Ich stehe beim LIDL in der Kassenschlange. Jedes Mal wenn ich meinen Einkaufswagen ein Stück weiter schiebe schmerzt mein Ellenbogen. Es war ein heftiger Widerstand gewesen mit dem Mädchen das sich letzte Nachtschicht das Leben nehmen wollte. Sie war jung und voll auf Drogen. Wir mussten ihren Tritten ausweichen, ihren Schlägen und ich spürte ihre Fingernägel die zum Glück meiner Lederjacke nichts anhaben konnten. Und irgendwann in diesem Handgemenge spürte ich die Flamme ihres Feuerzeuges das sie in ihrer Hand verborgen hielt und nun versuchte mich damit anzuzünden.... 

Ich kannte sie schon lange. Sie hatte bereits vieles und furchtbares in ihrem Leben erlebt. Unaussprechliche Dinge! Sie wollte ihrer Realität entfliehen und ihren Geist benebel. Die Folgen waren schwerwiegend. Noch vor wenigen Jahren hätte ich nicht gedacht, dass sie dieses Jahr noch erleben würde. Ich hatte ihr Schicksal falsch eingeschätzt und wir mussten mit ihr Kämpfen, in der dunklen Nacht auf dem regennassen Asphalt.

Kurz danach beschwerte sich eine Anwohnerin über unser "hartes" Vorgehen gegen das Mädchen. Soll ich über diese Frau urteilen, die vermutlich noch nie ihre Gesundheit in die Wagschale legen musste für Andere? Ich habe auf der einen Seite eine sehr schlechte Meinung von Ihr. Es gibt diverse abwertende Bezeichnungen für solche Menschen die alle zu ihr passen würden. Aber ein winzig kleines Bisschen kann ich sie auch verstehen. Sie musste noch nie Gewalt anwenden in ihrem Leben. Und wenn sie Gewalt sieht findet sie das falsch. Und wir beide waren dem Mädchen zum Glück körperlich überlegen und knieten irgendwann auf ihr drauf und fesselten sie. Wir hatten den Kampf für uns entschieden. Und genau das wird ihren (kleinen) Verstand schlussfolgern lassen, dass wir die Gewalttäter sind...

 

Ich bezahle meine Lebensmittel und frage mich ob wir das Mädchen hätten härter anfassen sollen um gesund nach Hause zu kommen.... ich weiß es nicht!

Draußen bei jedem Wetter, im Kampf gegen die Müdigkeit. Die Nachtschichten sind drist und man findet keine Fotos davon in den Werbezeitschriften der Polizei.

Inzwischen wird jede Silvesternacht politisch ausgewertet. Wir sind draußen und tun alles was möglich ist um für etwas Ordnung zu sorgen. Und alles was wir in dieser Nacht tun wird von der Überlegung begleitet wie viele Kollegen zur Unterstützung in der Nähe sind. 

 

Er liegt vor uns auf dem Treppenabsatz. Sein Körper ist so verkrampft, wie ich es bei einer Leiche noch nie zuvor gesehen hatte. Der Kopf ist vom Boden abgehoben und das Kinn an die Brust gedrückt. Seine Hände hält er wie Pfoten vor sich, in die Luft gestreckt. So was sieht man sonst nur bei Brandleichen. Sein Hemd ist zerschnitten und an seiner Brust sind Elektroden vom EKG. Er war sicher schon 90 Jahre alt und sein Gebiss hängt ihm halb aus dem Mund raus.

 

Wir haben absolut keine Ahnung was passiert war. Da liegt der Tote vor uns, am helllichten Tag im Treppenhaus und niemand sonst ist da. Kein Nachbar, kein Zeuge, kein Sanitäter, kein Arzt. Das Funkgerät unterbricht unsere Diskussion „Die nächsten Streifen im Bereich … wir haben eine Meldung über eine Massenkarambolage auf der Bundesstraße....“. Jetzt ist uns klar warum der Rettungsdienst den Toten einfach zurück gelassen hat. Ich habe es zwar noch nie erlebt dass ein Toter einfach kommentarlos zurück gelassen wird, aber es war offensichtlich, dass sie keine andere Möglichkeit gehabt haben. Wir haben vorher am Funk schon mitbekommen, dass nicht nur wir, sondern auch der Rettungsdienst massiv überlastet war. Auch unsere Dienststelle hat wenige Minuten zuvor um Unterstützungsstreifen gebeten, weil wir die Einsätze nicht alle abfahren konnten.

