Vor seinem Mund sammelte sich eine Flüssigkeit:

 

Er war so alt wie ich und saß nach vorne gebeugt auf seinem Sofa. Sein Gesicht lag auf dem Couchtisch. Vor seinem Mund hatte sich eine Flüssigkeit gesammelt, die jedoch wieder getrocknet war. Neben seinem Kopf lag ein Löffel, eine Kerze und Spritze. Er trug ein T-Shirt und an seinem linken Oberarm war der Staugurt noch angelegt. Im Wohnzimmer war es warm, die Heizung war zu hoch eingestellt. Es war Teppichboden verlegt der zusammen mit dem dezenten Leichengeruch eine seltsame Atmosphäre erzeugte. Ich hatte mich oft gefragt wie es werden würde, die Sachbearbeitung meiner ersten Leiche. Ich war nicht wirklich nervös, aber mein Adrenalinspiegel war erhöht. Ich schaute immer wieder rüber zum ihm. Der Anblick war nicht schlimm, sonder er war unwirklich. Ich fragte mich "ob er anwesend ist"? Ich war alleine im Wohnzimmer und schaute mich im Zimmer um. Hinter einer verglasten Schranktüre sah ich scharfe Patronen, er hatte sie vermutlich bei der Bundeswehr mitgehen lassen. Ich spürte seine Anwesenheit, ich war also doch nicht alleine. Man ist nie "alleine" mit einer Leiche. Aber er war Tod, also hätte ich doch alleine sein müssen...

In der Küche hörte ich seine Mutter, die ihn gefunden hatte, mit dem Kollegen sprechen. Sie fragte sich wieso er nur so jung gestorben ist und dass sie sich das nicht erklären kann. Sie wollte die bittere Wahrheit, die vor ihren Augen war, nicht sehen.

An dem Tag war nichts "normal":

Er liegt vor uns auf dem Treppenabsatz. Sein Körper ist so verkrampft, wie ich es bei einer Leiche noch nie zuvor gesehen hatte. Der Kopf ist vom Boden abgehoben und das Kinn an die Brust gedrückt. Seine Hände hält er wie Pfoten vor sich, in die Luft gestreckt. So was sieht man sonst nur bei Brandleichen. Sein Hemd ist zerschnitten und an seiner Brust sind Elektroden vom EKG. Er war sicher schon 90 Jahre alt und sein Gebiss hängt ihm halb aus dem Mund raus.

 

Wir haben absolut keine Ahnung was passiert war. Da liegt der Tote vor uns, am helllichten Tag im Treppenhaus und niemand sonst ist da. Kein Nachbar, kein Zeuge, kein Sanitäter, kein Arzt. Das Funkgerät unterbricht unsere Diskussion „Die nächsten Streifen im Bereich … wir haben eine Meldung über eine Massenkarambolage auf der Bundesstraße....“. Jetzt ist uns klar warum der Rettungsdienst den Toten einfach zurück gelassen hat. Ich habe es zwar noch nie erlebt dass ein Toter einfach kommentarlos zurück gelassen wird, aber es war offensichtlich, dass sie keine andere Möglichkeit gehabt haben. Wir haben vorher am Funk schon mitbekommen, dass nicht nur wir, sondern auch der Rettungsdienst massiv überlastet war. Auch unsere Dienststelle hat wenige Minuten zuvor um Unterstützungsstreifen gebeten, weil wir die Einsätze nicht alle abfahren konnten.

 

Ich überlege ob auch wir wieder fahren sollten und den Toten zurück lassen sollen. Aber wir sind die Polizei, nicht die Feuerwehr oder der Rettungsdienst. Nein, das wäre jetzt nicht verhältnismäßig. Wir decken den Toten ab und beginnen die Arbeit zu teilen. Der Kollege fängt an die Anwohner in dem Mehrfamilienhaus zu befragen, während ich mit dem Ausfüllen vom „Erstzugriffsbericht – Leichensache“ anfange. Ich bitte meinen DGL (Dienstgruppenleiter) einen Notarzt, Hausarzt oder KVB-Arzt (Kreisverwaltungsbehörde) zu uns zu schicken. Ich sitze auf den kalten Steinstufen und schreibe und machte Kreuze. Ich kann fast nichts in dem Formular ausfüllen. Es ist nicht wirklich dafür gemacht, dass man einen Toten im Treppenhaus findet, sondern in einer Wohnung. Ab und zu kommt jemand aus seiner Wohnung raus. Es sind seltsame Begegnungen die ich dort mit den Leuten habe. Ich sitze alleine auf der Treppe, neben einer zugedeckten Leiche. „Ist der Tod“?, „Ja, haben sie irgend etwas mitbekommen und wissen was passiert ist? Wir wissen nämlich absolut nichts“. Eigentlich erwarten die Bürger, dass wir Antworten haben...

