Ich stehe beim LIDL in der Kassenschlange. Jedes Mal wenn ich meinen Einkaufswagen ein Stück weiter schiebe schmerzt mein Ellenbogen. Es war ein heftiger Widerstand gewesen mit dem Mädchen das sich letzte Nachtschicht das Leben nehmen wollte. Sie war jung und voll auf Drogen. Wir mussten ihren Tritten ausweichen, ihren Schlägen und ich spürte ihre Fingernägel die zum Glück meiner Lederjacke nichts anhaben konnten. Und irgendwann in diesem Handgemenge spürte ich die Flamme ihres Feuerzeuges das sie in ihrer Hand verborgen hielt und nun versuchte mich damit anzuzünden.... 

Ich kannte sie schon lange. Sie hatte bereits vieles und furchbares in ihrem Leben erlebt. Unaussprechliche Dinge! Sie wollte ihrer Realität entfliehen und ihren Geist benebel. Die Folgen waren schwerwiegend. Noch vor wenigen Jahren hätte ich nicht gedacht, dass sie dieses Jahr noch erleben würde. Ich hatte ihr Schicksal falsch eingeschätzt und wir mussten mit ihr Kämpfen, in der dunklen Nacht auf dem regennassen Asphalt.

Kurz danach beschwerte sich eine Anwohnerin über unser "hartes" Vorgehen gegen das Mädchen. Soll ich über diese Frau urteilen, die vermutlich noch nie ihre Gesundheit in die Wagschale legen musste für Andere? Ich habe auf der einen Seite eine sehr schlechte Meinung von Ihr. Es gibt diverse abwertende Bezeichnungen für solche Menschen die alle zu ihr passen würden. Aber ein winzig kleines Bisschen kann ich sie auch verstehen. Sie musste noch nie Gewalt anwenden in ihrem Leben. Und wenn sie Gewalt sieht findet sie das falsch. Und wir beide waren dem Mädchen zum Glück körperlich überlegen und knieten irgendwann auf ihr drauf und fesselten sie. Wir hatten den Kampf für uns entschieden. Und genau das wird ihren (kleinen) Verstand schlussfolgern lassen, dass wir die Gewalttäter sind...

 

Ich bezahle meine Lebensmittel und frage mich ob wir das Mädchen hätten härter anfassen sollen um gesund nach Hause zu kommen.... ich weiß es nicht!

Draußen bei jedem Wetter, im Kampf gegen die Müdigkeit. Die Nachtschichten sind drist und man findet keine Fotos davon in den Werbezeitschriften der Polizei.

Inzwischen wird jede Silvesternacht politisch ausgewertet. Wir sind draußen und tun alles was möglich ist um für etwas Ordnung zu sorgen. Und alles was wir in dieser Nacht tun wird von der Überlegung begleitet wie viele Kollegen zur Unterstützung in der Nähe sind. 

 

Er liegt vor uns auf dem Treppenabsatz. Sein Körper ist so verkrampft, wie ich es bei einer Leiche noch nie zuvor gesehen hatte. Der Kopf ist vom Boden abgehoben und das Kinn an die Brust gedrückt. Seine Hände hält er wie Pfoten vor sich, in die Luft gestreckt. So was sieht man sonst nur bei Brandleichen. Sein Hemd ist zerschnitten und an seiner Brust sind Elektroden vom EKG. Er war sicher schon 90 Jahre alt und sein Gebiss hängt ihm halb aus dem Mund raus.

 

Wir haben absolut keine Ahnung was passiert war. Da liegt der Tote vor uns, am helllichten Tag im Treppenhaus und niemand sonst ist da. Kein Nachbar, kein Zeuge, kein Sanitäter, kein Arzt. Das Funkgerät unterbricht unsere Diskussion „Die nächsten Streifen im Bereich … wir haben eine Meldung über eine Massenkarambolage auf der Bundesstraße....“. Jetzt ist uns klar warum der Rettungsdienst den Toten einfach zurück gelassen hat. Ich habe es zwar noch nie erlebt dass ein Toter einfach kommentarlos zurück gelassen wird, aber es war offensichtlich, dass sie keine andere Möglichkeit gehabt haben. Wir haben vorher am Funk schon mitbekommen, dass nicht nur wir, sondern auch der Rettungsdienst massiv überlastet war. Auch unsere Dienststelle hat wenige Minuten zuvor um Unterstützungsstreifen gebeten, weil wir die Einsätze nicht alle abfahren konnten.