 

Ich überlege ob auch wir wieder fahren sollten und den Toten zurück lassen sollen. Aber wir sind die Polizei, nicht die Feuerwehr oder der Rettungsdienst. Nein, das wäre jetzt nicht verhältnismäßig. Wir decken den Toten ab und beginnen die Arbeit zu teilen. Der Kollege fängt an die Anwohner in dem Mehrfamilienhaus zu befragen, während ich mit dem Ausfüllen vom „Erstzugriffsbericht – Leichensache“ anfange. Ich bitte meinen DGL (Dienstgruppenleiter) einen Notarzt, Hausarzt oder KVB-Arzt (Kreisverwaltungsbehörde) zu uns zu schicken. Ich sitze auf den kalten Steinstufen und schreibe und machte Kreuze. Ich kann fast nichts in dem Formular ausfüllen. Es ist nicht wirklich dafür gemacht, dass man einen Toten im Treppenhaus findet, sondern in einer Wohnung. Ab und zu kommt jemand aus seiner Wohnung raus. Es sind seltsame Begegnungen die ich dort mit den Leuten habe. Ich sitze alleine auf der Treppe, neben einer zugedeckten Leiche. „Ist der Tod“?, „Ja, haben sie irgend etwas mitbekommen und wissen was passiert ist? Wir wissen nämlich absolut nichts“. Eigentlich erwarten die Bürger, dass wir Antworten haben...

 

Es kommt eine Nachbarin aus dem Nebenhaus. Sie meint, dass sie weiß wer der Tote ist und dass sie die Telefonnummer von seinem Sohn hat. Sie will ihn gleich anrufen. Ich erklärte ihr, dass sie das auf keinen Fall machen soll, weil wir ja noch nicht mal wissen was passiert ist und wir das später persönlich machen werden. Sie versteht es nicht. Ich sage ihr noch mal, dass sie auf keinen Fall den Sohn anrufen soll, weil niemand am Telefon vom Tod seines Vaters erfahren will. Sie ist einverstanden und geht wieder. 10 Min später ist sie wieder da und sagt mir, dass sie doch den Sohn informiert hat. Ich will ihr nur noch eine scheuern. Ich maulte sie an und jagte sie raus.

 

Am Funk ist viel los. Es ist schwierig mich zu konzentrieren. Dazu kommt , dass mein DGL laufend versucht mit mir etwas bzgl. dem Arzt zu besprechen. Es ist schnell klar, dass kein Arzt kommen kann. Und zwar wirklich keiner! Die Einsatzzentrale meldete sich wieder „Unfall mit Personenschaden im Bereich … Pkw gegen Baum“. Wir beraten  erneut ob wir zu dem Unfall fahren sollten. Ein Toter muss hinter Menschenleben zurück stehen. Der Kollege meint, dass wir die Leiche in die Wohnung ein Stockwerk hoch tragen sollen, die Türe verschließen, versiegeln und den Rest die Nachfolgeschicht und den KVB Arzt machen sollen, wenn sie in einigen Stunden Zeit haben. Ich will die Leiche nicht durchs Haus tragen. Ich telefoniere mit dem KDD und erklärte ihnen, dass wir einen Toten ohne Totenschein und ohne Todesursache haben. Das wir keine Unterstützung haben und auch kein Arzt kommen wird. Der Kollege von der Kripo meint nun, dass wir doch die Leiche in die Wohnung tragen könnten....

 

Ich habe immer noch keine Lust Leichen durch das Haus zu tragen. Die Idee war aber aufgrund unserer nicht alltäglichen Situation absolut gerechtfertigt. Ich meine „Wenn uns dabei jemand sieht, landen wir morgen in der Zeitung“. Ich rufe die Einsatzzentrale und fordere einen Bestatter an. Sie sollen den Leichnam abtransportieren und „Sicherstellen“, auch wenn dies rechtlich ein sehr komplizierter Weg ist (wenn ein natürlicher Tod vorliegt hätte die Polizei damit überhaupt nichts zu tun).

 

Da liegt der Revolver. Scharf und geladen liegt er im Schnee. Mein Kollege erblickte ihn als wir auf der Suche danach waren, etwa 12 Stunden nach dem Verlust. Sein Besitzer hatte ihn verlohren und war gezwungen den Verlust sofort zu melden. Dummerweise hat er sehr lange gebraucht um zu merken, dass seine Waffe weg war. Und das machte die Suche ziemlich aufwendig. Aber wie schafft man es nicht zu merken, dass 1kg Stahl am Gürtel plötzlich weg sind???

