Blitzlichter - Teil 1

Ich stehe beim LIDL in der Kassenschlange. Jedes Mal wenn ich meinen Einkaufswagen ein Stück weiter schiebe schmerzt mein Ellenbogen. Es war ein heftiger Widerstand gewesen mit dem Mädchen das sich letzte Nachtschicht das Leben nehmen wollte. Sie war jung und voll auf Drogen. Wir mussten ihren Tritten ausweichen, ihren Schlägen und ich spürte ihre Fingernägel die zum Glück meiner Lederjacke nichts anhaben konnten. Und irgendwann in diesem Handgemenge spürte ich die Flamme ihres Feuerzeuges das sie in ihrer Hand verborgen hielt und nun versuchte mich damit anzuzünden.... 

Ich kannte sie schon lange. Sie hatte bereits vieles und furchtbares in ihrem Leben erlebt. Unaussprechliche Dinge! Sie wollte ihrer Realität entfliehen und ihren Geist benebel. Die Folgen waren schwerwiegend. Noch vor wenigen Jahren hätte ich nicht gedacht, dass sie dieses Jahr noch erleben würde. Ich hatte ihr Schicksal falsch eingeschätzt und wir mussten mit ihr Kämpfen, in der dunklen Nacht auf dem regennassen Asphalt.

Kurz danach beschwerte sich eine Anwohnerin über unser "hartes" Vorgehen gegen das Mädchen. Soll ich über diese Frau urteilen, die vermutlich noch nie ihre Gesundheit in die Wagschale legen musste für Andere? Ich habe auf der einen Seite eine sehr schlechte Meinung von Ihr. Es gibt diverse abwertende Bezeichnungen für solche Menschen die alle zu ihr passen würden. Aber ein winzig kleines Bisschen kann ich sie auch verstehen. Sie musste noch nie Gewalt anwenden in ihrem Leben. Und wenn sie Gewalt sieht findet sie das falsch. Und wir beide waren dem Mädchen zum Glück körperlich überlegen und knieten irgendwann auf ihr drauf und fesselten sie. Wir hatten den Kampf für uns entschieden. Und genau das wird ihren (kleinen) Verstand schlussfolgern lassen, dass wir die Gewalttäter sind...

 

Ich bezahle meine Lebensmittel und frage mich ob wir das Mädchen hätten härter anfassen sollen um gesund nach Hause zu kommen.... ich weiß es nicht!

Draußen bei jedem Wetter, im Kampf gegen die Müdigkeit. Die Nachtschichten sind drist und man findet keine Fotos davon in den Werbezeitschriften der Polizei.

Inzwischen wird jede Silvesternacht politisch ausgewertet. Wir sind draußen und tun alles was möglich ist um für etwas Ordnung zu sorgen. Und alles was wir in dieser Nacht tun wird von der Überlegung begleitet wie viele Kollegen zur Unterstützung in der Nähe sind. 

Da liegt der Revolver. Scharf und geladen liegt er im Schnee. Mein Kollege erblickte ihn als wir auf der Suche danach waren, etwa 12 Stunden nach dem Verlust. Sein Besitzer hatte ihn verlohren und war gezwungen den Verlust sofort zu melden. Dummerweise hat er sehr lange gebraucht um zu merken, dass seine Waffe weg war. Und das machte die Suche ziemlich aufwendig. Aber wie schafft man es nicht zu merken, dass 1kg Stahl am Gürtel plötzlich weg sind???

Direkt neben dem Revolver war ein Loch im Schnee, dort wo der Besitzer während dem Verlust hin gepinkelt hat.

Wenig später schreibe ich eine Pressemeldung zu der Suchaktion. Mein Dienstgruppenleiter ließt darüber, löscht den Absatz mit dem "Pinkeln" raus und meint, dass es nicht unsere Aufgabe ist für gute Unterhaltung zu sorgen. Schade, die Story hätte den Lesern gefallen....

;-)

 

Der Abwind vom Rettungshubschrauber lässt Laub und Dreck an mir vorbei fliegen. Die Anwohner die Erste-Hilfe geleistet haben stehen neben mir und schauen dem Hubschrauber nach. Jetzt durchsuche ich das Auto um alle Wertsachen daraus sicherzustellen. Die Motorhaube hat sich um einen massiven Baum gewickelt. Ich höre hierbei ihre Gespräche und wie sie überlegen wie die Fahrerin nur aus dieser Kurve raus fliegen konnte und dass man den Baum doch schon von Weitem sieht..... Sie wissen nichts von dem Abschiedsbrief der sofort in meiner Lederjacke verschwunden ist....

Absicherung einer Pannenstelle an einer großen Bundesstraße. Die Autos rasen rücksichtslos und dicht an uns vorbei.
Absicherung einer Pannenstelle an einer großen Bundesstraße. Die Autos rasen rücksichtslos und dicht an uns vorbei.

 

 

 

4 Uhr Nachts. Ich steige aus dem Streifenwagen aus. Das Blaulicht lässt die gespenstische Szene vor uns auf der Bundestraße flackern. Ein Mann sitzt auf der Leitplanke, in seinem Gesicht stecken Glassplitter. Er ruft, dass er nichts mehr sehen kann. Ein anderer Mann hält ihn fest und versucht ihm zu helfen. Ich eile weiter. Vor mir erkenne ich noch mehr Autos die auf der Fahrbahn stehen, ich versuche mir einen Überblick zu verschaffen. Am Funk ist Hektik, die Feuerwehr ist auf dem Weg, mehrere Rettungswagen und der Notarzt. Wir sind die Ersten an der Unfallstelle. Einer Motorhaube weiche ich aus und einer kompletten Vorderachse, die abgerissen mitten auf der Fahrbahn liegen. Unter meinen Stiefeln knirschen die Glassplitter. Es sind unfassbare 200 Meter die dieses Trümmerfeld reicht. Dazwischen stehen einige unbeschädigte Fahrzeuge.