 

Ich überlege ob auch wir wieder fahren sollten und den Toten zurück lassen sollen. Aber wir sind die Polizei, nicht die Feuerwehr oder der Rettungsdienst. Nein, das wäre jetzt nicht verhältnismäßig. Wir decken den Toten ab und beginnen die Arbeit zu teilen. Der Kollege fängt an die Anwohner in dem Mehrfamilienhaus zu befragen, während ich mit dem Ausfüllen vom „Erstzugriffsbericht – Leichensache“ anfange. Ich bitte meinen DGL (Dienstgruppenleiter) einen Notarzt, Hausarzt oder KVB-Arzt (Kreisverwaltungsbehörde) zu uns zu schicken. Ich sitze auf den kalten Steinstufen und schreibe und machte Kreuze. Ich kann fast nichts in dem Formular ausfüllen. Es ist nicht wirklich dafür gemacht, dass man einen Toten im Treppenhaus findet, sondern in einer Wohnung. Ab und zu kommt jemand aus seiner Wohnung raus. Es sind seltsame Begegnungen die ich dort mit den Leuten habe. Ich sitze alleine auf der Treppe, neben einer zugedeckten Leiche. „Ist der Tod“?, „Ja, haben sie irgend etwas mitbekommen und wissen was passiert ist? Wir wissen nämlich absolut nichts“. Eigentlich erwarten die Bürger, dass wir Antworten haben...

 

Es kommt eine Nachbarin aus dem Nebenhaus. Sie meint, dass sie weiß wer der Tote ist und dass sie die Telefonnummer von seinem Sohn hat. Sie will ihn gleich anrufen. Ich erklärte ihr, dass sie das auf keinen Fall machen soll, weil wir ja noch nicht mal wissen was passiert ist und wir das später persönlich machen werden. Sie versteht es nicht. Ich sage ihr noch mal, dass sie auf keinen Fall den Sohn anrufen soll, weil niemand am Telefon vom Tod seines Vaters erfahren will. Sie ist einverstanden und geht wieder. 10 Min später ist sie wieder da und sagt mir, dass sie doch den Sohn informiert hat. Ich will ihr nur noch eine scheuern. Ich maulte sie an und jagte sie raus.

 

Am Funk ist viel los. Es ist schwierig mich zu konzentrieren. Dazu kommt , dass mein DGL laufend versucht mit mir etwas bzgl. dem Arzt zu besprechen. Es ist schnell klar, dass kein Arzt kommen kann. Und zwar wirklich keiner! Die Einsatzzentrale meldete sich wieder „Unfall mit Personenschaden im Bereich … Pkw gegen Baum“. Wir beraten  erneut ob wir zu dem Unfall fahren sollten. Ein Toter muss hinter Menschenleben zurück stehen. Der Kollege meint, dass wir die Leiche in die Wohnung ein Stockwerk hoch tragen sollen, die Türe verschließen, versiegeln und den Rest die Nachfolgeschicht und den KVB Arzt machen sollen, wenn sie in einigen Stunden Zeit haben. Ich will die Leiche nicht durchs Haus tragen. Ich telefoniere mit dem KDD und erklärte ihnen, dass wir einen Toten ohne Totenschein und ohne Todesursache haben. Das wir keine Unterstützung haben und auch kein Arzt kommen wird. Der Kollege von der Kripo meint nun, dass wir doch die Leiche in die Wohnung tragen könnten....

 

Ich habe immer noch keine Lust Leichen durch das Haus zu tragen. Die Idee war aber aufgrund unserer nicht alltäglichen Situation absolut gerechtfertigt. Ich meine „Wenn uns dabei jemand sieht, landen wir morgen in der Zeitung“. Ich rufe die Einsatzzentrale und fordere einen Bestatter an. Sie sollen den Leichnam abtransportieren und „Sicherstellen“, auch wenn dies rechtlich ein sehr komplizierter Weg ist (wenn ein natürlicher Tod vorliegt hätte die Polizei damit überhaupt nichts zu tun).

