Das Strafrecht, dringend nötig, aber immer wieder auch kurios

Ich sitze vor meinem Computer und "schreibe meine Vorgänge weg". Auf der anderen Seite vom Büro reden die Kollegen mit einer Frau. Sie ist eine Prostituierte aus Osteuropa. Die Kollegen haben bei der Kontrolle ihrer beiden Zuhälter und ihres Autos in ihrer Handtasche Kokain gefunden. Sie wollte ihrer Realität entfliehen und musste sich berauschen um ihr Schiksal ertragen zu können. Wie ihr Leben aussieht und wie sie nach Deutschland gekommen ist wissen wir alle, keine Frau aus dem Osten geht freiwillig bei uns anschaffen. Sie werden mit falschen Versprechungen her gelockt und in eine künstlich erzeugte finanzielle Notlage gebracht. Dazu kommt Psychoterror und blanke Gewalt. Massive Straftaten werden dabei jeden Tag begangen, die man aber fast nie beweisen kann. Und jetzt droht dem eigentlichen Opfer von alledem auch noch eine Strafe wegen dem Gift das sie "braucht". Und sie muss erst Mal einige hundert Euro als Sicherheitsleistung bei uns lassen.

Ich höre den Kollegen und der Frau etwas zu und ich bin froh, dass ich diesen Fall nicht bearbeiten muss. Sie betont immer wieder das sie freiwillig bei den beiden Männern ist und in Deutschland nur als Putzfrau arbeitet. Der Inhalt ihrer Koffer spricht natürlich eine andere Sprache, wie auch ihr Aussehen und die Vorstrafen der beiden Zuhälter.

Bei der Durchsuchung ihres Autos und der beiden Begleiter konnten wir absolut nichts finden was unsere Ermittlungen voran bringen könnte. Nur Ihr Kokain haben wir gefunden. Die Handys der Zuhälter hätten uns weitergeholfen, aber diese hätten wir nicht sicherstellen und auslesen dürfen. Sobald die Presse oder Politik die Wörter "Daten" und "Polizei" in einem Satz hört gibt es nur noch Hysterie und alle reden von Datenschutz. Dass diese Frau aber als moderner Sklave gehalten wird weil die Behörden nicht genug Befugnisse und Personal haben um den Menschenhandel zu bekämpfen, daran denkt niemand. So sehr wir auch wollen, es ist uns nicht möglich ihr zu helfen.

Mir wird schlecht wenn ich anfange mir Gedanken darüber zu machen....

 

Ekel überkommt mich wegen den unfassbaren Kuriositäten die es geben kann wenn unser Strafrecht auf die Realtät trifft.  Oder wenn weltfremde Politiker Gesetze erlassen, den Polizisten Knüppel zwischen die Beine werfen und nicht gewillt sind etwas zum Schutz der Hilflosesten unserer Gesellschaft zu tun.

Ich stehe auf, gehe durch das Büro, bleiben neben ihr am Fenster stehen und schaue raus. Auf der anderen Straßenseite unserer Dienststelle ist eine Dönerbude. Die beiden Zuhälter sitzen dort und schlagen sich den Bauch voll. Sie warten dort darauf, dass wir ihre Handelsware wieder entlassen. Dann werden sie sie in ihr Auto befehlen und in das nächste Bordell bringen. Das ihre Arbeit seit einigen Jahren nicht mehr sittenwidrig ist und sie sich dazu noch sozialversichern kann bringt ihr aber reichlich wenig. Denn Ihr Problem ist nicht die Sozialversicherung, sondern es sind die Prügel die es täglich gibt...

 

 

 

Es ist kein Horrorfilm, es ist Streifendienst

Ich trete durch die Türe des Wohnheimes. In der Rechten habe ich meinen Schlagstock. Die linke Hand habe ich nach vorne gerichtet um notfalls einen Angreifer sofort weg stoßen zu können. Seitlich hinter mir bewegt sich langsam ein Kollege. Eine weitere Streife ist wenige Sekunden nach uns vor dem Haus vorgefahren und ich sehe ihr Blaulicht an den Wänden des Flures flackern. Eine dritte Streife ist auf dem Weg und wird in höchstens zwei Minuten bei uns sein. Eine große Schlägerei erwarteten wird. Aber es ist ruhig, eigentlich sogar still. Wir hören nur ein "Klopfen". Das Heim ist dunkel und wir gehen langsam weiter. Ein Mann tritt in den Flur und zeigt wortlos auf eine Tür am Ende des Ganges. Ich frage ihn wo sie sind und was passiert ist, aber er antwortet nicht und zeigt weiter wortlos auf den Raum. Wir gehen weiter und hören es ohne Pause .... Pock.... Pock .... Pock....

Zwei Meter vor dem Raum ziehe ich den Schlagstock aus....dann blicke ich um die Ecke..... mich erwartet ein Blutbad und der Täter der wortlos, wie ein Roboter, immer noch auf das regungslose Opfer einschlägt. Er wird unseren Anweisungen nicht Folge leisten....

....Meine Uniform ist voller Blut. Und zwar voller kontaminiertem Blut, mit allem was man sich nur vorstellen kann, vom Hepatitis bis zu multiresisten Keimen. Der Anblick des fast nackt am Boden liegenden Opfers wird sich tief in meinen Kopf einbrennen. Und die Frage, wie sich das Blut dermaßen in dem Raum verteilen konnte, will ich mir überhaupt nicht stellen. Wir werden nach dieser Nacht gesund nach Hause kommen. Aber in der ganzen Nacht werden wir keine ruhige Minute mehr haben. Erst als die ersten Kollegen der Frühschicht zur Tür rein kommen werden die wichtigsten Berichte fertig sein.