Direkt neben dem Revolver war ein Loch im Schnee, dort wo der Besitzer während dem Verlust hin gepinkelt hat.

Wenig später schreibe ich eine Pressemeldung zu der Suchaktion. Mein Dienstgruppenleiter ließt darüber, löscht den Absatz mit dem "Pinkeln" raus und meint, dass es nicht unsere Aufgabe ist für gute Unterhaltung zu sorgen. Schade, die Story hätte den Lesern gefallen....

;-)

 

Der Abwind vom Rettungshubschrauber lässt Laub und Dreck an mir vorbei fliegen. Die Anwohner die Erste-Hilfe geleistet haben stehen neben mir und schauen dem Hubschrauber nach. Jetzt durchsuche ich das Auto um alle Wertsachen daraus sicherzustellen. Die Motorhaube hat sich um einen massiven Baum gewickelt. Ich höre hierbei ihre Gespräche und wie sie überlegen wie die Fahrerin nur aus dieser Kurve raus fliegen konnte und dass man den Baum doch schon von Weitem sieht..... Sie wissen nichts von dem Abschiedsbrief der sofort in meiner Lederjacke verschwunden ist....

Absicherung einer Pannenstelle an einer großen Bundesstraße. Die Autos rasen rücksichtslos und dicht an uns vorbei.
Absicherung einer Pannenstelle an einer großen Bundesstraße. Die Autos rasen rücksichtslos und dicht an uns vorbei.

 

 

 

4 Uhr Nachts. Ich steige aus dem Streifenwagen aus. Das Blaulicht lässt die gespenstische Szene vor uns auf der Bundestraße flackern. Ein Mann sitzt auf der Leitplanke, in seinem Gesicht stecken Glassplitter. Er ruft, dass er nichts mehr sehen kann. Ein anderer Mann hält ihn fest und versucht ihm zu helfen. Ich eile weiter. Vor mir erkenne ich noch mehr Autos die auf der Fahrbahn stehen, ich versuche mir einen Überblick zu verschaffen. Am Funk ist Hektik, die Feuerwehr ist auf dem Weg, mehrere Rettungswagen und der Notarzt. Wir sind die Ersten an der Unfallstelle. Einer Motorhaube weiche ich aus und einer kompletten Vorderachse, die abgerissen mitten auf der Fahrbahn liegen. Unter meinen Stiefeln knirschen die Glassplitter. Es sind unfassbare 200 Meter die dieses Trümmerfeld reicht. Dazwischen stehen einige unbeschädigte Fahrzeuge.

Erst drei Stunden später konnten wir die Fahrbahn wieder frei geben. Die Unfallbeteiligten hatten sich frontal erwischt. Sie hatten unfassbares Glück, alle überlebten. Wie sie das geschafft haben ist mir bis heute ein Rätsel. Der Eindruck bleibt, ebenso wie meine Gedanken an die Ersthelfer die vor uns, auf dem Weg zum Flughafen, ganz alleine versucht haben in diesem Chaos das Richtige zu tun. Es war ein älteres Ehepaar. Sie meinten noch, dass im Vorjahr exakt das Selbe passiert sei auf ihrem Weg in den Urlaub.

Unter Marihuana Einfluss werden viel mehr Gewalttaten begangen als allgemein bekannt. Das hängt damit zusammen, dass die Polizei aufwendige Blutentnahmen zum Nachweis nur bei schweren Straftaten durchführt.
Unter Marihuana Einfluss werden viel mehr Gewalttaten begangen als allgemein bekannt. Das hängt damit zusammen, dass die Polizei aufwendige Blutentnahmen zum Nachweis nur bei schweren Straftaten durchführt.

Blitzlichter - Teil 2

Wir steigen aus dem Streifenwagen und stehen auf der dunklen Bundesstraße. Das Blitzen des Blaulichts blendet uns. Der Regen war zum Glück schwächer geworden. Im Scheinwerferlicht eröffnet sich uns ein ekelhafter Anblick. Ein Tier wurde hier bei einem Wildunfall zerlegt und verteilte sich in kleinen Stücken über 50 Meter Fahrbahn. Es stinkt nach Blut und überall liegen die Eingeweide verteilt. Nur noch etwa die Hälfte des Tieres hängt an einem Stück zusammen. Wir schauen es an und rätseln was für ein Tier es wohl war? Unser Mitteiler meinte am Notruf, dass dort ein Wildschwein liegt. Nein es ist kein Wildschwein. Es ist ein Biber. Das Einzige was ihn noch als Biber kennzeichnet ist sein Schwanz. Ich ziehe einen Gummihandschuh über die rechte Hand, packte die Kelle (Schwanz) und ziehe den einzigen großen Teil des Tieres in den Straßengraben. Am Funk meldet sich die Einsatzzentrale und meint, dass der Bauhof niemanden in der Nacht zu uns schicken kann um die rutschige Fahrbahn zu reinigen. Der Funksprecher meint, wir sollten den Rest mit unserem Besen von der Straße fegen....