Erst drei Stunden später konnten wir die Fahrbahn wieder frei geben. Die Unfallbeteiligten hatten sich frontal erwischt. Sie hatten unfassbares Glück, alle überlebten. Wie sie das geschafft haben ist mir bis heute ein Rätsel. Der Eindruck bleibt, ebenso wie meine Gedanken an die Ersthelfer die vor uns, auf dem Weg zum Flughafen, ganz alleine versucht haben in diesem Chaos das Richtige zu tun. Es war ein älteres Ehepaar. Sie meinten noch, dass im Vorjahr exakt das Selbe passiert sei auf ihrem Weg in den Urlaub.

Unter Marihuana Einfluss werden viel mehr Gewalttaten begangen als allgemein bekannt. Das hängt damit zusammen, dass die Polizei aufwendige Blutentnahmen zum Nachweis nur bei schweren Straftaten durchführt.
Unter Marihuana Einfluss werden viel mehr Gewalttaten begangen als allgemein bekannt. Das hängt damit zusammen, dass die Polizei aufwendige Blutentnahmen zum Nachweis nur bei schweren Straftaten durchführt.

Wir steigen aus dem Streifenwagen und stehen auf der dunklen Bundesstraße. Das Blitzen des Blaulichts blendet uns. Der Regen war zum Glück schwächer geworden. Im Scheinwerferlicht eröffnet sich uns ein ekelhafter Anblick. Ein Tier wurde hier bei einem Wildunfall zerlegt und verteilte sich in kleinen Stücken über 50 Meter Fahrbahn. Es stinkt nach Blut und überall liegen die Eingeweide verteilt. Nur noch etwa die Hälfte des Tieres hängt an einem Stück zusammen. Wir schauen es an und rätseln was für ein Tier es wohl war? Unser Mitteiler meinte am Notruf, dass dort ein Wildschwein liegt. Nein es ist kein Wildschwein. Es ist ein Biber. Das Einzige was ihn noch als Biber kennzeichnet ist sein Schwanz. Ich ziehe einen Gummihandschuh über die rechte Hand, packte die Kelle (Schwanz) und ziehe den einzigen großen Teil des Tieres in den Straßengraben. Am Funk meldet sich die Einsatzzentrale und meint, dass der Bauhof niemanden in der Nacht zu uns schicken kann um die rutschige Fahrbahn zu reinigen. Der Funksprecher meint, wir sollten den Rest mit unserem Besen von der Straße fegen....

Er wollte nicht sterben:

 

Wir stehen in der U-Bahn, ein Mitarbeiter der U-Bahnwache, die Kollegin und ich. Wir stehen an der Tür und haben es eiliger als die Bahn fährt. Dass wir den Hilferuf der Kollegen am Funk gehört haben ist nur wenige Minuten her. Sie sind an nächten Bahnhof und wir wissen nicht was uns erwartet.

 

Ich habe keinen Einfluss darauf wie schnell wir fahren und ich kann kein Blaulicht einschalten, denn wir stehen hinten in einem Wagen, wie normale Fahrgäste und wir sitzen in keinem Streifenwagen. Ich ziehe meine Pistole aus dem Holster und prüfe ob eine Patrone im Lager ist. Eigentlich ist das sinnlos, denn das mache ich jeden Tag bei Dienstantritt. Aber ich weiß nicht was ich sonst tun soll. Ich trete von einem Fuß auf den anderen, schaue auf die Uhr und bemerke die Blicke der anderen Fahrgäste. Ich bin nervös. Sie merken, dass etwas nicht stimmt. Es sind nur noch wenige Sekunden bis die U-Bahn hält. Ein Fahrgast steht auf und will zur Tür.... Ich bitte ihn hier nicht auszusteigen und weiter zu fahren.... er blickt auf die Pistole in meiner Hand und nickt mir zu.

Die Bahn hält und die Türen öffnen sich.... Ich werfe einen Blick auf den Bahnsteig, die Kollegin macht das Selbe auf ihrer Seite der Tür. Wir nicken uns zu... wir verlassen die Bahn und eilen auf den Bahnsteig. Unsere Mützen werfen wir neben eine Notrufsäule auf den Boden. Blicke nach links und rechts.... nichts ist zu sehen, außer wenige Fahrgäste die uns verwirrt anschauen. Wir gehen geduckt die erste Treppe hoch in das Sperrengeschoss. Sie links und ich rechts. Der Kollege der U-Bahnwache hält sich etwas hinter uns und umfasst ebenfalls den Griff seines Revolvers. Oben sehen wir die Kollegen und ihre erleichterten Gesicher, als sie uns sehen. Über uns, auf der Straße, hören wir die ersten Funkstreifen mit Martinshorn anfahren. Eine Kollegin, die in die Mündung der Waffe blicken musste hält sich wacker und erzählt uns was passiert ist. Aber mit ihrem Streifenpartner ist nichts mehr anzufangen und er ist kaum noch dienstfähig. Er hatte schon mit seinem Leben abgeschlossen.

 

Der Mann mit der Pistole ist weg, aber es gibt eine gute Beschreibung und eine Fluchtrichtung. Es vergehen nur wenige Minuten bis die Beschreibung per Funk durchgegeben wird. Und wenige Minuten später erblickt eine Zivilstreife den Verdächtigen beim Betreten eines Hauses wenige hundert Meter weiter. Die Kollegen vom SEK werden ihn noch am selben Tag festnehmen.

 

 

Nicht alle Nächte sind dunkel:

 

Es ist 2 Uhr in der Nacht. Bei unserer Kontrolle des Spielplatzes konnten wir keine Kundschaft antreffen, keine gestohlenen Fahrräder oder Handys, kein Gift und auch keine Waffen finden, und alle Bürger scheinen zu schlafen. Die Kollegin und ich liegen nun auf der Motorhaube unseres BMW und wir schauen in den Sternenhimmel. Es ist eine Perseiden Nacht, und wir beobachten die Sternschnuppen. Es ist schön die Nacht auf diese Art zu erleben. Es scheint ein Privileg zu sein in diesem Moment arbeiten zu dürfen. Es sind tolle Kollegen die mich durch die Nächte begleiten. Egal ob sie brutal und furchtbar sind oder auch mal ruhig und schön. Und wenn wir nach der Nachtschicht zusammen den Sonnenaufgang mit einem Bier und Ausblick auf unsere Stadt ausklingen lassen merke ich, dass ich keinen normalen Beruf habe.