 

Es kommt eine Nachbarin aus dem Nebenhaus. Sie meint, dass sie weiß wer der Tote ist und dass sie die Telefonnummer von seinem Sohn hat. Sie will ihn gleich anrufen. Ich erklärte ihr, dass sie das auf keinen Fall machen soll, weil wir ja noch nicht mal wissen was passiert ist und wir das später persönlich machen werden. Sie versteht es nicht. Ich sage ihr noch mal, dass sie auf keinen Fall den Sohn anrufen soll, weil niemand am Telefon vom Tod seines Vaters erfahren will. Sie ist einverstanden und geht wieder. 10 Min später ist sie wieder da und sagt mir, dass sie doch den Sohn informiert hat. Ich will ihr nur noch eine scheuern. Ich maulte sie an und jagte sie raus.

 

Am Funk ist viel los. Es ist schwierig mich zu konzentrieren. Dazu kommt , dass mein DGL laufend versucht mit mir etwas bzgl. dem Arzt zu besprechen. Es ist schnell klar, dass kein Arzt kommen kann. Und zwar wirklich keiner! Die Einsatzzentrale meldete sich wieder „Unfall mit Personenschaden im Bereich … Pkw gegen Baum“. Wir beraten  erneut ob wir zu dem Unfall fahren sollten. Ein Toter muss hinter Menschenleben zurück stehen. Der Kollege meint, dass wir die Leiche in die Wohnung ein Stockwerk hoch tragen sollen, die Türe verschließen, versiegeln und den Rest die Nachfolgeschicht und den KVB Arzt machen sollen, wenn sie in einigen Stunden Zeit haben. Ich will die Leiche nicht durchs Haus tragen. Ich telefoniere mit dem KDD und erklärte ihnen, dass wir einen Toten ohne Totenschein und ohne Todesursache haben. Dass wir keine Unterstützung haben und auch kein Arzt kommen wird. Der Kollege von der Kripo meint nun, dass wir doch die Leiche in die Wohnung tragen könnten....

 

Ich habe immer noch keine Lust Leichen durch das Haus zu tragen. Die Idee war aber aufgrund unserer nicht alltäglichen Situation absolut gerechtfertigt. Ich meine „Wenn uns dabei jemand sieht, landen wir morgen in der Zeitung“. Ich rufe die Einsatzzentrale und fordere einen Bestatter an. Sie sollen den Leichnam abtransportieren und „Sicherstellen“, auch wenn dies rechtlich ein sehr komplizierter Weg ist (wenn ein natürlicher Tod vorliegt hätte die Polizei damit überhaupt nichts zu tun).

Das Taschentuch und der Bereitschaftsarzt:

Ein Hausmeister informierte uns darüber, dass er sich um einen Bewohner Sorgen gemacht hatte. Der Briefkasten war überfüllt und aus der Wohnung roch es übel. Also schloss er auf und schaute nach....

Die Kollegin und ich erwarteten also eine richtig schlimm verweste Leiche als wir zu dem großen Wohnblock fuhren. Ich meinte, dass ich die Lederjacke anlasse, damit sich der Leichengeruch nicht in dem Stoff vom Hemd festsetzt (das wird sich später als dumme Idee erweisen). Als wir ankamen nahm einer von uns seine Schreibklatte und suchte das bekannte Formblatt "Erstzugriffsbericht - Leichensache" aus seiner Einsatztasche. Der Andere nahm die Kamera mit. Den Wohnungsschlüssel hatte uns der Hausmeister zuvor bereits zur Dienststelle gebracht, mein Sperrwerkzeug würde ich also nicht benötigen. Es war ein schöner und ruhiger Frühlingstag, es müsste etwa März oder April gewesen sein.