Er wollte nicht sterben:

 

Wir stehen in der U-Bahn, ein Mitarbeiter der U-Bahnwache, die Kollegin und ich. Wir stehen an der Tür und haben es eiliger als die Bahn fährt. Dass wir den Hilferuf der Kollegen am Funk gehört haben ist nur wenige Minuten her. Sie sind an nächten Bahnhof und wir wissen nicht was uns erwartet.

 

Ich habe keinen Einfluss darauf wie schnell wir fahren und ich kann kein Blaulicht einschalten, denn wir stehen hinten in einem Wagen, wie normale Fahrgäste und wir sitzen in keinem Streifenwagen. Ich ziehe meine Pistole aus dem Holster und prüfe ob eine Patrone im Lager ist. Eigentlich ist das sinnlos, denn das mache ich jeden Tag bei Dienstantritt. Aber ich weiß nicht was ich sonst tun soll. Ich trete von einem Fuß auf den anderen, schaue auf die Uhr und bemerke die Blicke der anderen Fahrgäste. Ich bin nervös. Sie merken, dass etwas nicht stimmt. Es sind nur noch wenige Sekunden bis die U-Bahn hält. Ein Fahrgast steht auf und will zur Tür.... Ich bitte ihn hier nicht auszusteigen und weiter zu fahren.... er blickt auf die Pistole in meiner Hand und nickt mir zu.

Die Bahn hält und die Türen öffnen sich.... Ich werfe einen Blick auf den Bahnsteig, die Kollegin macht das Selbe auf ihrer Seite der Tür. Wir nicken uns zu... wir verlassen die Bahn und eilen auf den Bahnsteig. Unsere Mützen werfen wir neben eine Notrufsäule auf den Boden. Blicke nach links und rechts.... nichts ist zu sehen, außer wenige Fahrgäste die uns verwirrt anschauen. Wir gehen geduckt die erste Treppe hoch in das Sperrengeschoss. Sie links und ich rechts. Der Kollege der U-Bahnwache hält sich etwas hinter uns und umfasst ebenfalls den Griff seines Revolvers. Oben sehen wir die Kollegen und ihre erleichterten Gesicher, als sie uns sehen. Über uns, auf der Straße, hören wir die ersten Funkstreifen mit Martinshorn anfahren. Eine Kollegin, die in die Mündung der Waffe blicken musste hält sich wacker und erzählt uns was passiert ist. Aber mit ihrem Streifenpartner ist nichts mehr anzufangen und er ist kaum noch dienstfähig. Er hatte schon mit seinem Leben abgeschlossen.

 

Der Mann mit der Pistole ist weg, aber es gibt eine gute Beschreibung und eine Fluchtrichtung. Es vergehen nur wenige Minuten bis die Beschreibung per Funk durchgegeben wird. Und wenige Minuten später erblickt eine Zivilstreife den Verdächtigen beim Betreten eines Hauses wenige hundert Meter weiter. Die Kollegen vom SEK werden ihn noch am selben Tag festnehmen.

 

 

Nicht alle Nächte sind dunkel:

 

Es ist 2 Uhr in der Nacht. Bei unserer Kontrolle des Spielplatzes konnten wir keine Kundschaft antreffen, keine gestohlenen Fahrräder oder Handys, kein Gift und auch keine Waffen finden, und alle Bürger scheinen zu schlafen. Die Kollegin und ich liegen nun auf der Motorhaube unseres BMW und wir schauen in den Sternenhimmel. Es ist eine Perseiden Nacht, und wir beobachten die Sternschnuppen. Es ist schön die Nacht auf diese Art zu erleben. Es scheint ein Privileg zu sein in diesem Moment arbeiten zu dürfen. Es sind tolle Kollegen die mich durch die Nächte begleiten. Egal ob sie brutal und furchtbar sind oder auch mal ruhig und schön. Und wenn wir nach der Nachtschicht zusammen den Sonnenaufgang mit einem Bier und Ausblick auf unsere Stadt ausklingen lassen merke ich, dass ich keinen normalen Beruf habe.