 

 

Sonntag, 7 Uhr morgens: Einbruchalarm bei einem Supermarkt. Wir klettern über Mauern und Zäune um alle Türen und Fenster zu überprüfen.
Sonntag, 7 Uhr morgens: Einbruchalarm bei einem Supermarkt. Wir klettern über Mauern und Zäune um alle Türen und Fenster zu überprüfen.

Die Zeit vergeht schneller als als wir uns bewegen können:

 

Ich sitze an meinem Computer, im 1. Stock in meiner Großstadtwache. Es ist ein ruhiger Vormittag und bis ich mit meinem Kollegen den Objektschutz übernehmen muss haben wir noch etwas Zeit.

Draußen auf dem Gang höre ich kollegen reden, bei einem Juwelier wurde Alarm ausgelöst. Nichts dramatisches, wir haben schließlich jeden Tag irgendwo im Dienstbereich einen Alarm. Die Kassiererin ist an den Knopf unter der Kasse gekommen, die Putzfrau hat vergessen den Alarm zu deaktivieren oder sonst was. Mich interessiert es nicht weiter, ich hab ja wenig später was anderes zu tun. Also lese ich meine Mails weiter.

Nach einer Minute überkommt mich doch das Interesse, aber eigentlich nur weil ich wissen wollte zu welchem Juwelier die Kollegen anfahren. Ich öffne unser Einsatzleitsystem und lese: Der Juwelier befindet sich nur 300 Meter von uns weg..... Überfall mit Pistole.....zwei maskierte Täter.... Fluchtrichtung...... genau in Richtung unserer Dienststelle! Ich rufe so laut dass es alle im Stockwerk hören können "Überfall mit Pistole" und renne los. Alle beginnen zu rennen. Ich reiße die Tür der Dienststelle auf, der Kollege drückt den Türöffner von unserer Funkstreife. Ich taste nach meiner Pistole und schaue auf die Hausecke aus der die Räuber jeden Moment kommen können. Ich brauche nur wenige Sekunden um die Maschinenpistole aus dem Auto raus zu holen. Aber es kommt mir ewig vor. Jede kleine Bewegung der Schlüssel kommt mir so vor als würden sie Minuten dauern. Ich ziehe den Verschluss zurück, ramme ein Magazin rein und lasse den Verschluss wieder vor. Der Kollege springt auf den Fahrersitz und startet den Motor..... Ich renne los, zu der Hausecke. Ein schneller Blick um die Ecke .... kein Räuber ist in Sicht. Ich knie mich auf die Straße und sichere in die Richtung des Juweliers. Ich bemerke die erstaunten Blicke der Passanten. Einige gehen schnell weg, andere schlendern normal weiter. Hinter mir höre ich die quitschenden Reifen von anderen Streifenwagen die aus der anderen Richtung zum Tatort anfahren. Der Kollege hält mit unserem Streifenwagen neben mir. Wir vereinbaren, dass wir uns an der nächsten Kreuzung treffen. Er nimmt die Parallelstraße links von mir.

Ich stehe auf und eile die Straße entlang. Die Linke am Vorderschaft und die Rechte am Griffstück der MP. Mein Daumen liegt auf dem Sicherungshebel. Asiatische Touristen schauen mich entsetzt an und springen mir aus dem Weg, auf ihrem Weg in DAS Brauhaus.

 

Rechts ist eine Seitenstraße und wenige Meter weiter ist links auch noch eine. Ich werfe wieder schnelle Blicke um die Ecken, bleibe eine Sekunde stehen und halte nach Verdächtigen Ausschau. Jeden Moment könne sie vor mir stehen. Sie sind zu zweit und haben Pistolen. Ich bin alleine in diesem Moment und die Gassen hier sind sehr verwinkelt. Am Funk ist Hektik, ich höre überhaupt nicht mit und verwende alle meine Konzentration für die Menschen vor mir. Im Hintergrund höre ich Martinshörner aus diversen Richtungen. Am Ende der Straße sehe ich meine Funkstreife vorfahren, ich renne los und springe auf den Beifahrersitz. Der Kollege gibt Gas. Meine Linke Hand stüzt sich am Amaturenbrett ab und die rechte umfasst weiter das Griffstück der MP. Jetzt sind es noch 100 Meter bis zum Tatort. Andere Autofahrer stehen uns in den engen Straßen im Weg und der Kollege kämpft sich durch den Verkehr.

 

Wir kommen mit etwa 4 anderen Funkstreifen am Tatort an. Eine andere Streife war wenige Minuten vor uns bereits dort. Die Täter sind weg, und wir konnten ihnen auf ihrer Flucht nicht mehr den Weg abschneiden. Es beginnt eine intensive Absuche in der Gegend, aber jedem von uns war bereits klar, dass wir das Rennen gegen die Zeit verlohren hatten. Innerhalb von 1-2 Minuten würden sie es geschafft haben die Treppe zu einer U-Bahn runter zu gehen und für uns zu verschwinden. Ein ganzer Zug der Hundertschaft kam zur Unterstützung, Kripo, Spurensicherung usw. Aber an diesem Tag waren es die Anderen die gewonnen hatten.

 

 

Bis wir es nicht getestet haben nennen wir es nur "weißes Pulver".
Bis wir es nicht getestet haben nennen wir es nur "weißes Pulver".

