Der Tag begann damit, dass wir mit dem Zug in einen Bahnhof einfuhren. Dabei sah ich vier Jungs die uns bemerkten und die Köpfe zu uns drehten. Wir stiegen aus dem Zug und ich schaute was die Jungs machen. Und sie standen von ihrer Bank auf und verließen den Bahnsteig. Das war ein verhalten, dass ich öfter sah in dieser Situation und es war klar, dass es dann für uns etwas zu Arbeiten gab. Wir gingen den Jungs hinter her. Sie schauten sich um und gingen einen Schritt schneller. Als wir näher dran waren rannten sie los, nach oben. Ich sprintete los. Im Sperrengeschoss rief ich ihnen etwas hinter her, dass ein Polizist wirklich nicht sagen sollte.... Einer blieb wie angewurzelt stehen. Ein Zweiter erschrak sich so dermaßen, dass es ihn auf seiner Treppe auf die Nase legte. Dabei zerbrachen ihre eben geklauten Schnapsflaschen in seinem Rucksack. Oh je, hat der nun gestunken.... Durch "gefühlvolle und geschickt Kommunikation" (also einen mordsmäßigen Anschiß) brachten wir sie dazu ihre Freunde herbei zu telefonieren. Da der Sachverhalt bezüglich unserer "Selbststeller" recht kompiziert war und einer noch einen gefälschten Ausweis bei sich hatte überließen wir die Sachbearbeitung nicht den Unterstützungsstreifen, sondern ließen uns ebenfalls zur Dienststelle fahren und schrieben den Vorgang selber. Als wir fertig waren hatten wir nur noch eine Stunde Dienst. Aber wir wollten noch mal raus. Ich wollte dem Kollegen schließlich etwas zeigen. Aber diese Stunde hatte noch einiges auf Lager um uns zu beschäftigen. 

Kaum waren wir die erste Rolltreppe runter gefahren und am Bahnsteig angekommen sprach uns jemand an. Um die Ecke drängten drei Obdachlose einen Mann an die Wand und würgten ihn. Ich schrie sie an. Sie ließen ihn los und zwei kamen auf uns zu. Ich sagte ihnen sie sollten Abstand zu uns halten, sie waren ganz schön betrunken und stanken meilenweit. Aber das interessierte sie nicht. Einer faselt nur etwas von "was willst Du..." und ballte seine Fäuste. Ich fuhr meinen Teleskopschlagstock mit einem Schwung aus dem Handgelenk aus und kündigte meine nun rechtlich erforderliche "Androhung von unmittelbarem Zwang durch körperliche Gewalt" sehr malerisch an. Sie waren in der Überzahl und auf Krawall aus. Also ertöhnte am Funk das bekannt "eilige Unterstützung U-Bahnhof...." Die Kollegen rannten, wie so oft, wenige Minuten später die Treppen runter. Wir schickten sie alle aus der U-Bahn. Auch ihr Opfter wollte uns nicht sagen was zuvor passiert war ("Pack schlägt sich, Pack verträgt sich). Eine unserer Unterstützungsstreifen war eine Zivile vom Nachbarrevier. Mit diesen zusammen verließen wir den Bahnhof wieder über die Treppe über die wir gekommen waren. Im Sperrengeschoss sahen die Kollegen ein Pärchen die es offenbar für sie lohnte zu kontrollieren. Sie fragten das Paar nach ihren Ausweisen. Und ich dachte noch, dass wir jetzt besser auch noch bei den Kollgen bleiben. Und tatsächlich, der Mann wurde mit einem Haftbefehl gesucht und war nicht gewillt ins Gefängnis zu gehen. Es begann eine Rauferei zwischen den zivilen Kollegen und ihm. Ich hielt es für sinnvoller die Frau und die Umgebung im Auge zu behalten. Die Kollegen schienen den Typen auch einigermaßen im Griff zu haben. Dann schlug etwas auf den Fliesen auf, es war das Messer des Gesuchten, das nun wenige cm vor ihm auf dem Boden lag. Ob er versucht hat es zu greifen weiß ich nicht. Denn jetzt ging die Rauferei erst richtig los und seine Freundin ist wie von Sinnen auf uns los. Wir hatten sie aber schnell zu Boden gebracht und gefesselt. Glücklicherweise gelang es unseren Kollegen ebenfalls recht schnell den Kunden zu fesseln.  Wir knieten nun auf der Frau drauf die wie von Sinnen um sich schrie. Wir schauten uns an und dachten das Selbe: Wir konnten unmöglich zwei Mal innerhalb von 20 min "eilige Unterstützung" rufen. Ich griff das Funkgerät "...würden sie uns bitte noch mal zwei Streifen schicken. Wir haben einen Haftbefehl und ein Ausnüchterungsgewahrsam...nicht eilig!" Und im Hintergrund schrie sie  weiter so laut, dass es der ganze Abschnitt am Funk hören konnte.