 

 

Sonntag, 7 Uhr morgens: Einbruchalarm bei einem Supermarkt. Wir klettern über Mauern und Zäune um alle Türen und Fenster zu überprüfen.
Sonntag, 7 Uhr morgens: Einbruchalarm bei einem Supermarkt. Wir klettern über Mauern und Zäune um alle Türen und Fenster zu überprüfen.

Die Zeit vergeht schneller als als wir uns bewegen können:

 

Ich sitze an meinem Computer, im 1. Stock in meiner Großstadtwache. Es ist ein ruhiger Vormittag und bis ich mit meinem Kollegen den Objektschutz übernehmen muss haben wir noch etwas Zeit.

Draußen auf dem Gang höre ich kollegen reden, bei einem Juwelier wurde Alarm ausgelöst. Nichts dramatisches, wir haben schließlich jeden Tag irgendwo im Dienstbereich einen Alarm. Die Kassiererin ist an den Knopf unter der Kasse gekommen, die Putzfrau hat vergessen den Alarm zu deaktivieren oder sonst was. Mich interessiert es nicht weiter, ich hab ja wenig später was anderes zu tun. Also lese ich meine Mails weiter.

Nach einer Minute überkommt mich doch das Interesse, aber eigentlich nur weil ich wissen wollte zu welchem Juwelier die Kollegen anfahren. Ich öffne unser Einsatzleitsystem und lese: Der Juwelier befindet sich nur 300 Meter von uns weg..... Überfall mit Pistole.....zwei maskierte Täter.... Fluchtrichtung...... genau in Richtung unserer Dienststelle! Ich rufe so laut dass es alle im Stockwerk hören können "Überfall mit Pistole" und renne los. Alle beginnen zu rennen. Ich reiße die Tür der Dienststelle auf, der Kollege drückt den Türöffner von unserer Funkstreife. Ich taste nach meiner Pistole und schaue auf die Hausecke aus der die Räuber jeden Moment kommen können. Ich brauche nur wenige Sekunden um die Maschinenpistole aus dem Auto raus zu holen. Aber es kommt mir ewig vor. Jede kleine Bewegung der Schlüssel kommt mir so vor als würden sie Minuten dauern. Ich ziehe den Verschluss zurück, ramme ein Magazin rein und lasse den Verschluss wieder vor. Der Kollege springt auf den Fahrersitz und startet den Motor..... Ich renne los, zu der Hausecke. Ein schneller Blick um die Ecke .... kein Räuber ist in Sicht. Ich knie mich auf die Straße und sichere in die Richtung des Juweliers. Ich bemerke die erstaunten Blicke der Passanten. Einige gehen schnell weg, andere schlendern normal weiter. Hinter mir höre ich die quitschenden Reifen von anderen Streifenwagen die aus der anderen Richtung zum Tatort anfahren. Der Kollege hält mit unserem Streifenwagen neben mir. Wir vereinbaren, dass wir uns an der nächsten Kreuzung treffen. Er nimmt die Parallelstraße links von mir.

Ich stehe auf und eile die Straße entlang. Die Linke am Vorderschaft und die Rechte am Griffstück der MP. Mein Daumen liegt auf dem Sicherungshebel. Asiatische Touristen schauen mich entsetzt an und springen mir aus dem Weg, auf ihrem Weg in DAS Brauhaus.

 

Rechts ist eine Seitenstraße und wenige Meter weiter ist links auch noch eine. Ich werfe wieder schnelle Blicke um die Ecken, bleibe eine Sekunde stehen und halte nach Verdächtigen Ausschau. Jeden Moment könne sie vor mir stehen. Sie sind zu zweit und haben Pistolen. Ich bin alleine in diesem Moment und die Gassen hier sind sehr verwinkelt. Am Funk ist Hektik, ich höre überhaupt nicht mit und verwende alle meine Konzentration für die Menschen vor mir. Im Hintergrund höre ich Martinshörner aus diversen Richtungen. Am Ende der Straße sehe ich meine Funkstreife vorfahren, ich renne los und springe auf den Beifahrersitz. Der Kollege gibt Gas. Meine Linke Hand stüzt sich am Amaturenbrett ab und die rechte umfasst weiter das Griffstück der MP. Jetzt sind es noch 100 Meter bis zum Tatort. Andere Autofahrer stehen uns in den engen Straßen im Weg und der Kollege kämpft sich durch den Verkehr.