 

Es ist so furchtbar kalt:

 

Ich knie auf dem Pflaster und beuge mich über ihn. Einen Puls finde ich nicht, aber ich spüre noch eine kaum wahrnehmbare Atmung. Seine Hautfarbe ändert sich bereits. Er ist einfach zusammengeklappt, als ich ihn an der Schulter gerüttelt habe. Der Punker saß nach vorne gebeugt mitten im Getümmel, das kam uns komisch vor und wir sprachen ihn an. Er hatte sich ganz offensichtlich eben einen nicht so guten Schuss gesetzt, mitten auf dem größten Volksfest das es gibt. Jetzt ist es an mir.... Ich klopfe meinem Gruppenführer hinten ans Bein und schreie ihn an „Er hört gleich das Atmen auf, wir brauchen so schnell wie möglich einen Notarzt“. Ich kann nicht viel tun, alles was in meinen Hosentaschen Platz hatte war eine Beatmungsfolie, mehr habe ich nicht dabei (eine Spritze mit Naloxon hätte ich gebraucht). Ich drehe ihn auf die Seite damit er besser atmen kann. Ob es der Atmung hilft weiß ich nicht. Ich habe kaum eine Chance es zu spüren. Überall ist Geschrei, Gedränge und Geschubse, die Kollegen bilden einen einen Ring um uns und dahinter taumeln nicht nur hunderte, nein, es sind tausende, im Vollsuff vorbei. Eine Hand lege ich auf seinen Bauch um zu merken wenn er aufhört zu atmen. Mit der anderen Hand taste ich seine Taschen ab, aber ich finde absolut nichts. Seine „Freunde“ haben offenbar sein gesamtes Hab und Gut geklaut als sie gemerkt haben, dass er den Schuss nicht verkraftet. Ich taste weiter und spüre einen Gegenstand im Futter seiner Lederjacke. Ich drücke und taste und schaffe es den Gegenstand durch ein Loch nach draußen zu drücken....

 

Um mich rum wird es lauter, eine weitere Gruppe erreicht den Einsatzort. Sie helfen die Massen weg zu drücken und den Ring um uns beide größer zu machen. …... Es ist eine Batterie die ich gefunden habe. Sie lässt sich aufschrauben und darin sind nur noch Spuren von „weißem Pulver“. Soll das alles sein was er mit ins Jenseits nehmen wird, sein leeres Versteck für Heroin?

 

Hinter mir höre ich betrunkenes Gerede „Der hat wohl das Bier nicht vertragen....“. Ich würde gerne aufstehen und dem Deppen eine runter hauen....Wut überkommt mich, aber ich habe keine Zeit für den Zorn.

 

Es ist ein sehr kalter Moment, mit meinen Knien auf dem dreckigen und stinkenden Plaster. Und zwar kalt an Gefühl, ohne Würde, Stolz oder gar Liebe. Dort ist einfach nichts, außer Spott, Dreck, Alkohol und dem Kampf um das Leben dieses 17 jährigen Punkers. Er wird den Kampf gewinnen, an diesem Abend jedenfalls...

Die Bürger schlafen in der Nacht. Aber wir müssen diese "Einsatzpausen" nutzen um Akten zu produzieren.
Die Bürger schlafen in der Nacht. Aber wir müssen diese "Einsatzpausen" nutzen um Akten zu produzieren.

Blitzlichter - Teil 2

Der Geist in der Nacht:

 

Unser Weg führte uns entlang einer größeren Straße im Ort. In einer kleinen Grünanlage zwischen zwei Hochhäusern leuchtete das weiße Nachthemd einer alten Frau. Es war 4 Uhr morgens und alle unsere Bürger sollten schlafen. Doch dort spazierte diese Frau über die Wiese. Wie hielten etwa 10 Meter neben ihr an und ich fragte sie durch das Fenster ob bei ihr alles In Ordnung ist. Sie begann zu lachen, laut und schrill. Und dann ging sie einfach davon. Uns lief ein Schauer über den Rücken...

 

 

Sport? Nein, es sind schlichtweg Gewaltfantasien!

Um mich rum ist Geschrei und Gedränge. Vor mir ist eine Meute aus "Sportfans". Ihre Fäuste sind erhoben und sie wittern die Chance endlich ihrer "Lust" freien Lauf zu lassen. In Ihren Gesichtern sehe ich blanken Hass. Hinter mir sind zwei Kollegen die mit einem ihrer Leute ein Gespräch führen müssen, mehr nicht. Aber das interessiert sie nicht und es spielt auch keine Rolle mehr. Denn ihr Verstand ist benebelt und in ihrem Leben hat sich viel angestaut, das sie nun raus lassen wollen. Sie drängen zu unseren Kollegen und wir versuchen sie aufzuhalten. Im Umland um uns rum befinden sich lauter einzelne Streifenwagen, die auf den dunklen und nassen Landstraßen im Rennen gegen die Zeit stehen. Sie fahren alle auf unsere Stadt zu, um uns zu unterstützen und zu verhindern dass wir nicht unter die Räder kommen. Es ist die Zeit der Schlagstöcke, noch musste aber keiner von uns zuschlagen und ich bin sehr froh darum. Denn wir sind nicht nur in der Unterzahl, sondern unsere Chancen gegen diese Profistraßenschläger sind sehr schlecht. Schlagstöcke und Pfefferspray würden nicht ausreichen um gesund nach Hause zu kommen wenn die Schlägerei anfängt. In unserer schwach besetzten Reihe befinden sich auch ein paar Stadionordner. Aber auf diese ist kein Verlass, was ich in der Vergangenheit sehr schmerzhaft lernen musste. Nicht weil sie feige wären, sondern weil sehr viele von ihnen mit den Schlägern sympatisieren.

Mein Kollege meinte wenige Minuten zuvor noch, dass er nicht vorhat sich mit den Idioten zu schlagen. Aber ich kann ihn im Augenwinkel erkennen, die Lage hat sich blitzschnell verändert. Ich packe mir einen der aussieht als ob er etwas zu sagen hat in ihrer Gruppe. Ich sage zu ihm, so leise dass es nur er versteht, "Ihr seit alle schon lange auf Video, lasst den Scheiß". Ob es diese glatte Lüge von mir war die die Situation beruhigte oder die weiteren Kollegen die uns erreichten weiß ich nicht. Vielleicht haben sie auch schlichtweg verstanden, dass wir nie einen von ihren Leuten festnehmen wollten.