 

Da liegt der Revolver. Scharf und geladen liegt er im Schnee. Mein Kollege erblickte ihn als wir auf der Suche danach waren, etwa 12 Stunden nach dem Verlust. Sein Besitzer hatte ihn verlohren und war gezwungen den Verlust sofort zu melden. Dummerweise hat er sehr lange gebraucht um zu merken, dass seine Waffe weg war. Und das machte die Suche ziemlich aufwendig. Aber wie schafft man es nicht zu merken, dass 1kg Stahl am Gürtel plötzlich weg sind???

Direkt neben dem Revolver war ein Loch im Schnee, dort wo der Besitzer während dem Verlust hin gepinkelt hat.

Wenig später schreibe ich eine Pressemeldung zu der Suchaktion. Mein Dienstgruppenleiter ließt darüber, löscht den Absatz mit dem "Pinkeln" raus und meint, dass es nicht unsere Aufgabe ist für gute Unterhaltung zu sorgen. Schade, die Story hätte den Lesern gefallen....

;-)

 

Der Abwind vom Rettungshubschrauber lässt Laub und Dreck an mir vorbei fliegen. Die Anwohner die Erste-Hilfe geleistet haben stehen neben mir und schauen dem Hubschrauber nach. Jetzt durchsuche ich das Auto um alle Wertsachen daraus sicherzustellen. Die Motorhaube hat sich um einen massiven Baum gewickelt. Ich höre hierbei ihre Gespräche und wie sie überlegen wie die Fahrerin nur aus dieser Kurve raus fliegen konnte und dass man den Baum doch schon von Weitem sieht..... Sie wissen nichts von dem Abschiedsbrief der sofort in meiner Lederjacke verschwunden ist....

 

 

 

4 Uhr Nachts. Ich steige aus dem Streifenwagen aus. Das Blaulicht lässt die gespenstische Szene vor uns auf der Bundestraße flackern. Ein Mann sitzt auf der Leitplanke, in seinem Gesicht stecken Glassplitter. Er ruft, dass er nichts mehr sehen kann. Ein anderer Mann hält ihn fest und versucht ihm zu helfen. Ich eile weiter. Vor mir erkenne ich noch mehr Autos auf der Fahrbahn stehen, ich versuche mir einen Überblick zu verschaffen. Am Funk ist Hektik, die Feuerwehr ist auf dem Weg, mehrere Rettungswagen und der Notarzt. Wir sind die Ersten an der Unfallstelle. Einer Motorhaube weiche ich aus und einer kompletten Vorderachse, die abgerissen mitten auf der Fahrbahn liegen. Unter meinen Stiefeln knirschen die Glassplitter. Es sind unfassbare 200 Meter die dieses Trümmerfeld reicht. Dazwischen stehen einige unbeschädigte Fahrzeuge.

Erst drei Stunden später konnten wir die Fahrbahn wieder frei geben. Die Unfallbeteiligten hatten sich frontal erwischt. Sie hatten unfassbares Glück, alle überlebten. Wie sie das geschafft haben ist mir bis heute ein Rätsel. Der Eindruck bleibt, ebenso wie meine Gedanken an die Ersthelfer die vor uns, auf dem Weg zum Flughafen, ganz alleine versucht haben in diesem Chaos das Richtige zu tun. Es war ein älteres Ehepaar. Sie meinten noch, dass im Vorjahr exakt das Selbe passiert sei auf ihrem Weg in den Urlaub.

Unter Marihuana Einfluss werden viel mehr Gewalttaten begangen als allgemein bekannt. Das hängt damit zusammen, dass die Polizei aufwendige Blutentnahmen zum Nachweis nur bei schweren Straftaten durchführt.
Unter Marihuana Einfluss werden viel mehr Gewalttaten begangen als allgemein bekannt. Das hängt damit zusammen, dass die Polizei aufwendige Blutentnahmen zum Nachweis nur bei schweren Straftaten durchführt.