 

Wir kommen mit etwa 4 anderen Funkstreifen am Tatort an. Eine andere Streife war wenige Minuten vor uns bereits dort. Die Täter sind weg, und wir konnten ihnen auf ihrer Flucht nicht mehr den Weg abschneiden. Es beginnt eine intensive Absuche in der Gegend, aber jedem von uns war bereits klar, dass wir das Rennen gegen die Zeit verlohren hatten. Innerhalb von 1-2 Minuten würden sie es geschafft haben die Treppe zu einer U-Bahn runter zu gehen und für uns zu verschwinden. Ein ganzer Zug der Hundertschaft kam zur Unterstützung, Kripo, Spurensicherung usw. Aber an diesem Tag waren es die Anderen die gewonnen hatten.

 

 

Bis wir es nicht getestet haben nennen wir es nur "weißes Pulver".
Bis wir es nicht getestet haben nennen wir es nur "weißes Pulver".

 

Es ist so furchtbar kalt:

 

Ich knie auf dem Pflaster und beuge mich über ihn. Einen Puls finde ich nicht, aber ich spüre noch eine kaum wahrnehmbare Atmung. Seine Hautfarbe ändert sich bereits. Er ist einfach zusammengeklappt, als ich ihn an der Schulter gerüttelt habe. Der Punker saß nach vorne gebeugt mitten im Getümmel, das kam uns komisch vor und wir sprachen ihn an. Er hatte sich ganz offensichtlich eben einen nicht so guten Schuss gesetzt, mitten auf dem größten Volksfest das es gibt. Jetzt ist es an mir.... Ich klopfe meinem Gruppenführer hinten ans Bein und schreie ihn an „Er hört gleich das Atmen auf, wir brauchen so schnell wie möglich einen Notarzt“. Ich kann nicht viel tun, alles was in meinen Hosentaschen Platz hatte war eine Beatmungsfolie, mehr habe ich nicht dabei (eine Spritze mit Naloxon hätte ich gebraucht). Ich drehe ihn auf die Seite damit er besser atmen kann. Ob es der Atmung hilft weiß ich nicht. Ich habe kaum eine Chance es zu spüren. Überall ist Geschrei, Gedränge und Geschubse, die Kollegen bilden einen einen Ring um uns und dahinter taumeln nicht nur hunderte, nein, es sind tausende, im Vollsuff vorbei. Eine Hand lege ich auf seinen Bauch um zu merken wenn er aufhört zu atmen. Mit der anderen Hand taste ich seine Taschen ab, aber ich finde absolut nichts. Seine „Freunde“ haben offenbar sein gesamtes Hab und Gut geklaut als sie gemerkt haben, dass er den Schuss nicht verkraftet. Ich taste weiter und spüre einen Gegenstand im Futter seiner Lederjacke. Ich drücke und taste und schaffe es den Gegenstand durch ein Loch nach draußen zu drücken....

 

Um mich rum wird es lauter, eine weitere Gruppe erreicht den Einsatzort. Sie helfen die Massen weg zu drücken und den Ring um uns beide größer zu machen. …... Es ist eine Batterie die ich gefunden habe. Sie lässt sich aufschrauben und darin sind nur noch Spuren von „weißem Pulver“. Soll das alles sein was er mit ins Jenseits nehmen wird, sein leeres Versteck für Heroin?

 

Hinter mir höre ich betrunkenes Gerede „Der hat wohl das Bier nicht vertragen....“. Ich würde gerne aufstehen und dem Deppen eine runter hauen....Wut überkommt mich, aber ich habe keine Zeit für den Zorn.

 

Es ist ein sehr kalter Moment, mit meinen Knien auf dem dreckigen und stinkenden Plaster. Und zwar kalt an Gefühl, ohne Würde, Stolz oder gar Liebe. Dort ist einfach nichts, außer Spott, Dreck, Alkohol und dem Kampf um das Leben dieses 17 jährigen Punkers. Er wird den Kampf gewinnen, an diesem Abend jedenfalls...

Die Bürger schlafen in der Nacht. Aber wir müssen diese "Einsatzpausen" nutzen um Akten zu produzieren.
Die Bürger schlafen in der Nacht. Aber wir müssen diese "Einsatzpausen" nutzen um Akten zu produzieren.

 

 

 

 

Das Taschentuch und der Bereitschaftsarzt:

 

Ein Hausmeister informierte uns darüber, dass er sich um einen Bewohner Sorgen gemacht hatte. Der Briefkasten war überfüllt und aus der Wohnung roch es übel. Also schloss er auf und schaute nach....