Wir sind ein "wilder" Haufen aus zusammengewürfelten Streifenbeamten. Fast jeder hat eine andere Uniformjacke oder Mütze auf, oder auch keines von beidem. Auch im Alter und der Ausrüstung unterscheiden wir uns massiv. Wir bieten ohne Zweifel einen ganz anderen Anblick als ein Zug der Bereitschaftspolizei. Neben uns stehen einige Ordner und ich unterhalte mich mit einem davon über die Wirkung von Schlagringen. In meiner Jacke steckt deutlich sichtbar ein riesiges Pfefferspray und an meinem Einsatzgürtel hängt an einem Karabiner ein großer Bund Plastikfesseln. Wir tragen alle unsere Lederhandschuhe und haben die Schlagstöcke griffbereit. Sie sollen sehen, dass wir bereit sind mit ihrer Gewalt umzugehen, während wir ihren Weg zu ihrem Reisebus überwachen.

 

Wir kamen gesund nach Hause, nach dieser nicht sonderlich angenehmen Nachtschicht.

 

 

Ein geschichtsträchtiger Ort in einem kleinen Dorf wo vor etwa 300 Jahren die "Kollegen" einen großen "Fahndungserfolg" verbuchen konnten.
Ein geschichtsträchtiger Ort in einem kleinen Dorf wo vor etwa 300 Jahren die "Kollegen" einen großen "Fahndungserfolg" verbuchen konnten.

Die Nacht war sternenklar

 

Wir marschierten durch die kalte Nacht. Rechts und links des schmalen Feldweges war der Schnee etwa einen Meter hoch aufgetürmt und mit unserem BMW kamen wir nicht weiter. Wir mussten ihn zurück lassen. Etwa 5 Autos waren neben dem Weg tief in den Schnee rein gefahren. Der Kommandant der Feuerwehr hatte seinen Männern, die mit ihren privaten Autos zum Einsatzort gefahren waren, befohlen den schmalen Weg für die Einsatzfahrzeuge frei zu machen. Denn es gab über sehr lange Strecken keinerlei Möglichkeit zu Wenden oder auszuweichen.

 

Vor uns in dem einsamen Tal sahen wir einige Blaulichter der Feuerwehr an einem einsamen Bauernhof. Ich gab der EZ per Funk durch, dass wir den Streifenwagen zurückgelassen haben und zum Einsatzort marschieren. Eine Streife der Hundertschaft hatte einen VW Bus mit Allrad, sie hatten es geschafft zum Brandort zu kommen und meldete, dass die Feuerwehr mit den Löscharbeiten begann. Aber wir mussten dennoch weiter, denn die Sachbearbeitung des Brandes war unsere Arbeit. Die Kollegen meldeten weiter, dass der Löschteich zugefrohren war und die Bewohnerin stark betrunken war.

 

Es war kalt (-18 Grad) und eisig als wir durch einen dunklen Wald kamen. Der Schnee unter uns war spiegelglatt und Ich ruschte aus. Als wir aus dem Wald raus kamen ging es links bergab und rechts leicht bergauf. Etwa 100m vor uns versuchten zwei Einsatzfahrzeuge aneinandern vorbei zu kommen. Aber es glang nicht und eines der Fahzeuge rutschte den Hang etwa 50m hinab durch den tiefen Schnee. Der Fahrer versuchte zu lenken und zu fahren, damit er sich nicht überschlug. In dieser Nacht würde die Feuerwehr das Fahrzeug nicht mehr bergen können.

 

Die Feuerwehr schaffte es sehr knapp mit ihren Bordmitteln den Brand zu löschen und erst dann begann unsere Arbeit der Ermittlungen.

 

 

Er wird niemals die Zeit zurückdrehen können

 

Wir stehen im Krankenhaus im Flur. Wir stehen dort bereits seit einigen Stunden und machen das was wir "Krankenhausbewachung" nennen. Wir bewachen aber nicht das Krankenhaus, sondern einen Patienten. Er hat in der Nacht bei einer Alkoholfahrt mit seinem Auto einen Unfall verursacht. Und er hat dabei ein 18 jähriges Mädchen umgebracht was im anderen Auto saß. Solange bis der Staatsanwalt über die Vorführung zur Untersuchungshaft entschieden hat müssen wir aufpassen das er nicht flüchten kann.

Dort im Flur ist es langweilig und wir spielen auf unseren Handys rum und unterhalten uns. Im Behandlungszimmer wollen wir nicht warten, denn da wären wir zu nahe am Unfallverursacher, das wäre uns unangenehm. Wir wollen nicht in seiner Nähe sein, denn wir spüren Zorn und verachten ihn. Endlich kommt der Anruf unseres DGL, er sagt uns dass er nicht vorgeführt wird und wir zur Dienststelle kommen können. Unsere Wut wird größer, irgendwo im Landkreis sitzt eine verzweifelte Familie die den Tod ihrer Tochter verkraften muss, und der sie umgebracht hat kommt nicht mal in Untersuchungshaft. Ich rufe mir alle meine beamtenrechtlichen Pflichten ins Bewusstsein und gehe ins Patientenzimmer und erkläre dem Unfallverursacher, dass er nach der Behandlung nach Hause gehen darf.

 

 

Sie lag angefahren neben der Straße. Zum Glück hatte ein Kollege einen Kontakt zu einer Tierärztin die sich kostenlos um sie kümmerte.
Sie lag angefahren neben der Straße. Zum Glück hatte ein Kollege einen Kontakt zu einer Tierärztin die sich kostenlos um sie kümmerte.

Die Pizzakartons, die Bong und der Drogenspürhund

 

Ich trete gegen die Tür, wieder und wieder. Die Nachbarn schreien von weiter unten durch das Treppenhaus "Sie werfen das Rauschgift aus dem Fenster". Der Kollege fordert Unterstützung an, aber es ist keine Unterstützung verfügbar. Ich Trete und Trete, bis ich nicht mehr kann und der Kollege weiter macht....wir schaffen es nicht, die Türe hält uns stand.