 

 

"Der Denker". Ein ruhiger Moment im Pumpenraum
"Der Denker". Ein ruhiger Moment im Pumpenraum

Die U-Bahnwache:

 

Sie sind die Vorzeigetruppe einer großen Sicherheitsfirma. Sie sind gut ausgebildet und bewaffnet. Und letzteres ist einmalig in Deutschland. Meiner Meinung nach ist deren Revolver (.38er Bleirundkopf zur Minimierung von Querschlägern) ein wichtiges Zeichen, dass bei uns die Uhren anders gehen. Viele von ihnen würden jedoch den Revolver lieber gegen einen Schlagstock tauschen. Das hat vor allem damit zu tun, dass sie dann eine Waffe hätten deren Einsatz nicht derart eskalieren würde. Was auch einmalig ist, dass sie über ein Blaulicht auf ihren Fahrzeugen verfügen. Die Politiker der linken Parteien versuchen regelmäßig der U-Bahnwache den Revolver weg zu nehmen. Aber diese Weltverbesserer würden selber niemals den Mann festnehmen, der gerade mit einem Samuraischwert seiner Frau in einem Waggon die Schädedecke abgeschlagen hat, ihr das Schwert in den Leib gebohrt hat, sich auf einen Sitplatz setzt und ihr beim Sterben zusieht. Aber genau das haben die Mitarbeiter der U-Bahnwache getan! Sie haben z.B. auch um 5 Uhr morgens die Tür einer Toilette eingetreten auf der ein 25 jähriger Ausländer eine 80 jährige Rentnerin zunächst vergewaltigte und dann versuchte sie tot zu schlagen!

Ein mal habe ich auf 200m nur noch die Neonfarbe einer Uniform von ihnen in einen Park rennen sehen.  Ich wusste, dass wir das auf keinen Fall ignoriern dürfen. Wir sind hin gerannt so schnell wir konnten. Da saß der U-Bahnwächter auf einem Schläger drauf und raufte mit ihm, ganz alleine mitten in einem Gebüsch im Park.

 

Wir waren oft in gemischten Streifen unterwegs. Es gab, wie bei der Polizei auch, solche und solche. Aber auf sie war immer verlass. Wir haben unzählige Schlachten zusammen geschlagen. Und gelegentlich hätte wir ohne die U-Bahnwache keine Chance gehabt, weil wir in der Unterzahl waren.

Wir waren weitestgehend selbstverantwortlich als gemischte Streife. Wenn man sich etwas auskannte machte niemand uns Vorschriften. Gelegentlich wurden Wünsche an uns herangetragen wo wir arbeiten sollten, die wir meist auch erfüllten. Wenn wir mal keine Lust auf Arbeit hatten verschwanden wir in den Untiefen der Tunnel mit Pizzas. Und wenn wir "Jagen" wollten stellten wir uns an die Ausgänge und lauerten auf Kundschaft. Der große Vorteil der gemischten Streifen war, dass die U-Bahnwache das Hausrecht hatte und Fahrscheine kontrollieren konnte. Also auch wenn eine Kontrolle von der Polizei kein Ergebnis brachte hatte unsere Kundschaft meist keinen Fahrschein.

 

Meine beste Streife hatte ich an einem Tag mit einem furchtbaren Kollegen. Er sagte gleich am Anfang zur U-Bahnwächterin, dass er keine Lust hat etwas zu Arbeiten. Ich habe mich so geschämt für diesen Kollegen.... Sie hat das aber richtig geregelt. Wir haben erst Pizza gegessen und sind im Anschluss ins Stellwerk gefahren. Den Stellwerksturm fand ich natürlich toll. Nach dem ich alles gezeigt bekommen hatte schickte mich ihr Freund runter zu einem Gleis. Da wartete ein Fahrer der mich ein paar Runden mit seiner U-Bahn auf dem Betriebsglände fahren lies.