Die Kollegin und ich erwarteten also eine richtig schlimm verweste Leiche als wir zu dem großen Wohnblock fuhren. Ich meinte, dass ich die Lederjacke anlasse, damit sich der Leichengeruch nicht in dem Stoff vom Hemd festsetzt (das wird sich später als dumme Idee erweisen). Als wir ankamen nahm einer von uns seine Schreibklatte und suchte das bekannte Formblatt "Erstzugriffsbericht - Leichensache" aus seiner Einsatztasche. Der Andere nahm die Kamera mit. Den Wohnungsschlüssel hatte uns der Hausmeister zuvor bereits zur Dienststelle gebracht, mein Sperrwerkzeug würde ich also nicht benötigen. Es war ein schöner und ruhiger Frühlingstag, es müsste etwa März oder April gewesen sein.

 

Die besagte Wohnung lag ganz oben, etwa im 6 Stock. Bereits im Hausflur vor der Wohnung bemerkten wir den Geruch des Todes. Ich zog mir Gummihandschuhe über und steckte den Schlüssel ins Schloss. Ich drehte ihn und stieß die Türe auf. Wir blieben seitlich von der Türe stehen und spähten hinein. Tote Fliegen lagen überall in der Wohnung auf dem Boden, und zwar viele Fliegen. Und keine einzige davon lebte noch. Unsere Augen suchten weiter... zwei Meter vor uns war eine weitere offene Türe, die den Flur mit dem Wohnzimmer verband. Im Wohnzimmer stand ein Sofa und darauf lag gerade ausgestreckt etwas das wir erst nach zwei Sekunden als Fuß erkannten. Er war schwarz und von ihm runter bildete sich etwas das man mit Stalaktiten einer Tropfsteinhöhle vergleichen könnte. Darunter, am Boden, bildeten sich die entsprechenden Stalagmiten. Aber diese Gebilde waren nicht aus Stein, sie waren aus einer unbeschreiblichen Masse aus Leichenflüssigkeit, Gewebe und toten Fliegen.

 

Was hatte ich in der Polizeiausbildung beigebracht bekommen? Ich sollte den Auffindeort einer Leiche auf keinen Fall verändern. Diese Aussagen stammten aber von Kollegen die ihre vielen Dienstjahre ausschließlich bei der Bereitschaftspolizei verbracht haben und niemals im Streifendienst gewesen sind. Solang man alle seine Veränderungen am Ereignisort dokumentiert stört das später die Kripo nicht. Denn das erste was die Kollegen der Kripo in dieser Wohnung gemacht hätten wäre genau das Selbe gewesen was wir nun taten. Uns schlug ein unbeschreiblicher Gestank entgegen, wie eine Mauer. Dazu kam eine unfassbare Hitze, denn die Heizungen waren alle voll aufgedreht. Der Bewohner war offenbar noch tief im Winter gestorben. Kein Mensch hätte freiwillig einen Fuß in diese Wohnung gesetzt.

 

Wir sprachen uns beide ab. Die Kollegin eilte zur Leiche auf dem Sofa und machte so viele Fotos wie sie mit einem Atemzug konnte. Ich eilte durch die Wohnung, drehte alle Heizkörper ab und riss die Fenster auf. Das Bad befand sich unter einem Schrägdach mit einem Fenster. Darunter lagen auf etwa einem Quadratmeter wieder hunderte tote Fliegen. Ich habe zwar schon öfter Maden und Fliegen an Leichen gesehen, aber dass alle Fliegen wieder Tot sind habe ich noch nie erlebt. Nach etwa dreißig Sekunden trafen wir uns im Hausflur wieder und wir schnappten nach Luft. Auch im Treppenhaus machten wir die Fenster auf. Ich schaute mir nun auf der Kamera die Fotos der Leiche an, die die Kollegin gemacht hatte. Sie war schon fast mit dem Sofa "verschmolzen" und an vielen Stellen lagen die Knochen bereits frei.

Nun benötigten wir einen Arzt der die Leichenschau für uns vornimmt. Dieser entscheidet dann ob ein natürlicher Tod, ein nicht natürlicher Tod oder ein ungeklärter Todesfall vorliegt. Im ersten Fall kommt die Leiche zum Bestatter und die Erben oder das Nachlassgericht kümmerern sich um alles Weitere. In den beiden letzten Fällen rufen wir die Kripo hinzu, meist natürlich den KDD.

Unser DGL teilte uns etwas später mit, dass der KVB Arzt (Kreisverwaltungbehörde) auf dem Weg ist und bald bei uns sein wird. Wir wollten nicht im stinkenden Treppenhaus auf den Arzt warten und schlossen die Wohnung wieder zu. Im Streifenwagen warteten wir vor dem Wohnblock und füllten den Erstzugriffsbericht aus.