Wenige Minuten später bringen wie sie aber dazu, dass sie uns freiwillig öffnen. Dumm für sie war aber, dass sie bei weitem nicht alles Rauschgift entsorgt haben. Wir werden noch größere Mengen in der Wohnung finden, zusammen mit Verkaufslisten. Aber eine unbekannte und sicher nicht unerhebliche Menge "weißes Pulver" hat der Wind fortgetragen. Wenig später kommt doch noch eine zweite Streife, sie muss aber gleich wieder weg, denn es hat sich mal wieder jemand in der Stadt die Pulsadern aufgeschnitten. 

 

Wir kamen gesund nach Hause, nur um den Drogenspürhund machten wir uns Sorgen, denn er hat seine Nase leider mitten in das weiße Pulver gesteckt, das offen unter dem Bett lag. Aber er wird diesen Tag zum Glück überleben.

 

 

 

Ich will nach Hause kommen / er will nicht ins Gefängnis:

 

Schaffe ich es den Notrufknopf am Funkgerät zu drücken? Ich schlage weiter in sein Gesicht und versuche den Knopf zu finden. Schauen wo ich hindrücke kann ich nicht, aber ich glaube ich habe ihn gefunden und drücke. Nichts passiert, hat es funktioniert? Der Kampf geht weiter..... Ich will ihn erschießen, aber meine Pistole ist weg....Ich habe sie verlohren....Ich weiß nicht wo sie ist. Ich versuche die Sendetaste zu drücken und in das Funkgerät zu schreien... aber ich schaffe es nicht die Taste zu drücken. Werde ich heute noch nach Hause kommen, werde ich wieder im Krankenhaus landen oder werde ich ihn festnehmen können? Werde ich den Kampf gewinnen? Werden meine Kinder heute zufrieden neben ihrem Vater einschlafen können oder werden sie mich nicht mehr wiedersehen? Ich Kämpfe, denn ich will nach Hause kommen. Ich kämpfe um mein Leben....

Quelle: https://catholicinsight.com/adding-the-saint-michael-prayer-after-mass/
Quelle: https://catholicinsight.com/adding-the-saint-michael-prayer-after-mass/

Blitzlichter - Teil 3

 

Blut, Schweiß und Tränen:

 

Der Kollege sitzt auf einer Bank in einem Park. Neben uns sind mehrere große Discos und die Nacht ist weit fortgeschritten. Um uns rum ist viel Unhruhe, zugedröhntes Partyvolk, Einsatzfahrzeuge, Gewalt und Streit. Ein Kollege hält ihm ein Zollstock ins Gesicht, während ein Anderer Fotos macht. Das Schuhprofil hat sich tief in sein Gesicht  eingedrückt. Es fühlt sich seltsam an Spuren im Gesicht eines Kollegen zu sichern....

 

Der Schläger wird Monate später frei gesprochen, denn dem Richter reichten die Beweise nicht aus, das er es war der den am Boden liegenden Polizisten mit einem Stampf-Tritt niedergestreckt hat.

 

Das wäre wieder der Moment wo ich dumme Witze darüber machen sollte was ich jeden Monat mit den 150 Euro Polizeizulage machen sollte, um sie "sinnvoll" und "angemessen" auszugeben.... Aber alle diese nicht sehr ernst gemeinten Beispiele zum Geld ausgeben sind fernab dessen was ein Polizist öffentlich äußern sollte....

 

 

 

 

Er hatte es nicht leicht:

 

Er war etwa 16 Jahre alt und "ließ regelmäßig bei uns arbeiten", wie man so schön sagt. Ich nenne ihn hier mal "Bernd". Meist klaute er Autos, Fahrräder oder Mopeds. Das Problem dabei war, dass er sich hierbei meist äußerst ungeschickt anstellte. Sein eigener Vater hat mal zu einem Kollegen von mir gesagt, dass er "dümmer wäre als ein Stück Brot". Ich als neutraler Beamter der Straftaten verwaltet will diese Äußerung natürlich nicht werten, sondern Euch nur von Fakten berichten. Vor allem träumte Bernd davon ein großer Rocker zu werden. Er schwärmte für die Hells-Angels und Bandidos. Ein weiteres seiner Probleme war aber, dass er nicht nur extrem harmlos aussah, sondern auch so ziemlich die dünnste und schwächste Gestalt in der ganzen Stadt war. Bernd hatte es nicht leicht in seinem Leben und regelmäßig, wenn wir ihn im Gewahrsam hatten, wollte ihn nicht mal seine Mutter von der Dienststelle abholen. Sie hatte nach den unzähligen Vorkommnissen irgendwann schlichtweg keine Lust mehr. Mein anstrengendstes Erlebnis mit ihm war ein Verfahren in dem ich über eine Stunde Sprachnachrichten von ihm mit strafrechtlich relevanten Bedrohungen anhören und auswerten musste. Als er mal wieder beim Fahrraddiebstahl erwischt und angezeigt wurde schickte er sie an den Besitzer des Rades. Irgendwie hatte er hierbei wohl nicht bedacht, dass Sprachnachrichten auf dem Handy des Empfängers gespeichert bleiben... 

 

 

 

Da war nun dieser schöne Sommertag als die Einsatzzentrale uns in ein Wohngebiet beorderte. Bernd hatte über Notruf gemeldet, dass er eben von jemandem geschlagen worden ist. Wir fuhren zu ihm, es war nicht weit dort hin. Bernd stand am Straßenrand, rechts und links von ihm waren langgezogene Mehrfamilienhäuser aus den 50er Jahren. Dazwischen waren große Gärten mit hohen Hecken. Bernd meinte, dass ein Autofahrer ihn eben mit seinem Fahrzeug in die Hecke gedrängt hat. Dann wäre er ausgestiegen und hätte ihm mit der Faust in das Gesicht geschlagen. Anschließend wäre er davon gefahren. Ich kratzte mich am Kopf und überlegte was das alles wohl zu bedeuten hatte.

 

Ich: "Kennst Du den der das war"?

Bernd: "Ja klar, das war der Fritz Huber".

Ich: "Und warum hat der das gemacht"?

Bernd: "Der war halt sauer auf mich, weil ich vorgestern sein Auto geklaut habe".

 

.... 5 Sekunden Gedankenpause in denen ich ein dummes Gesicht mache....