 

Andere werden nach dieser Nacht für lange Zeit nicht mehr nach Hause kommen... Und das Opfer wird erst Wochen später wieder aus dem Koma erwachen.

Wir sind nicht so hart wie wir denken

Der Flur im Gerichtsgebäude besteht aus hellen Steinplatten, er ist lang und breit. Man hört dort jeden Schritt. Die Wände sind hoch und die Holztüren zu den Verhandlungssälen wirken dünn. Alle paar Minuten läuft jemand an mir vorbei. Wir schauen uns an und sagen "Guten Morgen". Ich überlege bei jedem ob es ein Mitarbeiter vom Gericht ist, ein Anwalt, ein Richter, ein Angeklagter oder Zeuge. Vermutlich überlegen Sie sich das Selbe wenn sie mich sehen. Es kommen zwei Männer den Gang entlang. Bereits auf einige Meter erkenne ich in der Hautfarbe des Einen seinen Drogenkonsum. Der Zweite ist zweifellos sein Anwalt. Einige Minuten später laufen ein Mann und eine Frau an mir vorbei, sie unterhalten sich über Baurecht. 

In meiner Hand habe ich einige Formulare. Aber meinen Bericht von damals werde ich heute nicht brauchen, denn das Erlebte hat sich tief in meiner Erinnerung eingebrannt. Ich erinnere mich an den Geruch des Blutes, wie ich den Kollegen zugerufen habe, dass wir sofort einen Notarzt brauchen.... An die Gewalt.... die der beiden Beteiligten und die die wir anwenden mussten. Diese Nacht war von einer sinn- und maßlosen Gewalt geprägt, mit der wir professionell umgingen.

Ich hatte schon lange auf diesen Tag gewartet, denn ich wollte erzählen was ich damals erlebt hatte. Es ging schnell und ich wurde in den Verhandlungsaal gerufen. Im Zuschauerraum saßen zwei Kollegen in Uniform, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, und zwei weitere Personen. Sie sahen bürgerlich aus und hatten vermutlich nichts mit den beiden Beteiligten des Falls zu tun. Auf der einen Seite saß der Angeklagte und sein Anwalt. Auf der Anderen saß der Staatsanwalt und einige Sachverständige. Der Vorsitzende Richter bat mich Platz zu nehmen, neben ihm saßen noch einige weitere Richter für dieses Verfahren. Ich gab meine Daten zum Protokoll und begann zu erzählen. Aber etwas war diesmal anders als sonst. Das Erzählen fiel mir schwer. Es fiel schwer zu berichten was in dieser Nacht passiert war. Ich hatte so lange auf diese Gelegenheit gewartet und nun musste ich in jedem Satz schlucken. Ich musste mich konzentrieren und brach einige Sätze doch einfach in der Mitte ab. Ich dachte mir, dass ich als gestandener Polizist doch wohl in der Lage sein muss emotionslos von einer Gewalttat zu berichten. Aber ich war es nicht!

 

Der Vorsitzende Richter bat mich mit dem Anwalt und dem Staatsanwalt nach vorne um Tatortfotos anzuschauen. Er hatte etwas Klärungsbedarf, da einige Aufnahmen eher unüblich waren. Ich schaffte es nun mich zu fassen und sachlich weiter zu berichten warum wir diese Tatortfotos gefertigt hatten. Als ihm meine Angaben schlüssig waren bat er mich meine Tatortskizze zu erläutern. Er fragte mich ob ich der Erste war der durch die Tür getreten ist und ich murmelte bedeutungsvoll "Ja, ich war der Erste". Wenige Sätze später fiel beim Betrachten der Fotos von einem Prozessbeteiligten der Satz: "Das sieht ja aus wie in einem Schlachthaus"... 

 

Ich schaute den Angeklagten an. Er war am leben und saß dort auf der Anlagebank. In dieser Nacht hatte ich nicht mehr damit gerechnet ihn noch einmal lebend zu sehen. Denn der Angeklagte war "das schwer verletzte Opfer" dieser Nacht und erlangte erst nach einem wochenlangen Koma das Bewusstsein. Und unser "Täter der Nacht" mit dem wir einen langen und schweren Kampf kämpfen mussten, war in diesem Verfahren das Opfer. So ist das in unserem Strafrecht, es wirkt für Außenstehende kurios, vielleicht sogar sinnlos oder unfair. Aber wenn man sich damit beschäftigt macht es Sinn und ich bin immer wieder dankbar für den Rechtsstaat in dem wir leben.

 

Wir tun in solchen Nächten das was von uns erwartet wird. Wir müssen funktionieren und haben überhaupt keine Zeit uns tiefere Gedanken über das zu machen was vor uns passiert. Erst wenn wir die Nachtschicht beenden und ausgeschlafen haben kommen die Gedanken. Aber wir haben uns angewöhnt alles zu akzeptieren und runter zu schlucken. Und das funktioniert auch lange, wie sollte man sonst "Gewalt verwalten"? Es war jahrelang für mich selbstverständlich damit professionell umzugehen. Aber heute war es zu viel. Es war aber nicht in der Tatnacht zuviel, nicht in der Notaufnahme, beim Schreiben der Berichte oder bei den Gesprächen mit den Kollegen. Nein, es wurde zu viel als ich den Richtern erzählen sollte was in dieser Nacht passiert war.