 

Die besagte Wohnung lag ganz oben, etwa im 6 Stock. Bereits im Hausflur vor der Wohnung bemerkten wir den Geruch des Todes. Ich zog mir Gummihandschuhe über und steckte den Schlüssel ins Schloss. Ich drehte ihn und stieß die Türe auf. Wir blieben seitlich von der Türe stehen und spähten hinein. Tote Fliegen lagen überall in der Wohnung auf dem Boden, und zwar viele Fliegen. Und keine einzige davon lebte noch. Unsere Augen suchten weiter... zwei Meter vor uns war eine weitere offene Türe, die den Flur mit dem Wohnzimmer verband. Im Wohnzimmer stand ein Sofa und darauf lag gerade ausgestreckt etwas das wir erst nach zwei Sekunden als Fuß erkannten. Er war schwarz und von ihm runter bildete sich etwas das man mit Stalaktiten einer Tropfsteinhöhle vergleichen könnte. Darunter, am Boden, bildeten sich die entsprechenden Stalagmiten. Aber diese Gebilde waren nicht aus Stein, sie waren aus einer unbeschreiblichen Masse aus Leichenflüssigkeit, Gewebe und toten Fliegen.

 

Was hatte ich in der Polizeiausbildung beigebracht bekommen? Ich sollte den Auffindeort einer Leiche auf keinen Fall verändern. Diese Aussagen stammten aber von Kollegen die ihre vielen Dienstjahre ausschließlich bei der Bereitschaftspolizei verbracht haben und niemals im Streifendienst gewesen sind. Solang man alle seine Veränderungen am Ereignisort dokumentiert stört das später die Kripo nicht. Denn das erste was die Kollegen der Kripo in dieser Wohnung gemacht hätten wäre genau das Selbe gewesen was wir nun taten. Uns schlug ein unbeschreiblicher Gestank entgegen, wie eine Mauer. Dazu kam eine unfassbare Hitze, denn die Heizungen waren alle voll aufgedreht. Der Bewohner war offenbar noch tief im Winter gestorben. Kein Mensch hätte freiwillig einen Fuß in diese Wohnung gesetzt.

 

Wir sprachen uns beide ab. Die Kollegin eilte zur Leiche auf dem Sofa und machte so viele Fotos wie sie mit einem Atemzug konnte. Ich eilte durch die Wohnung, drehte alle Heizkörper ab und riss die Fenster auf. Das Bad befand sich unter einem Schrägdach mit einem Fenster. Darunter lagen auf etwa einem Quadratmeter wieder hunderte tote Fliegen. Ich habe zwar schon öfter Maden und Fliegen an Leichen gesehen, aber dass alle Fliegen wieder Tot sind habe ich noch nie erlebt. Nach etwa dreißig Sekunden trafen wir uns im Hausflur wieder und wir schnappten nach Luft. Auch im Treppenhaus machten wir die Fenster auf. Ich schaute mir nun auf der Kamera die Fotos der Leiche an, die die Kollegin gemacht hatte. Sie war schon fast mit dem Sofa "verschmolzen" und an vielen Stellen lagen die Knochen bereits frei.

Nun benötigten wir einen Arzt der die Leichenschau für uns vornimmt. Dieser entscheidet dann ob ein natürlicher Tod, ein nicht natürlicher Tod oder ein ungeklärter Todesfall vorliegt. Im ersten Fall kommt die Leiche zum Bestatter und die Erben oder das Nachlassgericht kümmerern sich um alles Weitere. In den beiden letzten Fällen rufen wir die Kripo hinzu, meist natürlich den KDD.

Unser DGL teilte uns etwas später mit, dass der KVB Arzt (Kreisverwaltungbehörde) auf dem Weg ist und bald bei uns sein wird. Wir wollten nicht im stinkenden Treppenhaus auf den Arzt warten und schlossen die Wohnung wieder zu. Im Streifenwagen warteten wir vor dem Wohnblock und füllten den Erstzugriffsbericht aus.