 

Ich: "Und Du willst ihn jetzt wegen Körperverletzung anzeigen"?

Bernd: "Ja".

Ich: "Du bist dir sicher, dass Du ihn jetzt anzeigen willst"?

Bernd: "Ja, wieso"?

 

Einige Wochen später saß Bernd mit einem Freund, der ebenfalls angeklagt war, vor dem Jugendrichter. Er war der furchteinflößendste und größte Richter den unser Amtsgericht zu bieten hatte. Der Richter faltete seinen Freund sprichwörtlich zusammen und verurteilte ihn. Und dann wendete er sich Bernd zu und sagte: "So, Herr ... Jetzt kommen wir zu Ihnen....". In diesem Moment hätte ich wirklich nicht in seiner Haut stecken wollen. Der Richter forderte eine Streife an und ließ Bernd noch im Gerichtssaal festnehmen und sofort der JVA überstellen.

 

 

 

 

 

Der Praktikant im Chaos:

 

Für die Besprechung war keine Zeit, wir mussten sofort raus auf die Straße. Eine Tankstelle wurde einige Minuten zuvor mit einem Messer überfallen. Ich war Praktikant und noch lange nicht mit der Ausbildung fertig. Es waren alle auf der Straße die verfügbar waren und das waren an diesem Tag sehr viele. Die komplette Frühschicht, die wir eigentlich ablösen sollten, die Kollegen vom Tagdienst, Kripobeamte anderer Dienststellen usw. Es war kein Streifenwagen mehr für uns übrig und kaum noch Ausrüstung. Alles was ich noch in der Wache finden konnte war ein riesiges und uraltes Funkgerät aus den 70er Jahren. Mein Bärentreiber fand nach wenigen Minuten doch noch einen Streifenwagen. Es war ein alter Audi mit etwa 300.000 km auf dem Tacho, in dem sich jedoch ebenfalls keinerlei Ausrüstung befand. Alles war in diesem Moment besser wie als Fußstreife raus zu gehen, denn der Überfall war in einem anderen Stadtviertel. Wir waren so ziemlich die letzten die sich für die Fahndung am Funk anmeldeten. Ich tat mir mit dem Funkverkehr recht schwer, während wir uns Richtung Tatort durch die Straßen kämpften. Am Funk war die Hölle los, die Funksprecher der EZ versuchten etwas Ordnung in den Funkverkehr zu bekommen. So dass der Einsatzleiter einen Überblick über seine Kräfte hatte. Ein Hubschrauber meldete sich ebenfalls und ließ sich die Täterbeschreibung geben.
Wir waren etwa seit 30 Sekunden im Tatortstadtviertel, da sah ich ihn im Augenwinkel aus einer Bäckerei kommen, er passte relativ gut auf die Beschreibung und trug eine Plastiktüte, wie in der Täterbeschreibung. Mein Bärentreiber wendete, wir waren uniformiert und mussten sofort zugreifen.

Der Kollege sprang aus dem Auto und hielt ihn auf, während ich mit der Hand an der Pistole zwei Meter weiter jede seiner Bewegungen verfolgte. Am Funk meldete ich nun die Festnahme eines Verdächtige, während dieser durchsucht wurde. Wir standen auf dem Gehweg und unser Streifenwagen stand mitten auf der schmalen Straße. Um mich rum wurde das Chaos immer großer. Der Verkehr stand, es wurde gehupt und geschimpft. Zwanzig Sekunden später schwebte der Hubschrauber wenige Meter über uns um uns zu sichern. Als mein Kollege mir ein aufgefundenes Messer reichte und den Verdächtigen fesselte rannten Kripobeamte zu uns, sie waren mit ihren Fahrzeugen auch nicht mehr weitergekommen in der verstopften Straße.
30 Minuten später wurde der massiv vorbestrafte Verdächtige in einem Vernehmungszimmer der Kripo verhört. Wir freuten uns bereits über unsere Festnahme. Aber etwa eine Stunde später erfuhren wir, dass unser Verdächtiger es nicht gewesen war. Er war einfach nur zur falschen Zeit mit der falschen Kleidung am falschen Ort. 

 

 

 

 

Kein Besucher vom Stadtfest half ihr:

 

Als sie uns erblickte versuchte sie sofort zu flüchten. Sie torkelte und war sichtlich unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln. An ihren Armen hatte sie tiefe Schnitte und das Blut lief daran runter. Ich rannte zu ihr und hielt sie am Arm fest. Sie blickte mich mit Panik in den Augen an und riss sich los. Sie rannte mir weg und wir kreisten sie wieder ein...

 

 

Hinter ihr war ein breiter Bach, der nur durch einen hüfthohen Zaun abgesichert war. Auf einer Seite war eine Wiese über die sie hätte flüchten können und an der letzten Seite war ein Fußweg. Durch das nah gelegene Stadtfest liefen bei uns immer wieder Passanten vorbei. Sie war uns als suizidgefährdet bekannt und wenn sie in den Bach gesprungen wäre ... Ihre Chancen dort wieder lebend raus zu kommen wären überhaupt nicht gut gewesen. Denn 50 Meter weiter führt dieser unterirdisch weiter und hat eine ziemlich starke Strömung. Sie ließ sich auf die Wiese fallen. Aber jedes Mal wenn einer von uns näher kam sprang sie panisch auf.

 

 

Der von der Einsatzzentrale mit alarmierte Rettungswagen traf zum Glück ebenfalls sehr schnell ein. Wir konnten jetzt jede Hilfe gebrauchen. Denn nicht nur, dass sie durch ihren Verfolgungswahn und den reißenden Bach in wirklicher Lebensgefahr schwebte, Sie rief auch gelegentlich um Hilfe. Und das bemerkten einige Passanten und schauten was bei uns passierte. Da wir aber sehr zurückhaltend mit ihr umgingen merkten alle davon zum Glück sofort, dass wir ihr nichts böses taten und dass sie nicht mehr Herr von sich selbst war. Die alles entscheidende Frage war nun, ob wir sie sofort umhauen und fesseln oder ob wir es schaffen beruhigend auf sie einzuwirken? Ich wollte sie nicht "umhauen", sie war erst 15 Jahre alt...