 

Nach geschätzten 20 Minuten war der Arzt da. Ich kannte ihn bereits von anderen Einsätzen. Er gehörte zu denen Menschen die man als etwas "verplant" bezeichnet. Wir erzählten ihm was ihn oben in der Wohnung erwartet, dann wollten wir los gehen. Aber er blieb auf der Straße stehen. Ich fragte ihn was los ist. Er meinte nun etwas verwirrt ob wir keine Schutzanzüge haben? Nein die hatten wir nicht. Er fragte nun ob wir Schutzmasken für den Mund haben? Nein, auch diese hatten wir nicht. Alles was ich ihm anbieten konnte war ein Päckchen Taschentücher. Er nickte und nahm mir eilig das Päckchen aus der Hand. Offenbar plante er zu diesem Zeitpunkt noch eine Leichenschau nach Lehrbuch durchzuführen und die Leiche komplett zu entkleiden. Diese optimistischen Pläne wird er jedoch gleich aufgeben...

 

Oben an der Wohnung angekommen ließen wir die Türe erst einen Moment zum Lüften offen stehen. Der Doktor atmete tief durch, drückte sich das Taschentuch fest ins Gesicht und rannte in die Wohnung. Einen Meter vor dem Sofa blieb er stehen und beugte seinen Körper so weit er konnte um über die Sofa Lehne schauen zu können. Er nickte eilig, machte einen bestätigenden Laut und rannte wieder raus. Offenbar war so eine Ekelleiche, wie wir es intern meist nennen, nicht ganz so harmlos wie er es sich bisher vorgestellt hatte. Er würde uns einen "ungeklärten Tod" bescheinigen und den Rest die Kripo machen lassen. Er tastete seine Taschen ab und fand offenbar nicht was er suchte....

 

Doktor: "Haben Sie einen Kugelschreiber für mich"?

Ich: drückte ihm einen in die Hand.

 

Der Doktor sucht die Formulare in seinem Koffer durch und meint schließlich: "Ich habe immer gedacht, dass ich pro Bereitschaftsdienst nur eine Leiche habe. Aber heute ist mein erster Einsatz gleich eine Leiche".... ich frage mich was er mir mit diesem verworrenen Satz sagen will..... "ähmmm..... ich habe keine Todesbescheinigung dabei..... kann ich Ihnen die später auch zur Dienststelle bringen"?

 

Wir versiegelten die Wohnung und gingen wieder nach unten. Jetzt durchsuchte der Doktor sein ganzes Auto. Nach ein paar Minuten zog er triumphierend einen völlig zerknitterten Totenschein aus einer Tasche im Kofferraum. Nach einigen Minuten in denen er das zerknitterte Formular ausgefüllt hatte stopfte er den vertraulichen Teil in den dafür vorgesehen Umschlag, der kaum noch verschließbar war. Von den vielsagenden Blicken hatten meine Kollegin und ich in der Zwischenzeit viele ausgetauscht... Zwei Stunden später trafen die Kollegen vom KDD bei unserer Dienststelle ein. Sie nahmen das alles sportlich und zogen gleich bei uns ihre Overalls an. Es war nun ihre Aufgabe die Leiche genauer zu untersuchen, worum ich sie wirklich nicht beneidete.

 

Ich muss den verplanten Doktor aber in Schutz nehmen. Bei den meisten Einsätzen erwies er sich als verlässlicher Kamera und ich hatte ihn gerne bei den Einsätzen an meiner Seite. Wir mussten z.B. ein Mal zusammen einen geistig völlig verwirrten und nackten 80 Jährigen aus einem Klo raus holen und fesseln. Der alte Mann irrte zuvor tagelang in seinem Haus umher und wollte sich nicht helfen lassen. Dazu kam, dass er aufgrund einer Kopfverletzung dringend ins Krankenhaus musste und die Gefahr einer Hirnblutung bestand. 

 

Mein Fazit zu diesem Einsatz:

Bei den nächsten Ekelleichen ging ich nur noch ohne Jacke in die Wohnung. So konnte ich meine ganze Uniform gleich in der Dienststelle wechseln und waschen. Denn den restlichen Tag stank meine Lederjacke nach Verwesung. Wir beide hatten den Gestand nicht nur "in der Nase", auch die anderen Kollegen mussten nun den Gestank meiner Jacke den restlichen Tag aushalten.