 

 

Gute Kameraden im Kampf um Sicherheit: Die U-Bahnwache. Wir haben viele Schlachten zusammen geschlagen, auf sie war immer Verlass
Gute Kameraden im Kampf um Sicherheit: Die U-Bahnwache. Wir haben viele Schlachten zusammen geschlagen, auf sie war immer Verlass
Ein paar ruhige Minuten auf dem Dach unserer Dienststelle mit den Leckereien des besten Kroaten der Stadt.
Ein paar ruhige Minuten auf dem Dach unserer Dienststelle mit den Leckereien des besten Kroaten der Stadt.
Gemischte Steife in einer Abstellanlage der U-Bahn.
Gemischte Steife in einer Abstellanlage der U-Bahn.

Die Gewalt:

 

Was die U-Bahn allerdings für mich auch kennzeichnete war die Gewalt. Davon bekam ich natürlich mehr mit als die "Bürger". Es waren diese Momente wo ich mit erhobenem Schlagstock zwischen Betrunkenen stand, ins Funkgerät lediglich "eilige Unterstützung U-Bahnhof..." sagte und dann drei Minuten alleine zurecht kommen musste. Dann kamen die Kollegen angerannt und fast jede Situation wurde in wenigen Minuten geklärt. Mit Gewalt oder schlicht durch die Präsenz einer massiven Übermacht. Es sind die Gesichter der Fahrgäste wenn wir mit gezogenen Pistolen über die Bahnsteige gerannt sind und sie sich fragten was passiert ist (was seltsamerweise relativ oft vorkam).  Es ist der Geruch von Blut auf dem Boden und der Gestank von Fäkalien. Es war das Elend der Obdachlosen und der Junkies. Da waren heulende Angehörige und Opfer die nach einem Treffer des Schlagrings am Kopf bewusstlos am Boden lagen. Da war eine Gruppe von Kindergartenkindern die ich auf die andere Seite vom Bahnsteig geschickt hatte, und ich wusste noch nicht, dass ich zwei Minuten später jemandem aus 1m Entfernung meine Pistole vor die Nase halten würde in der Bereitschaft sie zu benutzen. Und ich werde auch nie vergessen wie ich die Kollegen am Funk gehört habe, dass sie gerade in die Mündung einer Pistole sehen und wir lediglich zwei Stationen weiter weg waren. Und auch ich lag ein mal als "Opfer" auf den Fliesen des U-Bahnhofes. Ich habe das Gefühl, ich könnte ewig weiter erzählen. Ich habe so unfassbar viel erlebt in dieser Zeit. Ich kann es selber kaum fassen.

 

Wir waren jung, wir waren gut ausgebildet und hatten unser Programm das wir jedes Mal abzuspielen hatten. So kamen wir durch alles durch ohne uns zuviele Gedanken zu machen. Interessanterweise sind natürlich die Meisten von uns recht gewaltfrei aufgewachsen, sonst wären wir nicht bei der Polizei gelandet. Und jetzt erwarten alle von uns, dass wir emotionslos mit Allem umgingen. Wir mussten selber Gewalt anwenden und dürften dies aber nicht persönlich nehmen.

Gelegentlich erwischte es auch einen von uns und er musste ins Krankenhaus. Aber das passierte eigentlich erstaunlich selten. Nur einer schaffte es nicht mehr zurück in den Streifendienst, ihn hatte es zu schwer am Bein erwischt. Aber mit allem dem wurden wir fertig. Was uns aber belastete waren die unverschämten Berichte der Presse die eigentlich niemals neutral waren, sondern die Lügengeschichten unsere Kundschaft ungeprüft druckten. Die schlimmste Reporterin einer regionalen Zeitung die als Polizistenfresserin bekannt war hasst uns so sehr, weil ein Kollege von uns mit ihr schluss gemacht hatte. Aber das konnten wir natürlich schlecht offen sagen. Vor allem arbeitet sie immer noch bei dieser Zeitung.

 

Das alles mag sich für euch vielleicht etwas geschwüstig anhören, was ich hier geschrieben habe, aber so empfinde ich meine Erinnerungen, wenn ich an die Gewalt in der U-Bahn denke.

 

 

Auch einen sehr bekannten Verdächtigen konnte ich in der Freizeit festnehmen.  Die Festnahme war ebenfalls in der U-Bahn. Der Gesuchte war dermaßen bekannt, dass mich sogar die internationale Presse erwähnte ("The off Duty Policeman..."). Ich fühlte mich damals einige Tage wirklich als Held des Präsidiums und bin bis heute sehr stolz auf diesen Aufgriff.

 

Von diesen "Leistungsprämien" habe ich mittlerweile auch ein paar bekommen. Sie sind eine Anerkennung für die Arbeit und jeder Kollege freut sich über so etwas.

Ein kleiner Brand im U-Bahnhof.
Ein kleiner Brand im U-Bahnhof.