 

 

 

 

 

 

Sie wachte nicht mehr auf:

 

In meinem Augenwinkel sah ich etwas dunkles auf dem Gehweg liegen. Es wirkte wie eine schwarze Fahne oder Zeltbahn. Ich konzentrierte mich weiter auf die Straße und sagte dem Kollegen das dort etwas ist. Er rief gleich "da liegt sie, halt an". Ich schaltete den Warnblinker an und fuhr rechts ran. Beim Aussteigen erkannte ich hinter uns einen Rettungswagen. Er war zufällig direkt hinter uns und hatte eben einen Einsatz beendet und wollte zurück zur Wache. Ich hielt ihn an und sagte, dass wir sie vermutlich gleich brauchen.

 

Ich zog Gummihandschuhe an und ging um den Streifenwagen rum. Der Kollege stand bereits neben ihr. Wir rüttelten sie an der Schulter, sie machte keinen Mucks. Wir drehten sie auf den Rücken, sie atmete noch. Einer der Sanis kam dazu und kniff sie ordentlich.... Es war keine Regung in ihrem Gesicht zu sehen. Sie forderten einen Notarzt an.

 

Ich versuchte aus allem Schlau zu werden. Sie lag zwischen Fahrbahn und Radweg. Blut, Fahrzeugsplitter oder Reifenspuren waren nirgends zu sehen. Wir konnten auch keine Verletzungen erkennen und auch die Sanis fanden keine. Sie lag so an der Straße, dass man sie zwangsläufig hat finden müssen. Wir hatten keine Informationen über Rauschgiftkonsum von ihr. Ich vermutete, dass sie nur simuliert und sich dort finden lassen wollte. Aber auch als der Notarzt ihr einen wirklich fiesen Schmerzreiz setzte und sie immer noch nicht reagierte war klar, dass hier ein ernsthafter Notfall vorliegt. Ich war völlig ratlos. Und auch später in der Notaufnahme, mit Ärzten und Erziehern hatten wir nicht mal eine brauchbare Theorie was dem 14 jährigen Mädchen passiert sein konnte? An diesem Tag erlangte sie ihr Bewusstsein nicht mehr.

 

 

 

 



 

Ich bewunderte Ihn:

 

Ich war wirklich froh, als die Rettungswagenbesatzung da war. Wir berieten uns kurz ob wir den Jungen vor dem Transport in die Psychiatrie zu Boden ringen und fesseln sollten. Wir entschieden uns dagegen (was sich später noch als großer Fehler erweisen würde). Der Erzieher stand mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf neben dem RTW. Ich hatte viel Respekt vor ihm und seiner Arbeit. Ich selber hätte die Meisten seiner Jugendlichen nach wenigen Wochen aufgegeben. Aber dort versuchten sie jeden Tag aufs Neue sie auf den richtigen Weg zu führen und ihnen ein Vorbild zu sein. Auch unter den Erziehern habe ich die schlimmsten Vollidioten erlebt, aber die Meisten hatten eine unvorstellbare Kraft und Geduld. Sie erduldeten Beleidigungen, Angriffe, Respektlosigkeiten und frei erfundene Verleumdungen und Anzeigen. Es ist mir ein Rätsel woher sie ihre Motivation nahmen. Aber offensichtlich war er heute an seine Grenzen gekommen. Ich ging zu ihm, fasste ihn am Oberarm und sagte "Sie haben heute alles richtig gemacht, Danke". Ich hoffe bis heute, dass ich ihn wenigstens etwas aufbauen konnte.

 

 

 

 

 

Dieses Messer mussten wir einem geisteskranken 13 jährigen Mädchen weg nehmen, die durch die Stadt lief und "Menschen schlitzen" wollte. Niemand wurde bei diesem Einsatz verletzt.

 

 

 

Sie fühlte sich zu Polizisten hingezogen:

 

Gabi war eine Frau mittleren Alters. Ihr Problem war, dass sie sich unter Alkoholeinfluss nicht mehr unter Kontrolle hatte. Und da sie am Wochenende die Finger nicht vom Alkohol lassen konnte lief sie mindestens ein Mal pro Woche mitten in der Nacht bei uns an der Wache auf. Und das tat sie stets mit dem Vorsatz uns zum Sex zu überreden oder uns irgend was schweinisches zu erzählen. Es endete aber immer darin, dass sie splitternackt in unserer Wache rum schrie und oft anschließend in der Psychiatrie oder in der Ausnüchterungszelle gebracht werden musste. Leider oft auch mit Gewalt. Irgendwie will ich Euch gar keine Details davon berichten. Gabi muss man als Krank betrachten und mir erscheint es falsch derartiges öffentlich zu machen. Ihr würdet Euch vermutlich aber vor Lachen kaum noch halten können wenn ich einige Dialoge hier wieder gebe. Distanziert betrachtet waren diese nämlich unfassbar lustig. Aber hinter den Kulissen steckte in ihrer Persönlichkeit viel Leid. Und auch wenn wir uns immer wieder von "lustigen" Erlebnissen mit Gabi erzählten waren die Begegnungen wirklich anstrengend. Ein falsches Wort in so einer Situation hätte richtig Ärger geben können. Und auch wenn sie immer tief in der Nacht zu uns kam ist es immer wieder vorgekommen, dass auch normale Bürger dazu kamen, denen man dann einiges erklären musste. In einer Nacht (05:30 Uhr) ist sie splitternackt auf dem Rücken, auf allen Vieren, wie eine Spinne, über die Straße vor unserer Dienststelle rum gelaufen. Als ein Auto mit einem älteren Ehepaar auf dem Weg zur Kirche die Straße entlang fuhr krabbelte sie diesen in den Weg und Pinkelte vor ihnen in einen Gully. Natürlich mit gespreizten Beinen in deren Richtung. Glaub mir, dieses Erlebnis hat diesen beiden anständigen Leuten wirklich einen sichtbaren Tiefschlag versetzt.