 

Nach geschätzten 20 Minuten war der Arzt da. Ich kannte ihn bereits von anderen Einsätzen. Er gehörte zu denen Menschen die man als etwas "verplant" bezeichnet. Wir erzählten ihm was ihn oben in der Wohnung erwartet, dann wollten wir los gehen. Aber er blieb auf der Straße stehen. Ich fragte ihn was los ist. Er meinte nun etwas verwirrt ob wir keine Schutzanzüge haben? Nein die hatten wir nicht. Er fragte nun ob wir Schutzmasken für den Mund haben? Nein, auch diese hatten wir nicht. Alles was ich ihm anbieten konnte war ein Päckchen Taschentücher. Er nickte und nahm mir eilig das Päckchen aus der Hand. Offenbar plante er zu diesem Zeitpunkt noch eine Leichenschau nach Lehrbuch durchzuführen und die Leiche komplett zu entkleiden. Diese optimistischen Pläne wird er jedoch gleich aufgeben...

 

Oben an der Wohnung angekommen ließen wir die Türe erst einen Moment zum Lüften offen stehen. Der Doktor atmete tief durch, drückte sich das Taschentuch fest ins Gesicht und rannte in die Wohnung. Einen Meter vor dem Sofa blieb er stehen und beugte seinen Körper so weit er konnte um über die Sofa Lehne schauen zu können. Er nickte eilig, machte einen bestätigenden Laut und rannte wieder raus. Offenbar war so eine Ekelleiche, wie wir es intern meist nennen, nicht ganz so harmlos wie er es sich bisher vorgestellt hatte. Er würde uns einen "ungeklärten Tod" bescheinigen und den Rest die Kripo machen lassen. Er tastete seine Taschen ab und fand offenbar nicht was er suchte....

 

Doktor: "Haben Sie einen Kugelschreiber für mich"?

Ich: drückte ihm einen in die Hand.

 

Der Doktor suchte die Formulare in seinem Koffer durch und meint schließlich: "Ich habe immer gedacht, dass ich pro Bereitschaftsdienst nur eine Leiche habe. Aber heute ist mein erster Einsatz gleich eine Leiche".... ich frage mich was er mir mit diesem verworrenen Satz sagen will..... "ähmmm..... ich habe keine Todesbescheinigung dabei..... kann ich Ihnen die später auch zur Dienststelle bringen"?

 

Wir versiegelten die Wohnung und gingen wieder nach unten. Jetzt durchsuchte der Doktor sein ganzes Auto. Nach ein paar Minuten zog er triumphierend einen völlig zerknitterten Totenschein aus einer Tasche im Kofferraum. Nach einigen Minuten in denen er das zerknitterte Formular ausgefüllt hatte stopfte er den vertraulichen Teil in den dafür vorgesehen Umschlag, der kaum noch verschließbar war. Von den vielsagenden Blicken hatten meine Kollegin und ich in der Zwischenzeit viele ausgetauscht... Zwei Stunden später trafen die Kollegen vom KDD bei unserer Dienststelle ein. Sie nahmen das alles sportlich und zogen gleich bei uns ihre Overalls an. Es war nun ihre Aufgabe die Leiche genauer zu untersuchen, worum ich sie wirklich nicht beneidete.

 

Ich muss den verplanten Doktor aber in Schutz nehmen. Bei den meisten Einsätzen erwies er sich als verlässlicher Kamerad und ich hatte ihn gerne bei den Einsätzen an meiner Seite. Wir mussten z.B. ein Mal zusammen einen geistig völlig verwirrten und nackten 80 Jährigen aus einem Klo raus holen und fesseln. Der alte Mann irrte zuvor tagelang in seinem Haus umher und wollte sich nicht helfen lassen. Dazu kam, dass er aufgrund einer Kopfverletzung dringend ins Krankenhaus musste und die Gefahr einer Hirnblutung bestand. 

 

Mein Fazit zu diesem Einsatz:

Bei den nächsten Ekelleichen ging ich nur noch ohne Jacke in die Wohnung. So konnte ich meine ganze Uniform gleich in der Dienststelle wechseln und waschen. Denn den restlichen Tag stank meine Lederjacke nach Verwesung. Wir beide hatten den Gestand nicht nur "in der Nase", auch die anderen Kollegen mussten nun den Gestank meiner Jacke den restlichen Tag aushalten.